Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

Markus Pohlmeyer: Gedanken zum „Lied der Lieder“

Ein Myrrhenbeutelchen ist mir mein Geliebter,
das zwischen meinen Brüsten ruht.[1]

In dieser Liedersammlung kommt das Wort Gott nicht vor. Oh, dieses Wort mag zwar nicht vorkommen, Gott aber schon, denn Gott ist überall in der Liebe.[2] Und wer hat überhaupt diese Gedichte geschrieben? Auch Frauen? Warum nicht.

Siehe, du (bist) schön, meine Freundin,
siehe, du (bist) schön.
Deine Augen (Blicke) (sind) Tauben.
Siehe, du (bist) schön, mein Geliebter,
ja lustvoll.
Ja, unser Lager (sei) frisches Grün […].“[3]

Dass dieser Text mit verteilten Rollen, männlichen und weiblichen Stimmen, vorgetragen werden kann, liegt geradezu im dialogischen Charakter der Liebe begründet. Die Klammern der Übersetzung bieten Ergänzungen zu den Ellipsen des Originals, das fast spröde, rau wirken kann – welch ein Kontrast … Oder sind es gerade Liebe und Schönheit, die sprach-los machen, so dass Allerweltswörter wie Augen und schön an ihre Grenze gebracht, transzendiert werden, bleibend als Sprachgesten von Sprachlosigkeit im Angesichte leibhaftiger Schönheit? Die Rätselhaftigkeit dieser Gedichte genießen, sie zulassen: allegorisch oder wörtlich – wer weiß?

„Denn jeder poetische Text kann unter vielfachen Perspektiven gesehen und aufgefasst werden, ohne daß seine Eigenheit und Originalität dadurch angetastet würde. Er lässt sich poetologisch gerade durch seine Ambiguität definieren, ja, er hört auf, poetisch zu sein, wenn er eindeutig wird.“[4] Wie sähe eine nicht-ambige Welt aus? „Vielleicht ist dies überhaupt die große Utopie unserer Zeit: Ideal ist der schwitzende, authentische, ambiguitätsfreie Maschinenmensch, der selbstoptimiert im kapitalistischen Verwertungsprozess völlig effektiv funktioniert. Ist denn eine Welt, in der die Utopie des ambiguitätsfreien Maschinenmenschen verwirklich wurde, noch eine lebenswerte? Könnte sie demokratisch regiert werden, könnten sich in ihr die Menschen in ihrer unterschiedlichen, gar widerständigen Persönlichkeit […] entfalten, würde es noch Schönheit und die Fähigkeit, sie zu empfinden, geben?“[5] Liebe: Vielleicht die beste Einübung in Ambiguität (oder politisch: in Demokratie). Und deren Voraussetzung. Möglicherweise gibt es aber auch einen anderen Weg zur Unsterblichkeit? Ohne gleich eine Maschine zu werden.

Mache mich zum Siegel auf deinem Herzen,
zum Siegel an deinem Arm,
denn so stark wie der Tod (ist meine) Liebe,
so unerbittlich wie die Unterwelt (ist meine) Leidenschaft.[6]

Das Lied der Lieder klagt eine gott-lose Gesellschaft an: eine nach der Vertreibung aus dem Paradies, die sich in ihren patriarchalischen Herrschaftsstrukturen wie ein Gegenentwurf zu Gottes Schöpfung versteht. „Begegnet in vielen Büchern der Heiligen Schrift das Verhältnis der Geschlechter vorwiegend oder gar ausschließlich im Hinblick auf Nachkommenschaft, unter dem Aspekt sittlicher Gefährdung, rechtlicher Normierung und Institutionalisierung, so wird im Hohelied die erotisch-sexuelle Liebe zwischen Mann und Frau als Quelle der Lust und der Freude erlebt und gepriesen.“[7]

Dass Gott in diesem Text nicht erwähnt wird, macht ihn nur umso präsenter. Gott ist (intertextuell) in dem, was die Liebenden sagen: „Der Frau kommen etwas mehr Redeanteile zu als dem Mann. Ihr gehört das erste (1,2-4) und das letzte Wort (8,14), in ihrem Munde findet sich die Spitzenaussage von der Liebe als einer dem Tod ebenbürtigen, ja ihn sogar überwindenden Macht (8,6-7), sie spricht den Satz von 7,11, der wie eine ein Umkehrung des Fluches aus Gen 3,16 erscheint, wo von der Herrschaft des Mannes über die Frau als Folge der Sünde die Rede ist.“[8] Das Folgende ist Zitat, Echo und Korrektur zugleich der entsprechenden Genesis-Stelle, wie Othmar Keel erläutert:

Ich gehöre meinem Geliebten
Und auf mich (richtet) sich sein Verlangen.

