Geschrieben am 1. Juni 2022 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2022

Tobias Gohlis: Die Voltaire-Biographie von Volker Reinhardt

Die Perücke der Aufklärung

Eine Radierung seines Hofporträtisten Jean Huber zeigt den Mittsiebziger in voller Perücke im pelzgesäumten Rock auf den Knien. Hinter ihm stützt ein Diener den gebrechlichen Alten mit in frenetischer Begeisterung ausgebreiteten Armen und hindert ihn so am Umfallen. Mit dem Rücken zu Betrachter, ebenfalls die Arme halb zur Begrüßung, halb in Bewunderung ausgebreitet, will sich Mademoiselle Clairon in die Arme des Schlossherrn von Ferney werfen; so empfing Voltaire die Hauptdarstellerin seiner späten Tragödien. 

Unendlich fremd kommt einem das zweihundertfünfzig Jahre später vor, in einem kulturellen Augenblick, in dem das Projekt Aufklärung, das mit seinem Namen so untrennbar verbunden ist, schon wieder in Verruf geraten ist, als rassistisches, frauenfeindliches, antisemitisches, eurozentrisches Eliteprojekt des reichen Westens und Nordens. Vergessen, dass die Methoden auch dieser Kritik ihre Ursprünge dort haben, wo Urur-Enkel:innen jetzt mäkeln. 

Wo der Greis mit Perücke vor einer Schauspielerin kniete, deren niederer Stand verbot, anders denn als Mademoiselle tituliert zu werden. 

Hubers Bild entstand zu einem Zeitpunkt und an einem Ort, wo Voltaires „Abenteuer der Freiheit“, im Zenit stand. Voltaire war durch geschickte Börsenspekulation und -manipulation so steinreich geworden, dass er sich in einem Winkel Frankreichs, der in Fluchtweite zum bürgerlich-republikanischen Genf lag, ein Dorf mitsamt Untertanen und Schloss leisten konnte: Ferney. Von weither kamen Adlige und Bürger, um den alten Knatterton zu sprechen, der längst zur Institution, zur Verkörperung des Widerspruchsgeists der Aufklärung geworden war, zum zerknitterten Lokalherrscher, der immer noch fürchten musste, von seinem Landesherrn, König Ludwig XV., in die Bastille gesteckt zu werden. 

Voltaire empfängt Mademoiselle Clairon © Wiki-Commons

Unabhängigkeit ist eines der Stichworte, das der Historiker Volker Reinhardt in seiner Biographie ins Zentrum stellt, die er entlang der ca. 700 Tragödien, Komödien, Epen, Novellen, Essays, Streitschriften, Geschichtsbücher und philosophischen Lexika umfassenden Werke Voltaires verfasst hat. 

Unabhängigkeit des Geistes zu allererst: Voltaire war immer bereit, unter vollem Einsatz der Ironie, sich selbst zu widersprechen, vor allem, wenn er zu einer neuen Erkenntnis gelangt war. Als Dramatiker, als der er sich hauptsächlich verstand, entwickelte er seine philosophischen Ansichten im Dialog, selbst seine philosophischen Wörterbücher sind nach dem Alphabet in Essays geordnet, um sich widersprechen zu können und sind daher auch nicht als abgeschlossen zu betrachten. Auch seine philosophischen Erzählungen (Candide, Zadig), eine Gattung, die Voltaire zur Blüte getrieben hat, entwickeln sich im ständigen Widerspruch.

Unabhängigkeit von Potentaten: Auf der Flucht vor dem Hof Ludwigs XV. und der ihn beherrschenden klerikalen Mafia nahm er das Angebot Friedrichs II. von Preußen, mit dem er schon als Kronprinz artige philosophische Billets getauscht hatte, gerne an, bei ihm Asyl, Unterkunft und Auskommen zu finden. Als dieser aber seine Imperatorseite zeigte flüchtete Voltaire in die Freie Reichsstadt Frankfurt. Gegenüber Friedrich, der den heutzutage wieder in Mode gekommenen Eroberungskrieg zur Arrondierung des hauseigenen Imperiums benutzte, beharrte Voltaire darauf, dass Krieg nur dann und nur dann ein gerechtfertigtes Mittel der Politik sei, wenn er zur Landesverteidigung geführt wurde. Eine wahrhaft humanistische Position in einer Zeit, als Kriege ausschließlich aus dynastischen Gründen geführt wurden und es auf ein paar Zehntausend arme Tote nicht ankam.

