Posted On 2. November 2016 By In Kinderbücher, Litmag With 813 Views

KidBits: Neue Bücher für Kinder

Neue Kinderbücher von Isabel Minhós Martins / Bernardo P. Carvalho („Hier kommt keiner durch!“), Karoline Herfurth / Claas Engels („Die sture Raupe Rieke“), Arne Rautenberg / Nadia Budde („Unterm Bett liegt ein Skelett“), Markus Orths / Ina Hattenhauer („Billy Backe und Mini Murmel“), Jutta Nymphius („Hotel Wunderbar“), Cornelia Funke („Die Feder eines Greifs“) und Alex Gino („George“). Vorgestellt von Frank Schorneck.

martins_durchGrenzüberschreitung mit Filzer

Ein General beschließt, dass eine Seite im Buch stets frei zu sein hat, damit er jederzeit in die Geschichte einsteigen kann. Daher stellt er einen Wachtposten auf, der streng darauf achtet, dass die rechte Buchseite weiß bleibt. Die ersten Menschen, die sich der Grenze nähern, werden lautstark vom Übertreten der Buchfalz abgehalten, doch nach und nach füllt sich die linke Seite immer mehr, die Sprechblasen künden von Empörung und Enttäuschung, doch der Wachtposten bleibt hart. Da schießen Kinder versehentlich einen roten Ball auf die leere Seite und der Aufpasser macht zum ersten Mal eine Ausnahme. Immer mehr Menschen können ihn durch freundliche Bitten überreden und die rechte Buchseite ist bereits sehr dicht bevölkert, als der General auftaucht und alles wieder rückgängig machen will. Doch gegen die Menschen, die sich nun hinter den Wachtposten stellen, ist er letztlich machtlos.

„Hier kommt keiner durch!“ ist ein in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliches Kinderbuch.

Mit sehr einfachen und auf den ersten Blick groben und geradezu kindlich anmutenden Filzstiftzeichnungen hat Illustrator Carvalho ein prächtiges Wimmelbuch geschaffen, das neben der Haupthandlung viele kleine Geschichten erzählt. Da bekommt eine hochschwangere Frau im Laufe der Geschichte ihr Kind, Ganoven haben sich offenbar aus dem Gefängnis freigebuddelt, ein Außerirdischer will nach Hause telefonieren, mit feinem Bleistiftstrich skizziert ist sogar die Autorin des Buches mit von der Partie… – So wird das Buch, auch nachdem man die eigentliche Story kennt, noch lange nicht langweilig.

„Hier kommt keiner durch“ ist viel mehr als ein Beitrag zur aktuellen Flüchtlingsdiskussion. Er fasst das Thema „Grenzübertritte“ viel abstrakter und damit allgemeingültiger an: Mit anarchischem Witz und guter Laune zeigt dieses Buch, dass Grenzen überwunden werden können und dass man in der Gruppe auch gegen vermeintliche Autoritäten stark sein kann. Dass alle Figuren von links kommen, ist hingegen ein wenig überinterpretiert…

Isabel Minhós Martins / Bernardo P. Carvalho: Hier kommt keiner durch! Deutsch von Franziska Hauffe. Klett Kinderbuch, 2016. 40 Seiten. 13,95 Euro. Empfohlen ab 4 Jahren

herfurth_riekeDie Raupe Rieke will nicht erwachsen werden

Mal etwas anderes als das „Buch zum Film“ ist „Die sture Raupe Rieke“, denn dies ist ein Buch, das zunächst fiktiv in einem Film geschrieben wurde. Im Kinofilm „SMS für Dich“ spielte Karoline Herfurth eine Kinderbuchillustratorin, nun steht ihr Name auf dem Umschlag eines ganz realen Bilderbuches. Beim Blick auf die bibliographischen Angaben sieht man allerdings, dass die Schauspielerin lediglich die Idee für das Buch geliefert hat und Claas Engels sowohl für Text als auch Illustrationen verantwortlich zeichnet. Ein wenig Etikettenschwindel, der die Verkaufszahlen des Buches sicherlich nach oben schnellen lässt, schließlich titelt der Boulevard schnell „nun ist die Schauspielerin Herfurth auch Kinderbuchautorin“…

