Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag April 2021

Loblied auf „Das Tal in der Mitte der Welt“

Die Insel des richtigen Lebens

Gerhard Beckmann über Malachy Tallacks Erstlingsroman, ein Wunderwerk schottisch nordischer Literatur

Und wieder einmal bezeugt ein Roman aus Schottland die geradezu mythische Kraft und den tiefen Einfluss, den Inseln auf unsere Anschauung vom Leben und unserer Sehnsucht nach einer Heimat in der Welt haben können. Es kann darum auch kaum wundernehmen, dass es in diesem von so vielen einzigartigen Inseln umsäumten alten Land – man denke nur an die Inneren und Äußeren Hebriden, die Orkneys und die Shetlands – zwei Insulaner waren, die die Literatur des 20. Jahrhunderts mit all seinen sozialen und politischen, technologischen und geistigen Verwerfungen zu einer vitalen neuen Bedeutung geführt haben. Sie sind moderne schottische Klassiker geworden: George Mackay Brown und Iain Crighton Smith. 

George Mackay Brown hat die ganze Welt „durch das Nadelöhr der Orkneys gefädelt“, wo er daheim war. So brachte es der Nobelpreissäger Seamus Heaney auf den Punkt. Der Lyriker, Erzähler und Essayist Iain Crighton Smit ist wesentlich durch seine Kindheit und Jugend, mit Gaelisch als Muttersprache, in einer streng kalvinistischen Gemeinde armer Pächter auf der Insel Lewis in den Äußeren Hebriden geformt worden. Dass der Musiker Malachy Tallack – er wurde in den Shetlands geboren und kehrte auf der Suche nach dem verlorenen echten Leben von London zu den Shetlands zurück – nun mit seinem Debutroman von einer namenslosen Shetland-Insel Aufsehen erregt, vermag  kaum zu überraschen. Es hat mich aber zunächst doch erstaunt, dass er von angelsächsischen Kritikern auf beiden Seiten des Atlantiks an  literarischer Bedeutung gleich neben die beiden modernen schottischen Klassiker gerückt worden ist.  

Bei meinen Recherchen ergibt sich, dass es für die Roman-Insel ein reales Vorbild gibt. Es liegt im Nordatlantik – nach Breitengrad auf der Höhe Südgrönlands – 95 Kilometer nordöstlich von Kirkwall, der Hauptinsel des Orkney-Archipels, 35 Kilometer  von der Südküste der Shetlands-Hauptinsel bei Sunburegh entfernt. Von Sunburgh, dem Verkehrsknotenpunkt der schottischen Shetland-Inselgruppe, wird dieses kleinste von Menschen bewohnte Eiland Großbritanniens viermal wöchentlich mit einer kleinen siebensitzigen Maschine angeflogen, so  Wind und Nebel es denn erlauben. Auf den knapp acht Quadratkilometern der Fair Isle lebten um die sechzig Personen, als der junge schottische Musiker Malachy Tallack sie 2003 zum ersten Mal aufsuchte. Zwei Jahre später zog er hin. Weil er dort fand, was er gesucht hatte und es festhalten wollte. Der Roman hat also eine genaue, feste authentische Basis. 

Malachy Tallack © Craig Colahan

„Der Reiz einer Insel“, sinniert einer seiner Romancharaktere, „besteht darin, dass man glaubt, man könnte sie kennen. Du hast das Gefühl, dass dein Verstand da alles erfassen kann, dass man alles sehen und erfahren und verstehen kann.“ Und das kleine Tal auf der Insel im Roman wird eine ganze Welt  – auch für uns Leser. Hier wird erkennbar, inwiefern dieser junge Schriftsteller sich auf der Höhe seiner klassischen Meister bewegt. Er hat den Hinweis  von Iain Crighton Smith ernst genommen – „Ein Highlander, der seine Sprache verliert, verliert seine Welt“ – und den auf den Shetlands gesprochenen schottischen Dialekt mit einer geschickten Ummünzung literarisch erhalten. Das gibt den Dialogen ein einzigartiges Fluidum – es bleibt in der deutschen Übersetzung noch präsent – , das auch die Erzählsprache des Romans durchdringt. Wie eine Witterung, die durch die Kleidung bis unter die Haut und ins Herz geht.  So wird jeder Gedanke, jedes Wort, jede Regung nahezu  körperlich, jede noch so alltäglich scheinende Reaktion und Handlung zu einem Ereignis in Echtzeit, das Tage erfüllt und Menschenleben verändert. Dies in einem kargen Umfeld, wo jeder in allen nur möglichen Funktionen tätig wird und existiert, weil er gebraucht wird – so wie Malachy Tallack es erstmals auf Fair Isle erlebte und das Glücksgefühl eines unter anderen Menschen Daheim-Seins nicht mehr vergessen konnte. Die ferne Insel mit dieser harten, aus der Vor-Moderne erhaltenen Restkultur wird zum Traum-Ort für die Heimatlosen in den „Communities“ unserer Zeit. Und ein in der schottischen Klassik des 19. Jahrhunderts verankerter Roman wird dank eines jungen Musikers und Reiseschriftstellers zu Gegenwarts- und Weltliteratur auf höchstem Niveau.            

Gerhard Beckmann   

Malachy Tallack: Das Tal in der Mitte der Welt (The Valley at the Center oft he World, 2018). Aus dem Englischen von Klaus Berr. Luchterhand, München 2021. 384 Seiten, 20 Euro.  

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