Geschrieben am 1. Mai 2022 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2022

Sonja Hartl über Walter Mosleys Easy Rawlins

Sonja Hartl zu einer publikationspolitisch bei uns sehr zersplitterten Romanreihe

Cover der Neuauflage bei Kampa

Manche Autor:innen haben eine sehr wechselvolle Publikationsgeschichte – Walter Mosley gehört definitiv dazu. Seine beiden Socrates-Forlow-Bände sind im Unionsverlag (in hervorragender Übersetzung von Pieke Biermann) erschienen. Die Leonid-McGill-Serie bei Suhrkamp. Seine Reihe um Easy Rawlins erschien bereits bei Knaus, Argon und S. Fischer, die Taschenbücher teilweise bei btb, der letzte Band in deutscher Übersetzung ist „Blonde Faith“ aus dem Jahr 2010. In den USA sind seither drei weitere Bände erschienen, aber eben hier nicht übersetzt. Und deshalb habe ich mich durchaus gefreut, als ich entdeckt habe, dass der Kampa Verlag nun Walter Mosley abermals publiziert – allerdings nicht die bisher unübersetzten Teile oder eine Neuübersetzung, sondern sie starten mit dem dritten Teil „Ein weißer Schmetterling“. Noch nicht einmal der stärkste Teil der Reihe. Das irritiert mich ein wenig, mal abgesehen davon, dass diese Bücher in dieser Übersetzung problemlos gebraucht gekauft werden können. Aber gut, immerhin bekommt Mosley nun wieder in wenig Aufmerksamkeit, dachte ich mir. Nun habe ich gesehen, dass der neuste Teil der Reihe, „Blood Grove“, im Herbst in deutscher Übersetzung von Jürgen Bürger erscheinen wird. Allerdings nicht bei Kampa, sondern Ars Vivendi – also ein weiterer Verlag für Walter Mosley.

Los Angeles bei Mosley

Die zwischen 1990 und – Stand heute – 2021 entstandene 15-teilige Reihe um den privaten Ermittler Easy Rawlins erzählt vor allem von den Erfahrungen eines Schwarzen Mannes in Los Angeles von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der 1960er Jahre – und damit einer entscheidenden Phase des Kampfes für Bürgerrechte. Der erste Teil „Devil in a Blue Dress“ (1990; Teufel in blau, 1992, Thomas Mohr) setzt im Jahr 1948 ein. Easy Rawlins sitzt in einer Bar in der 103rd Street in Watts in Los Angeles und sieht erstaunt, dass ein Weißer den Laden betritt. Es ist DeWitt Albright, der Easy damit beauftragen wird, Daphne Monet zu suchen. Mit diesem Anfang greift Mosley Raymond Chandlers „Farewell My Lovely“ auf, in dem der weiße Detektive Philip Marlowe eine Bar betritt, in der Schwarze sitzen. Mosley verändert hier die Perspektive: Bei Chandler ist diese Bar ein „exotischer“ Ort, an dem Marlowe eine Frau sucht; Mosley etabliert hier eine Schwarze Perspektive. Bei Chandler ist Watts eine fremde, eine wilde Gegend, bei Mosley eine lebendige Gemeinschaft. Er romantisiert nicht die Armut oder die Gewalt, vielmehr repräsentiert er das Viertel als Ort mit einer Gemeinschaft, die eine eigene Geschichte sowie Lebensweisen hat. Easy ist mit seiner Sprache, seinem Geschmack in Essen und Musik, mit seiner Herkunft schlichtweg Teil dieser Gemeinschaft.

Schon mit diesem ersten Teil wird klar, dass Mosley an die hard-boiled-Tradition anknüpft: er ist auf den mean streets unterwegs, taucht in gesellschaftliche Randbereiche ein, leistet beständig Widerstand gegen die Nötigung von (weißen) Autoritäten, greift auf illegale Mittel zurück. Dazu kommt eine kommentierende Ich-Erzählhaltung, die zwischen der Vergangenheit der Handlung und der Gegenwart des Erzählens wechselt. Aber: Ganz in Tradition von Chester Himes wird bei Mosley deutlich, dass nicht jeder starke, kluge Mann die mean steets beherrschen kann – wie es Chandler in „The Simple Art of Murder“ behauptet hat. Marlowe kann außerhalb des Gesetzes und nach eigener Moral handeln, dieser Raum ist geschützt durch sein Wissen, mit dem er Polizei einen Schritt voraus ist. Aber er hat diese Handlungsfreiheit, weil er ein weißer Mann und deshalb privilegiert ist. Easy wird hingegen bei seinen Nachforschungen geschlagen, bedroht und fast getötet – von weißen Polizisten und Politikern, von weißen und Schwarzen Kriminellen. Er weiß, dass ihm die Polizei jeder Zeit ein Verbrechen anhängen kann und damit durchkommt. Easy ist sich seiner Verwundbarkeit in diesem rassistischen System bewusst – sein Handlungsspielraum ist gänzlich anders als der von Marlowe.

