Posted On 1. April 2016 By In Kinderbücher, Litmag With 1561 Views

KidBits: Neue Bücher für Kinder

Neue Kinderbücher von Anne-Caroline Pandolfo („Die Tintenspinner“), Britta Sabbag, Maite Kelly, Joëlle Tourlonias („Die kleine Hummel Bommel sucht das Glück“), Silke Schlichtmann („Pernilla oder warum wir nicht in den sauren Apfel beißen mussten“) und Annika Scheffel („Nelli und der Nebelort“). Vorgestellt von Frank Schorneck.

Pandolfo_tintenspinnerDuo mit 16 Armen

Eine Geschichte vom Fremdsein und vom aufeinander Zugehen hat die Französin Anne-Caroline Pandolfo in wenigen Bildern und komplett ohne Sprache geschaffen: Ein Krake und eine Spinne begegnen sich. Zunächst wissen der Achtarmige und die Achtbeinige nicht, was sie voneinander halten sollen, dann zeigt der Krake, wie er Tinte versprühen kann, die Spinne antwortet mit wirren Spinnenfäden. Abwechselnd präsentieren sie einander, was sie mit ihren künstlerischen Mitteln zu schaffen in der Lage sind: Ein Seepferdchen aus Tinte, ein stolzes Ross aus seidenen Fäden, schließlich portraitieren sie einander. Über diesen Wettbewerb finden sie zum gemeinsamen Spiel.

Die schöne Idee, gerade mit den Mitteln der Kunst Grenzen zu überwinden und sich das Fremde vertraut zu machen, spricht bestimmt viele Eltern in Zeiten wie diesen an. Und ein Buch, das komplett ohne Sprache auskommt, ist ein geradezu exemplarisches Beispiel für diese Macht der Kunst – „spricht“ es doch eine universelle Sprache, die von Menschen unterschiedlichster Herkunft verstanden werden kann. Und bestimmt auch von Kindern, die jünger sind als 3 Jahre.

Anne-Caroline Pandolfo: Die Tintenspinner. Mixtvision, 2016. 32 Seiten, 12 Euro. Ab 3 Jahre.

bommelVerflogen

Als im vergangenen Jahr die „Kleine Hummel Bommel“ durch die Bilderbuchszene flog, ein Gemeinschaftsprojekt der Autorin Britta Sabbag und der Sängerin Maite Kelly (ja, aus der gleichnamigen Family), illustriert von Joëlle Tourlonias, landete diese schnell in den Bestsellerlisten – was sicherlich nicht zuletzt der prominenten Co-Autorin und ihrer Medienpräsenz geschuldet war. Die zeitlos-niedliche Mutmachgeschichte, in der eine kleine Hummel erfährt, dass jedes Insekt einzigartig ist, erfreut sich bei Eltern und Kindern im Kindergartenalter gleichermaßen großer Beliebtheit. Auf der Welle des Erfolgs wurden ein Stickerbuch und ein Freundebuch hinterhergespült – nun folgt ein neues Abenteuer mit dem Titel „Die kleine Hummel Bommel sucht das Glück“.

Bommel und ihre Freunde fragen sich, was wohl hinter dem Gartenzaun ist – und Bommel begibt sich tatsächlich auf die Reise. Statt sich jedoch am Erfahrungshorizont der Vorschulkinder zu orientieren (Waldemar Bonsels „Biene Maja“ entdeckt in einem einzigen Garten ganze Welten), schicken die Autorinnen ihre kleine Heldin auf Weltreise. Dabei werden Stationen wie London, New York oder der etwas unbestimmtere chinesische Luftraum stets nur auf einer Doppelseite angerissen.

Während der moderne Klassiker „Briefe von Felix“ geeignet ist, Kindern andere Länder und Kulturen näherzubringen, sind Bommels Reisestationen nicht mehr als ein kurzes Abhaken von Motiven, die für ein vierjähriges Kind in der Regel keinerlei Wiedererkennungswert und auch keine Relevanz haben (rote Telefonzelle, Queen Ma, Freiheitsstatue, Lampions, Eiffelturm).

