Geschrieben am 1. Oktober 2021 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2021

Frank Göhre: Wenn Glauser und Simenon einen Kriminalroman schreiben …

Gottlob nie passiert

Über Ursula Haslers „Die schiere Wahrheit“

Ein mondäner Badeort an der französischen Atlantikküste, 1937.
Summertime. Ferienzeit. In den Dünen eine männliche Leiche. 
Die üblichen Verdächtigen im Grand Hotel. Internationales Flair mit Tea Time und Kleiderwechsel vor jedem Gang in den Speisesaal. Und zwei Ermittler, die unterschiedlicher nicht sein können. Ein grummelnder Wachtmeister aus der Schweiz und eine überaus wissbegierige, französische Krankenschwester, eine „kleine Dame“. 

Was braucht man mehr für einen verkaufsträchtigen Urlaubskrimi Zumal sich in diesem Fall auch noch zwei Autoren als Schreibpartner zusammen getan haben, die heute zu den Besten ihres Genres zählen. 

Also bitte.

Sie sind Ende Dreißig, Anfang Vierzig, der eine schon seit längerem erfolgreich im Geschäft und relativ vermögend, der andere ein von Süchten getriebener Underdog. Beide nicht nur großartige Erzähler, sondern auch wortreiche Erklärer ihrer Schreibmethoden und scharfsinnige Interpreten ihrer eigenen Arbeiten.

So jedenfalls will es die Schweizer Professorin für Angewandte Wissenschaften und Autorin Ursula Hasler in ihrem Roman „Die schiere Wahrheit“. 

Sie hat sich das fiktive Zusammentreffen von George Simenon und Friedrich Glauser und den von ihnen gemeinsam zu lösenden Fall,  den Krimi also, ausgedacht und dazu intensives Quellenstudium betrieben. Und so „dreht sich“ dann gleich zu Beginn der elegant gekleidete Simenon zu dem sich noch über die bräunliche Farbe des Atlantik wundernden Glauser und doziert wie in deutschen Schreibschulen gemeinhin die Regel: „Es kommt ja sehr darauf an, nicht wahr, lieber Kollege, wie man in eine Geschichte einsteigt. Ob man dem Leser die Möglichkeit gibt, den künftigen Toten erst als lebendigen Menschen kennenzulernen oder ob das Opfer bereits tot ist.“
Worauf hin der etwas verunsicherte Friedrich Glauser über Grundsätzliches ins Grübeln gerät, „Wie schwer es ist, einen passablen Kriminalroman zu schreiben. Er hat gemeint, dass man mit ein paar gelungenen Details einen Roman auf die Beine stellen könnte. Das stimmt nicht, leider gar nicht. Das ist es, was man in Selbsterkenntnis und Selbstkritik festgestellt hat. Es ist immer die alte Geschichte! Man merkt plötzlich, dass man eigentlich noch gar nichts kann.“

Heutige Leser*innen können davon ausgehen, dass die Autoren Simenon und Glauser solche, nicht gerade sonderlich erhellenden Sätze tatsächlich in dem ein und anderen Zusammenhang geäußert oder geschrieben haben – in Interviews, Notizen, Briefen und Artikeln, in autobiografischen Texten.

Ursula Hasler listet im Anhang ihres 343 Seiten starken Buchs korrekt auf, wo und wie sie sich kundig gemacht hat. Es mag in ihrem Verständnis eine pfiffige Idee gewesen zu sein, aus derlei Versatzstücken eine Rahmenhandlung und einen Roman zu basteln. Das kann man machen, man sollte es aber auch können. Bei ihr holpert es eher umständlich als ruhig und gemächlich vor sich hin. Da ist ein Toter richtig tot, und Simenon „lächelt über das Meer hinaus“. Da herrscht „bockigesSchweigen“ und „mutiger Leichtsinn“. Da paart sich sprachliches Unvermögen mit Klischees in einer „dumpfer Stummheit“ – wahllosherausgegriffen aus der Unternehmung, einen Glauser/Simenon-Roman zu schreiben, den sie gottlob nie geschrieben haben. 

Obwohl nicht alles, was sie veröffentlich haben, der Hit ist, bei Beiden auch krude Stories und sprachliche Schlamperei zu registrieren sind, so schlecht wie Ursula Hasler es in ihrer „Wahrheit“ demonstriert, waren sie als Autoren nie. Vielleicht, weil es ihnen wirklich um etwas ging, sie etwas zu sagen hatten, von der Welt zu erzählen und Mühen und Plagen der Leute. 

Und nicht, um mit einem neuen Titel auf dem Markt zu sein.

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit. Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman. Limmat Verlag, Zürich 2021. 343 Seiten, 29 Euro.

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