Geschrieben am 20. August 2011 von für Crimemag, Porträts / Interviews

Interview mit Jeremy Robinson

Fantasie wagen …

Jeremy Robinson ist ein sehr vielseitiger und produktiver amerikanischer Autor, der nach dem Motto „dare to imagine“ schreibt: Fantasie wagen. In Deutschland ist er bekannt geworden durch seine im Ullstein-Verlag erscheinenden „Schachteam-Thriller“, eine Reihe von unkonventionellen Abenteuern um eine ebenso unkonventionelle Delta-Einheit. Er gehört zu einer neuen Generation von Schriftstellern, die im Zeitalter von BoD, Viralem Marketing und Sozialen Medien sehr erfolgreich auf eigene Faust publizieren. Neben seinen inzwischen von den großen Verlagen entdeckten Thrillern bringt er auch weiterhin eine Jugendbuchreihe und Horrorromane (unter Pseudonym) im Selbstverlag und als E-Books heraus.

Sein Übersetzer Peter Friedrich sprach mit ihm.

Jeremy, hätten Sie erwartet, dass Ihre Schachteam-Reihe ein solcher Erfolg werden würde?

Erwartet kann man nicht sagen, aber ich hatte von Anfang an große Hoffnungen darauf gesetzt. Zwei Dinge wusste ich ganz sicher. Erstens, dass mir das Konzept ausnehmend gut gefiel. Es ermöglicht mir, so gut wie alle Themen, die mich faszinieren, beliebig miteinander zu kombinieren, und so entstanden Romane, deren Handlung rasanter ist als alles, was ich zuvor geschrieben hatte. Zweitens war mir sofort klar, dass Mission Hydra, Operation Genesis und jetzt Code Delta die besten Bücher sein würden, die ich bis dahin geschrieben hatte. Ich versuche, mit jedem Titel noch besser zu werden und wenn man den Kritiken und der Fanpost trauen darf, ist mir das mit der Schachteam-Serie auch gelungen. Jede neue Folge übertrifft die vorhergehende.

Was die Schachteam-Bücher so spannend zu lesen – und auch zu übersetzen– macht, sind die manchmal geradezu unglaublichen Wendungen der Geschichte, und doch gelingt es Ihnen wieder, im Rahmen des gerade noch Vorstellbaren zu bleiben. Wie bekommen Sie das hin? Arbeiten Sie sich von einem festgelegten Plot-Point zum nächsten weiter wie ein Drehbuchautor oder lassen Sie Geschichte und Figuren ihrer Eigendynamik folgen?

Ich folge natürlich einem Exposé, aber ich halte mich nicht sklavisch daran. Ich glaube, eine wirklich überraschende Wendung muss den Autor selbst überraschen. Manchmal, wenn ich schreibe, überkommt es mich: „Wäre das nicht absolut verblüffend, wenn jetzt…?“ Und dann ändere ich den Verlauf der Geschichte dementsprechend. Das spannt natürlich den Leser auf die Folter, aber die Geschichte zu entwickeln macht auf diese Weise besonderen Spaß.

Was hat Sie dazu inspiriert, Schriftsteller zu werden?

Mein Weg zum Schriftsteller war ziemlich verschlungen. Schon lange, bevor ich zu schreiben anfing, arbeitete ich als graphischer Künstler und Illustrator. Ich begann meine Karriere mit Comicbüchern und das führte dazu, dass ich irgendwann selbst Comics schrieb und zu der Erkenntnis kam, dass mein eigentliches Talent darin lag, Geschichten zu erzählen. Von da an begann ich, Drehbücher und schließlich auch Romane zu schreiben, was ich inzwischen hauptberuflich tue.

Es heißt ja immer wieder, dass ein Autor vor allem über Dinge schreiben sollte, die er aus persönlicher Anschauung kennt. Nun ist das bei den fantastischen Geschichten um das Schachteam nicht so recht machbar … Aber wie viele Elemente aus Ihrem persönlichen Erlebnisbereich fließen trotzdem in die Romane ein?

