Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Peter Münder: Paul Austers Sachbuch über Stephen Crane

In Flammen oder zerrissen, manisch-depressiv oder Zocker?

Paul Auster versucht in seinem monumentalen Band „In Flammen“ das Stephen Crane-Enigma zu entschlüsseln

Er wurde mit seinem 1895 veröffentlichten  Bürgerkriegs-Roman „The Red Badge of Courage“ bekannt , dann auch mit Gedichten und Novellen und war als Kriegsreporter in Kuba und Griechenland im Einsatz. Stephen Crane (1871-1900) stammte aus einer großen Methodisten-Familie, deren Wertsystem er nicht akzeptieren konnte. Das New Yorker Rotlicht-Milieu interessierte ihn mehr als die Uni, Abenteuer in Mexiko und Kuba lieferten ihm ideale Vorlagen für Gedichte und Novellen. Paul Auster, 75, („New York Trilogy“, „4321“) hat dreieinhalb Jahre lang Cranes Gesamtwerk studiert,  Crane-Biographen interviewt und in Archiven recherchiert, um dem  „echten“ Künstler gerecht zu werden. Mit seinem 1200 Seiten starken Band „In Flammen“ er nun die ultimative, zwischen Biographie und Werk-Analyse angesiedelte Studie. –  Von Peter Münder.

Er war der Nachkömmling in der großen Methodisten-Familie mit vierzehn Kindern, von denen bereits fünf gestorben waren, als Stephen Crane am 1. November 1871 in Newark, New Jersey, geboren wurde. Vater, Mutter,  Onkel, Tanten – alle waren eingebunden in das evangelische Methodisten-Netzwerk: Der bekannte und beliebte Vater Jonathan Townley Crane (Princeton-Absolvent) war als Pfarrer, Lehrer, Schulgründer und Verfasser von Traktaten über die Schädlichkeit des Tanzens, Rauchens oder Kartenspiels sowie als Autor theologischer Schriften anerkannt. Diese nach festen Regeln und Methoden das wahre Christentum suchenden Methodisten waren liberal und aufgeklärt, wie Paul Auster schon auf den ersten Seiten seiner profunden, einfühlsamen Monographie mit analytischem Tiefgang erläutert. Und sie traten auch – vor allem Stephens Mutter Helen – entschieden für Frauenrechte und die Abschaffung der  Sklaverei ein und gründeten Schulen, an denen auch Schwarze unterrichtet wurden.  

Behutsam werden wir von Paul Auster eingeführt in die letzten 30 Jahre des 19. Jahrhunderts, in die Welt von Crane, dessen Hauptwerk „The Red Badge of Courage“ in den USA über Jahrzehnte zur Pflichtlektüre an den Schulen gehörte – was jedoch seit vielen Jahren nicht mehr der Fall ist. Auster hatte Cranes Bürgerkriegs-Roman als 15jähriger Schüler begeistert gelesen und begann sich nun, nach dem Abschluss seines letzten Romans „4321“, wieder für Crane und dessen Biographie zu interessieren. Einen kürzeren Aufsatz könnte er ja vielleicht über Crane verfassen, spekulierte er am Anfang seiner Recherchen, dann war er so fasziniert von all den unterschiedlichen biographischen grauen Zonen und Vermutungen, die über Cranes rätselhafte Verhaltensmuster und Flucht-Phasen abgesondert wurden, dass er in einen Total Immersion-Modus wechselte und sich dreieinhalb Jahre nur noch mit dem Crane-Enigma beschäftigte. „Als alter Schriftsteller, der das Genie eines jungen Schriftstellers bewundert“, gehe er seine Studie über Crane an, schreibt Auster – und verdeutlicht seinen Standpunkt mit dem Hinweis, dieses frühreife, früh verstorbene Genie sei „Amerikas Antwort auf Keats und Shelley, auf Schubert und Mozart“. Gleichzeitig spekuliert er auch darüber, warum es eigentlich nur frühreife musikalische Genies (wie Mozart, Bach, Schubert) gab: Suggeriert wird natürlich, dass Stephen Crane als frühreifes Literaturgenie zu dieser erlauchten Elite dazu gehört. Zu viel der Vorschusslorbeeren? 

