Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Weltempfänger 57

Krimi oder nicht? Einige Gedanken zum aktuellen Weltempfänger von Jury-Mitglied Sonja Hartl

Zwei Kriminalromane stehen auf dem Weltempfänger – sage zumindest ich: „Echos der Stille“ von Chuah Guat Eng und „Wie die einarmige Schwester das Haus fegt“ von Cherie Jones. Bei letzterem Titel waren wir uns in der Jury nicht ganz einig, ob es ein Krimi ist. Ulrich Noller brachte es bei dem Weltempfänger-Quartett in Frankfurt auf die diplomatische Formel, das Buch sei ein Krimi und sei es doch auch wieder nicht.

Damit passt der Titel gut in einen Trend der Gegenwartsliteratur, in dem die Grenzen zwischen Genre und Nicht-Genre immer mehr vermischen. Deshalb halte ich an dieser Stelle fest: Cherie Jones ist ein von Karen Gerwig glänzend übersetzter Roman, der auf Platz 1 des 57. Weltempfängers steht – und von September bis November auf der Krimibestenliste stand.

Eine meiner Autorinnen-Entdeckungen des Jahres steht indes auf Platz 3: Jennifer Nansubuga Makumbi mit „Die erste Frau“. Sie wurde 1967 in Uganda geboren, lebt mittlerweile in England und „Die erste Frau“ ist ihr erstes Buch in deutschsprachiger Übersetzung (von Alakati Neidhardt) in dem 2022 gegründeten Interkontinental-Verlag. Der Roman setzt im Mai 1975 ein. Kirabo ist 12 Jahre alt, lebt in Natteta, einem kleinen Ort im Kayunga District, und sorgt sich um zwei Dinge: Manchmal verlässt sie ihren Körper und fliegt durch die Gegend. Und sie weiß nicht, wer ihre Mutter ist. Hilfesuchend wendet sie sich an die „Dorfhexe“ – und auf über 500 Seiten begleitete ich Kirabo beim Erwachsenwerden und begegnete noch einer ganzen Reihe anderer interessanter Frauen und ein paar Männern.

„Die erste Frau“ setzt vielen weitverbreiteten westlichen Bildern von Afrika etwas entgegen: eine Kindheit auf dem Dorf muss nicht von Armut und Not geprägt sein, Kirabos Großeltern sorgen und kümmern sich um sie, das ganze Dorf achtet auf sie. Sehr deutlich werden die Unterschiede zwischen Arbeiter- und Mittelklasse, zwischen denen, die Land besitzen, und denen, die es nicht tun, zwischen Stadt und Land. Es gibt in diesem Buch sehr verschiedene Formen der Unterdrückung – und Feminismen, die sich oftmals von den europäischen unterscheiden. Manche Sätze sind aber auch universell: „Denk daran, ein guter Mensch zu sein, nicht ein gutes Mädchen. Gute Mädchen haben viel zu leiden in diesem Leben.“

An so manchen Feminismen habe ich mich durchaus gerieben – aber das gehört ja dazu, wenn man etwas über ein Land erfahren will. Makumbi greift auf orale Traditionen zurück, bindet sie sehr klug in ihre Erzählung ein. Viel gelernt habe ich über Uganda in den 1970er und 1980er Jahren. Es ist die Zeit Idi Amins, was dieser Roman nicht ausblendet, aber es überlagert ihn auch nicht. Kirabo ist eine Jugendliche, sie weiß, dass sie sich von bestimmten Mädchen in ihrem Internat fernhalten muss, weil deren Väter für Amins Regierung arbeiten, aber hauptsächlich leidet sie unter den Kleidungsvorschriften: sie hat sehr dünne Beine und deshalb sähe sie in Jeans wirklich gut aus. Die sind aber verboten. Makumbi gelingt es, über historische Gegebenheiten zu schreiben, ohne dass ihr Buch zu einem „Roman über“ wird. Das hat mich sehr beeindruckt – und nicht nur deshalb habe ich mir schon ihre anderen Bücher besorgt, die noch nicht übersetzt sind.

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