Ein Autor sollte über Dinge und Umstände schreiben, die ihn faszinieren. So mache ich das auch mit der Schachteam-Reihe. Die Figuren sind immer in meinen Gedanken, ob ich gerade über sie schreibe oder nicht. Ich interessiere mich leidenschaftlich für die seltsamen Orte dieser Welt, für ihre Kreaturen und ihre Wissenschaft, also schreibe ich auch darüber. Ich war nie Rechtsanwalt oder Genetiker oder Archäologe, sondern bin schon immer Künstler, bzw. Schriftsteller gewesen, und mein Leben hat nichts mit den abenteuerlichen Geschichten zu tun, die ich erzähle. So weit so gut. Aber von meiner Person geht eine Menge in die Eigenheiten der Charaktere und ihren Hintergrund ein. In Mission Hydra zum Beispiel spielt das letzte Viertel des Buches auf einem kleinen Campingplatz in Pickney in New Hampshire. Diesen Campingplatz gibt es wirklich (obwohl ich den Namen des Ortes geändert habe). Ich habe die meisten Sommer meiner Kindheit dort verbracht, und das Flitterwocheneck, in dem meine Helden auf dem Campingplatz wohnen, ist ebenfalls real. Mein Urgroßvater hat es gebaut. Es findet sich also schon eine Menge aus meinem Leben in den Romanen wieder.

Als Übersetzer fragt man sich immer wieder, was der Autor eigentlich von einem erwartet. Ich persönlich bin dreisprachig aufgewachsen, und für meine Begriffe ist eine gute Übersetzung eine, von der ich im Rückblick nicht mehr weiß, ob ich das Original oder die Übersetzung gelesen habe, eine Art Nachdichtung also. Es gibt aber auch eine Übersetzerphilosophie, die möglichst nahe am Original bleiben will, also Text und Autor mit großem Respekt begegnet, dabei aber in Kauf nimmt, dass eine gewisse Fremdartigkeit entsteht, die den Leser immer daran erinnert, dass er einen eigentlich fremdsprachigen Text vor sich hat. Wie sehen Sie das? Ihre Bücher sind ja in mehrere Sprachen übersetzt worden.

Ich würde in jedem Fall eine flüssig zu lesende Übersetzung bevorzugen. Jede Sprache hat in Stil und Grammatik Besonderheiten, die den Erzählfluss beeinflussen und nicht eins zu eins übertragen werden können. Ein Beispiel: Der Schwarm von Frank Schätzing ist ein fantastisches Buch. Die Story hat mir großartig gefallen. Aber die Übersetzung war hölzern. Als ich zu lesen anfing, wusste ich noch nicht, dass das Original auf Deutsch geschrieben war, merkte aber schnell, dass irgendetwas nicht ganz stimmte und eine schnelle Google-Suche zeigte, dass ich eine Übersetzung vor mir hatte. Ich glaube, so etwas lenkt nur von der Geschichte ab, und da es meine Aufgabe ist, den Leser zu unterhalten, ist es mir lieber, wenn er oder sie niemals bemerkt, dass eine Übersetzung vor ihm liegt.

Ein einzigartiges Element der Schachteam-Reihe ist der Cliffhanger am Ende, der schon auf den nächsten Band verweist – obwohl die Geschichten natürlich vollständig in sich abgeschlossen sind. Am Ende des zweiten Bandes musste ich sogar nachfragen, wie es im dritten weitergeht, obwohl der noch gar nicht abgeschlossen war, um dem geheimnisvollen Schluss in der Übersetzung auch den richtigen Dreh zu geben. Wissen Sie immer schon, wie der nächste Band aussehen wird, wenn sie einen Roman beenden?

Ich habe eine generelle Idee, wie es weitergeht, aber da ich mich häufig nicht an das Exposé halte, verändern sich die Geschichten durchaus. Aber natürlich niemals so sehr, dass der Cliffhanger keinen Sinn mehr ergäbe. Das bin ich meinen Lesern schuldig, nie einen Handlungsstrang unvollendet oder eine Frage unbeantwortet zu lassen.

Sie haben Ihre Karriere damit begonnen, dass Sie ihre Bücher im Selbstverlag veröffentlichten. Ist das ein Weg, den Sie einem angehenden Autor empfehlen würden?

Tatsächlich gebe ich immer noch etliche Bücher im Selbstverlag heraus. Hier in den USA und in Deutschland erscheint zwar pro Jahr jeweils ein neues Buch von mir in einem großen Verlag. Ich schreibe aber in dieser Zeit drei bis vier Romane, die ich auf eigene Faust veröffentliche (obwohl ich natürlich begeistert wäre, wenn ein gewisser, fantastischer deutscher Verlag daran interessiert wäre!).

