Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Peter Münder im „House of Wirecard“

„Huch! Da fehlen ja 1,9 Milliarden in der Bilanz! Und der Chef ist auch verschwunden!“

Dan McCrum, der englische Enthüller des Wirecard-Skandals beschreibt in seinem Buch „House of Wirecard“ den gigantischen Finanzbetrug und die Täuschungsmanöver des ehemaligen DAX-Konzerns. McCrums Frustrationen angesichts der deutschen Bürokraten und Juristen, die den „Financial Times“-Aufklärer zum kriminellen Hedgefond-Gangster stilisieren wollten, sind absolut verständlich. – Von Peter Münder.

Der „Financial Times“-Reporter Dan McCrum, 43, beschreibt hier nicht nur die betrügerischen Machenschaften der ehemaligen Wirecard-Chefs Jan Marsalek (zur Zeit wohl irgendwo im Osten zwischen Moskau und Minsk abgetaucht) und Markus Braun (zur Zeit in U-Haft). Er entlarvt auch  die systemtreue Mentalität eines deutsch-österreichischen Justiz-Systems, das all diese Manipulationen mittrug und unterstützte.  Die Enthüllungen des „Financial Times“-Journalisten liefern unglaubliche  Einblicke in Lügenkonstrukte , die jeden Psychologen und Mafia-Boss entzücken dürften, obwohl sie eigentlich wissen sollten, dass Potemkins lächerliche Gaukeleien heute ebenso überholt sind wie ein armseliger Enkeltrick. 

Im „House of Wirecard“ war fast alles unglaublich und von exotischem Aberwitz. Brechts Verdikt, „Was ist schon ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank?“. trifft das „House of Wirecard“  jedenfalls punktgenau.  

Wirecard war ursprünglich eine Klitsche, die Online-Glücksspiel-Zockern und Pornografen das digitale Bezahlen ihrer Aktivitäten ermöglichte und mit fingierten  Erfolgsgeschichten eine grandiose Fassade aufbaute, die suggerierte, weltweit schnell ähnliche Erfolge vorweisen zu können wie Apple, Facebook oder Amazon. Was  begeisterte Kleinanleger genauso blauäugig glaubten wie routinierte Finanzexperten und die Ignoranten der Bafin, die Opfer und Täter in diesem Drama verwechselten. Auch  die Wirtschaftsprüfer von KPMG sowie Ernst & Young nahmen die rasanten Wirecard-Kurssprünge und milliardenschweren Beträge auf angeblichen asiatischen  „Treuhandkonten“ – die es nicht gab – jahrelang aus der bewundernden Froschperspektive zur Kenntnis, bis sie erkannten, einem raffinierten Ausplünderungskomplott auf den Leim gegangen zu sein. Da war es aber schon zu spät: Die Bilanz-Milliarden waren ebenso verschwunden wie der Zauberkünstler Marsalek mit seinen Millionen, während sich der Kompagnon Markus Braun der Münchener  Justiz stellte und sich immer noch in U-Haft befindet. Nicht einmal Protokolle von Vorstandssitzungen und Beschlüssen gab es bei Wirecard: Möglichst viele Spuren zu verdächtigen Aktionen sollten vermieden werden – was McCrum mit dem ironischen Hinweis kommentiert, dass kein Rotary Club in deutscher Provinz je auf die Idee käme, eine Mitgliederversammlung ohne Teilnahme-Liste und offizielles Protokoll durchzuführen.  

Im Unterschied zu den hochbezahlten Wirtschaftsprüfern von E&Y sowie KPMG, die  vorgelegte Wirecard- Bilanzen jahrelang eigentlich nur gelangweilt durchwinkten und die obskuren asiatischen Kunden und deren  „Firmen“ nie selbst vor Ort heimsuchten, machte sich McCrum die Mühe, im brachliegenden asiatischen Hinterland heruntergekommene Hütten oder Einmann-Buden zu inspizieren – was wohl ausschlaggebend für seinen  Ermittlungserfolg war. Die von McCrum kontaktierten angeblichen Wirecard-Partner und  Kunden waren meistens ebenso verblüfft wie er selbst, denn von der bayrischen Bezahldienst-Firma hatten die meisten noch nie gehört. 

