Geschrieben am 1. März 2022 von für Crimemag, CrimeMag März 2022

Frank Rumpel über Toine Heijmans „Pristina“

Abschiebung um jeden Preis 

Besprechung von Frank Rumpel samit Interview mit Verleger

Albert Drillings Bilanz ist makellos. Er ist ein reisender Bürokrat, ruhig, loyal, gut sortiert und zudem überzeugt, das Richtige zu tun. 134 Menschen hat er in den Niederlanden schon aufgespürt und zurück in ihre Herkunftsländer gebracht. Sie waren ohne Aufenthaltsstatus im Land, Illegale, die der Regierung irgendwann hätten Schwierigkeiten bereiten können. Deshalb schickt sie die Ein-Mann-Sondereinheit Albert Drilling, ein Spitzenbeamter des Ministeriums, der verdeckt ermittelt und weitreichende Befugnisse hat. 

Nun soll er auf einer kleinen niederländischen Insel eine junge Frau namens Kira Dostat ausfindig machen, deren Asylantrag abgelehnt wurde. Das ist nicht besonders schwer, die Insel ist klein und die Frau gibt sich bald zu erkennen. Allein: Sie heißt Irin Past und weiß selbst nicht, woher sie kommt. Kairo vielleicht? Albert Drilling fliegt hin, gerät (der Roman erschien im Original 2014) in die Wirren des „Arabischen Frühlings“ (großartige, wilde Szenen dort) und kehrt unverrichteter Dinge zurück. Derweil hat Irin einen Brief ihres verschwundenen Vaters gelesen. Sie sei eine Serbin aus Pristina, Kosovo, schreibt er. Sie weiß nicht, ob sie ihm trauen kann. Zum Kosovo hat sie keinerlei Verbindung. Mit fünf Jahren kam sie in die Niederlande, zog immer wieder um. Inzwischen ist sie Anfang 20, lebt länger in Holland, als sonst wo auf der Welt. Sie ist Niederländerin und für Drilling doch nur eine Illegale, die Nummer 135 auf seiner Liste. Diese Nummer 135 aber macht ihm zu schaffen, fordert ihn heraus, bringt manche Gewissheit ins Wanken.

Da ist etwa das: Als die beiden am Strand lang gehen, Drilling sie überzeugen will, finden sie eine Bombe, Übungsmunition. Auch die Niederländer beteiligten sich 1999 am Nato-Einsatz im Balkan und warfen dabei unter anderem 173 Streubomben ab. Jede enthielt 202 kleine Bomben. Die explodierten irgendwo – oder auch nicht. Das internationale Verbot von Streumunition kam erst 2010. „Sie haben mich hierher bombardiert“, sagt Irin, „und jetzt schicken Sie mich zurück“. 

Toine Heijmans © Merlijn Doomernik

Auch wenn es hier so klingen mag, hat der 1969 geborene Toine Heijmans mit „Pristina“ kein Moralstück geschrieben. Er weiß das mit sarkastischen Pointen immer wieder zu unterlaufen. Was seine Protagonistin da beschreibt, weiß sie in diesem Moment selbst erst ein paar Tage, seit sie Hinweise auf ihre wirkliche Identität erhielt und sich erstmals in ihrem Leben mit dem Kosovo und dem Krieg dort auseinandersetzte. Für sie ist es aber auch eine Strategie, um ihr Gegenüber mürbe zu machen, zumal sie ihre Karten virtuos auszuspielen weiß. 

Toine Heijmans ist Autor (in Übersetzung erschien bisher nur sein Debüt „Irrfahrt“ und das ist auch schon zehn Jahre her) und Journalist. Er arbeitet für die Amsterdamer Tageszeitung De Volkskrant. In den Niederlanden gab er auch zwei Bände mit seinen Reisereportagen heraus und bekam für einen Text den Antidiskriminierungspreis der Europäischen Union. Heijmans ist engagiert, nimmt sich gern schwieriger Themen an – auch in diesem, als erster Roman der kleinen Aachener Edition Amikejo (was laut Verlag Esperanto ist und „Ort der Freundschaft“ bedeutet) erschienen Buch. Heijmans  versteht es, leicht und geschmeidig zu erzählen, mit Humor und Sensibilität einer bizarren Realität zu Leibe zu rücken, die sich bei ihm in jeder Menge Details zeigt. Nachdem Drilling in Kairo (nochmals: großartige Szenen dort!) gescheitert ist, fährt er nach Pristina (auch hier zeigt sich wieder der nuancierte Blick des Reisereporters), hat zwar Schwierigkeiten, dort Serben zu finden, an seiner Entschlossenheit aber ändert das nichts. 

Drilling und die junge Frau haben einiges gemeinsam: Auch Drilling ist meist ein anderer, trägt falsche Namen, nutzt falsche Pässe. Beide spielen sie das Spiel mit wechselnden Identitäten und zeigen, wie wacklig doch die Konzepte von Herkunft, Zugehörigkeit und Heimat sind. Während Irina Past aber versucht, endlich anzukommen, ist Drilling ein Reisender, der seine Haltlosigkeit unter Pflichtbewusstsein vergräbt und als Ersatz für fehlende Verbundenheit mit einem Ort Schlappen aus Luxushotels der Welt sammelt, in denen er die Heimreise seiner Illegalen vorbereitet. 