Drei bis vier Romane im Jahr! Das ist ein eindrucksvoller Output. Es gibt nicht viele Übersetzer, die mit diesem Tempo mithalten können …

Ja, ich habe da eine Jugendbuchreihe mit dem Titel „Der letzte Jäger“. Und ich schreibe Horrorthriller unter einem Pseudonym. Zur Zeit habe ich auch fünf Bücher in Arbeit, in deren Mittelpunkt jeweils eines der Mitglieder des Schachteams steht, entsprechend auch die Titel – Codename: King, Codename: Queen usw. … aber zur eigentlichen Frage:

Ich würde sagen, es kann für jeden Autor lohnend sein, solange er willens ist, ein professionelles Produkt abzuliefern, vor allem im Hinblick auf den sich entwickelnden Markt für E-Books, die weniger aufwendig und kostspielig in der Herstellung sind. Und mit „professionell“ meine ich folgendes: Man muss einen professionellen Lektor anheuern, einen Grafiker für die Umschlaggestaltung, einen Setzer für den Text, und man muss ein Vermarktungskonzept haben. Das Buch sollte so aussehen und sich so flüssig lesen wie jedes Buch, das in einem Großverlag erscheint. Es wird sich auszahlen, wenn man nach größtmöglicher Perfektion strebt. Mit einem minderwertigen Produkt ist die Schriftstellerkarriere vielleicht schon zu Ende, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Haben Sie eigentlich einen Lieblingsautor, vielleicht einen, der auch Ihren eigenen Stil beeinflusst hat?

Ich denke, den größten Einfluss auf meine schriftstellerische Laufbahn hatte James Rollins. Er unterstützte meine ersten im Eigenverlag erschienenen Bücher und schrieb Empfehlungen dafür, auch für Mission Hydra, als ich meinen ersten Verlagsvertrag bekam. Seine Romane bereiten mir großes Vergnügen, und ich verfolge seine Karriere seit Jahren. Außerdem hatte ich das Glück, ihm ein paar Mal zu begegnen (erst vor ein paar Tagen auf dem Thrillerfest in New York), und seine Freundlichkeit und Großzügigkeit beeindrucken mich immer aufs Neue.

Interessant! Ich habe vor kurzem zufällig einen Roman von James Rollins gelesen, das Messias-Gen, er hat ein ähnlich atemberaubendes Erzähltempo wie Sie. Beeindruckt bin ich auch immer wieder von Ihren außergewöhnlichen Schauplätzen. Ich denke dabei beispielsweise an den heiligen Berg Mount Meru im zweiten Schachteam-Roman. Wie schaffen Sie diesen Reichtum an Details? Manchmal fühlt man sich wie in einem Film.

Jeremy Robinson: Ich habe eine sehr lebhafte Fantasie (die mich jede Nacht ein paar Stunden lang wach hält) und konstruiere den Schauplatz in meiner Vorstellung so detailliert, dass ich mich darin bewegen kann wie in einer 3-D-Welt. Es sind Jahre vergangen, seit ich Operation Genesis schrieb, aber ich erinnere mich noch an jeden Zentimeter des Mount Meru, genauso, als würde ich die Straßen der Stadt vor mir sehen, in der ich aufgewachsen bin.

Sie bedienen sich bei biblischen Themen, der griechischen Mythologie und Legenden aus aller Welt. Was dürfen wir in den nächsten Schachteam-Bänden erwarten?

In Code Delta vermischen sich jüdische Sagen rund um den Golem mit Mythen und religiösen Elementen aus aller Welt, dazu kommt eine uralte Sprache, die noch vor der Zeit des biblischen Turms von Babel gesprochen wurde. Im nächsten Band geht es dann um nordische Mythologie und auf ihr beruhende Nazi-Technologie, tief verborgen in Norwegens eisigem Norden. Anschließend geht es weiter nach Russland, wo basierend auf den Forschungen von Nicola Tesla furchterregende neue Technologien entwickelt werden. Das ist es, was das Schachteam so aufregend macht: Alle Mythen dieser Welt, alle Technologien und Forschungen und Religionen können in die Geschichten einfließen. Nichts ist unmöglich.

Vielen Dank für das Gespräch, Jeremy.

Peter Friedrich

In Deutschland sind derzeit die ersten zwei Bände der „Schachteam“-Reihe im Ullstein-Verlag lieferbar, Mission Hydra und Operation Genesis, der dritte, Code Delta, ist für Oktober 2011 geplant. Englische Bücher und mehr Infos über Jeremy Robinson auf seiner Website. Zur Website von Peter Friedrich geht es hier.

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