Geschrieben am 1. Februar 2022 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2022

Russland verstehen

Ein Textauszug aus Keith Gessen „Ein schreckliches Land“

Ein Land durch einen Roman besser verstehen lernen, das ermöglicht Keith Gessens „Ein schreckliches Land“ auf eindringliche, ganz auf jeden Zeigefinger verzichtende Weise. Durch die Augen der Hauptfigur erleben wir Russland in jenem Moment, als noch möglich schien, dass die Repression der Obrigkeit sich in Richtung eines offeneren Staates verändern könnten – als die Opposition Hoffnung hatte. Russland am Scheideweg.

George Saunders meinte zu dem Buch: „Keith Gessens besondere Gabe ist seine Fähigkeit, sich mühelos und charmant auf große Ideen einzulassen – Macht, Verantwortung, Despotismus verschiedener Couleur, die Frage, was ein Land für die Menschen, die darin leben, tun soll – und dennoch eine bewegende und unterhaltsame menschliche Geschichte zu erzählen.“

Hier kurz der Inhalt: Andrej Kaplan ist – wie sein Autor – in Russland geboren und in New York aufgewachsen. Gerade ist seine Beziehung zerbrochen, und auch beruflich steckt der unterbezahlte junge Literaturdozent in einer Sackgasse. Als ihn sein Bruder anruft und um Hilfe bittet, willigt er spontan ein – und findet sich kurz darauf in Moskau wieder, wo er sich um seine wunderlich werdende Großmutter kümmern soll, eine Frau, die die dunklen Tage des Kommunismus kennt und die gewalttätige kapitalistische Transformation Russlands miterlebt hat.

Andrej lernt, sich in Putins Moskau zurechtzufinden: Es ist immer noch seine Geburtsstadt, nur mit sehr viel teurerem Kaffee. Er zieht bei seiner überraschend schlagfertigen Großmutter ein, findet einen Ort zum Eishockeyspielen, ein Café mit kostenlosem WLAN, und schließlich auch einige Freunde. Als er sich in die schöne Aktivistin Julia verliebt, steht er bald vor einer folgenschweren Entscheidung.

Unser Textauszug präsentiert den Anfang des Buches.

Keith Gessen: Ein schreckliches Land (A Terrible Country, 2018). Aus dem Englischen von Jan Karsten. CulturBooks, Hamburg 2021. Hardcover, 488 Seiten, 24 Euro.

Sein Debütroman „All die traurigen jungen Dichter“ hier bei uns 2010 besprochen.

Für Rosalia Moiseewna Solodownik, 1920–2015

Teil 1

1. Ich ziehe nach Moskau

Im Spätsommer 2008 zog ich nach Moskau, um mich um meine Großmutter zu kümmern. Sie wurde bald neunzig, und ich hatte sie seit fast zehn Jahren nicht mehr gesehen. Unsere Familie bestand nur noch aus meinem Bruder und mir; ihre einzige Tochter, unsere Mutter, war vor vielen Jahren gestorben. Jetzt lebte Baba Sewa allein in ihrer Moskauer Wohnung. Als ich anrief und ihr sagte, dass ich komme, schien sie sich zu freuen, wirkte aber auch ein bisschen verwirrt.

Meine Eltern und mein Bruder und ich hatten die Sowjetunion 1981 verlassen. Ich war sechs, und Dima war sechzehn, und das war ein entscheidender Unterschied. Ich wurde Amerikaner, während Dima im Grunde ein Russe blieb. Sobald die Sowjetunion zusammenbrach, ging er zurück nach Moskau und machte ein Vermögen. Seitdem hat er viele Vermögen gemacht und auch wieder verloren; wie es im Moment aussah, wusste ich nicht genau. Aber eines Tages schrieb er mich auf GTalk an und fragte, ob ich nach Moskau kommen könne, um mich um Baba Sewa zu kümmern, weil er für unbestimmte Zeit nach London müsse.

»Was willst du denn in London?«

»Das erklär ich dir, wenn wir uns sehen.«

»Du verlangst von mir, alles stehen und liegen zu lassen, um ans andere Ende der Welt zu fahren, und willst mir noch nicht mal sagen, warum?« 

Ich war immer sehr schnell gereizt, wenn ich mit meinem älteren Bruder zu tun hatte. Das gefiel mir nicht, aber ich konnte es einfach nicht ändern.

