Geschrieben am 1. Juli 2021 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2021

Thomas Wörtche über „Die Idealisten“ von Viet Thanh Nguyen

Nach gerade mal zehn Seiten setzt Viet Thanh Nguyen in seinem zweiten Roman „Die Idealisten“ das erste kräftige Ausrufezeichen. Sein Ich-Erzähler ist tot, er hat zwei Löcher im Kopf und bezeichnet sich als „Ghostwriter“. Wer also nach Nguyens vielgepriesenem Polit-Thriller „Der Sympathisant“ einen weiteren, eher realistischen Roman erwartet, sieht sich düpiert. Auch wenn das Personal der „Idealisten“ partiell dasselbe ist wie das des „Sympathisanten“.  

Der bis dahin namenlose Erzähler, der, so zeigt sich später, möglicherweise Vo Danh heißt, ist im Paris des Jahres 1981 gelandet: Als „Boat People“ aus einem kommunistischen Umerziehungslager in Vietnam kommend, wo er sich als kommunistischer als anti-kommunistischer Agent legendiert hatte, rutscht er zusammen mit seinem Blutsbruder Bon in die Pariser Drogen- und Prostitutionsszene. Er macht eine kleine Karriere als Laufbursche und Dealer für einen exilierten südvietnamesischen Gangsterboss, weil ihm inzwischen sein politisch-moralischer Kompass abhandengekommen scheint. Bon, der so viele Kommunisten umbringen möchte, wie er nur kann, weiß nicht, auf wessen Seite sein Blutsbruder wirklich steht – die Katastrophe ist programmiert, denn spätestens wenn der dritte Blutsbruder, Man, auftaucht, der gleichzeitig der Führungsoffizier unseres Helden ist, fliegt dessen Tarnung auf.

Kompliziert?

Ja, in der Tat, und ohne Kenntnis des „Sympathisanten“ nur mühsam zu verstehen. Zumal der Protagonist keine „eigentliche“ Identität mehr hat.

Ich bin auch nach wie vor ein Mann mit zwei Gesichtern und zwei Seelen, von denen eine vielleicht doch unversehrt geblieben ist. Mit zwei Seelen verfüge ich über die Fähigkeit, alles von zwei Seiten zu betrachten. Während ich mir einst geschmeichelt habe, dies als Talent zu betrachten, begreife ich es jetzt als Fluch. Was war ein Mann mit zwei Seelen außer ein Mutant? Vielleicht sogar ein Monster. Ja, ich gebe es zu. Ich bin nicht nur einer, sondern zwei.

© BeBe Jacobs

Identität definiert auch die Wahrnehmung von Welt. Und so ist „Die Idealisten“ ein Roman über Perspektiven und deren Wertewelt: Wie sehen die ehemals Kolonisierten ihre Kolonialherren? Dem Pulitzerpreisträger Nguyen geht es genau um diese Perspektivverschiebung, weil in den meisten westlichen Narrativen, und seien sie noch so kolonialismuskritisch, der „fremde Blick“ marginal bleibt. Dieses Verhältnis dreht Nguyen um, wohl wissend, dass dennoch „Authentizität“ nicht mehr zu haben ist. Dass der Autor diese grundsätzliche Problematik in diesem Buch als Gangsterroman inszeniert, hat eine innere Logik, denn er schließt sein Konzept an die französische Spielart des politischen Kriminalromans an, an den Néo-Polar, an Jean-Patrick Manchette. So erklären sich die vielen Szenen extremer Gewalt, die drogensatten Orgien, schon fast im Pornostil, die derb-skatologischen Szenen, die auf eine „Literatur von unten“ verweisen, und die andauernde Betonung der politischen Implikationen, die fast jeder sozialen Handlung des Romans innewohnen:

Ich war es nicht gewohnt, angesprochen zu werden, und benötigte also einen Moment, bis ich begriff, dass er mich meinte, weil er Englisch sprach, was nicht höflich, sondern herablassend war. Was?, sagte ich und blinzelte mit den Augen.

Aber im Gegensatz zum Néo-Polar, der Politik in Action auflöst, separiert Nguyen Handlung und politischen Kommentar. Endlose Diskurse unterbrechen die Narration, es wird über Gott und die Welt diskuriert, über Imperialismus, Sexismus, Kapitalismus, Metaphysik, politische Theorie, gespickt mit Lektürefrüchten, Adorno, Fanon, Kristeva, Benjamin, mit Kino und Popmusik. Die Prosa wird punktiert mit lyrischen Einschüben, Bühnendialogen, Aufzählungen und anderen nicht-narrativen Formen:

Du konntest dich nicht bremsen. Dein gesamtes Leben spulte sich ab: paraphrasiert, summarisch, zuweilen elliptisch, du warst so in Eile und hattest so viel zu erzählen, Schnipsel aus deiner Autobiografie, als Haiku, Motto und Fragment.

Der Roman liefert in schon fast delirantem Ausmaß seine eigene Meta-Ebene mit.  

Die Dramaturgie läuft zwar deutlich auf die Konfrontation Erzähler – Bon – Man zu, aber auf dem Weg dahin geht die politische Motivation der Figuren im maliziösen Dauerkommentarfeuer über die Pariser linksintellektuelle Schickeria oft verloren. Aus dem Ränkespiel der Geheimdienste, aus den durch die Realitäten zersetzten und zerfallenen ideologischen Gewissheiten, entspringt ein psychologisch motiviertes Shootout zu dritt, fast wie in „The Good, The Bad and The Ugly“ (Mans Gesicht ist von Säure verätzt), und nicht umsonst als Drehbuch, als großartige Filmsequenz inszeniert:

Ihr tretet ein, und die Bühne ist schon bereitet. Die Schauspieler sind an ihrem Platz, die Handlung windet sich durch das Labyrinth bis zum unausweichlichen Schluss, denn das Drehbuch ist schon geschrieben. Und wer ist der Drehbuchschreiber, wenn nicht du? Und trotzdem, auch als derjenige, der das Drehbuch verfasst hat, hast du nur teilweise die Kontrolle, denn du bist nicht der Produzent dieser eindeutig schwarzen Komödie, auch wenn die Bezeichnung schwarz für eine Komödie irgendwie, gewissermaßen, vielleicht, möglicherweise und in Restspuren rassistisch ist.

Auch wenn Nguyens wilder Formenanarchismus vom zutiefst politischen Kern des Romans ablenken mag, weil der dezidiert nicht-realistisch erscheint, trifft er doch die politischen Realien sehr gut. Nur sind die zu komplex, als dass „realistisches“ Erzählen dagegen eine Chance hätte. Insofern ist „Die Idealisten“ ein zwar verzwicktes, aber dennoch beeindruckendes, wichtiges Buch.

Thomas Wörtche

Viet Thanh Nguyen:  Die Idealisten (The Committed, 2020) Roman.  Dt. von Wolfgang Müller. Blessing Verlag, München 2021. 496 Seiten, 24 Euro.

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