McCrum hat die irre Wirecard-Geschichte in seinen Kapitel-Überschriften festgehalten: „2006-München- Wirecard Aktienkurs vier Euro, Firmenwert 300 Millionen Euro“ markiert die Ausgangsposition, die im Jahr 2014 schon auf  35,- Euro, 2017 auf 76,- Euro  bei einem Börsenwert von 9,5 Milliarden Euro stieg und im  Januar 2019 einen Kurs von 169,- Euro erreichte sowie einen Börsenwert von 21 Milliarden Euro. Mit dem danach vollzogenen Aufstieg in den DAX  30 hatte Wirecard auch eine Art Gütesiegel erworben, da nur die dreißig stärksten, prestigeträchtigsten deutschen Unternehmen im Dax versammelt waren. Nicht umsonst war daher Wirecard für viele naive Anleger und  sogar für kritische Finanzexperten zum Synonym für optimale Geldanlage und solides  Finanzmanagement geworden. Daher phantasierten die egomanischen Wirecard-Chefs  Jan Marsalek und Markus Braun nach dem Debakel von Commerzbank und der Deutschen Bank dann auch prompt über einen großen Coup – nämlich eine Übernahme der Deutschen Bank. Offenbar verstand man sich bei Wirecard auch als Sprungbrett für ambitionierte Banker, die den Aufstieg zum „Master of the Universe“ als leichte Übung empfanden.

Wirecard-Zentrale in Aschheim, 2019 © wiki

Marsaleks großspuriges Gebaren, das meistens um seine VIP-Bekanntschaften, Beziehungen zu Politikern, Geheimdienstler und Millionäre kreiste, bestärkte den Engländer jedoch darin, seine Recherchen als beinharten Endkampf für die Wahrheit zu verstehen. Daher kann „House of Wirecard“ auch mit Szenen aufwarten, die man eher bei Hammett, Chandler, Richard Stark oder le Carre´ erwarten würde: Wenn etwa zum klärenden Gespräch von FT-Alphaville-Gründer Paul Murphy und dem Wirecard-Vorstand Marsalek in einem Londoner Restaurant Murphy verkabelt wird  und andere gut getarnte FT-Mitarbeiter im Umfeld undercover mit Micros  darauf lauern, dass  Wirecard-Bosse tatsächlich versuchen,  FT-Journalisten zu bestechen, wirkt das wie in einem San Francisco-Noir-Thriller. Marsaleks krude Fixierung auf den schnöden  Mammon und seine Überzeugung, alle Journalisten wären bestechlich, gehören hier zum Leitmotiv. 

Das mysteriöse Rätsel, das ihn so lange umtrieb, konnte McCrum jedoch erst nach Hinweisen des mutigen, risikofreudigen Pav Gill, dem Wirecard-Justiziar in Singapur, lösen, der die entscheidenden Unterlagen lieferte: Die aufgeblasenen Bilanzen und gigantischen Kontostände, die zwischen mehreren Ländern auf Offshore-Konten verschobenen Millionen – wer wollte davon profitieren? Wer konnte ohne größere Probleme einfach mal 505 Millionen Euro auf ein asiatisches Konto „ableiten“? Und was hatte es schließlich mit den verschwundenen 1,9 Milliarden Euro auf sich, die bei einer Bilanzprüfung „ unauffindbar“ waren? Die hat es nie gegeben. Aber das dürfte nur der flüchtige Jan Marsalek ganz genau wissen, der diese digitalen Hütchenspiele entwickelt hatte.         

Wirecard-Kunden: unbekannt und ohne Verträge, aber mit millionenschweren Krediten bedacht

Sechs Jahre lang hatte McCrum für seine brisante  Enthüllungs- Story recherchiert, bei der die Leitmotive Bilanzfälschung, Firmenplünderung, Geldwäsche und Scheinverträge immer im Mittelpunkt standen. Aber endgültige, unwiderlegbare Beweise für kriminelle Delikte waren nur schwer zu konstruieren. „Irgendwas ist faul in dieser Firma“, geht es McCrum  immer wieder durch den Kopf, doch dann muss er zugeben, dass er zusammen mit den Kollegen der „Financial Times“ keine juristisch haltbaren Beweise vorzeigen kann. Was soll mit diesen grotesk aufgeblähten Bilanzen, gefälschten Listen mit angeblichen, aber nicht zu ermittelnden Kunden denn überhaupt erreicht werden? Für Geldwäscher wären solche  Manöver doch eher belastende Indizien für fragwürdiges Finanzgebaren?! Dieser Aspekt des Zweifelns während seiner unermüdlichen Trüffeljagd, die dann mit einem unwiderlegbaren Indiz die Fassade einer reibungslos funktionierenden Milliarden-Maschinerie zum Einsturz bringen soll, wird zum spannendsten Motiv dieser Jagd. Denn McCrum ist keineswegs ein altkluger Sherlock Holmes, der genau wüsste, wo er zu wühlen  hätte, um die betrügerischen Hochstapler zu überführen, die sich mit dreisten Täuschungsmanövern und fantastischen Kurssprüngen immer neue Millionen an der Börse zusammenzockten. Er ist auch ein selbstkritischer Pedant, der skrupellose, dreiste Angriffe von halbkriminellen Hedgefonds-Spezialisten entsetzt zur Kenntnis nehmen muss. Denn diese Gruppen wurden auch von den Wirecard-Chefs unterstützt, um den FT-Aufklärer McCrum als dubiosen Insider-Whistleblower zu verteufeln, der die verlockenden Kurse pulverisieren und die Klein-Aktionäre offenbar in den Ruin treiben wollte. So ähnlich argumentierten dann ja auch die deutschen „Spezialisten“ der Bafin und der bayrischen Justiz, die gegen den Aufklärer eine Klage einleiteten, die dann doch zurückgezogen wurde. 