Die Raupe Rieke will nicht erwachsen werden, auch wenn sie weiß, dass sie eines Tages ein schöner Schmetterling sein wird. Sie betrachtet Kuchenkrümel und Regentropfen und beneidet diese darum, immer klein bleiben zu können. Erzählt wird keine wirkliche Geschichte, sondern eher zusammenhanglose Szenen, die wenig mit dem Leben einer Raupe zu tun haben. Kinderliteratur muss sich nicht an Regeln des Realismus halten, aber woher kommt plötzlich der Konfettiregen? Und was sollen die Büroklammern in den Illustrationen? Die gereimten Zeilen hakeln zuweilen in der Metrik, zudem wird das Wörtchen „stur“ oft in unpassende Zusammenhänge gebracht, was das Buch sprachlich ärgerlich macht. Hier fragt die Raupe „stur“, wo sie eigentlich „neugierig“ wäre, oder sie stellt „stur“ etwas fest, wo sie eigentlich „beeindruckt“ ist. Wenn man also vom Promibonus des Buches absieht, bleibt nicht mehr als eine durchschnittliche Geschichte mit ganz netten Illustrationen. Als Schauspielerin ist Frau Herfurth gerade ein viel bewunderter Schmetterling, als „Kinderbuchautorin“ wohl eher eine Eintagsfliege.

Karoline Herfurth / Claas Engels: Die sture Raupe Rieke. ars edition, 2016. 32 Seiten. 12, 99 Euro. Empfohlen ab 4 Jahren

rautenberg_skelettZombies in Kombis

Wenn Arne Rautenberg Gruselgedichte für mutige Kinder schreibt, dann kann man sich sicher sein, dass der Grusel eine weitaus geringere Rolle spielt als der Humor. Schließlich zählt Rautenberg zu den Autoren, die sehr engagiert daran arbeiten, Kinder zum spielerischen Umgang mit Sprache zu animieren. Seine Gedichte sind in Schulbüchern vertreten und in Schullesungen und Workshops sucht der Autor den direkten Kontakt zu seiner Zielgruppe. Spaß an ungewöhnlichen Ideen, seltsamen Lauten und raffinierten Reimen steht stets im Vordergrund. So auch in den Gruselgedichten: Hier tanzt ein Skelett Balett, da fahren Zombies in Kombis zum Supermarkt, um abgelaufene Waren zu kaufen. Hier wird aus seltsamen Zutaten eine Hexensuppe gebraut, da bereut ein Zauberer seinen Versprecher „Zebrakadebra“, als er schwarz und weiß gestreift in Afrika aufwacht.

Manchmal sind es kleine Geschichten wie die mit den einkaufenden Zombies, die Rautenberg mal mit, mal ohne Reimschema erzählt, manchmal beschwört er in wenigen Zeilen wie in „süßes moddermonster“ ein Gefühl zwischen Ekel und Faszination herauf. Dabei reizen die meisten Gedichte zum lauten Vorlesen, vielleicht sogar zum Auswendig-Lernen. Das hat auch die Jury des „Josef- Guggenmos-Preises“ für Kinderlyrik überzeugt, der in diesem Jahr erstmalig verliehen wurde und an Rautenberg ging. Die im wahrsten Sinne des Wortes geist-reiche Buchstabensuppe, die Rautenberg hier zusammengereimt hat, erfährt noch zusätzliche Würze durch die genussvoll-gruseligen Zeichnungen der Kinderbuch-Illustratorin Nadia Budde.

Arne Rautenberg / Nadia Budde: Unterm Bett liegt ein Skelett. Gruselgedichte für mutige Kinder. Peter Hammer Verlag, 2016. 48 Seiten. 13,90 Euro. Empfohlen ab 5 Jahren

orths_billy-backe-iiAu Backe!

