Geschrieben am 1. Oktober 2023 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2023

Krimimuseum: „Der Mörder bey kaltem Blute …“ (von 1806)

Krimimuseum Mirko Schädel

Mirko Schädel präsentiert Entdeckungen aus der Schatzkammer des Krimimuseums (1)

Mitten in Jever, also in Friesland, befindet sich das vom Sammler und Kenner Mirko Schädel aufgebaute Krimimuseum, ein einzigartiges Literaturmuseum im deutschsprachigen Raum – und vermutlich weltweit. Es zeichnet die Geschichte der Kriminalliteratur vom frühen 18. Jahrhundert bis 1945 nach und macht sie erfahrbar. 

Gäste erwartet eine kurzweilige und unterhaltsame Führung durch die größte deutschsprachige Sammlung früher Kriminalliteratur mit über 9000 Exponaten aus der Zeit von 1712–1945. Neben buch- und verlagsgeschichtlichen Fakten, erfährt man viele kuriose Geschichten zu den Lebensumständen der damaligen Autoren und den literarischen Moden der letzten 300 Jahre. Woher stammt der Kriminalroman? Wie entwickelte sich die Kriminalliteratur insgesamt?

Die Ausstellung zeigt Bucheinbände aus bedeutenden Adels- und Schloßbibliotheken des 19. Jahrhunderts als auch avantgardistische Schutzumschläge der 1920er und 1930er Jahre und widmet sich Themen wie Einbandkunst und Umschlaggestaltung, aber auch dem okkulten Kriminalroman, den weiblichen Detektiven in der Kriminalliteratur, den Parodien, den deutschsprachigen Auslandspublikationen und der Exilliteratur, der Kolportageliteratur, den Tarnschriften, Plagiaten, Curiosa, den Taschenbuchvorläufern vor 1945, den deutschsprachigen Pulps und Groschenheften, der Symbiose zwischen Kriminalliteratur und dem frühen Film, dem Leihbuchhandel und den Feuilleton-Correspondenzen, auch dem Krimi während der Naziherrschaft.

Öffnungszeiten: Mo–So 14–18.30 Uhr; vormittags nach Vereinbarung
Führungen jeweils um 14.30 / 16.00 / 17.30 Uhr
Eintritt: 8 Euro / ermäßigt 4 Euro
Am Kirchplatz 17, 26441 Jever
Telefon 0172-10 22 980
mirko.schaedel@t-online.de
www.todspannung.de
www.krimimuseum.de

Mirko Schädel, der in der Reihe Krimimuseum Publisher längst vergriffene und verschwundene Literatur wieder zugänglich macht, wird uns künftig regelmäßig von seinen Fundsachen berichten. Die uns hier in dieser Reihe vorgestellten Klassiker der Kriminalliteratur lassen die Beibehaltung der alten Rechtschreibung nachgerade naturwüchsig erscheinen. Außerdem sind Bemerkungen zu Poetik und Ästhetik des Kriminalromans strikt kontextgebunden.

„Der Mörder bey kaltem Blute …“

Exemplarisch stelle ich zum Auftakt unserer Exkursion durch das von mir in Büsum eingerichtete Krimimuseum einen 1806 in Kiel anonym erschienenen Roman vor, Der Mörder bey kaltem Blute und mit Ueberlegung, und doch ein Mann, welcher Achtung verdient. Ein psychologischer Versuch aus den nachgelassenen Papieren eines Verstorbenen,.

Der Verfasser dieses anonymen Werkes war Laurids Kruse, 1787–1840, ein dänischer Schriftsteller, der später auch in deutscher Sprache zahlreiche Kriminalromane und -erzählungen veröffentlichte. Kruse war ein Treiber der frühen Kriminalliteratur in Deutschland und hatte sicherlich großen Einfluss auf die ersten Dekaden dieses frühen Genres.

Der Mörder bey kalten Blute, 1806, ist ein frühes Meisterwerk dieser Gattung. Das Buch ist überaus spannend und interessant – und birgt auch philosophische und moralische Fragen, die sehr geschickt in diesen Spannungsroman eingewoben sind.