Insgesamt wirkt das Buch wie ein schneller Nachschuss zum ersten Bommel-Band. Die Illustrationen sind abermals recht knuffig, über Lieder, die im Buch abgedruckt sind und die man sich herunterladen kann, breiten wir „Rotz’n Roll“-Fans dezent den Mantel des Schweigens.

Britta Sabbag, Maite Kelly, Joëlle Tourlonias: Die kleine Hummel Bommel sucht das Glück. Ars edition, 2016. 32 Seiten. 12,99 Euro. Ab 4 Jahre.

Schlichtmann_25089_MR1.inddSärge und Äpfel

Dieses Buch ist schon der zweite Band um die Bestatterfamilie Petersen, doch auch wenn man den ersten nicht kennt, ist man schnell Zuhause bei dieser etwas chaotischen Bande. Ich-Erzählerin Pernilla ist acht Jahre alt und gemeinsam mit ihrem großen großen Bruder Lars und dem kleinen großen Bruder Ole muss sie gleich zwei wichtige Dinge herausfinden: Warum erhält der Vater seit ein paar Wochen keine Bestattungsaufträge mehr? Und ist es wirklich möglich, dass ihre Mutter beim Schreiben ihres neuen Krimis einen echten Apfelbauern als Vorlage für den Mörder gewählt hat?

Die schlechte Auftragslage und eine drohende Verleumdungsklage jedenfalls bedrohen die Existenz der sechsköpfigen Familie und Pernilla merkt sehr schnell, dass die Eltern nicht über einen Urlaub im Harz reden, sondern von drohendem Hartz IV-Bezug.

Wie die drei Kinder – häufig noch mit dem Windeln tragenden Nachzügler Sten am Bein – ihrer Detektivarbeit nachgehen, ist oft zum Schreien komisch, zum Beispiel, wenn Pernilla und Ole als Rotkäppchen und kleiner Hobbit verkleidet auf eine Beerdigung gehen. Gleichzeitig werden aber auch die Ängste von Kindern ernst genommen, die oft viel mehr von den Alltagssorgen ihrer Eltern mitbekommen, als diese glauben.

Sprachlich liegt der Roman sehr nah bei den „Kleinen Nick“-Abenteuern oder aber den zurzeit sehr angesagten „Ella“-Geschichten: so mancher ironische Seitenhieb ist eher von Erwachsenen zu verstehen. Gerade das macht dieses Buch aber auch zu einem großen Vorlesespaß, der den Vorlesenden nicht unterfordert.

Silke Schlichtmann: Pernilla oder warum wir nicht in den sauren Apfel beißen mussten. Hanser, 2016. 288 Seiten. 13,90 Euro. Ab 9 Jahre.

scheffel_nelliAuf Momos Spuren durch den Nebel

Annika Scheffels Debütroman „Ben“, der 2010 bei kookbooks erschien, zählt noch immer zu meinen Lieblingsromanen. Eine Geschichte, die mit Erzählkonventionen spielt und bricht, eine überbordende Phantasie und sprachliche Virtuosität, die Humor mit Tragik vereint, machen die Stärke dieses Romans aus. Der darauf folgende Roman „Bevor alles verschwindet“, 2013 bei Suhrkamp erschienen, erzählte dagegen konventioneller – aber nicht minder poetisch – mit surrealen Mitteln die ganz reale Geschichte von der drohenden Umsiedlung eines ganzen Dorfes. Nur logisch, dass die Ankündigung eines ersten Kinderbuches aus der Feder dieser Autorin bei mir große Erwartungen weckte.

