Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

Georg Seeßen/ Markus Metz „Beute und Gespenst“

Der arbeitende Kunde – und die Maschine als Agent und Spion

Ein Textauszug aus:
Markus Metz / Georg Seeßlen: Beute & Gespenst: Lebenswelten im Neoliberalismus. Bertz + Fischer, Berlin 2021. 192 Seiten, 14 Euro.

Die Beziehung von rich image und poor image ähnelt dabei der neuen Beziehung zwischen Produzenten und Konsumenten. Die Unternehmen lagern seit etlicher Zeit Arbeiten aus, die früher in einem Face-to-Face-Gespräch oder einer Aktion zwischen Menschen verliefen, um sie durch Automaten erledigen zu lassen, die der Kunde selber bedient. Das ist eine Quelle immerwährenden Verdrusses, da man als arbeitender Kunde mit schöner Regelmäßigkeit überfordert wird oder aber an der Erklärtiefe eines Geräts scheitert. Was als Bequemlichkeit angeboten wird, kostet den arbeitenden Kunden Zeit, Geduld und Lebensfreude.

Der arbeitende Kunde trat mit der Selbstbedienung im Supermarkt im Erscheinung, folgte bald den Anleitungen eines gewissen »unmöglichen Möbelhauses aus Schweden« und wurde zum emsigen Online-Banker. Er holt sich Postsendungen selbst in Packstationen ab, besorgt sich Tickets an Automaten oder über Smartphones, checkt am Flughafen elektronisch ein, scannt Preise an der automatischen Kasse, liefert seine Daten digital ans Finanzamt und andere Behörden, organisiert Reisen im Internet, nutzt die automatisierte Rückgabe von Pfandflaschen. Die Arbeit des Kunden wird dabei auf drei Ebenen belohnt, zum einen durch ein Versprechen des Preisnachlasses (oder, in der Negation, die Drohung: Sonst müsste das alles sehr viel teurer sein), zum anderen durch Beschleunigung und Bequemlichkeit (und die Vermeidung sozialer Kontakte), zum dritten schließlich durch performative Erfolgserlebnisse: Man darf zeigen, dass man »so etwas« (und mit größter Lässigkeit) kann. In aller Regel wird aus einer ursprünglich alternativen Möglichkeit für den arbeitenden Kunden eine Norm; die Verweigerung dieser Kundenarbeit (wie die Bedienung des Fahrkartenautomaten oder der Verzicht auf Online-Banking) wird schnell mit Strafgebühren bewehrt oder einfach unmöglich gemacht.

Als Prosumer hat man immer etwas zu tun. Man kommt nicht auf dumme Gedanken, es sei denn, der Fahrkartenautomat gibt einmal mehr die ganz und gar unerwünschten Verbindungen aus oder der Geldautomat ist wieder einmal kaputt (unnütz zu sagen, dass man für die Leistung, die man da selber vollbringt, seiner Bank auch noch Gebühren zahlen muss). Prosuming ist eine Indifferenzzone zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen; es tritt an die Stelle anderer sozialer Praxen. Und während der Prosumer mit »seinem« Automaten ringt, füttert er ihn mit Informationen. Diese wiederum lassen sich aufspalten in die aktiven Informationen (die Maschinen wissen etwas über mein Leben, vielleicht sogar einiges, was ich nicht einmal selber weiß) und passive Informationen (durch mein Verhalten füttere ich die Maschine mit Erfahrungen und Berechnungsgrundlagen); die Maschine lernt etwas über mich, während sie zugleich etwas von mir lernt. Und beides kostet mich wiederum Zeit und Energie. Zeit und Energie, die möglicherweise an anderem Ort (für mich selbst, bei mir selbst) fehlen.

Der Prosumer, der zugleich produziert und konsumiert, ist bei solcher Übernahme ursprünglicher Service-Anteile noch lange nicht am Ende seiner Möglichkeiten bzw. seiner Ausbeutung. Ganz offen wird von einem »Out-Sorcing an die Kunden« oder von »partiellen Mitarbeitern« gesprochen; was diese »Schattenarbeit« den Unternehmen an Lohnkosten und Räumlichkeiten erspart, wurde in volkswirtschaftlichem Rahmen noch nie publiziert. Das Entscheidende dabei ist, dass sich die Kundenarbeit als soziale Technik etabliert, sie muss den Kunden so selbstverständlich erscheinen wie das Heranholen eines Einkaufswagens und der Münzeinwurf für das Pfandgeld.