[…] Damit ist der fluchähnliche Zustand aufgehoben und die schöpfungsgemäße geschwisterliche Ebenbürtigkeit wieder hergestellt. Die Liebe wird als Rückkehr ins Paradies erfahren.“[9]

Die berühmte Reise zur einsamen Insel: Neben Cicero, Horaz, Vergil, Platon, Hölderlin und dem Johannes-Evangelium … wenn ich nur ein weiteres aus dem Buch der Bücher, der Bibel, mitnehmen dürfte, dann wäre es das schönste, das normalste, das geheimnisvollste, das Lied der Lieder.

Drei Empfehlungen zum Weiterlesen, zum Hinhören:

  1. Aus Marc Twains „Das Tagebuch von Adam und Eva“:

An Evas Grab
Wo immer sie war, dort war Eden.
Adam[10]

  • Johann Gottfried Herder: Lieder der Liebe, mit einem Nachwort von Kurt Flasch, München 2007.
  • Christian Brückner: Das Hohelied Salomos/Der duftende Garten, 2 CDs, Hoffmann und Campe Verlag 2007 (Hörbuch)

Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Texte bei uns hier.


[1] Übersetzung im Fettdruck zitiert nach O. Keel: Das Hohelied, 2. Aufl., Zürich 1992, 68 (Hld 1,13). Zu der Problematik, dass Hohelied sei doch etwas zu gewagt, siehe ein anderes Beispiel, nämlich F. Günther: Aus der Übersetzerwerkstatt. Love-Story mit Widerhaken: Vom Gefloskel, Geferkel und Gewitzel in Romeo und Julia, in: W. Shakespeare: Romeo und Julia, zweisprachige Ausgabe, übers. v. F. Günther, 9. Aufl., München 2004, 245-252, hier 249: „Falls nun der Eindruck entstanden sein sollte, daß Shakespeare in Romeo und Julia nur eine einzige riesengroße Schweinigelei veranstaltet hat, so trügt diese Hoffnung (oder Befürchtung, je nach Standpunkt). Da aber die Erfahrung lehrt, daß unerwartete Obszönitäten bei klassischen Dichtern immer heftigste Empörung hervorrufen, ist diesem Aspekt des Stückes hier ein überproportionaler Raum gewidmet.“

2 L. Schwienhorst-Schönberger: Das Hohelied der Liebe, Freiburg 2015, 13 f. betont für diesen Text die hermeneutische Funktion der Kontextualisierung innerhalb eines Kanons.

[3] Übersetzung zitiert nach Keel: Hohelied (s. Anm. 1), 71 (Hld 1,15-16).

[4] N. Kermani: Folgt nicht den Dichtern! Der Koran und die Poesie, in: Ders.: Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen, 5. Aufl., München 2015, 19-43 , hier 42.

[5] T. Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, 2. Aufl., Stuttgart 2018, 94. Siehe auch M. Pohlmeyer: Ambiguität und Ambiguitätstoleranz: Wer deutet Pharaos Traum?, in: M. Bauer – N. Kasper (Hrsg.): Zwischen Mythos und Moderne. Thomas Mann Josephs-Tetralogie, Bielefeld 2019, 175-182.

[6] Übersetzung zitiert nach Keel: Hohelied (s. Anm. 1), 245 (Hld 8,6a-d).

[7] Das Hohelied, kommentiert von L. Schwienhorst-Schönberger, in: Die Bibel. Einheitsübersetzung. Kommentierte Studienausgabe. Stuttgarter Altes Testament, Bd. 2, hg. v. C. Dohmen, 2. Aufl., Stuttgart 2018, 1531-1547, hier 1533.

[8] Das Hohelied (s. Anm. 7), 1533.

[9] Übersetzung zitiert nach Keel: Hohelied (s. Anm. 1), 232 f. (Hld, 7.11)

[10] Marc Twain: Das Tagebuch von Adam und Eva (übers. v. K. Landgraf), in: Ders.: Gesammelte Werke, Köln 2014, 703-739, hier 739.

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