Mark Twain, Melville, Poe, Henry James lebten und schrieben noch zu der Zeit, als Crane aufwuchs. Und Crane nahm nach Austers Ansicht die Welt wahr als Ort, an dem „mündige Erwachsene am Schreibtisch saßen und schrieben“. Das Schreiben als lebenswichtige Tätigkeit war ihm schon früh eine Selbstverständlichkeit geworden: „Als ein Crane floss von Geburt an Druckerschwärze in seinen Adern“, zitiert Auster die Nichte Stephen Cranes. Das ist der springende Punkt: Für den Autor Crane kam ein anderer Beruf als Schriftsteller nie in Frage – aber er befand sich so oft in erbärmlichen, hoch verschuldeten Verhältnissen, dass seine Devise „Ich schreibe, also bin ich“ angesichts ausbleibender Honorare keine optimistische Zukunftsperspektive bieten konnte.

Stephen Crane konnte schon als Vierjähriger fließend lesen; er schrieb seine ersten Texte als Sechsjähriger und wollte den Dingen damals auch schon wie ein Naturforscher auf den Grund gehen. Als er sich auf einem Markt für zehn Cent vor allen Erwachsenen seelenruhig einen Becher Bier genehmigte, fragte ihn sein entsetzter Freund, was er sich dabei gedacht hätte: „Ja, wie soll ich denn wissen, wie Bier schmeckt, wenn ich es noch nie probiert habe“, erwiderte der sechsjährige Crane. Und fing auch im selben Alter an  die ersten Zigaretten zu rauchen. Ähnlich verfuhr er später bei einem Arbeiterstreik in New York, als arbeitslose, verarmte Männer im eiskalten Schneetreiben durch die Straßen zogen, um an Suppenküchen etwas Essbares aufzutreiben – da lief Crane als junger Reporter mit den Hungernden, in fadenscheinigen Klamotten zitternden Menschen durch die verschneite Stadt – auch nur im Hemd,  in dem er sich dann eine Lungenentzündung holte: „Wie soll ich denn sonst nachempfinden, wie die Menschen frieren und hungern?“, lautete seine Antwort, als ihm Freunde und  Kollegen wegen dieses Leichtsinns Vorwürfe machten.

So ähnlich verfuhr ja auch George Orwell bei seinen „Down and Out“-Reportagen in London und Paris – nur hatte der rund fünfzig Jahre nach Cranes Tod nicht diese radikalen Verhältnisse zu ertragen wie der Amerikaner. In einem Gedicht beschrieb der Achtjährige  Crane  übrigens seine Sehnsucht nach einem kleinen Hund, den er sich wünschte – er brauche weder Pullover, Anzug, Fahrrad oder eine Camping-Ausrüstung, nur einen Hund, den möchte er unbedingt haben. Da deutet sich auch schon früh Cranes Ablehnung eines plumpen Materialismus an, obwohl er in späteren Phasen durchaus hedonistische Neigungen pflegte. Diese Widersprüche in Cranes Vita gehören zum Crane-Faszinosum und führen auch dazu, dass Auster ihn als „puritanischen Hedonisten“ charakterisiert.         

Aufgrund eines stark entwickelten Gerechtigkeitsempfindens konnte Crane  auf Lehrer, Dozenten und Polizisten extrem provozierend  wirken: Eine Schule bricht er ab, weil ein Lehrer ihn zu Unrecht für einen blöden Streich verantwortlich macht –er betritt die Schule nie wieder, was seine Mutter jedoch akzeptiert. Und als er sich für eine New Yorker Prostituierte auch vor Gericht in einem aufsehenerregenden Prozess einsetzt, weil diese brutal schikaniert wurde, ist die Öffentlichkeit alarmiert: Die Presse, der Justizapparat, die New Yorker Polizei und die Kirche polemisieren geschlossen gegen Crane.  