Internet World Fair 2017 in Munich, Germany, Wirecard-Stand © wiki-commons

McCrum war über diverse Winkelzüge der deutschen Justiz ebenso verblüfft wies auch belustigt, denn er konnte es nicht fassen, dass die teutonischen Instanzen tatsächlich glaubten, einen Durchsuchungsbefehl gegen ihn durchsetzen zu können, ohne dafür  überhaupt eine Begründung vorlegen zu müssen. Da tat sich eine  gigantische Kluft zwischen den deutschen und englischen Justiz-Systemen auf. Mit dem deutschen auf Obrigkeitsgehorsam fixierten Beamteneifer hat er sich später doch noch ausgesöhnt, als er nach der Wirecard-Insolvenz nicht nur mit britischen, sondern auch  mit deutschen Preisen und Auszeichnungen – sogar vom damaligen Bafin-Verantwortlichen Olaf Scholz – überhäuft wurde.

Es ist einfach  beeindruckend, wie die englische Spürnase McCrum seinen Finanz-Krimi anreichert mit vertiefenden Psychogrammen und Porträts der beteiligten Protagonisten, auch mit Einblicken in sein Privatleben, ohne sich ostentativ als Hauptdarsteller in den Vordergrund zu drängen. Den flüchtigen Hauptverdächtigen Marsalek skizziert McCrum als Abenteurer mit engen Russland-Connections, guten Geheimdienst-Kenntnissen und sogar mit Informationen über das russische Nervengift Novichok. Außerdem hat Marsalek wohl auch Interessen an der Zementindustrie und Projekten in Libyen. Das erleichtert die Suche nach dem untergetauchten milliardenschweren Hütchenspieler nicht unbedingt. 

Als McCrum 2014 über Ungereimtheiten bei Wirecard informiert wurde und mit  der obsessiven Inbrunst eines Captain Ahab die Jagd  auf das Aschheimer Vorzeige-Unternehmen aufnahm, wurde er bald bedroht, bespitzelt und eingeschüchtert, was McCrum  auch gelegentlich daran zweifeln ließ, ob er die Jagd nach diesem ominösen Weißen Wal nicht aufgeben sollte. Dennoch zog er seine Aufklärungsmission bis zum September 2020 durch.  

Wie geht es nun weiter? Demnächst soll in München der Prozess gegen den in U-Haft sitzenden Wirecard-Ex-Vorstandsvorsitzenden Markus Braun beginnen. Dabei geht  es geht um Insolvenzforderungen gegen Wirecard in Höhe von 12 Milliarden Euro.  Nachdem Dan McCrum vor dem Berliner Untersuchungs-Ausschuss über fünf Stunden zum Wirecard-Skandal angehört wurde,  lautete eine der letzten Fragen an ihn, ob das Kanzleramt auch die „Financial Times“ abonniert hätte: „Jetzt ja“, lautete seine Antwort. 

Für mich ist dieser brisante  Wirtschafts-Krimi das Buch des Jahres: White Collar Crime ohne Schießereien und Leichen, aber präzise, begeisternd und brillant beschrieben. Bewundernswert ist nicht nur die verbissene Beharrlichkeit des Investigativ-Reporters Dan McCrum, sondern  auch sein Blick  hinaus über den Mikrokosmos betrügerischer Bilanz-Jongleure und  bornierter Bürokraten direkt und einfühlsam in das  journalistische Umfeld eines aufrechten Kämpfers für die Wahrheit. 

Dan McCrum: House of Wirecard. Wie ich den größten Wirtschaftsbetrug Deutschlands aufdeckte und einen DAX-Konzern zu Fall brachte (Money Men. A Hot Start-Up, A Billion Dollar Fraud, A Fight For  The Truth, 2022). Aus dem Englischen von Thomas Stauder, Sigrid Schmid, Violeta Topalova, Karsten Petersen, Hans-Peter Remmler. Econ Verlag, Berlin 2022. 464 Seiten, 25 Euro. – Die Internetseite von Dan McCrum.

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