Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

Kolumne Iris Boss (14)

Die Armin-Methode

Jetzt ist es passiert! Hätte ich mal auf Friedrich Merz gehört: „Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können“. Ich hatte damals für diese gut gemeinten, visionären Worte nur Spott und Häme übrig, wähnte mich durch lebenslange Über-Vollzeitbeschäftigung und nicht zuletzt auch durch ein fehlendes Spitzenpolitiker-Einkommen in Sicherheit. Doch jetzt, rund 10 Monate später, hat sich die Situation dramatisch verändert: Nachdem ich im November 2020 als gute Bürgerin das (nicht ganz freiwillige) Opfer erbracht hatte, mein Gehampel auf den Bühnen der Republik zu Gunsten der Rettung von systemrelevanten Wirtschaftszweigen wie der Wurst- und Automobilindustrie einzustellen, ging es steil bergab.

Es begann damit, dass mein korrupter Körper bemerkte, dass man auch mehr als 5 Stunden pro Nacht schlafen kann und dass ihm auch sonst einiges nicht in den Kram passte, was ich in den letzten Jahren im Namen der Kunst und des Geldverdienens so mit ihm angestellt hatte. Der treue Sklave verwandelte sich plötzlich in einen trotzigen Arbeiterkämpfer – mit starker Gewerkschaft im Rücken, versteht sich.

Nach ebenso zahlreichen wie erfolglosen Versuchen, diesen Aufstand niederzuringen und der Einsicht, dass ich nicht einmal einen Kompromiss würde verhandeln können, von einem Streik-Verbot ganz zu schweigen, gab ich schließlich all seinen Forderungen nach: 8 Stunden Mindest-Schlaf, eine Ernährung, die sich nicht mehr nach der Größe von Rote-Teppich-Kleidern, sondern nach den Bedürfnissen des Gourmets, des feinen Herrn Körper richtete und vor allem: No stress, Entspannung, Entspannung, Entspannung! Dieser letzte Punkt erwies sich als der kniffligste: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ – Also ohne Arbeit kein Vergnügen, auch keine Entspannung.

Mit Erschrecken musste ich feststellen, wie tief geprägt ich als vermeintlich agnostischer Freigeist von einem lupenreinen protestantischen Arbeitsethos war. Trotzdem verfehlte der erzwungene Arbeitsentzug seine Wirkung nicht. Zwar sehnte ich mich nach wie vor danach, auf einer Bühne oder vor der Kamera zu stehen, also meinen Beruf tatsächlich auszuüben, merkte aber gleichzeitig, wie wohltuend, ja geradezu erlösend es war, dass die 90% meines Arbeitsalltags, die  normalerweise aus Akquise, Selbstvermarktung und Netzwerkpflege bestehen, jetzt wegfielen. Natürlich weiß ich, dass all dies zu meinem Beruf gehört, ich weiß es sehr gut, denn ich habe es jahrzehntelang gemacht. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es eine frustrierende Angelegenheit ist, mit einer Schauspielerin über 40 ein Produkt zu bewerben, das ungefähr so reissenden Absatz findet wie FFP2 Masken auf einer Querdenker-Demo. Und es ändert auch nichts daran, dass es Balsam für Körper, Seele und Geist ist, davon mal Pause zu machen.

„Pause“ impliziert aber leider auch ein „wieder anfangen“ und auf „Beene hoch, Amerika!“ folgt zwangsläufig „Ran an die Buletten!“. Die Temperaturen stiegen, die Inzidenzzahlen fielen, die ersten Kollegen posteten schon wieder Fotos ihrer Proben und Premieren. „Hättste mal den Arsch hochgekriegt, dann würdste jetzt auch schön 80 Vorstellungen Sommertheater spielen, statt deine letzten Ersparnisse aufzufuttern!“ Das schlechte Gewissen war zuerst ein kleiner nerviger Splitter, entwickelte sich aber von Tag zu Tag mehr in Richtung eitrige Fleischwunde. Wie erging es nochmal der lebenslustigen Grille als der Winter kam? Klar, ich hatte auch in den letzten Monaten immer wieder zu tun, eigentlich sogar ganz schön viel, angesichts der Situation. Aber ich hatte eben nicht vorgesorgt, war eher kontemplativ als proaktiv unterwegs gewesen. Dafür würde ich jetzt in Form von Verarmung, Erfolg- und Bedeutungslosigkeit büssen müssen.

Als ich nur noch eine Haaresbreite davon entfernt war, mein altes Leben wieder aufzunehmen, mich wieder anzutreiben, meine Tage mit To-do-Listen für ganze Wochen zu füllen, geschah das Unglaubliche: Ich begegnete meinem spirituellen Führer! Seltsamerweise in Gestalt eines alten weißen CDU-Mannes, genau wie Friedrich Merz. Und dieses Mal wollte ich die wichtige Botschaft an mich nicht wieder ungehört verhallen lassen!