Indem sie ihrem Roman ein Zitat aus Michael Endes „Momo“ voranstellt, setzt Annika Scheffel die Messlatte selbst hoch an. Luftig leicht beginnt die Geschichte in den ersten Kapiteln, in denen Nelli und Ava beschrieben werden, ein abenteuerlustiges Mutter-Tochter-Gespann, das in einem bunten Bus auf einer stetigen Reise ist, auf der Suche nach Eric, Nellis Vater, der Ava „verloren gegangen“ ist. Mit von der Partie ist Jupiter, ein Minischwein, das vom Fliegen träumt – möglicherweise eine Reminiszenz an Kirsten Boies kleinen „Ritter Trenk“, dessen Ferkel ebenfalls bei allen Abenteuern dabei ist. Nellis und Avas Suche führt stets ans Meer, denn Eric war Seemann. Nelli schließt schnell Freundschaften, doch stets aufs Neue muss sie Abschied nehmen von anderen Kindern, wenn ihre Reise wieder weitergeht.

Das wirkliche Abenteuer beginnt jedoch, als etwas den Bus von der Straße abbringt, etwas, das Nelli als Briefträger auf einem fliegenden Fahrrad zu erkennen glaubt. Die Bremsen des Busses versagen, in wilder Fahrt geht es über Stock und Stein, bis sie schließlich, umgeben von dichtestem Nebel, zum Stehen kommen. Entgegen Avas Verbot macht sich Nelli gemeinsam mit Jupiter daran, den seltsamen Nebelort zu erkunden – und als sie zurückkommt, ist der Bus verschwunden.

Im stets ängstlichen und übervorsichtigen Dorfjungen Henri findet Nelli jedoch einen Freund, der ihr bei der Suche nach Ava helfen will. Und dann ist da noch Laura, das Mädchen, das stets das dicke Regelbuch mit sich trägt. Denn in dieser merkwürdigen Stadt ist nahezu alles verboten, Kinder lernen in der Schule nichts anderes als still zu sein; der Alltag ist streng durchgetaktet und grundloses Lachen ist eines der schlimmsten Vergehen. Menschen, die die Regeln missachten, verschwinden im Nebel.

Die Erwachsenen hier sind tatsächlich wortwörtlich vollkommen „vernebelt“ und angepasst, Kindern wird „nur zu ihrem Besten“ alles Gefährliche verboten. Wie Nelli hinter das Geheimnis des Nebelortes kommt, ist spannend und witzig, vor allem aber sehr poetisch geschildert. Von den zum Teil sehr niedlichen Illustrationen sollte man sich dabei nicht täuschen lassen: Die Geschichte nimmt einen durchaus dramatischen Verlauf, zu junge Leser könnten durch die Schilderung des bedrohlichen, allumfassenden Nebels und der offenbar macht- und willenlosen Erwachsenen verunsichert werden und möglicherweise die Geschichte nicht ganz verstehen.

Denn allmählich schält sich aus dem Nebel heraus, dass Nelli und Ava jenen Ort gefunden haben, der „Früher“ genannt wird, den Ort, an dem Ava aufgewachsen ist und Eric gefunden und verloren hat. Sorge um ihre Kinder, die Angst, verlassen zu werden, hat die Erwachsenen dazu gebracht, die Kinder in Watte (bzw. Nebel) zu packen.

Annika Scheffel hat den Roman zur Generation der Helikoptereltern geschrieben. Sie schildert, wie allzu große Sorgen die Freiheit und das Glück beschneiden, wie Fürsorge in Gängelei umschlägt. Von daher sollten auch so manche Eltern diesen Roman lesen – vielleicht gemeinsam mit den Kindern, um über das Thema Rechte und Verbote ins Gespräch zu kommen.

Und ganz nebenbei endet dieses Kinderbuch mit einem der schönsten und bewegendsten Schlusssätze, die ich in den letzten Jahren in einem lesen durfte.

Annika Scheffel: Nelli und der Nebelort. Oetinger, 2016. 253 Seiten. 12,99 Euro. Ab 10 Jahre.

Frank Schorneck

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