Den freundlichen Helfer im Supermarkt gibt es zwar in den Werbefilmen, in der Realität verlangt man aber immer mehr den arbeitenden Kunden, der selbst sucht, was er braucht. In den Schnellrestaurants soll der Kunde nicht nur holen, was er verzehrt, sondern auch noch Tabletts zurücktragen. Die Banken sind gewiss Vorreiter beim Erzeugen des arbeitenden Kunden, den man gleichwohl zugleich mit Gebühren für die bloße Anwesenheit in den heiligen Hallen des Kapitals überzieht; während alles über Automaten erledigt wird, ist man beim Online-Banking schon etwas weiter. »Alles was automatisiert werden kann, wird auch automatisiert«, so der Leiter der Allianz-Versicherung, Oliver Bäte, im Interview mit dem Spiegel.

Doch es bleibt uns nicht wirklich verborgen: Wir wandern durch unsere Shopping Malls und Fußgängerzonen und stellen fest, dass es nicht nur beinahe überall die gleichen Geschäfte der gleichen Konzerne gibt, sondern auch in unterschiedlichen Läden die gleichen Waren. Also nicht nur die gleichen Marken, sondern Waren, die sich gleichen, obwohl sie verschiedene Marken oder verschiedene Namen tragen.

Echte Neuigkeiten sind eher selten. Produktwechsel haben etwas Gewaltsames an sich, und natürlich: etwas Gespenstisches. Denn das Mainstreaming der Waren und Dienstleistungen durch die Beteiligung von uns Prosumern hat auch einen Haken: Wir sind langsamer, als der Markt erlaubt. Je prosumer-orientierter das Marktgeschehen, desto geringfügiger der Einfluss der Konsum-Avantgarde, die sich schließlich nur noch im temporären Wettlauf mit dem Mainstream befindet (den neuen heißen Scheiß von Apple haben, einen Tag bevor ihn alle haben) und keinen Stil-Schub mehr bringen kann.

So scheint es nur auf den ersten Blick absurd: Durch die Beteiligung der vielen wird die Ware unwirklich. Das Marketing muss die mehr oder weniger unfreiwilligen Helfer, deren es sich bedient, auch wieder austricksen, um ihr Beharrungsvermögen zu überwinden. Produktivität und Kreativität verlieren ihre Bindungskräfte aneinander. Denn wo die Kreativität der vielen (»gnadenlos«) abgeschöpft wird, verlangsamen sich auch die Innovationszyklen (nirgendwo ist das besser abzulesen als in der Entwicklung der Popkultur, die sich in Wiederholungen, Amalgamierungen und Minimalvariationen erschöpft und mehr Hype als Zu-Hypendes entwickelt). Hier muss das Vergangene zur Sensation werden (der Luxus »handgemachter« Musik, der Luxus, sich von einem Menschen und nicht von einer Maschine bedienen zu lassen).

Die Maschinisierung der Kommunikation in der Öffentlichkeit offerierte zunächst einen Ausweg: Du sollst dich nicht mehr an die öffentliche Maschine wenden (den Fahrkartenautomaten), sondern an deine private Maschine (dein Smartphone); du sollst nicht Espresso von einem Automaten in der Hotelhalle beziehen, sondern vom eigenen Espresso-Automaten, du sollst deine eigene Alarmanlage haben, die sich um das Haus des Nachbarn nicht kümmert, usw.

Freilich wird rasch klar, dass diese Privatisierung nicht Lösung, sondern Verschärfung des Problems ist, und das wird uns spätestens dann klar, wenn wir herausfinden, wie viele Informationen diese Maschine, die nur scheinbar (ökonomisch) uns gehört, über uns sammelt und in ihren Netzen weitergibt. Spätestens also, wenn sie im eigenen Haus wirkt, ist die Kommunikationsmaschine als Agent und Spion zum Feind im Innenraum geworden. Noch der Kühlschrank, den wir gerade als Beute vom Medienmarkt nach Hause brachten, ist ein Gespenst, das auf das Wirken fremder, unsichtbarer Mächte hinweist, das über uns mehr weiß als wir über es, mehr sogar, als wir über uns selber wissen. Es beginnt eine Vergespensterung des eigenen Haushalts; nirgendwo mehr ist man noch fremder und einsamer als »daheim«.

Diese Veränderung des Warenangebotes hat auch ökonomische Ursachen, sie liegen nicht zuletzt in der Automatisierung der Produktion. Wenn die Produktivität (durch den Gebrauch immer neuer, auch »intelligenter« Maschinen) über das Maß der Reinvestitionen und damit des Wachstums steigt, ist ein Druck auf die Arbeit die Folge, der entweder Arbeitslosigkeit oder Lohndumping bedeutet. Umgekehrt bedeutet Automation auch raschere Fertigung und kürzere Lebenszeit der Produkte selber (ein Vorgang, der gleichsam auch ästhetisch, in der Art der Vermittlung und des Konsums der Waren, nicht einfach rückgängig zu machen ist). Die Investitionskosten für neue Produkte müssen sich schneller amortisieren; neue Fertigungsanlagen bilden gegenüber Aktionen auf dem Finanzmarkt höheres Risiko und geringere Gewinnerwartung.

