Geschrieben am 1. November 2022 von für Crimemag, CrimeMag November 2022

Raus in die Natur – Alf Mayer bespricht Naturbücher


Bäume – Eine Natur- und Kulturgeschichte 
Richard Mabey: Das Varieté der Pflanzen 
Mikrokosmos. Wunderwelt der kleinsten Lebewesen
Gilbert White: Die Erkundung von Selborne/ Selborne und seine Naturgeschichte
Ed Yong: Die erstaunlichen Sinne der Tiere

Wenn wir andere Augen hätten

(AM) Der eigene Garten genügt oder ein Picknick am Wegesrand, um die Welt neu zu sehen, um „die Wildnis neu zu denken“ (der Umwelthistoriker William Cronon,1995). Die Majestät der Natur beschränkt sich nicht auf Schluchten und Berge, ihre Wunder gibt es auch im Garten. Der in den USA lebende britische Wissenschaftsjournalist Ed Yong schrieb sein Buch Die erstaunlichen Sinne der Tiere. Erkundungen einer unermesslichen Welt während die Pandemie ihn und uns alle im Lockdown ans Zuhause fesselte. Von dort aus ging er auf seine Reise in die Wildnis der Wahrnehmung und der Sinnesräume, die außerhalb unserer Umwelt und innerhalb der Umwelt anderer Tiere liegen. 
Wie auch wir Menschen kann jedes Tier nur einen kleinen Bruchteil der gesamten Realität von visuellen und haptischen Sinneseindrücken, Geräuschen und Schwingen, Gerüchen und Geschmack, elektrischen und magnetischen Feldern anzapfen. Jedes Tier ist in seiner arteigenen, einzigartigen Sinnesblase eingeschlossen, nimmt nur einen winzigen Ausschnitt einer ungeheuer großen Welt wahr. Für diese Sinnesblase(n) verwendet Ed Yong den deutschen Ausdruck „Umwelt“, definiert und in Umlauf gebracht 1909 vom baltisch-deutschen Zoologen Jakob von Uexküll. Der verstand unter „Umwelt“ jene Umgebung, die ein Tier wahrnehmen und erleben kann – mit seinen Rezeptoren, Sinnesorganen, Sinnessystemen. Eine ganze, sich fortlaufend aktualisierende Wissenschaft ist dem gewidmet: die Sinnesbiologie.
Zum Einstieg bringt Ed Yong einen Elefanten, eine Maus, ein Rotkehlchen, eine Eule, eine Fledermaus, eine Klapperschlage, eine Spinne, eine Mücke, eine Hummel und eine junge Frau in einer Schulturnhalle zusammen. Sie alle teilen sich den gleichen Raum, erleben ihn – und die anderen – aber höchst unterschiedlich. Weil ihre Wahrnehmung höchst unterschiedlich ist. Sei es die von Geruch und Geschmack, Licht, Farbe, Schmerz, Wärme, Kontakt, Vibration, Schall, Echo, elektrisches oder Magnetfeld. Yong zitiert Proust: „Die einzig wahre Reise … wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, … die Hundert verschiedene Welten sehen könnten.“

Das ungemein anschaulich und nachvollziehbar geschriebene Buch öffnet uns die Augen für ein Sehen auf unzähligen Wegen. Dieses Buch ist ein Fest der Sinne. Wilder, viel wilder, als wir selbst es sind.

Ed Yong: Die erstaunlichen Sinne der Tiere. Erkundungen einer unermesslichen Welt (An Immense World: How Animal Senses Reveal the Hidden Realms Around Us, 2021). Übersetzt von Sebastian Vogel. Verlag Antje Kunstmann, München 2022. 528 Seiten, 34 Euro.

Pflanzen als Vorbilder

(AM) Das 21. Jahrhundert hat die Pflanzen weitgehend zu Objekten mit Nützlichkeits- oder Schauwert degradiert, sie wecken nicht die gleiche Neugier wie beispielsweise Delfine oder Raubvögel oder Tiger, die obligaten Stars von TV-Shows und Umweltkampagnen, konstatiert Richard Mabey. Pflanzen werden sozusagen als Mobiliar des Planeten betrachtet, als notwendig, nützlich, attraktiv oder lästig, als etwas, das halt da ist und passiv vor sich hinvegetiert. Als Wesen, wie das bei Tieren der Fall ist, werden sie eher nicht wahrgenommen. Das mit dem Auge eines Poeten geschriebene Varieté der Pflanzen. Botanik und Fantasie soll das ändern. 

