Geschrieben am 1. März 2021 von für Crimemag, CrimeMag März 2021

Kathleen Weise „Der Vierte Mond“

Einsamkeit, selten so packend

Eine Rezension von Markus Pohlmeyer

Es gibt so Bücher, da fasziniert schon das Cover. Hier im Hintergrund Jupiter, majestätisch, davor einer seiner Monde; dann eine mit Kratern übersäte Eislandschaft; im Vordergrund, klein: vier Astronauten. Etwas weiter in der Mitte, unter dem Titel, ein geheimnisvolles Leuchten. 

Aus dem Buchrückentext: „Wir schreiben das Jahr 2104. Bei einer Erkundungsmission auf dem Jupitermond Kallisto kommt es zur Katastrophe, als der Orbiter Eurybia abstürzt. Ein Astronaut stirbt, und unter der Crew bricht ein mysteriöses Fieber aus.“[1] Doch dieses Science Fiction-Abenteuer beginnt kurz nach der Schilderung des Absturzes auf Kallisto in Französisch-Guyana: „Uche liebt das Meer. Rot-grüne Wellen, die über schroffe Ufersteine streichen. Beinahe zart. Wie die Finger einer Frau über das Gesicht eines Geliebten, kurz bevor sie sich abwendet.“[2] Geradezu lyrisch. Und spätestens hier hat mich der Roman gepackt. Aber für Uche ist sein Leben alles andere als poetisch. Ein Spaceworker, durch einen schweren Unfall gezeichnet, wie viele andere in seinem Beruf, dealt er mit heftigem Zeug, z.B. mit Eis vom Jupitermond Europa, und zwar für die ganz Coolen und Reichen. Und schon geht die Party ab. Von wegen. Das Eis ist mit einer Lebensform kontaminiert; und die Party geht für die ganz Coolen und Reichen schnell zu Ende. Nach einer Laboruntersuchung: „Und Uche muss laut lachen. Er kann nicht anders. Da suchen sie Ewigkeiten nach kleinen grünen Männchen, und dann finden sie ihre Aliens in einem blöden Eiswürfel ganz hinten in seinem Kühlschrank.“[3] Uche flieht, und das hat katastrophale Folgen. 

Kathleen Weise gelingt es, die Welt von körperlich deformierten, drogensüchtigen Spaceworkern und das intrigenverseuchte Getue der Konzerne und Weltraumbehörden mit den Ereignissen auf Kallisto zu verbinden. Selten haben mich Schilderungen von Einsamkeit so stark ergriffen (pandemiebedingt?); ähnlich erging es mir nur bei der Lektüre von A. C. Clarkes Roman zu „2001“. Denn der einzige Überlebende auf Kallisto muss in seiner Station Monat für Monat auf die Rettungsmission warten. Es werden Jahre vergangen sein bis zu seiner Rückkehr auf die Erde. Sam arrangiert sich, aber fühlt sich dennoch beobachtet. Der Reaktor geht kaputt. Auf zum Reparieren. Moment, funktioniert wieder. Wie das? Viele von Sams Maßnahmen zur Vermeidung, in Richtung Wahnsinn abzugleiten, sind abgedreht und, nun ja, sehr speziell, gewiss aber nicht nachahmenswert. Interessant, Sam hat zwei Mäuse, mit denen er sich unterhält: Gottmaus und Teufelsmaus. Die Rettungsmission kommt, alles scheint gut. Aber Sam muss feststellen, dass die tot Geglaubten noch leben. Und irgendwann irgendwo auf Kallisto begegnet er Laure wieder, einer der Verunglückten und Vermissten: „Laure erzählt, und seine Welt steht kopf.“[4] Ab da kippt der ganze Irrsinn auf die nächste Stufe des Unglaublichen – oder auf die eines Wunders. 

Und das macht die Stärke dieses Romans aus: Wie phantastisch auch die einzelnen Welten bzw. sozialen Biotope geschildert werden – die tropische Wärme ist spürbar, die Machtkämpfe der Wirtschaft sind spürbar, die Kälte Kallistos ist spürbar, als wäre die Autorin dort gewesen … Wie differenziert und charakterisierend die Schilderungen auch sein mögen, es wird nicht alles erklärt. Und das hält eine Spannung zwischen Schrecken und Faszination aufrecht, die im Weltraum auf uns Menschen warten können. Dazu die Autorin: „Die Frage nach dem Antrieb wird in diesem Roman also nicht beantwortet, ebenso wenig wie die, warum eine mögliche Evolution […] derart schnell vonstattengehen kann (oder überhaupt funktioniert). Beides ist nicht Thema des Buches.“[5] Was dann? Umgang mit Verlust und schweren Krankheiten. Sich der Verwahrlosten und Verlorenen annehmen. Eine Mutterliebe, von der das All in die Knie gezwungen wird. Und die das All in die Knie zwingt. Von Abenteuerlust. Und Verletzlichkeit. Oder doch etwas gänzlich anderes? Abschließend, Folgendes fand ich einfach so schön, dass ich es als Gedicht umformieren musste:

„Uche liebt das Meer. 

Metallblaues Wasser, 
in dem sich Berge und 
Hütten spiegeln. 

Beinahe bewegungslos. 

Wie das Gesicht 
einer Frau, die 
einem Geliebten 
nachsieht.“[6]

PS: Und zum Träumen empfohlen, wenn aktuell kein Raumschiff zur Hand: M. Benson: Far Beyond. Fantastische Ansichten unseres Sonnensystems, übers. v. G. Kraus – W. Kügler, München 2013

Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine Texte bei uns hier – und siehe auch seinen Corony-Zyklus Nr. IX in dieser Ausgabe.


[1] K. Weise: Der Vierte Mond, Roman, München 2021. Hilfreich sind außerdem Figurenregister, Abkürzungsverzeichnis und Glossar.

[2] Weise: Mond (s. Anm. 1), 10.

[3] Weise: Mond (s. Anm. 1), 167.

[4] Weise: Mond (s. Anm. 1), 397. 

[5] K. Weise: Danksagung, in: Weise: Mond (s. Anm. 1), 445-447, hier 445.

[6] Weise: Mond (s. Anm. 1), 429.

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