Dima schrieb: »Wenn du nicht herkommen willst, dann sag es einfach. Aber ich werde dir die Gründe ganz bestimmt nicht auf GTalk erklären.« 

»Weißt du«, antwortete ich, »man kann die Einstellungen auf vertraulich setzten. Dann sieht es niemand.« 

»Du bist ein Idiot.«

Damit wollte er sagen, dass er es mit einigen echt finsteren Typen zu tun hatte, die sich nicht so leicht davon abhalten lassen würden, seine Chats zu lesen. Vielleicht war es die Wahrheit, vielleicht auch nicht. Bei Dima verschwamm die Grenze zwischen diesen Konzepten ständig.

Was mich anging: Ich war nicht wirklich ein Idiot. Aber ich war auch nicht kein Idiot. Ich hatte vier lange Jahre am College und dann acht noch viel längere Jahre an der Grad School damit verbracht, russische Literatur und Geschichte zu studieren, Bier zu trinken und das Eishockeyturnier um den Grad Student Cup zu gewinnen (fünf Mal!). Und anschließend hatte ich mich drei Jahre lang ohne jedes Ergebnis auf dem Arbeitsmarkt herumgetrieben. Als Dima mich anschrieb, hatte ich alle verfügbaren Postgraduiertenstipendien ausgeschöpft und mich verpflichtet, ein paar Online-Lektionen in der neuen Universitäts-Initiative BOMOK – Abkürzung für »bezahlte offene Massen-Online-Kurse« – zu übernehmen, wobei sich der »bezahlte« Teil vor allem auf die Studierenden bezog, die wirklich ziemlich bluten mussten, und nicht so sehr auf die Lehrenden, die nur sehr wenig bekamen. Viel zu wenig, um weiterhin in New York leben zu können, wie sparsam man auch war. Kurz gesagt, wenn es darum ging, ob ich ein Idiot war oder nicht, so ließen sich Argumente für beides finden.

Dass Dima mir gerade jetzt schrieb, kam so gesehen eigentlich genau zur richtigen Zeit. Allerdings hatte er auch ein Händchen dafür, Leute in etwas hineinzuziehen, das nicht in ihrem besten Interesse lag. Einmal hatte er seinen mittlerweile ehemals besten Freund überredet, nach Moskau auszuwandern und eine Bäckerei zu eröffnen. Bedauerlicherweise lag Toms Bäckerei zu nah an einer anderen Bäckerei, und er hatte Glück gehabt, Moskau lediglich mit einer ausgekugelten Schulter wieder verlassen zu können. Wie auch immer, ich ging mit äußerster Vorsicht vor. 

Ich fragte: »Kann ich in deiner Wohnung wohnen?« Dima hatte damals, nach dem Zusammenbruch der russischen Wirtschaft 1999, die Wohnung direkt gegenüber meiner Großmutter gekauft. Mich von dort aus um sie zu kümmern, wäre ziemlich praktisch. 

»Die ist untervermietet«, meinte Dima. »Aber du kannst in unserem alten Schlafzimmer in Großmamas Wohnung schlafen. Es ist ordentlich und sauber.«

»Ich bin dreiunddreißig«, antwortete ich und meinte damit, ich sei zu alt, um bei meiner Großmutter zu wohnen.

»Wenn du dir deine eigene Wohnung mieten willst, nur zu. Aber es sollte in Großmamas Nähe sein.«

Unsere Großmutter wohnte im Zentrum von Moskau. Die Mieten waren dort fast so hoch wie in Manhattan. Von dem, was ich mit meinen BOMOKs verdiente, könnte ich mir gerade mal einen Schlafsessel leisten. 

»Kann ich dein Auto benutzen?«

»Das habe ich verkauft.«

»Alter! Wie lange wirst du denn weg sein?«

»Weiß nicht«, schrieb Dima. »Und ich bin schon weg.«

»Oh«, erwiderte ich. Er war bereits in London. Er musste ziemlich überstürzt aufgebrochen sein. 

