Posted On 15. August 2017 By In Crimemag With 1471 Views

Primärtext: Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant

Der Sympathisant von Viet Thanh Nguyen

„So ist das mit den Dingen, die gefährlich sind…“

CrimeMag-Lesern ist er bereits wohlbekannt: unser Autor Viet Thanh Nguyen, dessen Erstling – aus dem wir hier den Anfang veröffentlichen dürfen – sowohl den Pulitzer-Preis als beste „fiction“ wie auch den Edgar (Allen Poe Award) als beste „crime novel“ des Jahres errungen hat. Sein eleganter und kluger Vietnam-Thriller „Der Sympathisant“ ist rundum eine Freude, und beweist, dass die Zeit großer Politthriller keineswegs zuende ist, sondern eine Zukunft hat. Herzlich willkommen damit in Germany, dear Viet!

Viet Thanh Nguyen bisher bei CrimeMag:

Essay: „I am a refugee.“ Mit einem Hinweis auf seinen Band mit Kurzgeschichten.

Essay: The Great Vietnam War Novel was not written by an American. 
Essay: Storytelling in the Age of Trump.
Essay: „I want a dyke for President“.

(Motto:) Hüten wir uns, bei dem Wort »Tortur« gleich düstere Gesichter zu machen: es bleibt gerade in diesem Falle genug dagegen zu rechnen, genug abzuziehn – es bleibt selbst etwas zu lachen.
(Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral)

ERSTES KAPITEL

Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern. Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin. Ich bin kein missverstandener Mutant aus einem Comicheft oder Horrorfilm, obwohl mancher mich als solchen behandelt hat. Ich besitze einfach die Fähigkeit, alles von zwei Seiten zu betrachten. Manchmal schmeichele ich mir selbst, indem ich mir sage, dies sei ein Talent, auch wenn es zugegebenermaßen nichts Besonderes ist, ist es vielleicht das einzige Talent, das ich habe. Wenn ich allerdings länger darüber nachdenke, warum ich nicht anders kann, als die Welt so zu betrachten, frage ich mich, ob man dabei überhaupt von Talent sprechen kann. Schließlich bezeichnet ein Talent etwas, das man nutzt, und nicht etwas, von dem man benutzt wird. Ein Talent, das man nicht nutzen kann, das einen im Griff hat, ist zugestandenermaßen gefährlich. Aber in dem Monat, mit dem dieses Geständnis beginnt, erschien mir meine Art, die Welt zu betrachten, noch eher ehrenwert als gefährlich, wie das anfangs manchmal so ist mit den Dingen, die gefährlich sind.

Der fragliche Monat war der April, der grausamste Monat. Es war der Monat, in dem ein Krieg, der schon sehr lange gedauert hatte, langsam zu Ende ging. Wie es eben mit Kriegen so ist. Es war ein Monat, in dem sich für jeden Menschen in unserer kleinen Ecke der Welt alles entschied, der den meisten Menschen im Rest der Welt aber nichts bedeutete. Es war ein Monat, der zugleich das Ende eines Krieges und der Anfang des … nun ja, »Frieden« ist nicht das passende Wort, oder, mein lieber Kommandant? Es war ein Monat, als ich hinter den Mauern einer Villa, in der ich seit fünf Jahren gelebt hatte, auf das Ende wartete. Hinter Mauern, in denen braun glitzernde Glasscherben steckten und die eine Krone aus bomben2rostigem Stacheldraht trugen. Ich hatte mein eigenes Zimmer in der Villa, so wie ich mein eigenes Zimmer in Ihrem Lager habe, Kommandant. Natürlich lautet die korrekte Bezeichnung für mein Zimmer »Einzelzelle«. Und statt einer Putzfrau, die jeden Tag sauber macht, haben Sie mir einen Wachmann mit Babygesicht zur Verfügung gestellt, der gar nichts sauber macht. Aber ich beklage mich nicht. Damit ich mein Geständnis aufschreiben kann, muss es nicht sauber sein, nur ruhig.

