Geschrieben am 1. März 2021 von für Crimemag, CrimeMag März 2021

Stephen Greenall lesen (1): Markus Pohlmeyer

Green Winter, all Traffic.

I

Redakteur: Nur skizzenhaft.
Autor: Ich habe leider keine Zeit.
Redakteur: Es kann auch fragmentarisch sein.
Autor: Ich schaffe es leider nicht.
Redakteur: 1-2 Seiten. Eher die Meta-Ebene.
Redakteur: Brummelbrummelumpf.
Redakteur: Hihihiii.

II

Dem Homer will voll krass Komplexität. Anders gewendet: In der Illias steigt Homer mitten irgendwo im Geschehen ein und endet irgendwo. In der Odyssee – von dem gleichen coolen Typen geschrieben, den die Tradition Homer nennt – erleben wir sogar Rückblenden, als Zurückholen, Hineinholen einer mythischen, vielleicht sogar märchenhafte Welt in die gnadenlos reale Welt von Schiffbruch, Verlust und Rache. Das Mythische ist nicht weniger grausam.

II

„Winter Traffic“ beginnt mit Kapitel 27 und endet bei Kapitel -5. Ganze Zahlen reisen auf ihrer Geraden in die Unterwelt. Was in 27 beendet wird, beginnt verrätselt-verästelt, als Sutton ein Telefongespräch annimmt und folgendes sagt: „‘Nein.‘ Er sagt es zweimal und legt auf. Aber dann steht er eine Weile einfach nur da, man könnte ihn für eine Statue halten.“[1] Wer ist man? Warum eine Statue? Und ganz nebenbei, worum ging es eigentlich? (Und wer erzählt dieses Ding überhaupt?) „Nein“ und „Statue“ scheinen Suttons unerschütterliche Entscheidung zu untermauern. Weiter, auf Seite 20 lese ich gewissermaßen nachgeholt die inhaltliche Füllung der vorherigen Leerstellen:

„‘Sutto? Hier ist Whit.‘
‚Nein.‘
‚Ich habe Ärger, Mann. Hör mal, tut mir leid, dass ich dich verarscht hab, aber ich brauch deine scheiß Hilfe.‘
‚Nein.‘
‚Die haben Kristy. Okay? Die haben Kristy, und die tun ihr weh.‘“[2]
[Euphemismus; Anmerkung MP]

Drückt das fehlende n im Namen des Angesprochenen Vertrautheit aus? Da lief was schief, indirekte Entschuldigung. Iteration in Suttons Antwort. Der eilt dennoch dem entführten Whit zur Hilfe – und muss zwei Wächter besiegen: „Shark plus Bison, hochrangige Mitglieder einer sehr eisernen Crew. Zusammen sind sie zwei mächtige Körper, aber vom Hirn her kaum legendär.“[3] Böser Fisch und wildes Säugetier treffen auf Homo sapiens. „Sutton zieht einen Briefbeschwörer und einen Brieföffner hervor. Er sagt Licht aus, und das kluge Haus gehorcht.“[4] Kapitel Ende. Das wirkt wie ein Katapult in Richtung Kopfkino. Odysseus, in der Unterzahl gegen diese geballte Gewaltfront, blendet die Zyklopen, und erfinderisch, wie er ist, reichen eine minimale Schreibtischausstattung und etwas Digitalisierung als Waffen. Und ab in die Dunkelheit. – Das Design dieser Narration ist einfach ein ästhetischer Genuss und wunderbar gegen Unterkomplexitätsverdruss. Die Geschichte wie ein Puzzle, das mich als Leser ernst nimmt, indem es mich herausfordert. Und auf dem Weg dahin lerne ich viel über Sutto: der tut nicht, was er sagt, ein Meister instrumenteller Vernunft. Wie öde wäre doch: Sutton erhielt einen Anruf von Whit, dieser steckt in Schwierigkeiten, Sutton rettet ihn.