Und ich wiederum wollte ziemlich dringend New York den Rücken kehren. Der letzte meiner Kommilitonen aus dem Institut für Slawistik war gerade wegen eines neuen Jobs nach Kalifornien gezogen, und meine Freundin, Sarah, mit der ich ein halbes Jahr zusammen gewesen war, hatte vor Kurzem in einem Starbucks mit mir Schluss gemacht. »Ich weiß einfach nicht, wo das hinführen soll«, hatte sie gesagt und unsere Beziehung gemeint, glaube ich, aber eigentlich hatte sie mein ganzes Leben ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Und sie hatte recht: Selbst das, was mir immer am meisten Spaß gemacht hatte – mich mit russischer Literatur und Geschichte zu beschäftigen und sie zu unterrichten –, bereitete mir kein Vergnügen mehr. Ich steuerte auf eine Zukunft zu, in der ich bis ans Ende meiner Tage halbherzig die halb fertigen Arbeiten von halb interessierten Studierenden benotete. 

Moskau hingegen war ein ganz besonderer Ort für mich. Es war die Stadt, in der meine Eltern aufgewachsen waren und sich kennengelernt hatten; es war die Stadt, in der ich geboren worden war. Es war eine große, hässliche, gefährliche Stadt, aber zugleich die Wiege der russischen Zivilisation. Selbst als Peter der Große ihr 1712 den Rücken kehrte und nach St. Petersburg ging, selbst als Napoleon sie 1812 plünderte, blieb Moskau, wie Alexander Herzen es ausdrückte, die Hauptstadt des russischen Volkes. »Wie sehr ihnen Moskau im Blut lag merkten sie an dem Schmerz, den sie spürten, als sie es vergossen.« Ja, das stimmte. Und ich war jahrelang nicht mehr dort gewesen. Im Verlauf einiger Grad-School-Sommer war ich ihrer Armut und ihrer Hoffnungslosigkeit überdrüssig geworden. Die aggressiven Betrunkenen in der Metro; die Schläger in Trainingsanzügen und Lederjacken, die überall herumliefen und einen anstarrten; der Typ, der jede Nacht aus den Mülltonnen neben dem Haus meiner Großmutter aß, als ich im Jahr 2000 den Sommer dort verbrachte, und zwischendurch »Wichser!« und »Blutsauger!« schrie, bevor er sich weiter durch den Müll wühlte. Seitdem war ich nicht mehr dort gewesen. 

Trotzdem ließ ich die Finger von der Tastatur. Ich brauchte irgendein Zugeständnis von Dima, und wenn auch nur aus Stolz. 

»Kann ich da irgendwo Eishockey spielen?«, fragte ich schließlich. Im selben Maße wie es mit meiner akademischen Karriere bergab gegangen war, hatte sich mein Eishockeyspiel verbessert. Selbst im Sommer war ich drei Tage in der Woche auf dem Eis. 

»Soll das ein Witz sein?«, fragte Dima. »Moskau ist ein Eishockeymekka. Überall werden neue Eisbahnen gebaut. Sobald du dort bist, bringe ich dich in einem Spiel unter.« 

Ich ließ es sacken.

»Ach so: Das WLAN-Signal aus meiner Wohnung reicht bis über den Flur«, sagte Dima. »Es gibt kostenloses Internet.«

»Okay!«, schrieb ich.

»Echt?«

»Ja«, sagte ich. »Warum nicht.«

Ein paar Tage später ging ich zum russischen Konsulat in der Upper East Side, stand eine Stunde lang mit meinem Antrag in der Hand in der Schlange und bekam ein Jahresvisum. Dann erledigte ich, was zu erledigen war: Ich vermietete mein Zimmer an einen Rockschlagzeuger aus Minnesota, brachte meine Bücher zurück in die Bibliothek und holte mein Eishockeyzeug aus dem Schließfach in der Umkleidekabine der Eishalle. Es war alles ein ziemlicher Aufwand und nicht gerade billig, aber ich dachte die ganze Zeit an das neue Leben, das vor mir lag, und den neuen Menschen, der ich bald sein würde. Ich stellte mir vor, wie ich meiner Großmutter die Einkäufe trug, mit ihr Ausflüge durch die Stadt unternahm, ins Kino ging (sie hatte das Kino immer geliebt), mit ihr Arm in Arm durch die vertraute Nachbarschaft schlenderte und ihren Geschichten über das Leben während des Sozialismus lauschte. Es gab so viel in ihrem Leben, von dem ich nichts wusste, so viel, nach dem ich sie nie gefragt hatte. Ich war gleichgültig und selbstvergessen gewesen; ich hatte mehr an Bücher geglaubt als an Menschen. Ich malte mir aus, wie ich morgens gegen das Putin-Regime demonstrierte, nachmittags Eishockey spielte und abends meiner Großmutter Gesellschaft leistete. Vielleicht konnte ich sogar das Leben meiner Großmutter als Grundlage für einen Aufsatz nutzen. Ich stellte mir vor, wie ich mit den Geschichten meiner Großmutter in der Hand mönchisch in meinem Zimmer saß und meiner wissenschaftlichen Arbeit eine ganz neue Dimension hinzufügte. Vielleicht könnte ich ihre Erinnerungen als kursive Passagen in meinen Aufsatz einflechten – wie bei In Our Time auf BBC.