Wunderbar spitzt Heijmans den Konflikt zwischen den beiden zu, die sich belauern, zu überzeugen versuchen und dabei gleichzeitig ihre eigenen Positionen ständig neu überdenken müssen. Damit bringt Heijmans all die gesellschaftlichen und politischen Irrwege, Sackgassen und absurden Auswüchse in der Migrationspolitik sehr schön auf den Punkt. Um eine Person auszuweisen, wird da ein unendlich großer Aufwand betrieben, Aufwand zumal für eine Frau, die längst ihren Platz gefunden hat.  

Toine Heijmans: Pristina (Pristina, 2014). Aus dem Niederländischen von Ruth Löbner. Edition Amikejo, Aachen 2022. 348 Seiten, 14,50 Euro.

Oliver Vogt © Oliver-Pascal Moors

Grenztransfer – Ein Interview mit Verleger Oliver Vogt

Toine Heijmans „Pristina“ ist der erste Roman, der in der Aachener Edition Amikejo erscheint, die bisher nur Sammelbände veröffentlichte. Grund genug, mal bei Verleger Oliver Vogt nachzufragen. 

Frank Rumpel: „Pristina“ ist die erste Romanübersetzung, die Sie in ihrer Edition Amikejo veröffentlichen. Was hat Sie denn bewogen, nach einigen Sammelbänden von mehrsprachigen Schreibprojekten nun auch Romane auf den Markt zu bringen?

Oliver Vogt: Die edition amikejo ist ein vereinsinterner Verlag des EuregioKultur e.V. und wurde mit dem Ziel gegründet, die grenzüberschreitende literarische Projektarbeit des Vereins zu unterstützen. Dies betraf zunächst das Projekt „NXT TXT Awards“ – einen Wettbewerb für Nachwuchsautor*innen aus der Euregio Maas-Rhein, dessen Preisträger*innen-Texte bei der edition amijeko in einer dreisprachigen Publikation veröffentlicht wurden. 

Im Rahmen des Projekts „Euregio-Schüler-Literaturpreis“ nominiert der Verein jährlich sechs Romane zeitgenössischer Autor*innen – darunter zwei deutsch- zwei französisch- und zwei niederländischsprachige Werke. Eines der Kriterien für die Nominierung ist die Verfügbarkeit eines Buches in allen drei Sprachen der Euregio (De/Fr/Nl). Die Schüler wählen dann bei einem gemeinsamen Jurytag ihr Lieblingsbuch und ehren den/die Preisträger/in im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung. Da die Auswahl an übersetzter niederländischsprachiger Literatur häufig sehr begrenzt ist, haben wir uns mit der edition amikejo die Möglichkeit geschaffen, gezielt für das Projekt geeignete niederländische Romane ins Deutsche übersetzen zu lassen und herauszugeben. 

Der Roman scheint ja, wenngleich im Original 2014 erschienen, thematisch wie gemacht für Ihr Programm. Wie kamen Sie auf Heijmans?

OV:„Pristina“ war ein Zufallsfund. Wir waren auf der Suche nach einem niederländischsprachigen Roman, der bereits ins Französische, aber noch nicht ins Deutsche übersetzt ist und stießen dabei auf „Pristina“. Toine Heijmans war uns schon von seinem ersten Roman „Irrfahrt“ („Op Zee“) bekannt, ein Buch, das uns gut gefallen hatte und das wir im Jahr 2014 bereits für den Euregio-Schüler-Literaturpreis nominiert hatten. So waren wir gleichermaßen überrascht wie froh, dass die Rechte für seinen zweiten Roman in Deutschland noch nicht verkauft waren und haben schnell zugeschlagen.

Aus Ihrer Sicht werden also zu wenig niederländische Romane ins Deutsche übersetzt?

OV: Es werden insgesamt zu wenige Romane ins Deutsche übersetzt und die wenigen niederländischsprachigen Veröffentlichungen stellen uns aktuell immer wieder vor das Problem, dass es sich dabei nur sehr selten um „jugendfreie“ Literatur handelt (wobei wir ausdrücklich Erwachsenen-Literatur und keine Jugendbücher auswählen), wo für die jungen Leser*innen die Grenze des Zumutbaren oft überschritten wird.

In welche Richtung wollen Sie mit der Edition gehen?

OV: Wie es weitergehen wird, lässt sich im Moment nur schwer sagen. Solange es eine ausreichende Auswahl an niederländischsprachiger Literatur auf dem Buchmarkt gibt, die wir für unseren Preis nominieren können, müssen wir verlegerisch nicht unbedingt aktiv werden. Obschon das natürlich eine sehr reizvolle und interessante Tätigkeit ist und ich mir gut vorstellen kann, dass wir uns schon bald einen weiteren Titel vornehmen werden.

Tags : , ,