Unabhängigkeit gegenüber der Kirche und der Theologie als Verbrämung ihrer Machenschaften ist das Terrain, das Voltaire („Écrasez L’infâme!“) im kulturellen Gedächtnis fixiert hat. Reinhardt rekonstruiert die Phasen der philosophischen  Auseinandersetzung Voltaires mit der Frage nach der Existenz Gottes und dem publizistischen Krieg, den er gegen die Macht der Religion und ihren Missbrauch in der Gesellschaft führte. Voltaire einigte sich in der ersten Frage, in der er immer wieder zwischen Leugnung und Deismus schwankte, im Alter auf eine milde Form des letzteren: Er schloss eine schöpferische Instanz, die das alles irgendwie in Gang gesetzt hat (inklusive der Naturgesetze, die der angebetete Newton gerade formuliert hatte), nicht aus. Wohl aber polemisierte er heftig gegen jede theologische Verklärung, sobald der Glaube an einen  Schöpfergott sich zur institutionalisierten Religion verfestigt hatte. Denn das schließe – egal welche Religion oder Konfession – immer zwanghaft die moralische Rechtfertigung menschlicher Taten und Untaten mit ein. 

„Ich weiß unleugbar von einem Wesen, das notwendig, ewig, erhaben, durchdringend ist; nur sagt mir das nicht der Glaube, sondern die Vernunft“, heißt es im Abschnitt „Der Glaube“ in Voltaires weit verbreiteten „Philosophischen Wörterbuch“; und fährt fort: „Ich habe kein Verdienst zu denken, dies ewig unendliche Wesen […] wolle mich gut und tugendhaft. Der Glaube fordert von uns nicht, zu bejahen, was wahr scheint, sondern was unser Verstand falsch nennt.“ Eingeleitet wird dieser Artikel mit einem überaus witzigen Gespräch zwischen Papst Alexander VI. (Borgia) und Pico della Mirandola über die Frage, ob man glauben dürfe, dass Alexander und nicht der als impotent geltende Gatte von Alexanders Tochter Lukrezia Vater des Kindes sei, mit dem sie schwanger war. Zur Auseinandersetzung Voltaires mit der Kirche gehören auch einige Fälle, in denen er publizistisch den Opfern einer klerikal dominierten Justiz zur Seite stand. Berühmt ist der Fall Calas, in dem katholische Fanatiker einem protestantischen Vater vorwarf, er habe seinen Sohn ermordet, damit dieser nicht zum Katholizismus übertreten könne, obwohl dieser vermutlich Selbstmord begangen hatte. Voltaire schrieb darüber nicht nur Essays über Fanatismus und Toleranz, er trug durch seine Publizistik zur posthumen Rehabilitation des Vaters bei, der in einem Akt von Justizterror hingerichtet worden war. 

Als sich Voltaire gegen eine ähnliche gelagerte mörderische Hetzjagd gegen die Familie Sirven engagierte, gelang es ihm, sogar Teile des europäischen Hochadels gegen die Hinrichtung zu mobilisieren. Voltaire bezeichnete die Öffentlichkeit als obersten Richter: „Es ist möglich, dass es die Formalitäten der Jurisprudenz verhindern, dass das Anliegen der Sirven dem königlichen Rat vorgelegt wird, aber der Öffentlichkeit (public) liegt dieser Antrag vor, und dieser Richter aller Richter hat sein Urteil gesprochen und an diesen Richter wenden wir uns.“ Reinhardt kommentiert diese Inthronisation der Vierten Gewalt folgendermaßen: „Die Französische Revolution begann 1766 und nicht erst 1789.“

Noch krasser – gemessen an der Nichtigkeit des „inkriminierten“ Delikts – war der Fall de la Barre, in dem drei junge Adelige, die bei einer Prozession nicht vorschriftsmäßig gegrüßt hatten, wegen Schändung einer Heiligenfigur, die sie nicht begangen haben konnten, zum Tode verurteilt wurden. 

Diese Fälle waren Anlass für Voltaire, sich zum Fürsprecher einer unbegrenzten Toleranz zu machen, in der Annahme, unter gebildeten Leuten werde das bessere Argument sich durchsetzen.

