
Ein Essay von Markus Pohlmeyer
„Packen wir’s an. Wir müssen noch vor dem Frühstück einen Planeten retten.
Ich liebe diesen Job.“ (Captain Pike)
Das sind die Abenteuer einer genialen und so was von durchgeknallten Enterprise-Crew, wie das Universum sie noch nicht gesehen hat.
Am Steuer: Erica – „Kabumm!“ Spock hat eine Verlobte und … (Spannungspause) küsst Schwester Christin Chapel. Uhura kann sich nicht so richtig entscheiden, was sie denn auf der Enterprise soll, voll die Jobfindungskrise usw. Und Christopher Pike, durch die Berührung mit einem klingonischen Zeitkristall-was-auch-immer, weiß um seine fürchterliche Zukunft: er wird bei einem Unfall, wo er vielen das Leben rettet, furchtbar entstellt werden: soll er sich diesem (unausweichlichen) Schicksal stellen – oder alles tun, um es zu vermeiden?
Strategisch genial, die Folge, als die Enterprise unvorbereitet von Gorn-Schiffen angegriffen wird – eine unheimliche Spezies mit gespenstischen Eigenschaften und viel Ähnlichkeit mit „Alien“. Die Enterprise fliegt bald auf dem letzten durchgeschmorten Gummireifen; aber Pike nutzt die Physik eines Schwarzes Loch (nach neuesten Erkenntnissen dargestellt!), um die Fieslinge auszutricksen.
Auf einem Kometen, dessen Kurs ihn auf einen Planeten einschlagen lassen könnte (ein Komet, der auch aber letztlich in die Zukunft schauen kann – irgendsone krass religiöse Kiste), findet die Landungsmannschaft ein Artefakt. Samuel Kirk, Bruder von dem Kirk, fasst es an — und Kabumm. Niedergestreckt. Mut machender Kommentar von Spock zu Uhura: „Dank Mr. Kirk wissen wir, welchen Bereich Sie meiden sollten. Damit hat er eine Option eliminiert und Ihre Chancen verbessert.“
Dramatisch die letzte Episode – über einen alternativen Verlauf bestimmter Ereignisse: Was wäre, wenn Pike die Geschichte geändert und Captain Kirk nicht die Enterprise übernommen hätte? Die Romulaner überfallen Grenzposten mit einem getarnten Raumschiff. Pike versucht den Weg des Friedens, was die Romulaner als Schwäche werten und einen schier endlosen Krieg beginnen. Pike akzeptiert angesichts dieser möglichen fatalen Konsequenzen sein Schicksal – und wie wir wissen, wird dann Kirk später mit der Enterprise ein Gleichgewicht des Schreckens herstellen. Traurig irgendwie.
Meine Lieblingsepisode: das dümpelte erst mal so vor sich hin, irgendwer muss wieder gerettet werden, und dann zündet eine Supernova (Kabumm). 1. Von Piraten gefangen, zetteln Pike und sein Team eine Meuterei an. Und der Captain hat sichtlich riesiges Vergnügen, schließlich an einem Steuerrad zu stehen und zuletzt dann auf der Enterprise einen Piraten zu imitieren; Una (Nummer Eins) fleht ihn lachend an, damit aufzuhören. Piratenphantasypark in Kombination mit galaktischer Kochshow (am Herd: auch der Captain). 2. Die damit verbundene Parallelgeschichte. Auftritt Dr. Aspen, ein Forscherin, welche die Enterprise um Hilfe bittet. Hört in ihrer Bude ein bisschen zu laut Musik, so dass die halbe Milchstraße wackelt. Dann auch modisch sich wandelnd, wird sie als Conselor tätig … und demontiert mit allem Charme nebenbei, so im Vorübergehn Mr. Spock, der ihr kaum gewachsen scheint. Und er tappt dann auch blindlings in ihre Falle. Mit seiner ungewollten Hilfe übernimmt sie das Schiff und demaskiert sich als Captain Angel der Piraten. Prima Donna, Drama-Punk-Queen, Black Lady, eine Spielerin und femina fatalis, eine ständige Metamorphose, überlegen, frech