Der Brite Richard Mabey, einer der Großen des Nature Writing, 1941 geboren und Autor von über 30 Natur-Büchern (zuletzt seine Autobiografie „Turning the boat for home: A life writing about nature“, 2021) will uns mit seinem Buch den „uralten Sinn des Staunens“ wieder geben, will uns verstehen helfen, welch autonome Wesen Pflanzen sind und welche enorme Bedeutung die Pflanzenwelt für unser eigenes Überleben hat. Kurz gesagt, brauchen wir die Pflanzen mehr als sie uns; die über 300.000 auf der Erde existierenden Arten kämen auch ohne uns Menschen klar. Das ist natürlich beleidigend. Der Pflanzenanwalt Mabey will uns zu teilnehmenden Zuschauern in dem gewaltigen Vegetationstheater rings um uns herum machen. Blumen- und geistreich beschreibt er die Begegnungen zwischen bestimmten Pflanzen, etwa 40 an der Zahl, mit bestimmten Menschen und lässt dabei auch viele Maler, Dichter, Zeichner, Fotografen und Schriftsteller zu Wort kommen. Anstoß zu seinem Buch gab ihm Molly Mahood mit ihrer Studie „The Poet als Botanist“ (Cambridge, 2009), in der das Verhältnis zahlreicher Dichter zu Pflanzen aufgefächert und an viele Wurzeln gegraben wird.

Pflanzen sind für Mabey lustig und munter, in vielerlei und ganz unterschiedlicher Weise auch Vorbilder für unsere eigene Lebendigkeit. Christa Schuenke, die auch Shakespeare und Herman Melville übersetzt, hat Mabeys Buch in ein sinnlich-schönes Deutsch gebracht. Dazu kommt die von Herausgeberin Judith Schalansky verantwortete exquisite Ausstattung und Gestaltung (mein Interview mit ihr hier) – alles in allem ein Naturbuch im Goldstandard. Man möchte sich damit auf eine Wiese legen.

Eines von Mabeys frühen Büchern übrigens war die Biographie von Gilbert White, dem Pfarrer aus dem 18. Jahrhundert, dessen „Erkundung von Selborne“ hier weiter unten ebenfalls besprochen werden.

Richard Mabey: Das Varieté der Pflanzen. Botanik und Fantasie (The Cabaret of Plants. Forty Thousand Years of Plant Life and the Human Imagination, 2015). Aus dem Englischen von Christa Schuenke. Reihe Naturkunden Nr. 54, herausgegeben von Judith Schalansky. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019. 342 Seiten, 38 Euro. Verlagsinformationen hier. Mabeys Website hier.

Eckstein des Nature Writing

(AM) Im Revolutionsjahr 1789 erstmals veröffentlicht, gilt die Die Erkundung von Selborne (Andere Bibliothek, Band 437) oder Selborne und seine Naturgeschichte (Matthes & Seitz, Reihe Naturkunden Nr 74) – die Übersetzungen von Rolf Schönlau und Esther Kinsky erschienen 2021 fast zeitgleich – ein Eckstein des Nature Writing, ja als ein Gründungsdokument. Merkwürdig, dass der Weg in eine deutsche Ausgabe derart lange gedauert hat, merkwürdig dass nun gleichzeitig zwei allerdings sehr schöne Ausgaben vorliegen. Wunder der Natur. Und des Buchmarkts.
In England blieb der Klassiker des Landpfarrers Gilbert White seit Erscheinen immer im Druck, hat schon über 300 Auflagen erlebt und gilt nach der Bibel, nach Shakespeare und John Bunyans „Pilgrim’s Progress“ als eines der meist veröffentlichen Werke in englischer Sprache. 40 Jahre komponierte der Hobby-Naturforscher White an seinem Buch, es entstand aus 44 Briefen an Thomas Pennant, den damals führenden Zoologen Englands, und aus 66 Briefen an den Rechtsanwalt, Antiquar und Naturkundler Daines Barrington. Das Buch erschien drei Jahre vor Whites Tod, veröffentlicht von seinem Bruder Benjamin White in London. Die Erstausgabe war mit Zeichnungen des Schweizer Malers Samuel Hieronymus Grimm illustriert, die W. Angus engraved hatte. Grimm hatte sich dafür 28 Tage in Selborne aufgehalten, in Whites Welt, den Sussex Downs, die er kaum je verlassen hatte.