An meinem letzten Abend in der Stadt schmissen meine Mitbewohner eine kleine Party für mich. »Auf Moskau«, sagten sie und hoben ihre Bierdosen.

»Auf Moskau!«, wiederholte ich. 

»Und lass dich nicht umbringen«, fügte einer von ihnen hinzu. 

»Ich lass mich nicht umbringen«, versprach ich. 

Ich war aufgeregt. Und betrunken. Mir fiel auf, dass es durchaus einen Hauch von Glamour hatte, einige Zeit in einem zunehmend gewalttätigen und diktatorischen Russland zu verbringen, dessen Streitkräfte gerade dem kleinen Georgien eine demütigende Niederlage beigebracht hatten. Um drei Uhr nachts schrieb ich Sarah eine SMS. »Morgen ist es so weit«, lautete sie, als würde ich zu irgendeinem supergefährlichen Ort aufbrechen. Sarah antwortete nicht. Drei Stunden später wachte ich, noch immer betrunken, auf, schmiss meinen restlichen Kram in einen riesigen roten Koffer, schnappte mir meinen Eishockeyschläger und machte mich auf den Weg zum JFK. Ich stieg ins Flugzeug und schlief auf der Stelle ein. 

Bevor ich mich versah, stand ich in der Schlange vor der Passkontrolle im trostlosen Keller des Scheremetjewo-II International Airport. Hier schien sich nie etwas zu ändern. Nach jeder Landung führten sie einen hinab in den Keller, wo man endlos anstehen musste, bevor man endlich sein Gepäck bekam. Es war wie ein Fegefeuer, das einen vermuten ließ, als Nächstes nicht unbedingt in den Himmel zu gelangen. 

Aber die Russen sahen anders aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Sie waren gut gekleidet, hatten schicke Frisuren und telefonierten mit eleganten neuen Handys. Sogar die Grenzbeamten in ihren hellblauen, kurzärmeligen Uniformen waren guter Laune. Obwohl die Schlange lang war, standen mehrere von ihnen abseits in kleinen Gruppen beisammen und lachten. Der Ölpreis stand bei hundertvierzehn Dollar pro Fass, und ihre Armee hatte gerade den Georgiern den Arsch versohlt – lachten sie darüber?

Die Modernisierungstheorie lehrt Folgendes: Wohlstand und Technologie sind mächtiger als Kultur. Gebt den Leuten schöne Autos, Farbfernseher und die Möglichkeit, nach Europa zu reisen, und sie werden aufhören, aggressiv zu sein. Zwei Länder mit McDonald’s-Filialen werden niemals gegeneinander in den Krieg ziehen. Menschen mit Handys sind freundlicher als Menschen ohne Handys.

Ich war mir da nicht so sicher. In Georgien gab es McDonald’s, und die Russen hatten es trotzdem bombardiert. Als ich mich der Passkontrolle näherte, bat ein großer, bebrillter, gut gekleideter Europäer – Holländer oder Deutscher – auf Englisch darum, vorgelassen zu werden: Er müsse seinen Anschlussflug bekommen. Ich nickte zustimmend – wir würden ohnehin noch eine Weile auf unser Gepäck warten müssen –, aber der Mann hinter mir, ungefähr so groß wie der Holländer, nur viel kräftiger und in einem kastigen, aber in meinen Augen nicht gerade billigen Anzug, fuhr mit starkem russischem Akzent auf Englisch dazwischen: »Geh zurück an Ende von Schlange.«

»Aber ich verpasse meinen Flug«, sagte der Holländer.