Einsame Held:innen

Damit hinterfragt Mosley auch die Genrekonvention des „einsamen Helden“, den Chandler als Prototypen in „The Simple Art of Murder“ gezeichnet hat. Easys Fähigkeiten und sein Ansehen entspringen gerade der Teilhabe an einer Gemeinde und seinem Wissen um Gemeinsamkeit. Dadurch entwickelt er eine Alternative zu Chandlers bürgerlicher, weißer sozialer Ordnung. Es ist bezeichnend, dass genau dagegen auch in den 1980er Jahren Autorinnen wie Marcia Muller, Sara Paretsky und Sue Grafton angeschrieben haben (um mal in den USA zu bleiben). Auch ihre Privatdetektivinnen agieren innerhalb einer sozialen Gemeinschaft und bauen auf ein Netzwerk an Kontakten und Beziehungen. Chandlers Ordnung ist also nicht nur weiß, sondern auch zutiefst maskulin.

Auch verändert sich das Bild der Stadt. Bei Chandler stammt diese gewisse Paranoia, die Los Angeles zugeschrieben wird, aus der Verbindung aus mean streets und Großstadt. Asian-Americans, Latinos und Schwarze kommen – wie später in Ellroys L.A.-Quartett – nur am Rande vor. Los Angeles ist aber auch die Stadt, die schon 1913 bei W.E.B. DuBois als Ort der grenzenlosen Möglichkeit galt. In Chester Himes „If He Hollers Let Him Go“ (1945) erhofft sich der Protagonist in Los Angeles ein besseres Leben, kommt dann aber zu dem resignierten Schluss, dass er sich mit den Ungerechtigkeiten abfinden muss. Auch Easy hat einst den Fifth Ward von Huston verlassen, um in Los Angeles einen Ort zu finden, an dem er sich respektiert, sicher und wohlfühlen kann. Er hat die Sehnsucht, sich innerhalb der Stadt zu bewegen, ohne Angst vor gewalttätigen Übergriffen zu haben. Dabei hält er sich mit seinen Bewegungen durch Los Angeles eine imaginäre Landkarte, die geprägt ist von seinem Wissen über die Segregation und den Rassismus der Stadt. Er kennt die unsichtbaren Grenzen und Verbote.

Blues und home

US-Ausgabe von „Blood Grove“

Mit ihm erkundet man diese Stadt. In dem nun abermals erschienenen „White Butterfly“ (1992, Der weiße Schmetterling, 1995, Dietlind Kaiser) führen ihn seine Ermittlungen in die Bone Street, die für die Jazz-Ära in Watts stand. Mittlerweile aber sind die Jazz-Musiker in Richtung New York weitergezogen – und Los Angeles bleibt der Blues. Solche Details finden sich in jedem der Bände – dazu entsteht in ihnen ein Geflecht an wiederkehrenden Figuren, die sehr wichtig für einen wichtige Aspekt dieser Reihe sind: Rawlins‘ Suche nach einem home. Anfangs ist damit ein konkreter Ort gemeint, im Verlauf der Romane geht Easy aber dazu über, home in seinen emotionalen Beziehungen zu finden. Oftmals diese Suche als sein Streben in die Mittelklasse gedeutet, aber das eigene Haus hat eine weitaus größere Bedeutung: es ist ein Ort, an dem man jemand ist, an dem man sich wohlfühlen kann, respektiert, sicher und behaglich. Es ist Zufluchtsstätte, aber auch Exil. Anfangs ist das „Zuhause“ vor allem ein Gebäude, aber Esay gerät regelmäßig in Gefahr, wenn er versucht, das Geld für die Hypothek aufzubringen (Devil), außerdem muss er immer wieder sein Haus verlassen, um nicht verletzt zu werden. Deshalb geht er dazu über, statt in Gebäude in emotionales Kapital zu investieren – und diese Entwicklung ist hochinteressant nachzuverfolgen.

Ich weiß nicht, ob so viele Verlage tatsächlich gut sind für einen Autor. Aber ich freue mich darüber, dass Walter Mosley nun mit „Blood Grove“ noch einmal mit einem neuen Buch eine Chance auf dem deutschen Buchmarkt erhält. Und ich bin auch gespannt, wie Leser:innen auf „Blood Grove“ reagieren, die die vorherigen Teile nicht kennen – wie sie die Figur, diese Art von Literatur wahrnehmen.

Sonja Hartl

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