Im Januar 2015 überraschte der mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnete Markus Orths mit seinem ersten Kinderbuch „Billy Backe aus Walle Wacke“, das vor skurrilen Ideen und Wortwitz übersprudelte und Kindern ebenso wie vorlesenden Erwachsenen viel Freude bereitete. Nachdem das Murmeltier Billy Backe gemeinsam mit Polly Posthörnchen, Billy the Kid auf seinem Zwergpferd Rosa und vor allem der vielseitige Schrönk so manches Abenteuer erlebt hat, war es Zeit für den Winterschlaf. Doch jetzt ist der öde, blöde, schnöde Winterschlaf vorbei und frisch geweckt vom Club der Wilden Glühwürmchen können die vier Helden neue Abenteuer angehen. Und es dauert nicht lange, bis ein Heißluftballon mit einer Riesnhaselnuss vorbeifliegt. Die Haselnuss entpuppt sich als Ei und ein beigefügter Brief fordert die Finder dazu auf, Tabanake Strumpfloch, den weisen Medizinmann der Strumpfnasen, aufzusuchen. Ein neues Abenteuer kann also beginnen. Auf ihrem Weg nach Tohuwabohu, der Zeltstadt der Strumpfnasen begegnen sie den Tollpatschen, den Misons und noch vielen weiteren bunten und merkwürdigen Wesen. Mit Herz, Köpfchen und viel Gemeinschaftssinn meistern sie alle Aufgaben, die sie auf ihrem Weg herausfordern. Dabei stellt sich heraus, dass der Schrönk nicht nur ein „Walle-Wacke-Flohzirkusdirektor-Riesenmurmel-Pferd-Trampolin-Schranken-Bagger-Mathematikgenie-Hubschrauber“ ist, wie sie zum Ende des ersten Bandes dachten, sondern dass er sogar noch weit vielseitiger sein kann.

Billy Backe und Mini Murmel spinnt die Geschichte um das unternehmungslustige Murmeltier konsequent weiter, ohne dass man zwingend den ersten Band gelesen haben müsste. Es ist ein Heidenspaß, wenn sich Orths durch die Geschichte wortspielt und kalauert, manche Sätze voller Alliterationen und Reimen muss man sich laut vorlesend auf der Zunge zergehen lassen. Auch wenn die Zielgruppe mit Kindern ab fünf Jahren definiert ist, finden sich im Buch zahlreiche Anspielungen und Wortspiele, die erst ältere Kinder verstehen und insbesondere erwachsene Leser genießen können. So nimmt auch unsere Neunjährige das Buch gerne zur Hand, ohne sich dafür „zu alt“ zu fühlen. Zum Vorlesen für Kleinere eignet sich die Geschichte durch die Aufteilung in überschaubare Kapitel.

Mehr als nur ein I-Tüpfelchen sind die Illustrationen von Ina Hattenhauer, die kongenial den Orthsschen Erfindungsreichtum in farbenprächtige Bilder übersetzt. Beginnend mit den detailgespickten Landkarten auf den Umschlaginnenseiten bis hin zu den einzelnen Szenenbildern stehen diese Illustrationen in Sachen Phantasiereichtum den Wortbildern in nichts nach.

Markus Orths / Ina Hattenhauer: Billy Backe und Mini Murmel. Ravensburger Buchverlag, 2016. 144 Seiten. 14,90 Euro. Empfohlen ab 5 Jahren

