Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

Joachim Feldmann über Michael Hopp „Mann auf der Couch“

Grandioser Abgesang

Es muss 1974 oder 1975 gewesen sein, da schrieb mir Michael Hopp einen Brief. Er war damals noch keine zwanzig und bereits Redakteur des aufmüpfigen österreichischen Jugendmagazins „Neue Freie Presse“. Ich war drei Jahre jünger und Abonnent dieses Periodikums, dessen Mischung aus linker Politik, sexueller Provokation und ungekünstelten Nacktfotos jugendlicher Amateurmodelle beiderlei Geschlechts (jeweils unter dem Motto „30 Stunden sind genug!) kein Pendant in der Bundesrepublik hatte. Es gab zwar gesellschaftskritische Alternativen zur kommerziellen „Bravo“, aber weder die gewerkschaftliche Jugendzeitschrift „ran“ noch das DKP-nahe Magazin „Elan“ waren so attraktiv wie das „Hefterl“ aus Wien, das man mit heißen Ohren las, aber wohlweislich nicht offen im Elternhaus herumliegen ließ. Und nun waren dem jungen Feldmann bei der Lektüre des konsumkritischen Blattes P.R.-Artikel  aufgefallen, wahrscheinlich von einer Plattenfirma bezahlt und nicht leicht als solche zu erkennen.

Ein solches Zeugnis kommerzieller Abhängigkeit war Anlass zur Empörung und schon bald befand sich ein zorniger Leserbrief auf dem Weg nach Wien. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Auch kritische Inhalte, so beschied der damals schon medienerfahrene Hopp dem naiven Leser aus der Provinz, müssten bezahlt werden, und deshalb sei es völlig okay, wenn man zu deren Finanzierung Werbeartikel der Kulturindustrie drucke. Oder so ähnlich. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht erinnern, den Brief gibt es leider nicht mehr. Auch meine Exemplare der „Neuen Freien Presse“ scheinen irgendwann verloren gegangen zu sein. Und antiquarisch sind die wenigen erschienenen Ausgaben der Zeitschrift leider nicht aufzutreiben. Denn bereits 1975 war Schluss mit dem publizistischen Versuch, junge Leute für linke Politik zu gewinnen. Michael Hopp, dessen journalistische Karriere mit der Teilnahme an einer öffentlichen Redaktionssitzung begonnen hatte, wechselte zum Mutterblatt „Neues Forum“.

Die „Internationale Zeitschrift engagierter Christen und Sozialisten“, so der Untertitel, war einst unter der Ägide Friedrich Torbergs mit amerikanischer Unterstützung als antikommunistisches Intelligenzorgan gegründet worden und wurde später von dem  umtriebigen Publizisten Günter Nenning, dessen bunte Biografie ein eigenes Buch füllen würde, auf links gewendet. Irgendwann Anfang der achtziger Jahre mochte ich das „Forum“, welches nun als „Zeitschrift links von der Mitte“ firmierte, nicht mehr lesen und  verlor  auch Michael Hopp aus den Augen. Dabei lagen die wichtigsten Stationen seiner Laufbahn noch vor ihm, vom österreichischen „Wiener“ über „Tempo“ und „Männer Vogue“ bis zu Programmzeitschriften wie „TV Movie“. Da ließ sich viel Geld verdienen, das aber dann in Windeseile wieder in Umlauf gebracht werden musste, u. a. für Alkohol, Sex und teure Stereoanlagen. Der Zusammenbruch war vorhersehbar.

Michael Hopp © seine Website

In Michael Hopps autobiografischem Buch „Mann auf der Couch“, dessen Lektüre der Anlass für diesen Erinnerungstext ist, lässt sich all das und noch viel mehr im Detail nachlesen. Denn die mehr als 600 Seiten Selbstentblößungsprosa verdanken sich nicht nur einem ereignisreichen Leben, sondern auch jahrzehntelanger Psychoanalyse. Und da wird ganz genau hingeschaut. Hopp erzählt nicht chronologisch, sondern mäandernd. Dass er sein Buch als „Roman“ bezeichnet, ist deshalb nur folgerichtig. Heute betreibt Michael Hopp, laut eigener Aussage seit 23 Jahren abstinent und immer noch Besitzer von 7.000 Schallplatten, gemeinsam mit seiner Frau eine kleine Agentur in Hamburg. Sein „Mann auf der Couch“ ist ein grandioser Abgesang auf die Welt des gedruckten Wortes. Desillusioniert war er allerdings wahrscheinlich schon vor 47 Jahren, damals bei der „Neuen Freien Presse“.

Michael Hopp: Mann auf der Couch. Textem Verlag, Hamburg 2020. 656 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 20 Euro.
Internetseite des Autors hier.