Zu Anfang des Romans lernen wir den Advokaten R. kennen, der mit verschiedenen Leuten in Kopenhagen in Kontakt gerät und auch einige wenige Freundschaften schließt, denn der Advokat ist ein feinsinniger, aber auch witziger Zeitgenosse, der viele charakterliche Vorzüge besitzt. Einer seiner Freunde, der jedoch namenlos bleibt, erzählt nun die Geschichte des Advokaten, der in der letzten Zeit seinen Freunden gegenüber ausgesprochen unruhig und nervös erscheint. Besonders die flatterhafte Launenhaftigkeit der letzten Wochen gibt Rätsel auf: der Advokat ist mal zu Tode betrübt und sehr nachdenklich, dann aber wiederum unbeschwert und gesellig. Eines Tages lädt dieser Mann seine engsten Freunde zu einem Abendessen, bei dem auch zwei den Freunden unbekannte Herren, ein junger und ein alter Mann, zu dem Festschmaus erscheinen. Das Mahl dauert bis in die Nacht hinein, auch zieht sich der Advokat mit einem der fremden Herrn für einige Zeit in einen abgeschlossenen Raum zurück. Sehr spät kommt es zu einem unerwarteten Ereignis, denn der alte Herr, ein reicher Geizkragen, stirbt urplötzlich auf seinem Stuhl an der Festtafel, alle Widerbelebungsversuche scheitern.

Neuauflage 2023; siehe unten

Zwei der Gäste, darunter der Erzähler, unterhalten sich später auf dem Heimweg über ihren Freund den Advokaten und diesen seltsamen Todesfall. Der Gesprächspartner, der den Advokaten sehr gut kennt und schon lange mit diesem befreundet ist, läßt durchblicken, daß er überzeugt sei, daß der Advokat den Alten ermordet habe. Er wolle der Sache auf den Grund gehen, doch wird er seine Absicht nicht verfolgen können, denn der Mann stirbt kurze Zeit darauf eines natürlichen Todes.

Die Leiche des alten Herrn wird nicht näher untersucht, und man hält sein Ableben für naturgegeben. Einen Tag nach dem Ableben des Alten reist der Advokat nach Deutschland und kehrt nie wieder in sein Heimatland Dänemark zurück.

Unser Erzähler, der vorgibt dies alles selbst miterlebt zu haben, wird viele Jahre über diesen vermeintlichen Mord nachdenken, doch kann er die Zusammenhänge nicht begreifen. So vergehen zwanzig Jahre bis unser Erzähler sich zur Erholung nach Pyrmont begibt, wo er zufällig hört, daß sein alter Freund der Advokat dort in einer Wohnung bettlägerig geworden sei und wohl bald sterben wird. Der Erzähler begibt sich sofort zu seinem Freund und wird dort herzlich empfangen. Der Advokat liegt fortwährend im Bett und erzählt langsam episodisch seine Lebensgeschichte, zumindest die Passagen, die ihm erwähnenswert erscheinen und die ein deutliches Licht auf seinen gutmütigen Charakter werfen, aber auch einige läßliche Sünden seiner Jugend verschweigt der Totgeweihte nicht. Der Advokat hat sich verschiedener Verfehlungen schuldig gemacht, doch vorerst bleibt die Mordgeschichte unerwähnt, und der Erzähler ist ausgesprochen neugierig und hofft, daß der Freund die rätselhafte Geschichte anspricht.

Tatsächlich wird der Leser nun Zeuge einer tiefgreifenden Erzählung, die zu jenem Mord von vor zwanzig Jahren geführt hatte.

Der Advokat berichtet rückblickend wie er eines Tages von dem Alten besucht wurde, der ihn bat eine Rechtstreitigkeit für ihn vor Gericht zu führen. Es geht um das Erbe seines Bruders und eine Vollmacht über dessen Geschäfte, die von der Witwe angefochten werden. Die Witwe sieht sich von dem Alten betrogen, doch letzterer ist in der Lage lückenlose, schriftliche Beweise für seinen Prozeß beizubringen. Der Advokat steht in sehr gutem Rufe und gilt als rechtschaffener Mann, der seinen Beruf mit Bravour ausübt. Die Sache gelangt vor Gericht, und die Witwe verliert den Prozeß und in Folge dessen ihr gesamtes Vermögen.

Doch dem Advokaten ist nicht ganz wohl bei der Sache, denn kurz vor dem Prozeßtag erhielt er noch ein Schreiben der Gegenseite, daß offenherzig zu erkennen gibt, daß die Witwe und ihre beiden Kindern betrogen werden und wie es sein könne, daß ein so rechtschaffener Mann wie der Advokat die Sache des Alten vor Gericht vertrete.