Mit freundlicher Genehmigung von http://www.ol-cartoon.de 

Irgendwann beim Prokrastinieren zwischen den To-do-Listen-Punkten „Alle Datenbank-Profile aktualisieren und „Showreel neu schneiden“, blieb ich bei einem längeren Artikel über ihn hängen und war sofort fasziniert! Armin Laschet! Ein Mann, der scheinbar mühelos zu vereinen vermochte, was für mich bisher nur als Widerspruch existierte: Maximaler Erfolg und maximale Entspannung. Allein schon sein Umgang mit Konkurrenz! Wer wurde Kanzlerkandidat? Der große Macher und markige Anpacker Söder? Der Ehrgeizling Merz? Nein, der „abwarten-und-Kölsch-trinken“-Laschet. Und zwar ohne Beisserei und ausgefahrene Ellbogen, einfach nur durch Gelassenheit. Noch deutlicher lässt sich sein fast schon asiatisch anmutender Kampfstil in der Konfrontation mit der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock beobachten: Er widerstand erfolgreich der Versuchung, planlos auf eine scheinbar so gefährliche Gegnerin einzudreschen und wartete, ohne sinnlos Energie zu verschwenden, bis diese das selbst erledigte.

Erstaunlicherweise nennt er im FAZ-Fragebogen nach seiner Lieblingsheldin aus der Literatur gefragt „Jeanne d’Arc“, also eigentlich der genaue Gegenentwurf zu sich selbst. Zuerst dachte ich, dass ihm das ein smarter PR-Berater eigeflüstert hat („Eine Frau kommt immer gut, Armin. Und dann auch noch aufopferungsbereit mit Kampfgeist und irgendwie ja auch noch was mit Religion…“). Aber dann habe ich gelesen, dass er auf die Frage nach seiner größten Schwäche mit „Ungeduld“ geantwortet hatte – eine Antwort, von der inzwischen selbst der Karrierecoach in der „Apotheken-Umschau“ abrät, weil zu durchschaubar. Also ist es vielleicht eher so, dass er tatsächlich ehrlich geantwortet und also aus den Fehlern seiner Lieblings-Heldin gelernt hat: Wer für seine Prinzipien kämpft, landet auf dem Scheiterhaufen!

Also lieber nicht kämpfen und erst recht keine Prinzipien! Keine Prinzipien, kein sich selbst unter Druck setzen mit konsequentem Handeln, klarer Kommunikation, der Suche nach Wahrheit, Plänen, Werten, Zielen – alles Dinge, die mir so lange im Weg standen und ohne die ich mir das Erfolgreichsein nicht vorstellen konnte. Am wichtigsten scheint es ihm zu sein, dass er sich wohlfühlt und es nicht zu anstrengend ist. Geht mir genauso, aber bisher dachte ich immer, damit sei kein Blumentopf zu gewinnen, geschweige denn eine Spitzenposition mit allem Drum und Dran.

Ausserdem beeindruckt mich seine Jugendlichkeit: Egal, ob im Umgang mit der Klimakrise oder mit Steuern – er scheint der fleischgewordene Hashtag #goodvibesonly zu sein, den man eigentlich eher der Generation seiner Enkel zuordnen würde. Bloß keinen Stress! Ruhe in dir selbst, finde deine Mitte und wenn an dieser Klimasache doch irgendwas dran sein sollte, kann man immer noch mit Hilfe von autogenem Training die eigene Körpertemperatur runter regeln. „Et hätt noch emmer joot jejange“, diese Rheinländische Weisheit soll von nun an mein Mantra sein.

Und das werde ich besonders gut gebrauchen können, wenn Herr Laschet tatsächlich Kanzler wird und es mir als Angehörige des Prekariats noch mehr an den Kragen geht als bisher schon.

Iris Boss ist Diplomschauspielerin (U.d.K. Berlin) und eine erfahrene Sprecherin. 2021 gründete sie ihr eigenes Studio „CURRY-HAHN-RECORDS“ in Berlin. Neben dem Einsatz als Sprecherin in Fremdstudios bietet sie Sprachaufnahmen, Schnitt, Bearbeitung in professioneller Qualität direkt aus dem Home-Studio an. CURRY-HAHN-RECORDS im Netz.

Mit vielen neuen Hörproben direkt aus dem Home-Studio. Vieles ist gerade in Arbeit und kommt in nächster Zeit dazu.

Iris Boss bei uns.