Geschrieben am 3. Juni 2018 von für Litmag, News, TABUMAG

Iris Boss: Zwischen Cannes und „Kann-nicht-mehr“

Bild: Christian Rudolf Noffke
Iris Boss: Zwischen Cannes und „Kann-nicht-mehr“

Als Schauspielerin muss ich vor allem eines darstellen: Eine Gewinnerin. Warum man beim Kaschieren seiner Schwächen und Ausblenden der weniger guten Zeiten aufpassen muss, nicht als Mensch zu scheitern, und warum Scheitern überhaupt so ein großes Tabu ist im Schauspielberuf.

„ErfolgREICH“ heißt „gescheitert“

„Also, ich verfolge dich ja immer bei Facebook und so. Sieht ja echt gut aus, dein Weg! Sehr engagiert, eine erfolgreiche Karriere, könnte man direkt neidisch werden…“ Ich sitze mit Daniel, einem Ex-Kommilitonen, in einer Weddinger Szenekneipe. Wir haben uns gerade gegenseitig bestätigt, dass wir hier wahrscheinlich die Ältesten sind, dass wir uns aber in den vierzehn Jahren, in denen wir uns nicht gesehen haben, kaum verändert haben – was auf Grund des gnädigen Kerzenlichts wahrscheinlich sogar stimmt.

Ich freue mich über das Kompliment, denke aber im nächsten Augenblick über das „engagiert“ nach: Was meint er damit? Überambitioniert? Aufdringlich? Nach Aufmerksamkeit heischend? Oder dass ich – egal ob analog oder in den sozialen Netzwerken – immer meinen Mund aufmachen muss, mich zuletzt zum Beispiel sehr klar in Sachen MeToo geäußert habe? Doch was hat das mit der Schauspielerei zu tun? Aber er hat ja auch gesagt: „Erfolgreiche Karriere“. Stimmt das denn? Bin ich erfolgreich?

Sofort schießt mir ein Foto in den Kopf, das vor etwa zehn Jahren gemacht wurde. Es entstand bei einem Literaturfestival, für das, neben vielen Promis für das Abendprogramm, auch ein paar billige Nonames für den Nachmittag engagiert wurden. Ich sah darauf so unglamourös aus, wie man nur aussehen kann: Ein von unten fotografiertes Doppelkinn-Gesicht, pickelig, ungeschminkt, mit roten Flecken und eingerahmt von zerzausten Haaren. Der Körper darunter wirkte durch den schwarzen Sack, in den er gehüllt war, nicht eben anmutiger. Aber meine Augen strahlten, während ich auf dem kleinstädtischen Marktplatz aus dem entsetzlich schlechten Mittelalterroman vorlas. Das war es wahrscheinlich auch, was die Fotografin der Lokalzeitung zu der Bildunterschrift inspiriert hatte: „ErfolgREICH“. Genau so geschrieben. Das Foto allein hätte ich noch irgendwie verkraftet, aber dieses „ErfolgREICH“ traf mich bis ins Mark. Das hieß doch nichts anderes, als dass ich eben nicht erfolgreich war. „Unattraktiv, unbeholfen, kein Schwein kennt sie, aber wenigstens hat sie selbst Freude an dem, was sie tut! Deswegen glänzen auch die verquollenen Schweineäuglein so beseelt. Und das ist es doch, worauf es ankommt. Worauf es wirklich ankommt!“ – Billige Wohlfühl-Plattitüden auf meine Kosten! Das Schlimmste daran aber war, dass es meine Eigenwahrnehmung so gut traf. Ich war nicht entrüstet, weil da jemand mein Licht unter den Scheffel gestellt hätte, sondern weil ich dem nichts entgegenzusetzen hatte.

Zwei Prozent versus Familienglück

Seitdem hat sich einiges verändert. Ich habe tatsächlich ein paar Schritte in Richtung Erfolg gemacht: ein paar Filme, viele Theaterengagements, ein eigener Eintrag bei Wikipedia … Im letzten Jahr sogar eine Werbung für einen bekannten Elektronikgroßhandel. Diese hat mir die wahrscheinlich meisten Facebook-Likes meiner Karriere eingebracht und meinen Vater zumindest ein kleines bisschen von seiner Überzeugung abrücken lassen, es sei noch nicht zu spät für mich, eine kaufmännische Lehre zu beginnen, noch etwas zu lernen, von dem man leben könne. Eine Überzeugung übrigens, an der sich, bis zu besagter Werbung, in den ganzen vierzehn Jahren, in denen ich jetzt von meinem Beruf lebe, nichts verändert hatte. Das ist mittlerweile auch meine Standartantwort geworden auf die Nachfrage von besorgten Smalltalk-Partnern, ob man denn „davon“ leben könne: In Deutschland können das zwei Prozent. Ich gehöre dazu.