Das New Yorker Prostituierten-Milieu hatte Crane aus erster Hand selbst studiert, als er in einer New Yorker WG mit Freunden lebte und Mädchen von der Straße mit in die Wohnung nahm. Sein düsteres Bild eines New Yorker Slum-Viertels mit hungernden, arbeitslosen und betrunkenen Randexistenzen verdichtete er 1893 in der tristen Novelle „Maggie – A Girl of the Street“, das er in keinem US-Verlag unterbringen konnte. Crane veröffentlichte „Maggie“ unter dem Pseudonym Johnston Smith und finanzierte den Druck selbst. Der gesellschaftliche Zwang war so stark, dass Crane aufgrund der Sittengesetze befürchten musste, im Gefängnis zu landen. „Man könnte meinen, das Buch käme direkt aus der Hölle“, zitiert Auster den über Kleriker und andere Bedenkenträger empörten Crane. 

Ein kurzer Exkurs über Austers moralischen Impetus ist hier angebracht, denn es ist verblüffend und großartig, dass der Autor Paul Auster, der hier sowohl Kritiker als auch  Biograph ist, selbst so offensichtlich „entflammt“ ist für Stephen Crane, so entschieden eine gesellschaftskritisch-liberale  Position bezieht, um hier explizit den Stellenwert dieser Hasstiraden in der Biographie Cranes zu analysieren. O-Ton Auster:

„Er sah sich nicht als Seelenretter und durchstreifte diese heruntergekommenen Straßen nicht mit der Absicht, sozio-anthropologische Daten über die Sitten und Gebräuche der Eingeborenen zu sammeln. Mein Eindruck ist, er war entsetzt von dem, was er sah – und verfing sich darin, weil es ihn  tief in sich selbst und in die unterirdische Welt des Unbewussten stürzte, in die dunkle, verborgene Sphäre seiner Kindheit und die Religion seiner Eltern. Ein Leben unter den Gefallenen. Nicht nur unter den Ärmsten der Armen, die auf dem Darwin’schen Schlachtfeld des Kapitalismus gefallen waren, sondern auch unter denen, deren Seelen im Königreich eines  Gottes gefallen waren, von dem niemand weiß, ob er existiert oder nicht… Seit seiner Kindheit hat Crane mit der Religion seiner Eltern auf dem Kriegsfuß gestanden…“ 

Auster greift auch zum großen Besteck, wenn es um stilistische Aspekte geht: „Stilistisch ist das Buch eine Kriegserklärung, es wirkt wie ein heißer Fiebertraum, eine psychische Kampfzone brutaler, mörderisch grotesker Gestalten, die in ewigem Streit miteinander liegen. In den turbulentesten Passagen der Geschichte erinnern diese Figuren nicht an Romanfiguren, sondern an neuzeitliche Inkarnationen wutschnaubender Gestalten aus den blutrünstigsten isländischen Sagas, mythische Wesen in Kostümen der 1890er Jahre, archetypische Mächte, die außerhalb der Zeit existieren.“ Mag sein, dass sich Auster da etwas vergaloppiert hat beim Blick auf vorbeihuschende isländische mythische Wesen; überzeugend und angebracht ist jedoch seine Aversion gegen all die Schubladen-Fetischisten, die seit Jahrzehnten mit ihren verstaubten Kategorien hantieren, die jedoch in keine Schublade passen – weder in die mit dem Label Naturalismus, noch die von Realismus, Impressionismus oder Determinismus.

Eher grotesk wirkt  dagegen Austers Laudatio auf „The Third Violet“ – eine Love Story unter intriganten, eifersüchtigen Männern im Künstler-Milieu, die alle Rosamunde-Pilcher-Anhänger bestimmt begeistern würde. Von diesem für einen schnellen Dollar fabrizierten Kitsch hatte Crane sich tatsächlich das große Geld versprochen, als er mal wieder völlig pleite war. Auster besingt diesen Kitsch wohl auch deshalb in höchsten Tönen, weil dieser Text bisher völlig übergangen wurde und in Vergessenheit geriet. Aber hilft es uns wirklich weiter, wenn wir von ihm erfahren, alle Figuren wären hier „reine Oberfläche – ausmalen müssen wir sie uns selbst. Die eigenartige Kraft dieses kargen, rätselhaften Buches liegt darin, dass der Leser beim Lesen gewissermaßen mit Crane mitschreibt, bis die Leerstellen nach und nach ausgefüllt sind“. Offenbar wollte Crane mit schwer verständlichen Dialogen, in denen er auf die Konventionen seiner Zeit pfeift, „den inneren Aufruhr seiner Figuren dadurch deutlich machen, dass sie mehr oder weniger zusammenhanglos reden – so sehr, dass der Dialog an manchen Stellen an die Sprechmuster in den Stücken von Harold Pinter erinnert, der erst fünfzig Jahre nach Cranes Tod zu schreiben begann“.