»Geh zurück an Ende von Schlange.«

Ich sagte auf Russisch zu dem Mann: »Aber das ist doch kein Problem.« 

»Oh, es ist ein großes Problem«, antwortete er.

»Bitte?«, bat der Holländer noch einmal auf Englisch.

»Ich sage, zurück mit dir. Sofort!« Der Russe drehte sich ein wenig zur Seite, sodass er dem Holländer gegenüberstand. 

Der trat frustriert gegen seine Reisetasche. Dann nahm er sie und ging zurück ans Ende der Schlange. 

»Das war die richtige Entscheidung«, sagte der Russe auf Russisch zu mir und meinte damit, dass er als ein Mann mit Prinzipien bereit gewesen wäre, den Holländer mit den Fäusten zu bearbeiten, wenn er sich vorgedrängelt hätte. 

Ich antwortete nicht. 

Ein paar Minuten später erreichte ich die Passkontrollkabine. Ein junger, blonder, ernst dreinschauender Grenzschutzbeamter saß darin; in seiner lichtbeschienenen Uniform sah er aus wie ein Gott. Ich war jetzt rechtelos, fiel mir plötzlich ein; so etwas wie Recht und Gesetz gab es hier nicht. Während ich ihm meinen Reisepass aushändigte, fragte ich mich, ob ich diesmal mit der Rückkehr in das Land meiner Eltern mein Glück einmal zu oft strapaziert hätte. Würden sie mich schlussendlich nun doch in Gewahrsam nehmen – wegen all der unfreundlichen Dinge, die ich im Lauf der Jahre über Russland gedacht hatte?

Aber der Beamte nahm lediglich meinen ramponierten blauen amerikanischen Reisepass – den Pass von jemandem, der in einem Land lebte, in dem man seinen Pass nicht ständig mit sich herumtragen musste, in dem es tatsächlich passieren konnte, dass man monate- oder jahrelang gar nicht wusste, wo sich der Pass überhaupt befand – mit leichtem Abscheu entgegen. Hätte er einen Pass wie den meinen, er würde besser darauf achtgeben. Er glich meinen Namen mit der Terroristendatenbank ab, öffnete die Durchgangstür und ließ mich passieren. 

Und das war’s. Ich war wieder in Russland.

Meine Großmutter Sewa lebte mitten im Zentrum der Stadt, in einer Wohnung, die ihr in den späten 1940er-Jahren von Josef Stalin zuerkannt worden war. Manchmal, wenn er damit irgendwas beweisen wollte, ritt mein Bruder Dima darauf herum, und auch meine Großmutter erwähnte es hin und wieder, wenn sie in selbstkritischer Stimmung war. »Meine Stalin-Wohnung«, nannte sie sie dann, wie, um jeden – und allen voran sich selbst – daran zu erinnern, welchen fragwürdigen moralischen Kompromiss sie eingegangen war. Aber grundsätzlich waren wir uns in der Familie einig: Wenn man mit einer kleinen Tochter und zwei Brüdern und einer Mutter in einem zugigen Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft lebte und einem jemand eine Wohnung anbot, war es absolut in Ordnung, dieses Angebot anzunehmen, ganz egal, von wem es kam. Und es ist ja nicht so, als hätte Stalin persönlich ihr die Schlüssel übergeben oder eine Gegenleistung von ihr verlangt. Sie war damals eine junge Geschichtsprofessorin an der Staatlichen Universität Moskau und hatte als Beraterin an einem Film über Iwan den Großen mitgearbeitet, diesen »Zar aller Russen« aus dem fünfzehnten Jahrhundert und Großvater von Iwan dem Schrecklichen, der Stalin so sehr gefallen hatte, dass er verkündete, jeder Beteiligte solle eine eigene Wohnung erhalten. Weshalb meine Großmutter sie nicht nur »Meine Stalin-Wohnung«, sondern wahlweise auch »meine Iwan-der-Große-Wohnung« oder, wenn sie es ernst meinte, »meine Jolka-Wohnung« nannte, nach ihrer Tochter, meiner Mutter, für die sie einfach alles getan hätte.

