Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

Markus Pohlmeyer: Sappho: Lieder, griechisch-deutsch (2021)

Eine Rezension

Tot sein will ich – ganz ehrlich:
das seufzte sie heftig unter Tränen und verließ mich.“[1]

I

Die 2021 erschienene griechisch-deutsche Sappho-Edition von Anton Bierl, die auch neuere Fragmente präsentiert, wird begleitet durch ausführliche Anmerkungen, welche zugleich einen Einblick geben in den Überlieferungsmodus und die Rekonstruktionsmethoden antiker Texte: „Im Jahr 2004 wurde aus Mumienkartonage der Kölner Sappho-Papyrus (frühes 3. Jh. v. Chr.) gewonnen und publiziert.“[2]

448 Seiten – ein großes kleines Reclam-Buch –, das mag beeindruckend klingen, ist aber gleichermaßen ein sichtbar gemachter Schmerz, denn beim Durchblättern lassen viele, zu viele Seiten unwiederbringlichen Verlust erahnen. Diese Ausgabe ist eine der Leerstellen: Oft finden sich zwischen den folgenden Zeichen ]…[ (Erklärung: „Die Papyruskolumne ist nur in diesem Bereich vorhanden.“[3]) nur wenige griechische Buchstaben und eine spärliche, mögliche Übersetzung des Wenigen. Darum irgendwie konsequent: „Im ersten Lexikon über Lesben […] gestanden die beiden Herausgeberinnen Monique Wittig und Sande Zeig augenzwinkernd Sappho eine ganze Seite zu – diese blieb jedoch leer.“[4]

II

Das Nachwort bietet eine kritische Sichtung der Rezeptionsgesichte (auch unter Gender-Aspekten): „Sappho entwickelte sich also zum Wunder, zu einem Rätsel, einer Chiffre, einem Gefäß und Raum für die Phantasien und Projektionen der Nachwelt. Jede Epoche formt sich ihr eigenes Sappho-Bild […]. Selbst das Bild der modernen Forschung ist angesichts der spärlichen Faktenlage nur Teil der Rezeption.“[5] Das Nachwort bietet zudem interessante Beobachtungen zur Deixis und Aufführungspraxis (performances) dieser Gedichte, außerdem Erklärungen zu Lied, Ritus und Mythos,[6] ferner Hinweise zur Geschichte des Begriffes Lyrik, einen „Exkurs: Lyrikforschung[7] und thematisiert abschließend Grenzen der Übersetzbarkeit sapphischer Lieder. Denn: „Das Wort versteckt sich nicht hinter einer prunkvollen Fassade, sondern zielt frontal auf die Aussage, auf Personen, fokussiert Gegenstände, Stimmungen und Erscheinungen. Der Stil ist ohne größeren Ornat, sondern immer kristallklar an dem Gehalt und der Idee orientiert.“[8] Die Herausforderungen an einen Übersetzer, eine Übersetzerin sind immens: „Es geht darum, das deutsche Medium in Sappho zu ‚übersetzen‘, die ‚innere Sinnstruktur‘ interlinear zu bewahren und zugleich bisweilen an unsere Alltagssprache heranzuführen. Ausdrücke wie ‚du grillst uns‘ (fr. 38), ‚Landpomeranze‘ oder gar ‚Bauerntrampel‘ für die attackierte Konkurrentin (fr. 57) […] treffen bisweilen durchaus den Stil und das Register Sapphos.“[9] Ein weiteres Beispiel:

„[…] (komm zu diesem) Tempel,
dem heiligen, wo ein anmutiger Hain steht
von Apfelbäumen, zudem Altäre sind da, die schwelend qualmen
vom Weihrauch;
drinnen kühles Wasser rauscht zwischen Zweigen
der Apfelbäume, und von Rosen ist der ganze Ort
beschattet: Beim Säuseln der Blätter
ergreift einen der Schlummerzustand der totalen
Verzauberung.“[10]

Wie wirkt das auf mich – nach fast 2600 Jahren Zeitenabstand? Als ob Sappho/ein Chor/die Sprecherin/der Sprecher dieses Liedes, hier in diesem Tempel stehend, Zeile für Zeile entwickelnd, für alle vor Ort diesen Ort voller Zauber erst heraufbeschwörend, mich hier und heute in ihre/seine ferne Welt von damals und dort hineinzöge.