„Auch wenn ich die Sussex Downs nun seit über 30 Jahren bereise, erfüllt mich die Kette majestätischer Berge Jahr für Jahr mit frischer Bewunderung, und ich entdecke bei jeder Erkundung neue Schönheiten. Das Gebiet, das von Chichester aus nach Osten bis Eastbourne reicht, ist etwa 60 Meilen lang und wird South Downs genannt, wobei der Name, genau genommen, nur für die Gegend um Lewes gilt. Man hat einen herrlichen Ausblick auf ausgedehnte Waldgebiete auf der einen und das Meer auf der anderen Seite.“ Nun ja, die höchste Erhebung dort ist 270 Meter hoch. Aber natürlich findet sich dort – das wissen wir heute längst aus Naturbeschreibungen – für einen aufmerksamen Beobachter die ganze Welt in einer Nussschale: die Stimmen der Vögel, das Verhalten der Insekten, der Wechsel der Jahreszeiten und die Veränderungen der Landschaft.

Das Gilbert White House mit angegliedertem naturkundlichem Museum ist heute ein Museum, auf seiner Website findet sich das Originalmanuskript. Daraus ein Zitat: Wenn der Autor auch nur einige seiner Leser anregt, die Wunder der Schöpfung stärker zu achten, die allzu häufig als gewöhnliche Erscheinungen hingenommen werden, so ist der Zweck dieses Buches ganz erfüllt.“

Gilbert White: Die Erkundung von Selborne durch Reverend Gilbert White. Eine illustrierte Naturgeschichte (The Natural History of Selborne, 1789). Aus dem Englischen von Rolf Schönlau. Mit einem Text von Virginia Woolf.
Die Andere Bibliothek, Berlin. 400 Seiten, 74 Abbildungen, 44 Euro.
Sowie:
Gilbert White: Selborne und seine Naturgeschichte. Aus dem Englischen von Esther Kinsky. Reihe Naturkunden Nr. 74, herausgegeben von Judith Schalansky. Matthes und Seitz, Berlin. 288 Seiten, 32 Euro.
– Das Gilbert White Museum in Selborne, das Originalmanuskript.

Unsere großen Nachbarn

(AM) Es gibt weltweit vermutlich keinen Verlag, bei dem sich mehr Kompetenz und Know How in Sachen illustrierter Nachschlagewerke (englischer Begriff: reference books) und Lexika bündelt als beim 1974 in London gegründeten Unternehmen Dorling Kindersley (DK), heute Teil von Penguin Random House und damit Teil der Bertelsmann-Gruppe. Das Preis-Leistungsverhältnis der in über 60 Sprachen erscheinenden Bücher ist unschlagbar, international (und auf dem Kunstbuchsektor) hat nur der Verlag Taschen ein ähnliches Standing aufzuweisen. 

Bäume – Eine Natur- und Kulturgeschichte heißt im Original schlicht „The Tree Book“. Und das ist es auch: einfach (so gut wie) alles über Bäume. Dies auf 320 großformatigen Seiten vorbildhaft und mit insgesamt 80 Bäumen aus aller Welt exemplifiziert. Die Bild- und Informations-Dramaturgie ist ausgeklügelt, keine Seite kommt gleich daher, es gilt das Prinzip Doppelseite, viele Bäume haben deren zwei. Ihnen zu folgen ist ein fast filmisches, ein jedenfalls fließendes und dem Auge angenehmes Gefühl. In diesen Buchseiten steckt nicht nur viel Sachverstand und Wissen, sondern auch viel Achtung vor dem Gegenstand –­ und vor dem Leser/ der Leserin. Und viel achtenswerte Detailliebe.

Bäume sind große, verholzte Pflanzen, die sich über Samen vermehren. Sie sind eng mit der Geschichte der Menschheit verbunden, lauten die ersten beiden Sätze. Das Einführungskapitel umreißt auf 29 Seiten ihre Welt, behandelt Klassifikation, Evolution, Vermehrung, Ökosysteme, Nadel- und Laubwälder und die Tropen. Dann geht es an die teils atemberaubenden Einzelporträts von Ginko und Andentanne bis zum Lorbeer- oder Köcherbaum, von Stiel-Eiche  und Echter Walnuss zum Roten Eukalyptus und der Echten Mango oder dem Nimbaum, dessen 100 Inhaltsstoffe noch längst nicht erforscht sind. 