Um zu dieser Wohnung zu gelangen, tauschte ich ein paar Dollar an der Wechselstube bei der Gepäckausgabe – es gab damals ungefähr vierundzwanzig Rubel pro Dollar – und nahm den nagelneuen Schnellzug zum Bahnhof Savelowski. Auf dem Weg dorthin fuhr ich kilometerweit an verfallenen sowjetischen Wohnblocks vorbei und durch den alten (ebenfalls verfallenen), direkt bis ans Stadtzentrum reichenden Industriegürtel aus der Jahrhundertwende. Unterwegs fing der kräftige Kerl, der neben mir saß – ungefähr mein Alter, in Jeans und einem kurzärmligen Button-down-Hemd –, ein Gespräch mit mir an.

»Was ist das für ein Modell?«, fragte er und meinte mein Handy. Ich hatte am Flughafen eine SIM-Karte gekauft und legte sie gerade ein, um zu sehen, ob sie funktionierte. 

Jetzt geht’s los dachte ich. Mein Telefon war ein ganz normales Klapphandy, das ich von T-Mobile bekommen hatte. Aber ich nahm an, dies war nur das Vorspiel und der Typ würde versuchen, mich auszurauben. Ich wurde nervös. Mein Eishockeyschläger befand sich im Gepäckfach über uns, und es wäre sowieso schwer gewesen, mitten im Zug auszuholen und nach dem Mann zu schlagen.

»Ein ganz normales Handy«, sagte ich. »Samsung.« 

Ich war russischsprachig aufgewachsen und sprach es immer noch mit meinem Vater und meinem Bruder, aber ich hatte einen leichten, schwer zuzuordnenden Akzent. Ich machte gelegentlich kleine grammatikalische Fehler oder betonte die falsche Silbe. Und ich war etwas eingerostet. Der Mann bemerkte es, und er sah auch, dass mich meine olivfarbene Haut von den meisten anderen Slawen in diesem schicken Zug unterschied. 

»Woher kommst du?«, fragte er. 

Er benutzte das vertrauliche Ty statt des Wy – es konnte bedeuten, dass er einfach nur freundlich sein wollte, weil wir ungefähr im selben Alter waren und im selben Zug saßen, oder aber er nahm sich das Recht heraus, mich anzusprechen, wie es ihm gerade beliebte. Ich wusste es nicht. 

Er fing an zu raten, woher ich wohl käme. »Spanien?«, fragte er. »Oder Türkei?«

Und was sollte ich antworten? Wenn ich »New York« sagte, würde er denken, ich hätte Geld, obwohl ich eine alte Jeans trug und Sneaker, die ihre besten Tage bereits hinter sich hatten, und in Wahrheit kein Geld besaß. Jemand aus New York konnte ausgeraubt werden, entweder im Zug oder im Getümmel auf dem Bahnsteig gleich nach dem Aussteigen. Aber wenn ich »von hier«, also aus Moskau, sagte, wäre das zwar technisch korrekt, aber offensichtlich eine Lüge, was die Situation eskalieren lassen könnte. Schließlich saß ich im Zug, der vom Flughafen kam.

»New York«, sagte ich. 

Der Mann nickte abgeklärt. »Gibt es dort das neue iPhone?«

»Klar«, sagte ich und fragte mich, worauf er hinauswollte. 

»Was kostet es?«

Ach so. Westliche Güter waren in Moskau immer viel teurer als im Westen, und die Russen wollten ständig wissen, wie viel teurer, damit sie sich darüber ärgern konnten. 

Ich versuchte, mich zu erinnern. Sarah hatte ein iPhone gehabt. »Zweihundert Dollar«, sagte ich.

Die Augen des Mannes weiteten sich. Hatte er es doch gewusst! Das war ein Drittel des russischen Preises.

»Aber«, fuhr ich schnell fort, »man muss einen Vertrag abschließen. Für ungefähr hundert Dollar im Monat. Zwei Jahre lang. Also doch nicht so billig.«

»Einen Vertrag?« Er hatte noch nie von einem Vertrag gehört. Wusste ich überhaupt, wovon ich redete? In Russland holte man sich einfach eine SIM-Karte und bezahlte pro Minute. 

