Geschrieben am 1. Februar 2022 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2022

Kirsten Fuchs „Mädchenmeuterei“

Meuterei auf der Lexy Barker

Frank Schorneck über das neue Buch von Kirsten Fuchs

Es liegt tatsächlich schon über sechs Jahre zurück, dass Kirsten Fuchs ihre „Mädchenmeute“ zu einem Sommerferiencamp aufbrechen ließ, das in einer wilden Flucht, dem Diebstahl eines Hundefängerautos samt Hunden und einem echtem Survival-Erlebnis in den Wäldern des Erzgebirges mündete und damit eine turbulente weibliche und tatsächlich ebenbürtige Antwort auf Herrndorfs „Tschick“ bot. Ein Coming-of-Age Roman voller Witz und Drive und einer brisanten Entdeckung, die in die DDR-Vergangenheit zurückreicht.

Die Fortsetzung, „Mädchenmeuterei“ setzt nur wenige Monate nach dem ersten Roman an. Die Mädchen haben den Ruhm aus der Boulevardpresse zu nutzen gewusst und werden für Diavorträge ihrer Abenteuergeschichte gebucht – aber Bea, das Mädchen, das sich am Ende des ersten Bandes abgesetzt hat, ist noch immer verschwunden und wird von der Polizei gesucht. Ausgerechnet der unsicheren Charlotte Nowak, die auch hier wieder als Ich-Erzählerin fungiert, schickt Bea plötzlich rätselhafte Handy-Videos. Allem Anschein nach befindet sich Bea in Nordafrika, gemeinsam mit ihrem leiblichen Vater, einem Trucker namens Pim. Die Videos haben keine klare Botschaft, Charlotte muss sich vieles zusammenreimen, aber eins scheint klar: Bea und Pim stecken in Schwierigkeiten und Charlotte sieht die Videos als eindeutigen Hilferuf. Durch eine logistische Meisterleistung und nach der Flucht vor der Polizei befinden sich die ebenso forsche wie reiche Yvette, die zurückhaltende Antonia und die auf Mittelaltermärkten abgehärtete Freigunda auf dem Containerschiff „Lexy Barker“ nach Marokko. Und schon stecken sie viel tiefer im Abenteuer, als sie geahnt hätten.

„Mädchenmeute“ war ein zwar abgedrehter, aber dennoch klassischer Entwicklungsroman aus weiblicher Sicht. In „Mädchenmeuterei“ verfestigen sich die Charakterzüge der Mädchen, die sich während der Zeit im Wald herauskristallisiert haben. Die Mädchen sind schon zu Beginn der Geschichte auf eine gewisse Weise erwachsen geworden, aber immer noch kindlich genug, um spontan und mit großen Augen geradewegs und ohne großes Zögern in die Gefahr zu rennen. Lag der Reiz des ersten Romans darin, zu sehen, wie die Mädchen über sich hinaus wachsen, sind hier von Beginn an die Rollen fest verteilt. Selbst Charlotte ist nicht mehr überrascht, wenn sie sich als mutiger erweist, als sie von sich denken würde. Das nimmt ein wenig das Überraschungspotential, dafür fühlt es sich beim Lesen an, als träfe man alte Bekannte wieder. Für Überraschungsmomente bevölkert Fuchs das Schiff noch mit zwei Handvoll Männern, größtenteils wortkargen Seeleuten aus der Ukraine und den Philippinen. Die Männer gehen routiniert und geschickt ihrem Tagewerk nach – und jeder einzelne trägt eine Geschichte, eine Sehnsucht in sich, die Charlotte zu ergründen versucht. Die schlecht bezahlten Jobs im Hintergrund unserer Konsumgesellschaft werden von Kirsten Fuchs ins Scheinwerferlicht geholt, ohne die Moralkeule zu schwingen: Sei es Beas Vater, der Fernfahrer, oder die Seeleute, die ihre Familien für Monate höchstens per Skype im Hafen-Internetcafé zu sehen bekommen. Dieser Lichtkegel findet auch die brüchige Stelle zwischen dem harten Berufsleben und den Verlockungen illegaler Deals. Keines der Mädchen hätte geahnt, dass es schon auf der Reise nach Marokko gefährlich werden könnte.

Wieder ein Fest ist der wundervoll lakonische Kirsten Fuchs-Sound, der durch die Geschichte weht. Fuchs dosiert ihren an Lesebühnen geschulten Humor so, dass er sich nicht der Ich-Erzählstimme Charlottes überstülpt. Charlotte selbst ist es, die mit ihrer eigenen Erzählstimme experimentiert. Sie denkt sich Namen und fiktive Biographien zu den Seeleuten aus, schildert das Beladen des Schiffes als buntes Ballett der Container, stellt sich vor, wie eine sonore Stimme aus dem Off ihre Reise kommentieren würde. Indem sie Charlotte als Erzählerin inszeniert, die sich ihrer Erzählhaltung bewusst ist und mit ihr experimentiert, eröffnet sich auch Kirsten Fuchs ein breiteres stilistisches Spektrum. Allerdings geht dies auch ein wenig auf Kosten der Nähe zu den Protagonisten. Die Spannung war in „Mädchenmeute“ unmittelbarer, mitreißender – „Mädchenmeuterei“ drosselt hingegen immer wieder das Tempo. Eine gelungene Fortsetzung, aber keine neue Sensation.

Frank Schorneck

Kirsten Fuchs: Mädchenmeuterei. Rowohlt Berlin, 2021. 496 Seiten, 22 Euro.

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