Mein Ex-Kommilitone Daniel arbeitet seit Jahren nebenher an einer Hotelrezeption, beziehungsweise arbeitet er nebenher ab und zu als Schauspieler. Dabei wurde er in der Schauspielschule hoch gehandelt, war definitiv einer, wenn nicht der Begabteste unseres Jahrgangs. Wir sprechen über die anderen – Katrin zum Beispiel: Oberflächlich, ohne unintelligent zu sein, definitiv nicht die Begabteste unseres Jahrgangs, aber definitiv die Schönste: Sie wird inzwischen auf der Straße erkannt und darf in der „Bunten“ erzählen, was sie zu Weihnachten für ihre Familie kocht. Sie hat hart gekämpft dafür. Schon zu Studienzeiten ist sie zu den richtigen Partys gegangen, hat die richtigen Klamotten getragen und hat mit den richtigen Männern geschlafen. Ich meine das ganz unzynisch – um erfolgreich zu sein in unserem Beruf, gehört das mindestens genauso dazu wie das Spielen.

Die übrigen vier aus unserem Jahrgang sind nicht mehr im Beruf. Sie haben Familien gegründet, unterrichten an einer Schauspielschule oder machen etwas völlig anderes. Ich weiß nicht, wie es ihnen geht, ob sie am Scheitern ihrer Schauspielkarriere gelitten haben, vielleicht noch leiden. Vielleicht war es ihr Erfolg, rechtzeitig zu merken, dass sie eine andere Berufung haben; ihre Weisheit, zu erkennen, wann man einen Traum beerdigen muss. Auf jeden Fall haben sie Familien, zumindest Kinder. Und auch, wenn das für mich persönlich nicht zu einem erfolgreichen Leben gehört, für die Gesellschaft, in der ich lebe, tut es das noch immer.

Daniel sagt, er sei zufrieden. Er wolle nicht jeden Scheiß-Job annehmen müssen, nur wegen der Kohle. Und ich, ich habe schon unzählbar viele Scheiß-Jobs angenommen, nur wegen der Kohle – und wegen der durchaus zählbaren, wirklich tollen, erfüllenden, aber schlecht bezahlten Jobs, die ich mir dadurch leisten konnte – gehöre dafür aber zu den zwei Prozent. Wer hat es nun geschafft, wer ist gescheitert? Als Schauspielerin, als Mensch? Kann man das überhaupt trennen?

„Der Schauspieler ist ein professioneller Mensch.“

Mit fünfzehn war ich fest davon überzeugt, dass man es nicht kann, und genau das hat mich so sehr angezogen an diesem Beruf: „Der Schauspieler ist ein professioneller Mensch.“ Dieser Satz von George Tabori ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich hatte die höchsten Erwartungen an mein Menschsein und fand den Gedanken wundervoll, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, an mir, als Mensch, arbeiten zu dürfen. Inzwischen glaube ich, dass das Wichtigste, was ich seither gelernt habe, ist, dass man sehr wohl ein gescheiterter Mensch und ein erfolgreicher Schauspieler sein kann und umgekehrt. Außerdem ist der Wunsch, scheitern zu dürfen immer größer, und der Wunsch erfolgreich zu sein immer kleiner geworden. Um das zu verstehen, muss man nur so viel Künstler sein, als Kind irgendwann einmal gemalt zu haben: Wären einem da sofort die Buntstifte gekürzt worden, wenn ein Bild einmal nicht gelungen war, wäre es wohl nicht nur mit der Farbenauswahl, sondern auch mit der Kreativität ganz schnell aus gewesen. Klar: Man will und muss als Kind nicht von seinen Kritzeleien leben, aber der Kreativität ist es wurscht, ob sie bezahlt wird oder nicht – ganz im Gegensatz zum adulten, professionellen Künstler.