Die Unternehmer reagieren darauf mit der Entwicklung möglichst kleiner flexibler und modularer Produktionsanlagen. (Natürlich reagieren sie überdies mit einer Aktivierung mehr oder weniger krimineller Energie beim Überlisten aller Auflagen und Regeln, denn wie die Abgasskandale in der Automobilindustrie der 2010er Jahre zeigen, sind zwar einige der altmodischen Kontrollinstanzen, nicht aber die Kunden über Betrugsmanöver, Kartellabsprachen und Umweltsünden beleidigt.) Die »schlanken« Produktionsanlagen (die zugleich Unmengen von Industrieruinen erzeugen) sollen sich einerseits rasch verändern lassen, andererseits aber in den Grundzügen bestehen bleiben. Eine modulare Produktion bietet sich daher an (die sich dann wieder subjektivieren und personalisieren lässt).

Immer größere Verkaufsflächen stehen immer weniger Produktionsflächen gegenüber, wovon jedes »Industriegebiet« am Dorfrand (kein Dorf ohne!) kündet. Die Ware tritt in die Phase des Samplings ein. Kundenwünsche sollen schnell in die Fertigung miteinbezogen werden, allerdings möglichst nur so weit, als es die äußeren »Zutaten« anbelangt. Daher ist auf der anderen Seite die Ästhetisierung und Emotionalisierung der Ware ein dringendes Erfordernis in immer schnelleren Produktionszyklen, die zu einem großen Teil auch Recycling sind.

Die Industrie 4.0 verbindet gleichsam »Kundenwunsch« und Fertigungsanlage direkt miteinander. Den flexiblen Fertigungsanlagen, die von lernfähigen und variablen digitalen Einheiten bestimmt sind, entsprechen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in hoffnungslose Widersprüche von Wettbewerb und Kooperation geworfen werden. Der kapitalistische Surrealismus findet dazu passende Neuschöpfungen wie »Coopetition« als Zusammenziehung von Kooperation und Konkurrenz.

Das ist letzten Endes die Erfüllung der Idee vom arbeitenden Kunden: Er entwirft selbst seine Ware, die mit Know-how und Kontrollen in der menschenleeren Fabrik on demand gefertigt wird, holt sie sich an der Packstation ab und bezahlt sie mit einem bargeldlosen banking. Die Informationen, die er vorher und nachher abgegeben hat, bestimmen nicht nur über das, was ihm als nächstes Konsumkapitel angeboten wird, sie bestimmen sogar den Preis. Denn das elektronische Andere weiß, was er sich leisten kann, was er sich wünscht und »wie er tickt«, das heißt, welche Summe er zu investieren bereit ist, ob er sie hat oder nicht. Nun wäre also der »Fabrikherr« oder der Unternehmer eigentlich überflüssig. Aber er ist im Gegenteil so schnell reich und mächtig wie die Herren hinter Uber, Airbnb oder Amazon. Sie erwirtschaften ihre Rendite, indem sie die Nadelöhre von Produktions- und Konsumtionsmitteln besetzen, die sich im Wesentlichen durch Algorithmen steuern.

Die »resiliente Produktion« – für die ein 3D-Drucker das allen bekannte Muster bildet – ist eine Fertigungsanlage, die sich mehr oder weniger automatisch (oder eben nach den »Kundenwünschen«, die ihrerseits durch massive Medienpräsenz gesteuert werden) von einem Produkt auf das andere umstellen lässt. Was wir uns vorstellen, wird von der ersten Maschine, der Medienmaschine, in unserem Kopf erzeugt, und dieser sendet es, in der absurden Annahme, es handele sich tatsächlich um eine eigene Idee, als Kundenwunsch an die zweite Maschine, die resiliente Produktion weiter.

Der Kunde zwischen zwei extrem flexiblen, aber auch extrem limitierten Maschinen fühlt sich frei wie nie zuvor. Ist es nicht so, dass noch jede Nuance seines Geschmacks in der Ware ihren Widerhall findet? Er ist der eigentliche Herr in der Warenwelt geworden, er ist der eigentliche Fabrikherr. Sein Wunsch ist der zweiten Maschine Befehl. Doch unglücklicherweise kann dieser Mensch nur wünschen, was ihm Maschine eins befohlen hat. Und Maschine eins wiederum ist direkt an Maschine zwei angeschlossen. Drei Player in einem Spiel von Freiheit und Kontrolle, von denen einer partout nicht merken will, dass er der Betrogene ist.