Auch Freunde scheinen sich nun von ihm abzuwenden. Und einige Zeit darauf wöhrend eines Besuchs auf dem Lande, lernt der Advokat eine ältere Dame und deren Kinder kennen, nämlich Pauline und Gustaf. Ein alter Freund führt den Advokaten bei der Familie ein, dabei sorgt ersterer dafür, daß sich die Beteiligten vorerst nicht mit Namen kennen. Die Sympathien sind gegenseitig und als der Besuch beendet ist, erklärt der Freund des Advokaten diesem, daß die Familie den Namen trage, den er, der Advokat, in den Schmutz gezogen habe – denn es handelt sich hier um die betrogene Witwe und ihre zwei Kinder, die den Prozeß verloren hatten.

Erst nach und nach begreift der Advokat, daß er von dem Alten, seinem Mandanten, getäuscht wurde. Er ahnt vorerst, daß sein Mandant Monate dazu verwandt hatte, sämtliche Papiere zu fälschen oder zu manipulieren, und ihm wird klar, daß sein Mandant einen großangelegten Betrug auf Kosten dieser Familie begangen hatte, die nunmehr lediglich von dem kleinen Vermögen der Stieftochter Pauline zehrt. Der Advokat beginnt sich in Pauline zu verlieben und darüberhinaus schwört er sich den Betrug an der kleinen Familie aufzudecken und wenn irgend möglich das geraubte Vermögen rückzuerstatten.

Der Advokat gibt sich gegenüber der Witwe und ihrer Kinder zu erkennen und erklärt, daß er alles in seiner Macht stehende tun werde, damit das Recht wiederhergestellt werde. Er selbst sei ebenso wie die Familie von seinem Mandanten betrogen worden. Er beginnt die alten Papiere, die im Prozeß eine Rolle spielten, noch einmal durchzusehen, doch sein Mandant hatte viel Zeit um seine Verbrechen geschickt zu vertuschen. Alle rechtlichen Mittel führen zu nichts, denn dem Mandanten ist vorerst nichts nachzuweisen. Auch ist der Alte überaus geschickt und weiß sich trickreich den Anfechtungen zu erwehren.

Gustav, der den Betrug an sich und seiner Mutter durchschaut, der aber auch begreift, daß seinem Onkel wohl nicht beizukommen ist, erwähnt in seinem jugendlichen Eifer, daß er den Alten ermorden wolle. Der Advokat bremst dieses Ansinnen. Doch alle weiteren Gegenmaßnahmen, die der Advokat ergreift, scheitern.

In seinem jugendlichen Eifer begeht Gustaf einen fatalen Fehler. Durch einen Zufall erhält er den Schlüssel zu der Wohnung seines Onkels. Er schleicht sich des Nachts in die Wohnung, erbricht die Laden des Sekretärs und stiehlt eine rote Brieftasche, denn er glaubt, daß darin Beweise für den Betrug zu finden sind. Doch als er später bemerkt, daß in der Brieftasche lediglich bares Geld steckt, kehrt er zurück in die Wohnung des Onkels um die Beute zu erstatten – und wird von diesem auf frischer Tat ertappt. Als Dieb und Einbrecher gebrandmarkt wird Gustaf langsam klar, was er damit angerichtet hat. Der Alte läßt den Advokaten rufen und ein schriftliches Geständnis seines Neffen unterschreiben. Nun hat der Alte ein Papier in Händen, daß ihm die Familie völlig untertan macht, einer Familie, die er durch seinen Betrug fast zu Bettlern machte.

Bis zu diesem Zeitpunkt hofft der Advokat immer noch auf eine gerichtliche Auseinandersetzung, doch der Alte läßt durchblicken, daß er zum äußersten geht und den Neffen vor Gericht bringt, wenn die Familie sich seinen Wünschen widersetzt oder versuchen sollte sich das gestohlene Vermögen zurückzuholen. Mit der Inhaftierung Gustavs wäre die bürgerliche Existenz der Familie mit einem Schlag vernichtet.

Als jedoch der Alte seiner Nichte Pauline, die mit dem Advokaten so gut wie verlobt ist, einen Brief sendet in dem er um deren Hand bittet, da wird die neue erpresserische Absicht des Alten klar. Wenn Pauline sich ihm verweigern sollte, dann würde er Gustav aufgrund seines schriftlichen Geständnisses über die Klinge springen lassen.