und cool, rhetorisch schier unschlagbar, legt sie los. Sie möchte Spock bei seiner Verlobten, die sich um Resozialisation von Strafgefangenen bemüht, gegen einen anderen Vulkanier austauschen (… lassen Sie sich überraschen, wer das wohl sein kann). Spocks Verhältnis zu seiner Verlobten, nun ja, nennen wir es ‚speziell‘. Die letzte Eiszeit war dagegen unter romantischer Perspektive richtig heiß. Spock küsst aus taktischen Überlegungen Chapel, die vorher verkündet, sie beide hätten eine Affäre; die Vulkanierin löst daraufhin die Verlobung … und zischt ab. Madame Bösewicht, verblüfft, ausgetrickst und amüsiert, sich vom Acker beamend – aber nicht, ohne zuvor finster-liebenswürdig ihre Rückkehr anzukündigen. Sie ist bei weitem nicht so mies gelaunt und apokalyptisch unterwegs wie eine Borg-Königin; die Enterprise scheint sie eher zu ihrer persönlichen Partyzone umzufunktionieren. Geil, diese Laser. Und intellektuell kämen da z.B. die Klingonen schon gar nicht mit, Spock hat ja schon mächtig zu kämpfen. PS: Er versöhnt sich wieder mit seiner Verlobten, sei ja nur Strategie gewesen. War es das? War es das auch für die phantastische Christine Chapel? Geschichten hinter Geschichten hinter Geschichten … Vielleicht wären diese drei Frauen um Spock auch als Personifikationen zu deuten: Chapel, ganz in Weiß, als die Aufrichtigkeit; Aspen (‚Angel‘ – im Grunde ein Anti-Engel?), ganz in Schwarz, als die Verlogenheit, und seine Verlobte, geradezu farblos, als die Logik.

Es wird dramatische Verluste und Abschiede in der Besatzung geben, aus verschiedenen Gründen, z.B. das tragische Opfer eines brummeligen Sympathieträgers; und nicht nur Statisten, die in der Klassik-Serie nach dem Jim-der-Mann-ist-tot-Stil umkippen. Die neuen Feinde scheinen unbezwingbare Urzeitmonster, die alles als ihre Beute betrachten. Und Pike muss bisweilen ein Maß an Ohnmacht ertragen, dass … weil eine fremde Zivilisation Kinder für eine Maschine opfert (als notwenige Funktionselemente), damit das wunderbare Leben auf diesem wunderbaren Planeten wunderbar weitergehen kann. Und dann der Schiffsarzt mit seiner kranken Tochter, die er nicht retten kann und deshalb im Transporter ‚aufbewahren‘ muss – bis es zur Erlösung kommt, buchstäblich wie im Märchen; übrigens in einer Episode, wo wir unsere Helden und Heldinnen einmal ganz anders kennen lernen: Pike als kriechender Mitläufer und als Finsterlinge Spock und Uhura.
Dazu hinreißendes Design und ein Weltraum zum Staunen; Episoden, in denen mehr passiert als in ganzen Kinofilmen; Humor, Ironie, Persiflage, respektvolle und freche Verbeugung vor dem Original: so hat Markus immer als kleiner Junge Star Trek geliebt und ist froh, das auch als großer Junge tun zu können. Zukunft mal anders: herausfordernd, aber voller Zuversicht. Und wenn wir das Schiff mit bloßen Zähnen und auf den letzten Warp-Felgen ins nächste Raumdock schleifen müssten, es bleibt doch immer noch etwas Zeit für ein „Enterprise-Bingo“!
PS: Pike frag Erica, ob sie eine Ablösung brauche? Nö, denn …
„Ehrlich gesagt stehe ich darauf, manuell zu fliegen. Das ist,
als würde ich mit dem Schiff ein intimes Gespräch führen.“
Alle direkten und indirekten Zitate entnommen aus:
DVD: STAR TREK STRANGE NEW WORLDS, Staffel 1, TM & © 2023 CBS Studios Inc.
Markus Pohlmeyer, Dichter und Essayist, lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Essays und Gedichte bei uns hier.


