Wut zum Scheitern

Mein persönlicher Durchbruch, der Moment, ab dem ich mich selbst als Schauspielerin, als Künstlerin bezeichnen würde, ist eng mit der Entscheidung verknüpft, mir das Schlechtsein, ja sogar ein Scheitern zu erlauben. An diesen Punkt brachte mich die Wut: Wut, dass das Spielen, etwas, das ich so sehr liebte, das für mich einmal Freiheit bedeutet hatte, sich in etwas verwandelt hatte, das mir die Kehle zuschnürte und mich unfrei fühlen ließ. Frustration darüber, dass ich so viel arbeitete, immer alles „richtig“ machte und doch nicht von der Stelle kam.

Das geschah natürlich nicht von einem Tag auf den anderen. Es war vielmehr der Endpunkt einer längeren Entwicklung, hin zu der Erkenntnis, dass ich a) ein „Schlechtsein“ sowieso nicht verhindern kann, es durch die Angst davor sogar wahrscheinlicher mache, b) „gut“ oder „schlecht“ in meinem Metier relative Begriffe sind und mir c) mein „Malen nach Zahlen“ schlicht und einfach keine Erfüllung und letztlich auch keinen Erfolg in meinem Beruf bringen würde. Denn das Schlechtsein ist natürlich nicht das Ziel, sondern nur die Konsequenz, die man in Kauf zu nehmen bereit ist, wenn man ein Risiko eingeht, nicht auf Nummer sicher setzt. Erst dadurch, dass man die schon einmal gegangenen Wege verlässt, mit Lust Neues ausprobiert, auch wenn man nicht weiß, ob sich das vermarkten lässt, wird Leben möglich und somit Kunst – zumindest Leben und Kunst in meiner Definition.

Theorie und Praxis

Soweit die Theorie. In der Praxis war es zwar ein ungeheurer Akt der Emanzipation, mir im Probenprozess zu gestatten, Dinge anzubieten, die nicht in die Kategorie „Kann ich. Habe ich schon oft gemacht. Kommt immer gut an.“ fallen. Und zu meiner späten Selbstumkonditionierung (immerhin war ich zum Zeitpunkt des denkwürdigen Durchbruchs schon fast zehn Jahre im Beruf), mich nach einer nicht optimal abgelieferten Vorstellung, einem verhauenen Casting, nicht abzustrafen, hätte mich wohl jeder Psychologe beglückwünscht. Aber leider hat niemand auf die Selbsterkenntnis von Frau B. gewartet. In der Realität wurden immer noch meine Zuverlässigkeit, mein gutes Preis- Leistungsverhältnis und vielleicht mein „guter Arsch“ (Originalzitat Arbeitgeber – ich nenne keine Namen) geschätzt. Auch konnte ich mir meine Lizenz zum Scheitern nicht unbeschränkt erteilen – irgendwann (im Theater dauert es etwas länger, beim Drehen geht das schwuppdiwupp) verliert man das Vertrauen der Regie oder des Produzenten und jede ist ersetzbar. „Schwierig“ ist so ungefähr die stigmatisierendste Bezeichnung, die man sich als Schauspielerin zuziehen kann, und in der Branche spricht sich sowas schnell rum. Außerdem bin ich ja auch daran interessiert, dass das Ergebnis ein gutes ist und der Weg dorthin für alle Beteiligten möglichst gut investierte Lebenszeit. Es gibt also immer einen Punkt, an dem ich dann doch den Werkzeugkasten, die Schubladen öffnen muss. Und vielleicht macht auch genau das die Professionalität aus, dass ich das kann und weiß, wann ich es muss.

Das Scheitern im Arbeitsprozess ist eine Sache, das Scheitern als Schauspielerin eine andere. Als ich nach meiner Ausbildung an einer renommierten Schauspielschule („Das einzige Studium, das den Steuerzahler mehr kostet als eures, ist die Ausbildung zum Astronauten. Ihr seid die Elite! Denkt immer daran, dass Ihr etwas zurückzugeben habt!“ – Was wie Gehirnwäsche einer Sekte klingt, war die normale Montagmorgen-Begrüßung während meines Studiums) nicht nur nicht an ein Staatstheater, sondern gar nicht engagiert wurde, habe ich mich so sehr geschämt, dass ich mich völlig zurückgezogen habe. Ich bin nicht mehr ans Telefon gegangen, habe mich nicht mehr verabredet. Alles aus Angst vor der Frage: „Und? Was machst du gerade so? Das waren die wahrscheinlich einsamsten Monate meines bisherigen Lebens.