Nun befinden sich alle Figuren in einer Art kollektiven Tobsuchtsanfall. Für jeden einzelnen von ihnen bedeutet die neueste Wendung eine Tragödie. Gustaf weiß, daß sein vermaledeiter Einbruch das Schicksal seiner Schwester besiegelt hat. Er will sich suizidieren, doch der Advokat hindert ihn. Pauline wird den Alten heiraten und dem Geliebten entsagen müssen.

Pauline ist verstummt und völlig verzweifelt. Die Witwe sieht sich für alle Zeiten ihres Eigentums beraubt und ihre Kinder in einer quälenden Abhängigkeit zu einem Mann, der teuflische Absichten verfolgt. Der Advokat fühlt sich betrogen, erniedrigt, und seiner Liebsten beraubt. Der Alte erkrankt jedoch heftig, es kommt für die Beteiligten zu einer Atempause, doch die Erleichterung hält nicht lange vor. 

Dem Advokaten wird klar, daß er, der den Betrug durch sein Geschick erst möglich gemacht hatte, mitverantwortlich ist für die verzweifelte Lage der Familie. Er begreift, daß Gustafs Idee vom Mord an dem Onkel doch nicht so abwegig ist. Er erkundigt sich bei seinen Freunden über ungewöhnliche moralische Fragen, die er den Freunden als Parabeln darbietet, um ihnen verschlüsselt das Geschick seiner Freunde zu illustrieren, und bittet seine Zuhörer danach um ihre Meinung. Seine Entscheidung reift, und als der Alte wieder hergestellt ist, lädt er diesen zu einem Abendessen ein, wo er ihn gut getarnt im Kreise seiner Freunde vergiftet. Der Nachlaßverwalter des Alten entdeckt entsprechende Papiere, die den Betrug an seinen Verwandten aufdeckt.

Doch einen Tag nach dem Mord schickt der Advokat einen Abschiedsbrief an Pauline, und kündigt ihr seine sofortige Abreise an. Er entsagt ihr in Liebe und hofft, daß sie glücklich werden würde. Er werde nie nach Dänemark zurückkehren. Dieser Verzicht, der ihm sehr schwer fiel, war eine bewußte Entscheidung, denn er wollte von dem Mord, den er begangen hatte, keinerlei Vorteil ziehen, denn das hätte sein Gewissen nicht Frieden finden lassen. Pauline versteht zwischen den Zeilen zu lesen, sie begreift welches Opfer er gebracht habe und wünscht ihm Glück.

Der Roman streift einige philosophische Fragen, die Dostojewski viel später erörtert hat – und deren Beantwortung beträchtliche Schwierigkeit bereiten. Dieser Mord hier ist jedoch im Gegensatz von Raskolniffs Verbrechen ein völlig uneigennütziges, denn der Mörder profitiert in keiner Weise, im Gegenteil, er büßt stattdessen seine Geliebte ein. Das einzige, was ihm zustatten kommt, ist möglicherweise die Genugtuung einen Nichtswürdigen ins Jenseits befördert zu haben. 

Eine echte Detektion sucht man in diesem Roman vergeblich, dennoch rechne ich es der Kriminalliteratur zu, denn die alten Spuren dieser Gattung sind meist zwittrige Wesen, die noch schemenhaft nach einer Form suchen, die sich erst langsam entwickeln wird. Wir wissen, wer der Mörder ist und kennen sein Motiv, wir ahnen, daß er keine Sühne zu befürchten hat. Sein Verbrechen beging er kalten Herzens, und er ist ein ehrenwerter Mann – die Mafia wird einen ähnlichen Kodex verinnerlicht haben.

Aber die Mystifikation dieses Mordes, die Absichten des Mörders bleiben über weite Teile des Romans unbekannt, und unser namenloser Erzähler drängt es aus eigenem Interesse Licht ins Dunkle dringen zu lassen. Insofern ist er eine Art Detektiv, dessen Interesse auch nach zwanzig Jahren nicht nachläßt und der durch einen Zufall ans Sterbebett seines Freundes des Mörders gerät, der ihm dann die ganze Geschichte präsentiert. Der bösartige Betrüger und Erpresser, jener Alte, wurde zu seinem Opfer erkoren. Der Advokat wurde zum Richter und zum Henker in einer Person, und angesichts der aussichtslosen Situation der Witwe und ihrer Kinder, kann man diese Tat – zumindest als literarisches Spiel – entschuldigen.