Auster bemüht hier ziemlich hochtourig  zu viele Assoziationsketten; der Verweis auf Literatur als Kreuzworträtsel-Ersatz wirkt irgendwie abwegig und Pinters Sprechmuster sind doch viel variantenreicher und differenzierter, als Auster hier suggeriert. Auf über dreißig Seiten liefert er  einen Bericht über den abstrusen Plot, der eine Parodie einer Love Story sein soll, er bemüht Hinweise auf Ähnlichkeiten mit einer Verdi-Oper und verklärt diesen Crane-Kitsch obendrein als „erstes Film-Drehbuch der Welt“. Aber sei’s drum: Ich finde es imponierend und begeisternd, wie enthusiastisch der ehemalige Literatur-Dozent Auster sich hier für einen Text und  dessen bisher fast vergessenen Autor engagiert.      

Selbstzerfleischung paart sich mit Arroganz

Das schmerzhafte Stationendrama dieses „Burning Boy“ wirkt in Austers „In Flammen“ auch deshalb so intensiv, weil biographische Erfahrungen in den Novellen, Reportagen und selbst noch in den „Black Rider“-Gedichten aufgespürt und abgeglichen werden. In den Griechisch-Türkischen Krieg zieht Crane als „World“-Reporter zusammen mit seiner Geliebten Cora Howorth, einer ehemaligen Edel-Bordell-Betreiberin, die sich auch bald als Reporterin betätigt. Dann taucht Crane in Kuba (als Tabakhändler?) unter,  siedelt sich in der englischen Provinz in der Nähe vom sympathischen Joseph Conrad an, der von dem Amerikaner und dessen Texten begeistert ist. Auch mit Henry James ist Crane befreundet. Im ländlichen Nest Oxted, in dem Crane schließlich mit Cora lebt, kann er sich von seinem Lungenleiden nicht mehr erholen – alle ärztlichen Diagnosen verkennen den Ernst der Lage, am Ende folgt man dem Rat, die gute Luft im deutschen Schwarzwald zu genießen und unternimmt eine viel zu anstrengende  Reise nach Badenweiler, wo Crane jämmerlich am 5. Juni 1900 im Alter von 28 Jahren verreckt. 

Von Schärfe und Unschärfe spricht Auster beim Versuch, all diese Spuren genauer unter die Lupe zu nehmen, um Cranes Wiederbelebung als Autor  zu intensivieren. Aber der resignative Unterton am Schluss seines beeindruckenden Bandes ist nicht zu überholen: „Geht uns das alles noch etwas an?“ fragt er da und gibt selbst die Antwort: „Wenn ja, und man kann es nur hoffen, sollte man aufmerksam hinsehen.“ Wir müssen aber auch hinzufügen: Dank dieser beeindruckenden Studie dürfte sich das Interesse an Stephen Cranes Werken rapide steigern. 

Das Zocker-Symptom Nervenkitzel

Rätselhaft war  Cranes Fixierung auf heikle, gefährliche Situationen: Warum stellt er sich während des Griechisch-Türkischen Krieges als Kriegsreporter im weißen Mantel – gut sichtbar für die türkischen Soldaten – mitten in den feindlichen Kugelhagel? War er als Poker-Spieler auf  den Nervenkitzel fixiert, den das Risiko eines hohen Verlusts impliziert? Wie ist es zu erklären, dass  der  in seiner „Schreibfabrik“ stets „an drei Fronten schuftende“ Autor das kümmerliche, meist viel zu spät bezahlte Honorar für  Whilomville-Storys, Kriegserzählungen und Erzählungen aus dem amerikanischen Westen schnell wieder leichtsinnig verjubelt? Austers Vermutung, Crane sei eigentlich ein auf elektrisierenden Nervenkitzel fixierter Zocker gewesen,  kennzeichnet jedenfalls sehr genau die Symptome von Spielsüchtigen: „Sein Leichtsinn war mehr als nur ein Zwang oder eine Sucht oder ein rätselhafter Charakterfehler, Leichtsinn war geradezu der Kern seines Charakters, Crane war der Leichtsinn in Person. Er war ein Spieler, richtig glücklich und lebendig fühlte er sich nur, wenn er etwas riskierte…Gefahr war seine Zerstreuung.“

