Posted On 3. März 2012 By In Crimemag, Kolumnen und Themen With 796 Views

Klassiker-Check: Jim Nisbet

Abstieg in die Hölle vs. Transzendenz

– Der amerikanische Kriminalautor Jim Nisbet ist (leider) immer noch ein Geheimtipp. Nun sind innerhalb von zwei Jahren zwei seiner Romane im Pulp Master-Verlag Berlin erschienen, die die Bandbreite und Wandlung des Autors in den letzten Jahrzehnten belegen. Der im Dezember 2009 auf Deutsch erstmals veröffentlichte Roman „Dunkler Gefährte“ war für den Hammett Award 2007 nominiert. Der jetzt im Dezember 2011 erschienene Roman „Tödliche Injektion“ ist eine Wiederveröffentlichung. Frank Nowatzki hatte diesen Roman bereits vor mehr als zwanzig Jahren in der von ihm herausgegebenen Black-Lizard-Reihe verlegt. Für die Neuherausgabe wurde der Roman jetzt neu übersetzt. Beide Romane sind sehr beeindruckend und einer Entdeckung wert – findet Claus Kerkhoff.

Die beiden Romane „Dunkler Gefährte“ und „Tödliche Injektion“ des amerikanischen Kriminalautors Jim Nisbet sind klassische Noir-Romane und zugleich höchst eigenständige Variationen des klassischen Noir-Romans. Im klassischen Noir gerät der Protagonist in eine fatale Abwärtsspirale, die ihn aus seinem bisherigen normalen Leben hinaus katapultiert. Auslöser ist seine Leidenschaft für Liebe, Geld oder Macht, und sein Absturz scheint selbstverschuldet zu sein.

In den Noir-Romanen von Jim Nisbet ticken die Protagonisten anders. Hier ist Auslöser der Abwärtsspirale, dass die Traumwelten der Protagonisten durch äußere Ereignisse zerbrechen. In „Dunkler Gefährte“ (hier bei crimemag) verliert der indisch-stämmige Chemiker Banerjhee Rolf seinen Job durch eine feindliche Übernahme und muss dann feststellen, dass er bereits zu alt ist, um einen neuen Job zu finden.

In „Tödliche Injektion“ ist der Protagonist schon zu Beginn des Romans gescheitert. Franklin Royce musste seine Arztpraxis aufgeben und sich als Gefängnisarzt verdingen, um ein Auskommen zu haben. Seine Ehefrau hasst ihn deswegen, er hat sich dem Alkohol ergeben. Seine Erstarrung wird erschüttert, als er dem zum Tode verurteilten Mörder Bobby Mencken die Todesspritze injiziert. Dabei kommen ihm Zweifel, ob Mencken tatsächlich schuldig war. Royce lässt sein altes Leben hinter sich und begibt sich auf Spurensuche. Naiv glaubt er daran, die Hintergründe der damaligen Tat nach all den vielen Jahren zu erforschen, eine Spur zu finden, die die Polizei damals übersehen hatte und damit den wahren Mörder zu entlarven. Er macht sich nach Dallas auf und besucht Menckens frühere Freunde.

Noir, philosophique

Jim Nisbets „Dunkler Gefährte“ ist ein Noir mit intellektuellem Touch, ein philosophischer roman noir. Banerjhee Rolf verliert seinen Job und flüchtet in eine virtuelle Welt. Nisbet beschreibt damit symbolisch die Zerstörung des Sonnenstaats Kalifornien durch die Wirtschaftskrise in den 1980er Jahren. Damals wurden massiv Arbeitsplätze abgebaut und damit viele Lebensentwürfe von gut ausgebildeten Akademikern zerstört, die glaubten, niemals Angst vor Arbeitslosigkeit und materieller Not haben zu müssen.

„Tödliche Injektion“ ist roher, direkter und zugleich zeitloser. Franklin Royce lebt schon nicht mehr, als seine alkoholverzerrte Welt zerbricht. Er ist ein Zombie und würde sterben, ohne jemals wieder richtig gelebt zu haben, wären ihm nicht Zweifel an der Schuld von Mencken gekommen. Seine Suche ist ein Erwachen, eine Auferstehung, die durchaus an den Roman „Auferstehung“ von Leo Tolstoi erinnert. Doch ganz in der Tradition des Noir-Romans ist Franklin Royce kein Happy End gegönnt. Seine Spurensuche führt in den Tod, weil er aufgewacht ist, aber sein Blick auf die Realität noch immer verstellt ist. Erneut führt ihn sein Herz in die Irre – mit tödlichen Konsequenzen. Aber trotz dieser Tragik ist er nicht gescheitert. Er hat seinem Leben einen neuen Sinn gegeben.

In der Gegenüberstellung dieser beiden Romane werden die Entwicklung und die Kontinuität des amerikanischen Autors Jim Nisbet deutlich. Jim Nisbets „Dunkler Gefährte“ ist ein moderner Noir-Roman, in dem Nisbet seine Geschichte in kurzen, scheinbar freien assoziativen Ketten von kurzen Episoden, Reflexionen über astronomische Phänomene und Rückblenden inszeniert. „Tödliche Injektion“ ist geradliniger, direkter und ohne Schnörkel erzählt. Das Buch besitzt eine Vitalität und Rohheit, die dem Protagonisten eine beeindruckende Plastizität verleiht und dessen humane Dimension den Leser gefangen nimmt. Franklin Royce ist ein Verlierer, in dem wir uns wieder erkennen können. Einer, der gewinnt, als den Abstieg in die Hölle wagt.

PS: Und für alle, die auf den Geschmack gekommen sind, gibt es noch eine gute Nachricht. Im März erscheint mit „Der Krake auf meinem Kopf (The Octopus on my Head, 2007)“ ein weiterer Nisbet-Roman bei Pulp Master.

Claus Kerkhoff

Jim Nisbet: Tödliche Injektion (Lethal Injection, 1987). Roman. Deutsch von Angelika Müller. Berlin: Pulp Master 2011. 175 Seiten. 12,80 Euro.Verlagsinformationen zum Buch.
Jim Nisbet: Dunkler Gefährte (Dark Companion, 2006). Roman. Deutsch von Frank Nowatzki und Angelika Müller. Berlin: Pulp Master 2009. 191 Seiten. 12,80 Euro. Verlagsinformationen zum Buch. Thomas Wörtche über „Dunkler Gefährte“ bei dradio.
Titel-Foto: Copyright © David Littschager / Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Pulp Master

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