Auch Laurids Kruse, der Autor, war ein Kind seiner Zeit, er verfaßte auch einige Texte, die der damaligen Mode der Schauerliteratur entsprachen. Den Gästen des Museums erzähle ich jeden Tag von der Entstehung der Kriminalliteratur, die aus der Schauerliteratur hervorgegangen ist. Dabei vergesse ich auch nicht zu erwähnen, daß zwei bedeutende Geistesströmungen in der Zeit von 1780 bis 1820 aufeinander prallten, die gegensätzlicher nicht hätten sein können: Die [schwarze] Romantik und das Zeitalter der Aufklärung. Während die Romantik eher rückwärtsgewandt, mystisch, rätselhaft und unheimlich daherkommt, ihre literarischen Werke meist im Mittelalter spielen, in der Nähe von Burg- oder Schloßruinen, in denen Gespenstererscheinungen umgehen und sich der Leser gehörig gruseln sollte, so verfolgt die Aufklärung eher die entgegengesetzten Ziele: nämlich Rationalität, zukunftsgewandtheit, nüchterne Analyse und dergleichen mehr.

Ein guter Kriminalroman, so doziere ich vor meinen Gästen, beinhaltet immer Elemente von beidem, sowohl die literarische, schwarze Romantik, die gothic novel, findet ihren Niederschlag – als auch die Elemente der Aufklärung.

Am Anfang einer guten Kriminalerzählung überwiegt das romantische Element, verkörpert durch einen Mord, der ein Rätsel ist und der gern auch etwas unheimlich daherkommt. Der Mord ist ein unheimliches, rätselhaftes, irrationales und tragisches Verbrechen, das jedoch im Verlauf der Handlung des Kriminalromans unweigerlich aufgedeckt wird. Und damit hält der Geist der Aufklärung Einzug ins Geschehen. Das Rätsel wird gelöst, die unheimliche Atmosphäre lichtet sich, eine rationale Erklärung für das scheinbar Unerklärliche wird geliefert. Die Aufdeckung des Verbrechens läßt also die ganze Schauerromantik hinter sich. Am Ende steht die Verurteilung des Täters, ob nun vor einem Gerichtshof oder vor dem schicksalhaften Gericht der Nemesis spielt eine untergeordnete Rolle. Die bürgerliche Idylle ist wiederhergestellt, der empathische Leser atmet ebenso auf, wie die handelnden Personen des Romans.

Auch der Roman Der Mörder bey kaltem Blute und mit Ueberlegung, und doch ein Mann, welcher Achtung verdient funktioniert so, denn durch Kruse Chronologie des Verbrechens und seiner perfekten Textmontage, bleibt das Rätsel dieses merkwürdigen Mordes über weite Strecken unklar. In diesem diffusen Licht erscheint das Ereignis nicht nur tragisch, sondern auch in hohem Maße unheimlich. Erst das Bekenntnis am Totenbett des Mörders verweist auf Rationalität und die damit einhergehende Aufdeckung des Verbrechens. In diesem Falle wird der Mörder durch die Nemesis gerichtet, eine Erkrankung, die unser sympathischer Mörder nicht überleben wird.

Der Mörder bey kaltem Blute und mit Ueberlegung, und doch ein Mann, welcher Achtung verdient ist vermutlich der erste dänische Kriminalroman überhaupt, ursprünglich 1801 unter dem Titel Morderen med koldt Overlæg og dog en Mand, der fortjener Agtelse, et psykologisk Forsøg erschienen. Das Buch las ich unlängst einem Publikum im Krimimuseum vor, dabei war ich unsicher, ob dieser altertümelnde Text überhaupt das heutige Publikum erreichen kann und war dann sehr überrascht, denn selten habe ich aufmerksamere Zuhörer gefunden. Aus diesem Grunde habe ich eine Neuauflage dieses Textes gestartet, die erste Neuauflage seit 1806 im deutschen Sprachraum. 

Mirko Schädel

Laurids Kruse: Der Mörder bey kaltem Blute und mit Ueberlegung, und doch ein Mann, welcher Achtung verdient. Ein psychologischer Versuch aus den nachgelassenen Papieren eines Verstorbenen (Morderen med koldt Overlæg og dog en Mand, der fortjener Agtelse, et psykologisk Forsøg, 1801). Neue Akademische Buchhandlung, Kiel 1806, 254 Seiten.
Neuauflage 2023: Taschenbuch, 168 Seiten, 16 Euro – in limitierter Auflage von 100 Exemplaren. Die Bücher gibt es nur im Museum bzw. im Versand des Krimimuseums [+ 2 Euro Versandkosten]. www.krimimuseum.de

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