Natürlich entwickeln sich immer wieder auch Modelle und Fantasien zu Ausbruch und Subversion. Nur zum Beispiel könnten Konsumenten, die in der Lage sind, sich selbst zu organisieren, auf die Idee kommen, sich selbst einer dieser flexiblen und immer preisgünstigeren resilienten Fertigungsanlagen zu bemächtigen. Es könnten von unten her neue »Konsumgenossenschaften« entstehen, die sich mit flexiblen Produktionsanlagen selbst versorgen und dabei besser fahren, weil sie ja keinen Profit erwirtschaften müssen (jedenfalls keinen, der über die Tilgungsraten für die Anschaffung der Anlage hinausginge …). In der Regel greifen dann Immobilienmarkt, Bürokratie und Lokalmafia in das Geschehen ein.

Und dennoch gibt es sie. Die Fabrication Laboratories (Fab Labs) ermöglichen eine gemeinschaftliche und nicht kapitalistische Produktionsweise. Sie sind eher soziale Praxen als Geschäfts- oder auch Anti-Geschäftsmodelle und bewähren sich deswegen auch wieder dort, wo bereits Gemeinschaften mit kritischem Bewusstsein gebildet sind (an Universitäten zum Beispiel). Der Erfinder der Fab Labs, Neil Gershenfeld, begreift sie als »Labore, in denen eine Technik schon genutzt werden kann, während sie entwickelt wird«. Universale Fabrikationsanlagen, die von unten her entwickelt und genutzt werden, treten in Konkurrenz mit ebenso universalen Fabrikationsanlagen der Industrie, der Einsatz von Enthusiasmus und Fantasie gegen den Einsatz von Kapital. Die Chancen stehen diesmal nicht schlecht aufgrund der Investitions- und Innovationsschwäche der alten Industrie im Finanzkapitalismus. Der nämlich fallen, wie zu sehen ist, nur noch Kostensenkung und mediales Manipulationspotenzial als Beitrag ein. Fab Labs indes könnten Risiken der Innovation furchtloser eingehen, weil sie gemeinsam getragen werden.

»Was aber«, fragt der Wirtschaftsinformatiker Ludger Eversmann, »wenn Fab Labs oder allgemein öffentliche, nichtkapitalistische, gemeinnützige Betriebe ohne Geschäftsmodell über so hoch entwickelte Produktionstechniken verfügen, dass sie mit der Leistungsfähigkeit kapitalistischer Betriebe konkurrieren können?« Eine sanfte Übernahme der Produktionsmittel durch neue Gemeinschaften, Communitys, Bewegungen und Regionen könnte sich anbahnen, freilich nur dann, wenn die Gegenseite mindestens stillhalten würde, was eher nicht zu erwarten ist. Wahrscheinlicher ist ein Propaganda- und Preiskrieg (denn die alternativen Produktionsmittel können nur sehr begrenzt reale Verluste verschmerzen).

Eine Verschiebung der Machtverhältnisse wird es nicht geben, ohne dass sich die ökonomischen Basis-Beziehungen grundlegend ändern; die Produktions- und Konsumtionsbedingungen aber können sich nicht grundlegend ändern ohne eine Verschiebung der Machtverhältnisse. Beides miteinander zu verbinden ist wiederum die Aufgabe einer kritischen Betrachtung der Diskurse (der Ideologien des Neoliberalismus) und der Dispositive (der Ästhetik des Neorealismus, eben des kapitalistischen Surrealismus, an den wir uns zu gewöhnen beginnen). Denn tatsächlich wäre vieles von dem, was uns innerhalb des Kapitalismus in diesem Stadium als bedrohlich und destruktiv erscheint, Digitalisierung und Automatisierung, Produktivität und Nachfragerückgang, außerhalb von ihm durchaus segensreich. Es würde Verzicht auf die Wachstumsideologie, ökologische Achtsamkeit, Arbeitszeitverkürzung, Aufwertung der sozialen, kulturellen, politischen und medizinischen Fürsorge und Solidarität versprechen.

Voraussetzung aber wäre, dass nicht nur die Maschine zwei nebst ihren politischen Rahmenbedingungen, sondern auch die Maschine eins auf eine vergleichbare Weise »sanft vergesellschaftet« und entkapitalisiert würde. Was dagegen spricht, von der Konzentration der Medienmacht bis zum populistischen Druck von rechts, liegt auf der Hand. Unmöglich aber ist es nicht.

Georg Seeßlen bei uns über die Systemrelevanz von Kultur.
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