»Ja, in Amerika braucht man einen Vertrag.«

Der Mann reagierte beleidigt. Tatsächlich fing er an, sich zu fragen, ob ich mir das nicht einfach nur ausgedacht hatte. »Es muss eine Möglichkeit geben, das zu umgehen«, sagte er.

»Ich glaube nicht.«

»Doch, doch«, sagte er. »Es muss möglich sein, das Telefon zu behalten und den Vertrag zu kündigen.« 

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Die sind bei so was ziemlich streng.«

Der Mann zuckte mit den Schultern, zog eine Zeitung hervor – Kommersant, eine der täglichen Wirtschaftszeitungen – und sprach für den Rest der Fahrt kein Wort mehr mit mir. 

Am Bahnhof erwartete mich keine Räuberbande, und ich fuhr ohne weitere Vorkommnisse von dort aus ein paar Stationen mit der Metro bis Zwetnoi-Boulevard. 

Das Zentrum von Moskau war eine ganz eigene Welt. Verschwunden waren die hohen, maroden Wohnblocks und die alten, maroden Fabriken der Randbezirke. Als ich die lange Rolltreppe verließ und durch die großen, schweren, schwingenden Holztüren trat, empfingen mich stattdessen eine breite Straße, imposante Wohnhäuser aus der Stalinzeit, einige Restaurants und jede Menge Baustellen, wohin man auch sah. Der Zwetnoi-Boulevard lag direkt an dem gewaltigen Gartenring, der in einem Radius von etwa zweieinhalb Kilometern mit dem Kreml als Mittelpunkt in einer zehnspurigen Schlaufe einmal ums Zentrum herumführte. Aber sobald ich ein Stück in Richtung Uliza Sretenka gegangen war, in der meine Großmutter wohnte, fand ich mich in stillen, verwahrlosten Seitenstraßen wieder, deren zwei- und dreistöckigen Bauten aus dem neunzehnten Jahrhundert jede Farbe fehlte und die sogar jetzt im August teilweise leer standen. Ein Rudel streunender Hunde sonnte sich auf einem verlassenen Grundstück an der Petschatnikow Pereulok, und sie bellten mich und meinen Eishockeyschläger an. Ein paar Minuten später war ich zu Hause. 

Die Wohnung meiner Großmutter lag im zweiten Stock eines weißen, fünfstöckigen Gebäudes, das sich einen Innenhof mit zwei älteren, flacheren Häusern teilte, von denen eines auf die Petschatnikow hinausging und das andere auf den Roschdestwenski-Boulevard zeigte. Eine große rote Ziegelmauer, hinter der sich eine alte Kirche befand, bildete die vierte Seite des Innenhofs. In meiner Kindheit war der Innenhof voller Bäume und lockerer Erde gewesen, mit der ich gespielt hatte, und im Winter hatte es sogar eine winzige Eisbahn gegeben, aber nach dem Zusammenbruch der UdSSR hatte man die Bäume abgeholzt, und die Eisbahn war von Nachbarn, die dort ihre Autos parken wollten, abgebaut worden. Eine Zeit lang war der Innenhof auch ein beliebtes Ziel für ortsansässige Prostituierte; Männer fuhren mit ihren Autos hinein, ließen das Scheinwerferlicht über die Ware gleiten und trafen eine Auswahl, ohne auszusteigen. 

Diesen alten Innenhof betrat ich nun. Die Prostituierten waren längst verschwunden, und es handelte sich im Grunde immer noch um einen Parkplatz, aber jetzt standen hier sehr viel schönere Autos als bei meinem letzten Besuch, und es gab sogar wieder ein paar Bäume. An der Haustür tippte ich den Code ein – er hatte sich seit 2001 nicht geändert – und wuchtete meinen Koffer die Treppe hinauf. Meine Großmutter kam an die Tür. Sie war winzig – sie war schon immer schmal gewesen, aber nun war sie noch schmaler, das graue Haar auf ihrem Kopf noch etwas dünner –, und einen kurzen Moment hatte ich Angst, sie würde mich nicht erkennen. Aber dann sagte sie: »Andrjuschik. Du bist da.« Sie schien diesbezüglich gemischte Gefühle zu haben. 

Ich ging hinein. 

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