Nachts war es in der Villa des Generals sehr ruhig, tagsüber jedoch nicht. Ich war der einzige von den Offizieren des Generals, der mit ihm unter einem Dach lebte, der einzige Junggeselle in seinem Stab und sein zuverlässigster Berater. Bevor ich ihn morgens den kurzen Weg zu seinem Büro fuhr, frühstückten wir zusammen und analysierten am einen Ende des Esstisches aus Teakholz Kriegsberichte, während seine Frau am anderen Ende eine disziplinierte Gruppe aus vier Kindern beaufsichtigte, die achtzehn, sechzehn, vierzehn und zwölf Jahre alt waren. Ein Stuhl blieb immer frei für die in Amerika studierende Tochter. Nicht jeder mochte sich vor dem Ende gefürchtet haben, der General jedoch tat es klugerweise. Er war ein dünner Mann mit hervorragender Körperhaltung, ein kriegserfahrener Soldat, der sich seine vielen Orden wirklich verdient hatte. Kugeln und Granatsplitter hatten dafür gesorgt, dass er nur noch über neun Finger und acht Zehen verfügte, doch um den Zustand seines linken Fußes wussten nur seine Familie und enge Vertraute. Nichts hatte je seinen Ehrgeiz gebremst, außer sein Verlangen nach einer exzellenten Flasche Burgunder. Er trank sie nur mit Kameraden, die sich davor hüteten, Eiswürfel in ihren Wein zu kippen. Er war Epikureer und Christ, in dieser Reihenfolge, ein Mann des Glaubens, der an die Gastronomie und an Gott, an seine Frau und seine Kinder glaubte, und an die Franzosen und Amerikaner. Seiner Ansicht nach waren sie uns weitaus bessere Vormunde als die anderen ausländischen Svengalis, die unsere Brüder im Norden und auch einige im Süden hypnotisiert hatten: Karl Marx, Wladimir Iljitsch Lenin und der Große Vorsitzende Mao. Nicht, dass er jemals einen dieser Weisen gelesen hatte! Es war meine Aufgabe als sein Adjutant und ihm zuarbeitender Nachrichtenoffizier, ihn mit Zitaten zu versorgen, die etwa aus dem Kommunistischen Manifest oder Maos Kleinem Roten Buch abgekupfert waren. Es lag an ihm, die passende Gelegenheit zu finden, um sein Wissen über die Gedankenwelt des Feindes zu demonstrieren. Die Lieblingsfrage des Generals, die er stellte, wann immer es ihm nötig erschien, war ein Lenin-Plagiat: Meine Herren, sagte er dann und klopfte resolut mit den Fingerknöcheln auf den fraglichen Tisch, »Was tun?« Dem General zu erklären, dass diese Frage eigentlich aus Nikolai Tschernyschewskis gleichnamigen Roman stammt, erschien irrelevant. Wer kennt heute noch Tschernyschewski? Es war Lenin, der zählte, der Mann der Tat, der die Frage aufgegriffen und sich zueigen gemacht hatte.

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In diesem düstersten aller Aprilmonate hatte der General, der auf die Frage, was zu tun sei, sonst immer etwas zu tun fand, keine Antwort mehr. Der Mann, der an die mission civilisatrice und den American Way glaubte, wurde schließlich vom Virus des Zweifels erfasst. Von Schlaflosigkeit geplagt, wanderte er bomben4in seiner Villa umher wie ein grünlich bleicher Malariapatient. Seit ein paar Wochen zuvor im März unsere Nordfront zusammengebrochen war, tauchte er ständig in meinem Büro oder in meinem Zimmer in der Villa auf, um mir bruchstückhafte, doch immer düstere Neuigkeiten zu übergeben. Ist das zu fassen, rief er dann aus, worauf ich abwechselnd mit: Nein, General! oder Unglaublich! reagierte. Wir konnten nicht glauben, dass Anfang März die freundliche, malerische Kaffeestadt Ban Me Thuot erobert worden war. Wir konnten nicht glauben, dass unser Präsident Thieu, auf dessen Namen man nur noch spucken konnte, unseren das Hochland verteidigen- den Truppen unerklärlicherweise den Rückzug befohlen hatte. Wir konnten nicht glauben, dass Da Nang und Nha Trang gefallen waren oder dass unsere Soldaten Tausende Zivilisten hinterrücks erschossen hatten, als diese wie von Sinnen versuchten, auf Lastkähnen und Booten zu fliehen. In der Zurückgezogenheit meines Büros machte ich pflichtgemäß Fotos von diesen Berichten, die Man, meinem Führungsoffizier, gefallen würden. Obwohl sie auch mir gefielen, schließlich waren sie Anzeichen für die unausweichliche Erosion des Regimes, rührte mich unwillkürlich die Not bomben1dieser armen Menschen. Mein Mitgefühl war vielleicht nicht korrekt, politisch gesehen, aber wenn sie noch lebte, wäre meine Mutter eine von ihnen gewesen. Sie war eine arme Frau und ich ein armes Kind, und niemand fragt arme Menschen, ob sie Krieg wollen. Genauso wenig hatte irgendwer diese armen Menschen gefragt, ob sie lieber vor der Küste in der Hitze verdursten oder von den eigenen Soldaten ausgeraubt und vergewaltigt werden wollten. Wenn diese Tausenden noch lebten, sie hätten genauso wenig fassen können wie wir, dass die Amerikaner – unsere Freunde, unsere Wohltäter, unsere Beschützer – kein Geld mehr schicken wollten. Und was hätten wir mit dem Geld gemacht? Wir hätten Munition, Benzin und Ersatzteile gekauft für die Waffen, Flugzeuge und Panzer, die uns die gleichen Amerikaner gratis überlassen hatten. Sie hatten uns die Spritzen geschenkt, und jetzt versagten sie uns perverserweise den Stoff. (Für nichts, murmelte der General, musst du so teuer bezahlen wie für das, was man dir gratis anbietet.)

Dies sind – mit freundlicher Genehmigung des Karl Blessing Verlages und mit Dank an den Übersetzer Wolfgang Müller – die Anfangsseiten von:

Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant (The Sympathizer, 2015). Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller. Karl Blessing Verlag, München 2017. Hardcover, 528 Seiten, 24,99 Euro. Verlagsinformationen.

Weitere Leseprobe.

Internetseite des Autors: www.vietnguyen.info/home

Thomas Wörtche über „Der Sympathisant“

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