Fake it till you make it

Inzwischen habe ich sowohl gelernt, dass phasenweise Arbeitslosigkeit in einem Schauspielerleben unvermeidbar ist, als auch, dass es eigentlich gar keine Arbeitslosigkeit gibt in meinem Beruf – nur längere oder kürzere Zeiten, in denen man unbezahlt als Managerin, Büroleiterin, Personal Trainerin und vor allem als Werbestrategin in eigener Sache arbeitet. Und Werbestrategie Nummer Eins lautet: Vermarkte das Produkt (also dich) so, als wäre es bereits erfolgreich und heiß begehrt, denn nichts ist so unsexy wie Erfolglosigkeit! Erfolg zieht Erfolg an, so einfach ist das.

In Zeiten von Social Media treibt das seltsame Blüten: Irgendwelche Niemands kaufen sich Presseagenturen, die sie dann bei ihrer „Traumhochzeit auf Mallorca“ in geschmacklosen kurzen Hosen ablichten und in Zahnarzt-Wartezimmer-Illustrierten erscheinen lassen. „Fake it till you make it“, lautet die Parole. Im schlimmsten Fall kommt man vor lauter faken überhaupt nicht mehr zum maken.

Dafür fehlt mir erstens das Geld und zweitens ist mir mein Leben zu kurz dafür: Ich will spielen und keine Promi-Darstellerin sein. Aber auch in diesem Bereich habe ich gelernt: Ich weigere mich zwar, mich so sehr aufzupumpen, dass ich mich selbst nicht mehr erkenne, aber natürlich ist jedes Facebook-Posting auch Öffentlichkeitsarbeit und Imagepflege. Ganz wie ein Pawlowsches Hündchen habe ich gelernt: Traurige Zitate von toten russischen Dichtern: 2-3 Likes; Ankündigung einer Theater- oder Filmpremiere. 15-20 Likes; ich mit einem breiten Grinsen auf dem gesunden, erholten, beziehungsweise gut geschminkten Gesicht, mit einem Glas Champagner in der Hand, auf einer luxuriösen Dachterrasse : 100-150 Likes – Mit dem Hashtag #actorslife, #lovemyjob oder einem ähnlichen Blödsinn: 150-200 Daumen hoch. Also lasse ich die Öffentlichkeit natürlich häufiger an meinem gepflegten Alkoholismus (Werbeaufträge für Elektronikgroßhändler sind ja leider rar gesät) als an meiner Vorliebe für tote russische Dichter teilhaben, denn die Aufmerksamkeit tut nicht nur meinem Ego gut, sondern sie sorgt auch dafür, dass mein Gesicht und mein Name sichtbar werden und zwar in einem positiven Kontext, wie der Werber wohl sagen würde. Wenn ich das Champagner-Bild neben den Hashtags noch mit „Nach der Arbeit ist vor der Arbeit!“ oder „Auf all das Gute, das kommt! Prost!“ kommentiere und somit subtil zu verstehen gebe, dass ich schwer beschäftigt bin, bekomme ich noch mehr Likes. Dass der Champagner vielleicht nur Rotkäppchen Sekt ist, und ich noch nicht weiß, wovon ich meine nächste Miete bezahle, spielt dabei keine Rolle, interessiert auch keinen.

Das geht allen so, die in irgendeiner Weise in der Öffentlichkeit stehen: Wer gekauft werden will, muss beliebt sein und wer beliebt sein will, muss als Identifikationsfigur taugen. In einer Wettbewerbs- und Erfolgsgesellschaft heißt das: ein Gewinner sein. Wir Künstler haben es da noch am besten, wir können uns, im Gegensatz zu Politikern oder Sportlern, von Zeit zu Zeit ein kleines bißchen kokette Schwäche als Zeichen unserer besonderen Sensibilität leisten. Wer clever ist, lässt es aber niemals zu, sich im Moment der Schwäche erwischen zu lassen. Wer strauchelt und nicht mehr hochkommt, bevor er gesehen wird, bekommt kein Mitgefühl, er kommt ins Dschungelcamp.

Heldenmythen

Was hingegen gut ankommt, ist die Geschichte vom Phönix aus der Asche, vom hässlichen Entlein, das zum Schwan geworden ist oder einfach ein paar Scheiter-Anekdoten von früher. Geschichten erzählen ist schließlich unser Metier, und da das Leben ein miserabler Dramaturg ist, müssen wir eben ein bisschen nachhelfen. Erfolgreiche Menschen beziehungsweise Menschen, die den Eindruck vermitteln wollen, erfolgreich zu sein, tun das besonders gerne. Das funktioniert wie ein guter Witz: Eine falsche Fährte („Und dann saß ich da mit 100000 Euro Schulden und zwei gebrochenen Beinen…“) erzeugt erleichtertes Lachen bei der Pointe („Und dann kam eines Tages dieser Anruf…“). Das wirkt nicht nur sympathisch, sondern erhöht auch die Fallhöhe und den Kontrast zum heutigen Erfolg.