Das Buch ist erfreulich wenig eurozentrisch, hält viele Entdeckungen bereit, zeigt Details ganz nah, lässt das Auge immer wieder auf  majestätischen doppelseitigen Waldfotos ruhen, etwa einer Allee von Affenbrotbäumen auf Madagaskar. Ich freute mich auf Seite 53 Tane Mahuta, den „Herr des Waldes“ und größten Kauribaum der neuseeländischen Nordinsel anzutreffen, weiß von einem Besuch, wie schwierig er im dichten Wald zu fotografieren ist. Alte botanische Stiche und Zeichnungen, Gemälde, Artefakte, Detailfotos, Buchmalereien und Fresken gehören zur artenreichen Bildwelt des Buches. Und es findet sich manch ein gutes Zitat. Etwa das bengalische Sprichwort: „Die Mango ist unter den Früchten das, was der Ganges unter den Flüssen ist.“

Michael Scott, Ross Bayton, Andrew Mikolajski, Keith Rushforth:  Bäume – Eine Natur- und Kulturgeschichte (The Tree Book, 2022). Aus dem Englischen von Agnes Pahler. Dorling Kindersley Verlag, München 2022. 320 Seiten, Format 242 x 288 mm, über 900 farbige Fotos und Illustrationen, 34,95 Euro. Verlagsinformationen.

Die kleinen Nachbarn

(AM) Lernen Sie Ihre Nachbarn kennen, heißt es im Vorwort von Mikrokosmos. Wunderwelt der kleinsten Lebewesen, „tauchen Sie ein in eine Welt, die uns allein durch ihre Größe verwehrt bleibt.“ Das Buch ist spektakulär, bietet beste DK-Qualität (zum Sachbuchverlag Dorling Kindersley siehe weiter oben auch das Buch über Bäume).

Und in der Tat: So detailliert und farbenprächtig nahe ist Viren, Bakterien, Einzellern, Wimperntierchen, Nesselzellen, Milben, Sporen, Spermien, Plankton, Pilzen oder Zellen sonst kaum zu kommen. Der ungewöhnliche Bildband versammelt kompaktes Wissen sowie hochmoderne Mikroskop-Bilder und atemberaubende Makro-Fotografie, Grafiken und Zeichnungen. Im Prinzip Doppelseite visualisiert, ist dies eine Expedition durch das lebenswichtige und für das normale Auge unsichtbare Reich der kleinsten Lebewesen und Lebensvorgänge. Alleine der menschliche Körper hat geschätzte 30 Billionen Zellen, und wir sind nicht die größten Lebewesen. 

Die Reise gliedert sich in acht Kapitel: Nahrungsquellen, Körperantrieb, Erkennen und reagieren, Bewegungsapparate, Stütze und Schutz, Vermehrung, Wachstum und Wandel, Lebensräume. Erst einmal werden wir dazu mit den Maßstäben in der Mikrowelt vertraut gemacht, erfahren auch über Fortpflanzung oder Lebensräume. Das sind zum Beispiel Haut, Haare, Darm oder Blutzellen.

Beim Betrachten der Bilder schwankt man zwischen Schönheit, Befremden und Schreck. Die Naturforscher in uns sind gefragt, geht es doch um Insektenkiefer, Mundwerkzeuge, Spinnenseide, Zellskelette und –wände, Blatt- oder Hautoberflächen, Stacheln, Raupen- und Spinnenhaare, Pollenkörner oder Blutsaug-Instrumente. Die Wurzelzelle eines Klees offenbart ihre Schönheit seitengroß, auch die Raspelzunge einer Weinbergschnecke, die Kiemen eines Röhrenwurms, die Flügelschuppe eines Schmetterlings, die Schuppe eines Hais oder eine Rentierflechte. Schöne, fremde Welt. Ein sozusagen eigener Planet. In uns. Um uns. Ganz nah, jedenfalls.

Derek Harvey, Dr. Elizabeth Wood, Michael Scott, Tom Jackson, Dr. Bea Perks: Mikrokosmos. Wunderwelt der kleinsten Lebewesen (Micro Life. Miracles of the Miniature World, 2021). Übersetzt von Michael Kokoscha. Dorling Kindersley Verlag, München 2022. 336 Seiten, Format 252 x 301 mm, über 600 farbige Fotos und Illustrationen, 39,95 Euro.

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