III

Ich beklage mich ja auch nicht, wenn ich in einem Science Fiction-Roman über ein Raumschiff stolpere, vor allem wenn es sich um einen ca. 19 km langen Supersternenzerstörer handelt. Natürlich kommen in Krimis böse Jungs vor. Oder Prostitution. In Kapitel 21 lese ich von der toten Kristy: die nicht zu einem Typen da oben wolle. stream of consciousness – nur ich-Leser darf an Kristys Gedanken teilhaben, nicht ihre weibliche Umgebung; wir steigen in die gotischen Kellergeschosse ihrer romantischen Verdrängung: „In Wahrheit war er wunderbar zu mir, aber fürchterlich für mich, und es hat mir das Herz in tausend Stücke gerissen, dass ich ihm seins gebrochen habe. Fast hätte Kristy es laut gesagt […].“[5] Eurydice.

IV

Und allein das: „Die Straße des Helden ist nach einem Dorf benannt, einem ganz kleinen auf der anderen Seite der Welt. Es gibt welche, die wollen sein Haus ermorden, auf seinem Grab Apartments züchten.“[6] Anti-Klimax: Held (hohe Erwartungshaltung), dann Dorf/Kontrast zu Sydney, dann ganz klein. Das semantische Feld ermorden/Grab verweist auf eine Allegorie und den immensen Wert des Hauses, das zudem personifiziert wird. Dem Stephen Greenall will krass Rhetorikparty.

V

„Sutton ignoriert die roten Augen, die den Highway-Verkehr regeln, Streitwagen jenseits der Fußgängerampeln gehorsam und blind.“[7] Für Sutton gelten andere Regeln. Fiele das „rot“ weg und stünde nur Ampel, die Szene wäre banal. Statt Ampeln „Augen“: Überwachungsstaat? Intertextuelle Erinnerung an den Supercomputer HAL aus „2001 – Odyssee im Weltraum“, einen KI-Zyklopen mit roter Kameralinse, später auch geblendet. Und die „Streitwagen“? Wir leben in einer zahmen Heldenära. Blind und gehorsam, das sind die heutigen Wagenlenker, harmlose Krieger. Als hätte Achill je an einer gelben Ampel abgebremst … (Bitte, bitte in unserer fiktiven Welt immer an roten Ampeln halten!) Aber noch einmal: Streitwagen? Die alten Kriege sind immer noch da, nun Hightech. Schauen Sie einmal die Serie „S.W.A.T.“ und wie das gepanzerte Gefährt des Heldenteams gegen seine Gegner aufgefahren und gefeiert wird. Pharao wäre ins Träumen gekommen bei solch einem Streitwagen. Sutton ist auf dem Weg nach Troja. Ihn hält keine Ampel auf.

VI

Ich mag, wenn Erzählungen mäandern. Erinnere ich mich richtig? In Fassbinders „Fontane Effi Briest“ scheint manchmal die Kamera auch zu tun, was sie will – und wandert bisweilen vom eigentlichen Geschehen weg, um uns etwas anderes zu zeigen. Das manchmal gar nicht so uninteressant ist.

Ajax tötet einen Widder, den er unter Halluzinationen für Odysseus hielt © Wiki-Commons

VII

Greenalls Roman bewegt sich in den kulturellen frames antiker Mythologien, archetypisch-mythopoetisch, lässt sie dadurch bedrohlich gegenwärtig werden. Nie verschwunden, bestimmen sie in Faszination und Entsetzen unser Leben, mag es noch so alltäglich sein. Wie bei James Joyce eben Alltagsmenschen ihre Dublin-Odysseen erleben, so wandert hier vermeintlich hohe Literatur, besser eine hohe literarische Technik in ein vermeintliches low/sub-Genre ein, den Krimi-Thriller. Schreien etwa die Musen auf? Nein. Denn: Diese Grenze war schon immer künstlich, nicht künstlerisch.

I

A: Nur skizzenhaft.
M: Nein.
A: Es kann auch fragmentarisch sein.
M: Nein.
Redakteur: Eher die Meta-Ebene. Hihihi.
M Diesen Redakteur hält keine rote Autorenampel auf.

M(arkus) Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine – über 100 – Texte bei uns hier.


[1] S. Greenall: Winter Traffic. Thriller, übers. v. C. Lösch, Berlin 2020, 19.

[2] Greenall: Winter (s. Anm. 1), 20.

[3] Greenall: Winter (s. Anm. 1), 22.

[4] Greenall: Winter (s. Anm. 1), 23.

[5] Greenall: Winter (s. Anm. 1), 29.

[6] Greenall: Winter (s. Anm. 1), 29.

[7] Greenall: Winter (s. Anm. 1), 20.

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