Wenn das Scheitern in unserer Branche thematisiert wird, dann also immer in der Retrospektive. So darf Schauspieler Matthias (der Sohn von Willy) Brandt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (2016) zwar Sätze sagen wie: „Ich habe eine tiefe Zuneigung zu Plänen, die schiefgehen“, „Ich mag Verlierer einfach lieber als Gewinner“ oder „Für mich ist Scheitern wesentlich, ich habe alles Wesentliche durch das Scheitern gelernt“. Er darf auch lustige Geschichten von seinen Patzern als Jugendfußball-Torwart und Jungschauspieler zum Besten geben, den „Selbstoptimierungsquatsch“ und das „elende Effizienzdenken“ anprangern. Aber NUR, weil im Kästchen zu seiner Person eine Erfolgsgeschichte zu lesen ist: seine Film- und Fernsehrollen, die Ankündigung seines neuen Buches, das in einem namhaften Verlag erscheinen wird – alles nicht gerade Insignien des Scheiterns…

Schauspieler spielen in der Regel Figuren, die sich ein Autor ausgedacht hat. Aber dem Publikum ist das egal! Es will selbst Geschichten über Verlierer von Gewinnern vorgespielt bekommen. Eine wunderbare, dicke Schauspielkollegin (dick sein ist in unserer Gesellschaft ein untrügliches Zeichen des Gescheitertseins) wurde für die Rolle einer dicken Frau gecastet. Sie hat sich gefreut, denn Rollen für dicke Frauen sind noch seltener als Rollen für Frauen über 25. Bekommen hat den Part dann allerdings eine dünne Kollegin, die für den Dreh in einen Fatsuit gesteckt wurde. Den konnte sie nach Feierabend ausziehen, und das machte sich dann einfach besser auf den Pressefotos.

Visionen vom Scheitern

In meinen kühnen Fantasien sind wir Schauspieler Identifikationsfiguren ganz anderer Art: als Meister, als Helden des Scheiterns, die vorleben, dass Scheitern, etwas zusammenbrechen lassen, auch lustvoll sein kann. Wie Kinder, die in mühevoller Arbeit eine Sandburg gebaut haben, diese mit Freude zerstampfen. Idole, die zeigen, dass man nur neue Wege entdeckt, wenn man es riskiert, sich zu verlaufen und schlussendlich nichts so viel Kraft kostet, wie dafür zu sorgen, dass alles so bleibt, wie es ist. Visionäre einer Gesellschaft, in der man etwas ausprobieren, sich umentscheiden, manchmal sogar aufgeben darf, ohne deswegen weniger wert zu sein. In der im Gegenteil klar ist, dass das, was uns von anderen unterscheidet, uns einzigartig und wertvoll macht, nicht unsere Fertigkeiten, sondern unsere Beschädigungen, unsere Verletzungen sind. Kühne Vorreiter, die die Magie des Moments mehr lieben, als sie die Gefahr des Scheiterns fürchten. Und das alles im erbarmungslosen Licht der Scheinwerfer, in aller Öffentlichkeit – ein sozialer Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden. Vielleicht hat früher einmal genau das den Reiz des Theaters ausgemacht.

Im Moment sieht die Realität anders aus. Zumindest auf den Brettern, die nicht nur die Welt, sondern auch die Miete bedeuten. Natürlich unterstehen alle Menschen mehr oder weniger dem Zwang, sich anzupassen, und das „Ich bin ein Sieger“-Spiel müssen nicht nur Schauspieler spielen. Aber lustigerweise sind genau sie es, die von Außenstehenden als unkonventionell und frei wahrgenommen werden, die sich in der Berufsrealität besonders stark an die Gesetze des internalisierten Kapitalismus anpassen müssen, um nicht unterzugehen.