nymphius_hotelEin Weihnachtsmärchen

Wenn Mika die Weihnachtsvorbereitungen im „Hotel Wunderbar“ beobachtet, kommt keine festliche Stimmung bei ihm auf. Seitdem seine Mutter tot ist, besteht die Weihnachtsdeko aus Plastik und selbst der Baum wird aufgeklappt wie ein Regenschirm. Früher war das anders, da war das Hotel über Weihnachten ausgebucht und Heiligabend feierten Gäste und Angestellte gemeinsam im großen Wohnraum, vor dem das Schild „Privat“ steht. Für Mikas aus Marokko stammende Mutter war Gastfreundschaft das Wichtigste auf der Welt – doch der Vater igelt sich nun in seinem Büro ein. Mikas größter Weihnachtswunsch wäre eine Feier, wie es sie früher gab. Als er in klirrender Kälte dem Obdachlosen Teddy und seinen quirligen Hund Silvester begegnet, kommt ihm die Idee, die beiden im derzeit leerstehenden Anbau des Hotels unterzubringen. Als Teddy am nächsten Abend die Schrille Käthe mitbringt und wieder einen Tag darauf den Höflichen Herbert, wird es immer schwieriger, die ungewöhnlichen Gäste vor dem Vater und den Angestellten zu verbergen. Es kommt zu einigen Verwicklungen, aber schließlich geht Mikas Weihnachtswunsch auf ganz besondere Art und Weise in Erfüllung.

Jutta Nymphius hat sich zu dieser netten Geschichte von einem Fernsehbericht inspirieren lassen, in dem der Brüsseler Hotelier Ben Ahmed vorgestellt wurde, der im Winter seine freien Zimmer Obdachlosen (und nun auch Flüchtlingen) zur Verfügung stellt. Die Story ist warmherzig erzählt, aber auch sehr glatt. Jeder der Obdachlosen bringt etwas mit, was in Mikas Leben derzeit fehlt: Teddy verrät ihm Tricks beim Spiel „Hase und Jäger“, das sein Vater nicht mehr mit ihm spielt, Käthe hat ein offenes Ohr für ihn, Herbert kann Gurkenherzen schnitzen, wie Mikas Mutter es früher tat. Da ist einiges dick aufgetragen und die Obdachlosen haben außer ein wenig Schmutz, der sich mit Seife abwaschen lässt, kaum Ecken und Kanten. Aber in der Weihnachtszeit darf es auch mal eine kitschige Warmumsherz-Geschichte sein…

Jutta Nymphius: Hotel Wunderbar. Tulipan Verlag, 2016. 144 Seiten. 13 Euro. Empfohlen ab 9 Jahren

funke_greidDer Drachenreiter fliegt wieder

Neunzehn Jahre mussten Fans auf die Fortsetzung eines der beliebtesten Romane der Bestsellerautorin Cornelia Funke warten. Für mich war die Wartezeit nicht ganz so lang, denn ich habe „Drachenreiter“ erst vor rund zwei Jahren entdeckt, als ich es meiner Tochter vorgelesen habe. Die Geschichte des Drachen Lung, der gemeinsam mit dem Koboldmädchen Schwefelfell aufbricht, um ein neues Zuhause für die Drachen zu finden, deren schottische Heimat von der Erschließung durch Menschen bedroht ist, hat uns über viele Abende in ihren Bann gezogen. Ein Fantasy-Roman, der weit mehr als ein Kinderbuch ist, der spannende Wendungen und komplexe Charaktere bietet.

