Geschrieben am 1. März 2022 von für Crimemag, CrimeMag März 2022

Eggenberger: „Lightwood“ von Steph Post

Tiefschwarzer Country Noir aus dem sonnigen Florida

Die Sonne brennt an diesen heißen Sommertagen in Florida. Doch wir sitzen da weder unter Palmen auf den Keys noch auf der schattigen Terrasse eines schicken Art-Deco-Hotels in Miami. Sondern an den staubigen Straßen einer Kleinstadt im Norden Floridas.

Silas war die Art von Stadt, die nützlich war, wenn ein Zombie-Angriff drohte und die Überlebenden einen Save-A-Lot-Supermarkt brauchten, den sie plündern konnten, oder leere Ladenfronten, um sich zu verstecken.

Silas ist ein fiktiver Ort, aber Steph Post kennt solche Orte. Sie ist im Norden Floridas aufgewachsen und nach dem Studium in North Carolina wieder in die Gegend zurückgekehrt. Und dort spielen ihre Romane, fünf hat sie bisher veröffentlicht. »Lightwood« ist der erste Titel, der auf Deutsch erscheint. Es ist der erste Band einer Trilogie über Judah Cannon, einen Typen aus eben diesem Kaff Silas.

Er kam aus einer langen Reihe von Männern, die auf den Dreck unter ihren Fingernägeln genauso stolz waren wie andere Männer auf ihre Armbanduhr. Männer, die ihr Unterhemd erst dann wechselten, wenn es Matsch- oder Blutflecken hatte, oder Schlimmeres, und nicht einfach nur, weil ein neuer Tag war. Männer, die nur in den Spiegel schauten, wenn sie sich rasierten, und die sich nur rasierten, wenn sie jemandem an die Wäsche wollten.

Judah Cannon kehrt nach ein paar Jahren im Gefängnis zurück in seine Heimatstadt. Eigentlich landet er nur wieder dort, weil er nicht wusste, wohin er sonst gehen soll. Sein Vater und sein älterer Bruder sind dort als Kriminelle aktiv. Judah wurde erwischt, als er für sie den Fluchtfahrer machte. Und hat seine Familie selbstverständlich gedeckt. Nach der Rückkehr will Judah mit seiner Jugendfreundin Ramey, auf die er wieder trifft, neu anfangen. Doch kaum pfeift sein Vater, fällt er in den alten Trott zurück. Das Familientrio nimmt den Scorpions, einer Motorradgang aus der Gegend, 150’000 Dollar aus einem Drogendeal ab.

US-Ausgabe

Statt zu einem guten Startkapital für den Neuanfang kommt Judah Cannon vom Regen in die Traufe. Die Cannons bekommen es nach dem Überfall nicht nur mit den aufgebrachten Bikern zu tun, sondern vor allem auch mit Schwester Tulah. Die Pfingstpredigerin, die in ihrer Kirche ihre Anhänger terrorisiert, ist auch im Drogenhandel tätig. Und es ist ihr Geld, das die Cannons von den Scorpions erbeuteten. Nächstenliebe hat die Predigerin nicht im Programm. Ihren Feinden schickt sie im besten Fall eine Klapperschlange, im schlechteren schon Mal eine Bombe. Und im Visier hat sie nun sowohl die Scorpions wie die Cannons.

Steph Post versteht es, Orte und Situationen in wenigen knackigen Sätzen anschaulich zu beschrieben. Neben der ganzen rohen Gewalt zeigt sie mit der fragilen Liebesgeschichte zwischen Judah und Ramey auch eine zarte Seite. Sie erzählt schnell und zielstrebig. Mutig verzichtet sie weitgehend auf das Psychologisieren ihrer Figuren. Diese definieren sich nicht über langatmige Erklärungen, sondern durch das, was sie tun und was sie sagen. Ganz in dem Sinne, wie es Ramey einmal zu Judah sagt:

»In unseren Leben gibt es Dinge, die wir getan haben, und Dinge, die uns angetan wurden. Und Dinge, die wir noch tun müssen.« 

»Lightwood« ist ein teuflisch brillanter Roman. Hoffentlich können wir die beiden weiteren Titel der Judah-Cannon-Trilogie auch bald auf Deutsch lesen.

Hanspeter Eggenberger

Steph Post: Lightwood (Lightwood, 2017). Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt. Polar Verlag, Stuttgart 2022. 439 Seiten, 16 Euro.

PS: Steph Post ist eine begeisterte Hühnerhalterin, und sie zeigt ihre Lieblinge gerne auf Instagram. Neben dem Schreiben gestaltet sie Linolschnitte, die sie auf handgeschöpftes Papier druckt, und Cyanotypien; diese Werke verkauft sie direkt via Etsy.

@StephPostAuthor

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