Reinhardt hebt in seiner Biographie viele Aspekte hervor, die heute noch von Bedeutung sind: Voltaire als Begründer einer kulturhistorischen Geschichtsschreibung, die nicht die adligen Haupt- und Staatsaktionen, sondern kulturelle, wirtschaftliche und soziale Umstände als Ursachen und Motive verortet; als Begründer einer text- und ideologiekritischen Bibelkritik (Jesus als hervorragender Jude, den Priester zum Gott erklärten); vor allem aber als Vertreter einer skeptisch-ironischen Geisteshaltung, die mit ihrer Infragestellung aller zeitgenössischen Werte „als Dreifachimmunisierung gegen Dogmatismus, Ideologiegläubigkeit und Selbstüberschätzung“ (Reinhardt im Deutschlandfunk Kultur) nach wie vor dienen kann. 

Reinhardt lässt sich von seiner Verehrung aber nicht dazu hinreißen, Voltaires zunehmende intellektuelle Eitelkeit zu kritisieren. Dies vor allem im Fall seiner Kontroverse mit Rousseau, den Voltaire mit Schmähgedichten unterhalb  der Gürtellinie attackierte. Jan Böhmermanns Schmähgedicht gegen Erdogan steht in dieser Tradition. 

Redlich bemüht sich Reinhardt, den Dramatiker Voltaire zu würdigen, aber ehrlich gesagt, seine der Zensur wie dem literarischen Klassizismus geschuldeten Dramen mit ihren in exotischen oder antiken Verkleidungen agierenden Figuren reißen einen nicht vom Hocker. Reinhardt steigt ihnen getreulich in ihre subversiven zeithistorischen Bezüge nach, kann aber auch dadurch für den Theaterautor nicht begeistern. 

Mir, zugegeben kein Kenner des 18. Jahrhunderts, fehlen bei Reinhardt hingegen plastische Schilderungen der kulturellen, politischen und historischen Umstände, unter denen Voltaire sein „Abenteuer der Freiheit“ zwischen höfischer Unterwerfung und Verfolgung, zwischen aufkommender Bürgerlichkeit und adliger Contenance, zwischen Aufklärung und erzwungener Bigotterie führen musste. Hier hätte mehr großes Gemälde als kleinteilige Zeichnung gutgetan. 

Besonders beeindruckend fand ich zwei Aspekte, die Reinhardt hervorhebt: Auf der Flucht vor dem französischen Hof verbrachte Voltaire die Jahr 1726 bis 1729 in England, wo er die englisch-schottische Aufklärung kennen lernte und zum lebenslangen Verehrer Newtons wurde. Die gewonnene Weitsicht schlug sich nicht nur in bissigen philosophischen Briefen, die unter der Hand kursieren mussten, nieder, sondern auch in der 15 Jahre währenden Liebes- und Freundschaftsbeziehung zu Madame Gabrielle du Châtelet, einer bedeutenden Physikerin und Mathematikerin, die gegen den französischen Obskurantismus moderne Naturwissenschaft verbreiten half. Weshalb auch Voltaire von Reinhardt als Feminist avant la lettre dargestellt wird: Frauen hielt er als ebenso verstandes- und vernunftbegabt wie Männer. 

Was aber Voltaire noch lange nicht zum Demokraten macht: Seine Aufklärung war das Projekt einer Gelehrtenrepublik, das Volk war seiner Erziehung bedürftig und keineswegs zu Vernunft aus eigener Kraft fähig. 

Während ich das schreibe, zucke ich vor den Vereinfachungen und Zuspitzungen zurück, die eine Rezension zur Begrenzung zwingt. Deshalb rate ich allen, denen die Vernunft und ihre widersprüchlichen Anfänge ein Anliegen sind: Lest die Biographie von Volker Reinhardt; vor allem aber lest Voltaire. Von dem eine wissenschaftliche Werkausgabe immer noch im Entstehen ist; auf Deutsch sind nur  Klassiker wie Zadig und Candide lieferbar; eine zweibändige Auswahl seiner kritisch-satirischen Schriften erschien zuletzt 1970! 

Ich konnte sie nur mit Hilfe meiner Antiquarin Susanne erwerben, deshalb sei ihr dieser Artikel gewidmet.

Tobias Gohlis

Volker Reinhardt: Voltaire – Die Abenteuer der Freiheit. Eine Biographie C.H. Beck, München 2022. 610 Seiten, mit 52 Abbildungen, 1 farbigem Frontispiz und 2 Karten, unvollständigem Personenregister, 32 Euro.

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