Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

Lisette Bucholz: Berlin um 1800

Welch geistiges Leben

Über den Band Jüdische und christliche Intellektuelle in Berlin um 1800

Berlin um 1800 muss ein auf- und anregendes Pflaster gewesen sein! Der vorliegende Band ist das Resultat einer Tagung, die 2016 im Berliner Jüdischen Museum stattfand. Den Herausgebern geht es um die Darstellung „sozialer Öffnung“, um das „Hereinholen der jeweils anderen Seite in das spezifisch Eigene“. Aktueller kann ein Thema nicht sein.

Eine kleine Auswahl dessen, was sich an Diskussionen, Streitgesprächen, Lebensentwürfen und Standortbestimmungen in dieser Epoche entdecken lässt, tritt uns in den fünfzehn Beiträgen lebendig vor Augen. Selbst der Laie (ich bin einer) wird gefesselt von der Vielgestaltigkeit dieses sozialen und geistigen Lebens, das eine relativ kleine Gruppe von Männern und Frauen teilte und – glücklicherweise – dokumentierte.

Moses Mendelssohn hatte 1764 gefordert: „Mache deinen und deines Nebenmenschen innern und äußern Zustand, in gehöriger Proportion, so vollkommen als du kannst.“ Die Voraussetzung dafür ist soziale Interaktion, also geistiger Austausch, Geselligkeit, Freundschaften, aufeinander Hören. Damit verbunden ist auch der Entwurf eines Selbstbildes, und an einem neuen jüdischen Selbstbild arbeiteten die jüdischen (Selbst)-Aufklärer, die Maskilim. Sie wollten das Judentum reformieren und einen Platz in der preußischen Gesellschaft einnehmen, ohne ihre jüdische Identität aufzugeben. Die rechtliche Gleichstellung der Juden erfolgte erst 1812, wir verfolgen hier also Diskussionen, die angesichts der prekären sozialen Stellung der Juden neu, mutig und kühn waren. Berlin hatte bis 1810 keine Universität, das heißt, diese Auseinandersetzungen und Annäherungen fanden entweder in Publikationen oder bei Treffen in Privaträumen statt. Berühmt sind die Salons von Henriette Herz, Sarah Levy, Rahel Varnhagen und Amalie Beer.

Gebildete Juden strecken also die Hand aus, Christen können sie ergreifen. Doch der Antisemitismus ist stark und omnipräsent. Wie Christoph Schulte mit Bezug auf Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ feststellt: „Es gehört zu den Fatalitäten der deutschen Geschichte, dass der deutsche Nationalismus bis zu den Nürnberger Rassegesetzen durch diese ethnisierende Germanisierung des Deutschseins geprägt wurde, die Juden a priori ausschloss.“ Konziser geht es nicht.

Dazu passt, dass in der von Adam Müller und Achim von Arnim gegründeten „Christlich-deutschen Tischgesellschaft“ weder Juden noch Franzosen noch Frauen zugelassen waren. 

Die Versuchung liegt nahe, meinen dringenden Lese-Appell mit einem Namedropping zu beschließen. Aus der Fülle der interessanten Personen, die gewürdigt werden, möchte ich wenigstens zwei herausgreifen, die es mir besonders angetan haben: Saul Ascher, Journalist, Schriftsteller und Verleger, der für das Christentum keine Zukunft als Staatsreligion sah und sich dafür folgenden Vorwurf anhören musste: „Darf denn ein Jude in Berlin den Christen sagen, dass das Christenthum nicht zur vaterländischen Religion tauge?“ Aschers Bücher, darunter die „Germanomanie“ verbrannten die Burschenschafter 1817 auf dem Wartburgfest.

Der zweite ist Lazarus Bendavid, der sich, wie auch andere Maskilim, für Kant einsetzte, und dessen Autobiografie (1806) ich zu gern in einer Neuausgabe lesen würde: Er muss ein ungemein vielseitiger und anregender Mann gewesen sein.

Wer wissen will, was an geistigem Leben einmal in diesem unserem Lande möglich war, lese diesen Band.

Cord-Friedrich Berghahn, Avi Lifschitz und Conrad Wiedemann (Hg.): Jüdische und christliche Intellektuelle in Berlin um 1800. Freundschaften   ̶  Partnerschaften   ̶ Feindschaften. Wehrhahn Verlag, Hannover 2021. 336 Seiten, 34 Euro.

Lisette Buchholz führt den kleinen und feinen persona verlag. Internetseite hier. Ihre Texte bei uns hier.

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