III

Was schrieb Sappho? „Erst die alexandrinischen Philologen […] führten im 2. Jh. die Bezeichnung ‚Lyriker‘ ein. […] Sappho […] komponierte Lieder, mele, und kaum Gedichte im modernen Sinn.“[11] Für wen schrieb Sappho? „Die Welt im Sapphischen Kreis war also eine Phase des Dazwischen, wo die Teilnehmerinnen in einer besonders intensiven Erfahrung mit dem Sinnlichen den symbolischen Tod als Mädchen durchlebten, um dann am Ende mit der Hochzeit feierlich das neue Leben als Frau anzutreten.“[12] Wie schrieb sie? „Sapphos Poetik des Eros und der choreia zeugt von einer Lust des Berührtwerdens im Vollzug (Jean-Luc Nancy). Im Zentrum steht eine in der Bewegung sich erschöpfende Leiblichkeit, welche die Dichotomie von Subjekt und Objekt, Körper und Seele, Bewusstsein und Gefühl überwindet. […] Bewegung und Wahrnehmung fallen im Leib zusammen, der sich im performativen Vollzug in Sprache und Musikalität entäußert.“[13] Ein Beispiel:

„Nacht …
Mädchen, …
die ganze Nacht feiernd …
besingen deine Liebe und
(die) der veilchenbusigen Braut.
Auf, wache auf, gehe (und rufe) die Jünglinge,
deine Altersgenossen, (damit) wir
einen (kürzeren) Schlaf, als wie ihn die Helltönende (= die Nachtigall) hat,
sehen.“[14]

IV

Durch Äonen hindurch, denk’ ich des nachts oft an diese ferne, fragmentarische Stimme, dankbar dafür, mich in diesem All nicht mehr so verloren fühlen zu müssen:

„Sterne um den schönen Mond herum
immer wieder verbergen ihr strahlendes Aussehen,
sooft er als Vollmond in größter Helligkeit scheint
über die Erde …

                 ***

              … silberne …“[15]

‚Ging unter versunken nun der Mond
Und die Pleiaden                      Mitter-
nächte               Es entgleitet die Zeit
Ich Einsame aber       schlafe allein.‘[16]

Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Texte bei uns hier.


[1] Sappho: Lieder, gr./dt., hg. u. übers. sowie m. Anmerkungen u. Nachwort v. A. Bierl, Stuttgart 2021, 139.

[2] A. Bierl, in: Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 284.

[3] A. Bierl, in: Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 225.

[4] A. Bierl, in: Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 387 f.

[5] A. Bierl, in: Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 392.

[6] A. Bierl, in: Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 410: „Der Mythos gleicht einer uralten traditionellen Erzählung, die ohne Autor oral überliefert und somit Ähnlichkeiten mit der homerischen Erzähltradition aufweist.“[6] Ebd., 411 f.: „Gegen die universalistischen und reduktionistischen Definitionen kann man Mythos als offenes Feld beschreiben. Die Funktionsweise des Mythos als autoritativer Sprechakt kann man als dialogischen und dynamischen Prozess zwischen Performer und Rezipienten bzw. zwischen Autor und Leser verstehen. Rituale sind Versuche, mit performativem, spektakulärem und inszeniertem Verhalten sowie auf symbolische Weise die Außenwelt im Vergleich zum Selbst zu beherrschen.“

[7] A. Bierl, in: Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 400-402. Dazu immer noch sehr lesens- und bedenkenswert B. Snell: Das Erwachen der Persönlichkeit in der frühgriechischen Lyrik, in: Ders.: Die Entdeckung des Geistes. Studien  zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen, Hamburg 1948, 57-86.

[8] A. Bierl, in: Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 446.

[9] A. Bierl, in: Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 444 f.

[10] Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 9.

[11] A. Bierl, in: Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 446.Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 399.

[12] A. Bierl, in: Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 446.Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 420.

[13] A. Bierl, in: Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 446.Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 447.

[14] Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 57 und 59.

[15] Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 61.

[16] Fr. 168 B (94), freie Übersetzung von mir; griech. Text nach Sappho: Lieder (s. Anm. 1), 194. Hier habe ich versucht, das resultative Perfekt des ersten Wortes und die prädikative Funktion des Adjektivs in der letzten Zeile zu verdeutlich – vor allem das Femininum.

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