Ich habe gelernt, aus genau diesen Bedingungen mein Spiel zu machen. Das tut zwar manchmal etwas weh, weil mein großer Traum einmal darin bestand, Text zum Leben zu erwecken, Buchstaben zu Menschen zu machen, und ich mich heute manchmal wie eine als Künstlerin verkleidete Unternehmerin fühle. Aber ich kann nicht sagen, dass mir das keinen Spaß macht. Zumindest nicht, solange es funktioniert. Und auch, solange ich wenigstens ab und zu meinem eigentlichen Beruf nachgehen darf. Das klingt opportunistisch, und das ist es wahrscheinlich auch, denn ich sehe im Moment tatsächlich keinen anderen Weg, als mich an die Gegebenheiten anzupassen. Bin ich deswegen gescheitert? Ich weiß nicht, wie es da den Kollegen geht – für mich wird die Idee, eine Schauspielerin zu sein wohl immer etwas von einer Wahnvorstellung, einem Hochstapler-Gefühl behalten. Und immer wieder einen Traum an den Klippen der Realität zerschellen zu sehen ist grausam und manchmal kaum auszuhalten. Doch in gewisser Weise erfüllt sich damit mein Traum, den ich mit fünfzehn hatte: Ich bin gezwungen, mich immer wieder als Mensch neu zu erfinden, mich weiterzuentwickeln. Schließlich bin ich keine Masochistin: Ich liebe das, was ich tue, und ich werde es nur genau solange tun, wie ich es liebe!

Zwischen Cannes und „kann nicht mehr“

Seitdem ich mit Daniel vor ein paar Wochen in der Weddinger Kneipe saß, ist einiges passiert. Die zwei Dinge, die den meisten Einfluss auf meine Zukunft haben könnten, habe ich an ein und demselben Tag erfahren: Ein Film, in dem ich eine große Rolle gespielt habe, wird bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt und – weitaus unerfreulicher – die Künstlersozialkasse will mich rausschmeißen, also nicht weiter versichern. Die Gründe dafür sind langweilig (außer wenn Sie Politiker sind: in diesem Fall kümmern Sie sich bitte darum, dass sich da so schnell wie möglich etwas ändert!), auf jeden Fall haben sie nichts mit mangelndem Erfolg zu tun, sondern mit Bürokratie. Das eine ein bedeutender Schritt in meiner Karriere, das andere das drohende Ende meiner Berufsausübung und meiner Zugehörigkeit zu den zwei Prozent, die vom Schauspielberuf leben können.

Ich überlege mir, Daniel zu fragen, ob an der Hotelrezeption noch Leute gesucht werden – immerhin würde mir so ein Job meine Krankenversicherung garantieren – oder ob ich nach Cannes fahren soll, zu meinem Film. Diese Extreme sind bezeichnend für mein Leben als Schauspielerin. Bei Facebook wird selbstverständlich nur Cannes gepostet und das ist auch gut und richtig so. Solange es Menschen gibt, an deren Schulter ich mich ausweinen kann wegen der Versicherungsgeschichte, die mir Mut machen und mit mir überlegen, wie ich aus dem Schlamassel wieder rauskomme, bin ich auf jeden Fall als Mensch nicht gescheitert.

 

Iris Boss lebt und arbeitet in Berlin. Dort studierte sie Schauspiel und verließ die Universität der Künste mit einem Diplom mit Auszeichnung. 2001 und 2002 wurde sie mit einem Stipendium für Schauspielnachwuchs der Ernst Göhner Stiftung ausgezeichnet. 
Seitdem ist sie auf allen Feldern des Schauspielerberufs tätig. Neben der Arbeit auf der Bühne ( u.a. Volksbühne Berlin, Junges Theater Göttingen ), steht sie für Film- und Fernsehproduktionen vor der Kamera, ist in Hörspielen ( u.a. RBB ) zu hören, tritt mit Lesungen auf und arbeitet als Moderatorin und Synchronsprecherin.

2017 hat sie eine Hauptrolle in Roland Rebers Kinofilm „Der Geschmack von Leben“ gespielt. Davor war sie, ebenfalls in einer Hauptrolle, im Schweizer Kinofilm „Oboleo“ zu sehenund spielte u.a. in der Schweizer Fernsehproduktion „Lina“, die den Publikumspreis an den Solothurner Filmtagen gewonnen hat und für den 3sat Publikumspreis nominiert war. 

In ihrem Blog „bossblogt“ schreibt sie über ihre Beobachtungen und Gedanken auf langen Theatertourneen durch die deutschsprachige Provinz und in ihrem Berliner Alltag. Aktuell schreibt sie an ihrem ersten Buch.

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