Geschrieben am 1. Mai 2022 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2022

nonfiction, kurz – Mai 2022

Sachbücher, kurz besprochen 

von Alf Mayer (AM).

Eliot Higgins: Digitale Jäger. Ein Insiderbericht aus dem Recherchenetzwerk bellingcat
Catherine Belton: Putins Netz

Weitere Besprechungen in den nächsten Tagen. Schauen Sie wieder vorbei.

Dieses Buch sollte verhindert werden

(AM) Die englische Originalausgabe dieses ziegelstein-dicken Buches erschien zuerst im April 2020 in Großbritannien, bei uns jetzt am 7. Februar 2022, wenige Wochen vor dem Überfall Putins auf die Ukraine. Es ist das wohl beste Schlüsselbuch über Putins Netz, so der Titel, und beschreibt ausführlich Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste. Die Autorin Catherine Belton (ihr Twitter-Accopunt hier), ehemalige Moskau-Korrespondentin der Financial Times, hat dazu über etliche Jahre mit zahlreichen ehemaligen Kreml-Insidern Interviews geführt. Dies waren vor allem Männer, deren Macht Putin letztlich zu groß wurde und die nun selbst vom Kreml „gejagt“ werden. (Alleine seit Beginn des Ukraine-Kriegs sind fünf Oligarchen und teils sogar ihre Familien unter rätselhaften Umständen zu Tode gekommen.) Catherine Belton beleuchtet ein mafiöses Geflecht aus Kontrolle, Korruption und Machtbesessenheit, stochert dabei in manchem Hornissennest. 

Während das Buch in Großbritannien schnell die Bestsellerliste erklomm, erhob sich ein weltweit beispielloser juristischer Sturm gegen die Autorin. Sie und ihr Verlag wurden von einer konzertierten Welle von Klageschriften überschüttet, wie die Verlagswelt das noch nicht erlebt hat. Vier „höchst erfolgreiche Geschäftsleute“ und der Konzern Rosneft verklagten Catherine Bolton mit Hilfe großer Anwaltskanzleien wegen Verleumdung. Harbottle & Lewis fuhren für Roman Abramovich schwerste Geschütze auf, CMS klagte für die Alfa Group von Mikhail Fridman und Petr Aven, LLP für Shalva Chigirinsky, Schillings für Alisher Usmanov und Carter-Ruck für den kreml-nahen Ölgiganten Rosneft, der von Putins altem St. Petersburger Kumpel und späteren Vizeministerpräsidenten Igor Sechin geführt wird. Eine Phalanx der reichsten Männer der Erde gegen eine einzelne Journalistin und ihren Verlag.

Das geballte juristische Trickarsenal gegen ein Buch in Stellung gebracht, das war und ist ein klarer Versuch, Öffentlichkeit für bestimmte Informationen unmöglich zu machen. In der Branche nennt man solch ein Vorgehen „Slapps“ (strategic litigation against public participation), den mißbräuchlichen Gebrauch von Klagen, um Journalisten, Autoren, Whistleblower, Aktivisten, NGOs, Wissenschaftler, Rechercheure, Zeitungen und Verlage mundtot zu machen, sie durch das Hochschrauben des Streitwerts und/oder die Verlagerung in andere Gerichtsbarkeiten aus dem Verfahren zu drängen und zum Schweigen zu bringen. Bolton sollte sich so auch in Australien vor Gericht rechtfertigen müssen. Ziel solcher Kampagnen, auf die sehr teure Kanzleien spezialisiert sind, ist die Verhinderung von Information. Ist der Maulkorb für die Demokratie. Harper Collins UK jedoch stand zu seiner Autorin, gab alleine zum Erreichen der rechtlichen Anhörung 1,5 Mio Pfund aus. Das gleiche Schicksal übrigens erlitt Tom Burgis mit seinem „Kleptopia. Wie Geheimdienste, Banken und Konzerne mit schmutzigem Geld die Welt erobern“, 2021 im Westend Verlag erschienen.

Catherine Belton: Putins Netz. Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste (Putin’s People. How the KGB Took Back Russia and Then Took on the West, 2020). Aus dem Englischen von Elisabeth Schmalen und Johanna Wais. HarperCollins, Hamburg 2022. Hardcover, 704 Seiten, 26 Euro.

Frontaufklärung, unersetzlich

(AM) Eliot Higgins spricht kein Arabisch, war nie in Syrien, trotzdem wurde er zu einem der gründlichsten Aufklärer im syrischen Bürgerkrieg, er deckte Menschenrechtsverletzungen wie etwa den Einsatz verbotener Munition auf und dokumentierte sie, wurde vom Privatmann zum Aktivisten – und zum Gründer von Bellingcat, heute ein internationales Recherchekollektiv aus Rechercheuren, Investigativ- und Bürgerjournalist-innen, die zu verschiedensten Themen Open-Source-Recherchen durchführen. Sie arbeiten mit dem Internet, sind Angestellte und Freiwillige aus mehr aus zwanzig Ländern der Welt. Sind Gegenöffentlichkeit. Sind Weltöffentlichkeit. Zuletzt etwa in Buchta.

Sie sind auf Open Source Intelligence (OSINT) spezialisiert, bearbeiten bevorzugt Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Finanzkriminalität. „Was die Leute von @bellingcat und der Rest der Open-Source-Intelligence-Community in den letzten zwei Wochen abliefern, ist Wahnsinn“, lautete ein Tweet nach dem Massaker in dem Vorort von Kiew. Mehr denn je braucht es Digitale Jäger, so der Titel des Insiderberichts von Eliot Higgins, der chronologisch und anschaulich von der Entstehung von Bellingcat (stilisierte Eigenschreibweise auch bell¿ngcat) berichtet.

Wenn wir die Kriegsverbrecher der Welt schon nicht stoppen können, so muss man ihnen zumindest eine Schelle umhängen, ist seine Devise. Die englische Redewendung belling the cat (der Katze eine Schelle umhängen) geht auf eine mittelalterliche Fabel zurück, in der die Mäuse ratschlagen, wie sie die Katze ungefährlich machen können. Eine schlägt vor, ihr eine Glocke um den Hals zu hängen, aber es findet sich keine Maus, die dies auch tut.

Eliot Higgins: Digitale Jäger. Ein Insiderbericht aus dem Recherchenetzwerk Bellingcat (We Are Bellingcat. An Intelligence Agency for the People, 2021). Übersetzt von Wolfgang Seidel. Quadriga Verlag,/ Bastei Lübbe, Köln 2021. 287 Seiten, Klappenbroschur, 18 Euro. 

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