Die nun erschienene Fortsetzung setzt rund zwei Jahre nach dem dramatischen Showdown ein. Lung und Schwefelfell leben mit den anderen Drachen im Himalaya, während der einstige Waisenjunge Ben, der zum Drachreiter wurde, bei seinen Adoptiveltern an einem Ort namens MĺMAMEIĐR lebt. Die Forscherfamilie Wiesengrund hat ein Refugium für Fabelwesen erschaffen, ein internationales Netzwerk für ganz außergewöhnlichen Artenschutz steht hinter ihnen. Leider gibt es schlechte Nachrichten, denn die letzte noch lebende Pegasus-Stute ist gestorben und die drei vor kurzem gelegten Eier können ohne die Mutter nicht ausgebrütet werden. Dass Pegasi in Cornelia Funkes Auslegung keine Säugetiere sind, muss man als Leser erst einmal akzeptieren – schließlich käme ansonsten das Abenteuer nicht ins Rollen, denn nur die Sonnenfeder eines Greifs kann den Schlüpfvorgang einleiten. Greife wiederum sind nicht unbedingt als kooperative Wesen bekannt und so bricht Ben gemeinsam mit Barnabas Wiesengrund, dem Homunkulus Fliegenbein, der fliegenden Ratte Lola und einem knorrigen Troll namens Hothbrodh zu einer äußerst gefährlichen Mission auf: Irgendwo in Indonesien sollen Greife gesichtet worden sein. Dass man diese Ausgangssituation nicht als lächerlich abtut, sondern sich auch als Erwachsener bereitwillig in die Geschichte hineinsaugen lässt, liegt an der unbändigen Fabulierlust der Autorin. Ihre Prosa ist farbenfroh, ihre Charaktere ungemein lebendig. Dabei dauert es diesmal durchaus ein wenig, bis die Geschichte in Fahrt kommt, denn in der Schilderung des Ortes MĺMAMEIĐR und seiner Bewohner droht Funke sich zu verzetteln. Viel zu viele Nebenfiguren und Fabelwesen werden vorgestellt, die zwar vom Ideenreichtum der Autorin künden, den Lesefluss jedoch stetig ins Stocken geraten lassen. Doch als die Reise schließlich beginnt, wirkt die alte „Drachenreiter“-Magie wieder – auch wenn Lung und Ben zunächst getrennte Wege gehen. Die Gefährten, deren eigentliche Aufgabe, eine Greifenfeder zu organisieren, bereits lebensgefährlich wäre, geraten mitten hinein in einen unerbittlichen Machtkampf im indonesischen Dschungel.

„Die Feder eines Greifs“ ist, obwohl Fantasy-Roman, tief in unserer Gegenwart verwurzelt und ein hochgradig aktuelles Buch. Arten- und Klimaschutz liegen der Autorin am Herzen: Jedes Lebewesen ist – auch wenn es kein fliegendes Pferd oder löwenfüßiger Adler ist – auf seine Art „fabel“-haft und somit schützenswert. Diese Botschaft wird leider allzu oft mit erkennbar erhobenem Zeigefinger vermittelt, und daher ist es auch kein Zufall, dass der Roman in Indonesien spielt, wo derzeit durch die Zerstörung der Regenwälder der Fortbestand der Orang-Utans und vieler anderer bedrohter Tierarten massiv gefährdet ist.

Lesen, vorlesen, verstehen und genießen kann man diese Fortsetzung auch ohne Kenntnis des ersten Bandes – aber wer „Drachenreiter“ noch nicht kennt, sollte sich nicht um das Vergnügen bringen, zunächst im ersten Band das Zusammentreffen der so ungleichen Helden zu begleiten.

Cornelia Funke: Die Feder eines Greifs. Dressler Verlag, 2016. 400 Seiten. 18,99 Euro. Empfohlen ab 10 Jahren