Die „rote Tapferkeitsmedaille“, die den jungen Unions-Soldaten Henry Fleming in der Schlacht von Chancellorsville im Mai 1863 so markant auszeichnet, ist eine  blutige Kopfwunde. Sie ist als  symbolischer Verweis auf Henrys Träume von Heldentum zu verstehen, die im Verlauf seiner kriegerischen Aktionen immer stärker in Flucht-Phantasien und Angstgefühle umschlagen. Crane präsentiert ja keine heroischen Schlachtgemälde, sondern liefert mit seinem filigran gezeichneten psychologischen Impressionismus den gesamten Initiations-Prozess von langweiligem Lagerleben, Kampf, Flucht, Sieg und Rückzug, der aus Henrys Perspektive als desillusionierender  Reifeprozess beschrieben wird. Crane hatte damals noch keine Kriegserfahrungen, seine naturalistische, wohl von Zola beeinflusste Detailbesessenheit war jedoch ebenso bemerkenswert wie die realistischen Dialoge. 

Austers „Red Badge“-Fazit ist in diesen verrückten Zeiten, da ein egomanischer Moskauer Großmacht-Phantast einen mörderischen  Eroberungs-Krieg anzettelt, so bemerkenswert, weil er nicht auf politisch-historische Entwicklungen abhebt, sondern auf ein „psychologisches Porträt der Angst“, das Stephen Crane 1895 lieferte. Dazu Auster:

„Der berühmteste Kriegsroman unserer Literatur ist weniger ein Buch über den Krieg als vielmehr eine Studie über die Auswirkungen von Krieg auf einen unreifen, jungen Mann, ein Werk, das Crane selbst im Rückblick ein ‚psychologisches Porträt der Angst’ nennen sollte. Ein echter Kriegsroman würde uns mitteilen, warum ein Krieg geführt wird, wer hier gegen wen kämpft,  wo die Kämpfe stattfinden, und sich mit Politik, militärischer Strategie und der Moral an der Heimatfront befassen, doch all diese unerlässlichen Fakten – das Fundament aller anderen Kriegsromane des 19. Jahrhunderts – werden uns in „The Red Badge of Courage“ vorenthalten… Bis Crane hatte kein Schriftsteller englischer Zunge je eine so waghalsige Reduktion erzählerischer Elemente unternommen –damit ist das Buch eine neue Art von Kriegsroman, ein Roman,  in dem es nicht um das Große geht, nicht um den Zerfall eines Landes, zerrissen in zwei Länder, zwei Armeen, zwei einander bekämpfende Kulturen, sondern um das Kleine, die Rolle eines einzigen Mannes in dem Konflikt, eines Mannes, der im Grunde noch ein Junge ist, ein Heranwachsender, der zum ersten Mal in die Schlacht geworfen wird.“

Mit Austers  grandiosem Band können wir eine aufregende  Abenteuer-Reise unternehmen, die uns auf viele neue Exkursionen in bisher unentdeckte biographische und  literarische Zonen mitnimmt. Auster kann das kapriziöse, widersprüchliche Genie Stephen Crane zwar  nicht lückenlos entschlüsseln, doch ihm gelingt es,  dieses faszinierende Enigma mit all seinen  Facetten  so attraktiv darzustellen, dass hier eigentlich alle  entflammt sind (oder werden): Erstens  Stephen Crane, zweitens der  Biograph Paul Auster und außerdem noch der Leser. 

Peter Münder

Paul Auster: In Flammen. Leben und Werk von Stephen Crane (Burning Boy. The Life and Work of Stephen Crane, 2021). Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt Verlag Hamburg 2022. 1183 Seiten, 34 Euro.

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