gino_georgeIm Spinnennetz der Geschlechterrollen

Wer erinnert sich nicht an Georgina, das Mädchen in Enid Blytons „Fünf Freunden“, das lieber ein Junge wäre und George genannt werden wollte? Ein aufsässiges, eigenwilliges Kind,  das sicherlich zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung im England der 1950er und 60er Jahren  mit skeptischen Blicken bedacht worden wäre. Eine Romanheldin wie Alex Ginos „George“ wäre zu Enid Blytons Zeiten gar nicht denkbar gewesen, denn George ist transgender, ein im Jungenkörper gefangenes Mädchen. Was das für eine Zehnjährige bedeutet, schildert Gino sehr anschaulich. Da sind die heimlich gesammelten Mädchenzeitschriften, die vor der Mutter versteckt werden müssen, oder die Sticheleien der anderen Jungs, wenn George als einzige/r bei der Lektüre von E.B. Whites „Wilbur and Charlotte“ heulen muss. Dieser Klassiker, den in den USA vermutlich fast jedes Schulkind kennt, wird zum Katalysator für Georges Coming-Out: Denn die vierten Klassen ihrer Schule werden die Geschichte des Schweines Wilbur und der Spinne Charlotte auf die Bühne bringen. Georges großer Traum ist es, Charlotte zu spielen, die weibliche Hauptrolle des Stückes. Ihre langjährige Freundin Kelly findet das nur wenig seltsam, hat sie doch gelesen, dass zu Skapespeares Zeiten am Theater alle Rollen von Männern gespielt wurden. Gino schildert sehr eindrucksvoll, wie George immer wieder mit dem Gedanken ringt, sich ihrer Mutter oder Kelly zu offenbaren. Es gibt viele Momente, in denen sie kurz davor ist, doch wenn zum Beispiel die Mutter aufmunternd sagt „auch wenn du erwachsen und ein alter Mann bist, werde ich dich immer noch als meinen Sohn lieben“, zuckt George zurück. Auch Kelly braucht lange, um zu merken, wie sehr sie Georges Gefühlswelt aufwühlt, wenn sie ihm Mut zuspricht mit den Worten „Du willst auf der Bühne ein Mädchen spielen. Na und? Es ist ja nicht so, dass du ein Mädchen sein willst.“

Auf seinem Weg muss George das Mobbing durch die Klassenrüpel ebenso ertragen wie die Zurückweisung durch die Lehrerin, die ihr zwar gerne die Hauptrolle, aber eben die männliche, geben möchte. Alex Gino erzählt feinfühlig von Georges inneren Kämpfen und den äußeren Widerständen – und packt das Thema durchaus altersgerecht an: Selbstverständlich gibt es Rückschläge, vor allem bei der Lehrerin oder auch bei der Mutter. Aber auf der anderen Seite gibt es Kelly, die sich sehr schnell mit dem Gedanken anfreunden kann, dass der beste Freund aus Vorschulzeiten sich in eine beste Freundin zu verwandeln beginnt. Und es gibt den älteren Bruder Scott, der sich zwar in ungepflegter Teenagerhaftigkeit suhlt, aber im richtigen Moment tatsächlich für den kleinen Bruder da ist. Der Roman bedient durchaus Klischees, denn George liebt Rosa und spielt bei Mario Cart am liebsten in der Rolle der Prinzessin – wohingegen die „echten Jungs“ gerne eklig und gehässig sind. Auch läuft Georges Coming-out trotz aller Widerstände sehr glatt ab in einer sehr plakativen Hollywood-Haftigkeit. Doch man darf nicht außer Acht lassen, dass es sich um ein Kinderbuch handelt, um ein Kinderbuch, das Mut machen soll. Zu viel Realismus  wäre da vermutlich schädlich. Immerhin wird Georges Geschichte nicht zu Ende erzählt: Wir Leser verlassen sie in einem Moment großen Glücks – und nur die Erwachsenen unter uns wissen, dass an dieser Stelle die Probleme erst so richtig beginnen werden.

„George“ lädt dazu ein, sich über Geschlechterrollen Gedanken zu machen, greift ein lange tabuisiertes Thema kindgerecht auf und ist ein flammendes Plädoyer dafür, zu seinen Gefühlen zu stehen. Sicherlich ist das Buch nur für Kinder geeignet, die grundsätzlich aufgeklärt sind, aber das sollte bei Viertklässlern weitgehend der Fall sein. Als Eltern sollte man Gesprächsbereitschaft signalisieren – aber keine Angst, es handelt sich nicht um ein Betroffenheitsbuch, sondern letztlich um einen sehr optimistischen Roman, der nicht weniger farbenfroh und fröhlich ist als die für ein Kinderbuch sehr reduzierte und dennoch sehr treffende Umschlaggestaltung.

Alex Gino: George. Deutsch von Alexandra Ernst. Fischer KJB, 2016. 208 Seiten. 14,99 Euro. Empfohlen ab 10 Jahren

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