Posted On 15. September 2016 By In Crimemag, Film/Fernsehen, Kolumne With 852 Views

Filmkolumne: Max Annas: On Dangerous Ground (10)

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Heute: „Frozen River“ von Courtney Hunt. Von Max Annas

Ein Film über Sehnsüchte. Ray Eddy, gespielt von Melissa Leo, will ihre beiden Söhne durchbringen. Aber es fehlt Geld, an allen Ecken und Enden. Der neue Trailer wird geliefert und gleich wieder mitgenommen, weil sie die Rate nicht bezahlen kann. Der Fernseher ist geliefert, wird aber demnächst wieder abgeholt, wenn sie die nächste Rate nicht bezahlen kann. T.J., der ältere der beiden Söhne, macht ihr Vorwürfe, ausgesprochen und auch nicht, dass sie die Rumpffamilie sind, die sie sind. Aber der Vater ist verschwunden. Der ist bestimmt längst in Atlantic City, sagt Ray. Der Job im Billigladen bringt nicht genug Kohle ein, und der Manager – das sagt Rays Blick auf die jüngere Kollegin – ist nicht ganz ehrlich mit ihr, wenn er ihr die Beförderung verwehrt.

Die Sehnsüchte von Lila Littlewolf, gespielt von Misty Upham, sind so verschieden nicht von jenen Rays. Sie lebt in einem Wohnwagen, dessen ohnehin schlechter Zustand sich nicht verbessert, als Ray eine Kugel durch dessen Tür jagt. Ihr kleiner Sohn ist bei Pflegeeltern, und sie muss sich anschleichen an die brüchige Idylle anderer Leute, um ihn auch nur zu Gesicht zu kriegen. Den Aufsichts-Job im Casino kann sie kaum noch ausfüllen, weil ihre Augen schlechter werden. Und dann kommt es auch noch zum Konflikt mit Ray, die den Wagen ihres Mannes in Lilas Besitz findet. Lila sagt, sie hat ihn gefunden. Ray, wie gesagt, schießt ein Loch in die Tür von Lilas Wohnwagen.

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Aber es geht auch um andere Sehnsüchte in Courtney Hunts so beeindruckendem Film. Es sind jene ganz anderer Leute. Ray und Lila treffen sie, ohne sie kennenzulernen. Es ist zunächst Lilas Initiative, nach Kanada zu fahren, diese Leute dort einzusammeln und sie im Kofferraum des gefundenen Wagens von Rays Gatten in die USA zu bringen. Sie macht das nicht zum ersten Mal, sie hat die Kontakte, sie weiß, was zu tun ist. „Count the money,“ sagt sie immer wieder, weil sie wegen ihrer Augen die Scheine nicht voneinander unterscheiden kann. Die Leute, die sie über die Grenze bringen, sind „chinese“. In Ermangelung anderer Informationen sind Leute, die aussehen, als kämen sie aus Ostasien, immer „chinese“.

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In den ersten paar Bildern macht Hunt schon klar, wo Ray und Lila leben, wo sie leben müssen. Der Fluss. Die Grenze. Die Kontrolle. Wir sehen die Brücke über den Fluss, das ist der Sankt-Lorenz-Strom, wir sehen auch, wie sich Trucks und PKWs für die Kontrolle einordnen, und wenn der Titel über dem fünften Bild erscheint, dann werden wir noch einmal daran erinnert, was wir in der allerersten Einstellung gesehen haben. „Frozen River“ heißt der Film. Und das war, was das erste Bild erzählt hat, vorweggenommen. Klar gibt es die Brücke. Klar, auch die Grenzkontrollen. Aber es gibt immer auch andere Wege.

Ray und Lila sind keine Freundinnen, und sie werden es auch nicht im Verlauf des Films. Sie tun sich zusammen, um ein Ziel zu erreichen. Das Ziel heißt Geld. Ray taucht in letzter Sekunde auf und verhindert, dass der Fernseher von den Häschern des Elektrogeschäfts zurückgeholt wird. Das Geld, das sie den Männern in die Hände drückt, kommt direkt von den „chinese“. Lilas Beweggründe sind nicht ganz so offensichtlich, wenn man davon absieht, dass das Leben in dem Wohnwagen deutlich verbesserungsfähig wirkt. Weil wir über Ray ein wenig mehr wissen als über Lila, weil sie mehr redet und in der Lage ist, das Geld zu zählen, auch weil sie den Wagen lenkt, wirkt sie oft, als habe sie die Lage im Griff. Als stünde sie in der internen, kleinen Hierarchie jedenfalls über Lila. Aber das täuscht. Lila hat den Zugriff auf die Situation am Fluss. Sie weiß, dass man mit dem Auto über das Eis fahren kann. Sie weiß, wo die Flüchtenden auf die Passage warten. Und sie weiß, dass das Mohawk-Territorium auf beiden Seiten des Flusses tabu ist für die State Trooper. „I´m not taking them across the border,“ sagt Ray, als zwei „chinese“ schon im Kofferraum des Autos liegen. „It´s a crime.“

„There´s no border here,“ entgegnet Lila. „This is free trade between nations.“ Wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, die die beiden Frauen mitbringen, wird klar, wenn Ray darauf antwortet. Melissa Leo schafft es, mit einem angedeuteten Kopfschütteln all das Nichtverstehen und auch das Nichtwissen auszudrücken, und die ganze weiße Ignoranz dazu, die das Verhältnis der beiden zueinander prägt. „This isn´t a nation,“ sagt sie, gänzlich unbeeindruckt von politischen Kämpfen der Native Americans.

Später wird die Hierarchie zweimal in einer Nacht so offensichtlich erschüttert, dass sich nicht nur für unsere Wahrnehmung, sondern auch deutlich im Binnenverhältnis der beiden Frauen alles verändert. In einer Nacht treten wieder zwei Gestalten an das Auto heran. „They´re not `chinese`“, sagt Ray. „They´re Pakis,“ entgegnet Lila, während der Winterwind ums Auto fegt. „What´s that mean?“ fragt Ray. Die Antwort: „They´re from Pakistan.“ Ray fragt weiter: „Well, where´s that?“. Lila wird laut: „I don´t know. What difference does it make?“ Der Unterschied mag marginal erscheinen, aber zu wissen, dass Pakistan irgendwo ist, und dass da Menschen herkommen, erscheint in dieser Situation als Trumpf.

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In derselben Nacht, während der Rückfahrt in die USA, hält Ray das Auto auf dem Fluss an. Sie stellt die Tasche, die das pakistanische Paar mitgebracht hat, auf das Eis. Man kann ja nie wissen, was die so mitbringen in die freie Welt. Als sie das Paar am üblichen Ort abliefern, fragen die Eltern nach ihrem Säugling. Das ist der Moment, in dem sich das Bild Rays von der Welt und unser Bild von Ray gleich mit verändern. Als sie das Baby finden und halbwegs lebendig bei den Eltern abliefern, haben sich auch neue Elemente in der Beziehung zwischen Ray und Lila entwickelt. Von jetzt an schauen sie anders aufeinander. Auch das Ende des Films wird definiert werden nach der Logik, dass die Rettung des Babys eine Portion Menschlichkeit zwischen Ray und Lila gebracht hat.

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Irgendwann kommt dann doch ein State Trooper ins Spiel. Er muss weder viel tun noch viele Worte machen, um eine Bedrohung darzustellen für die beiden. Er erscheint mal im Laden, in dem Ray arbeitet, steht in seinem Wagen an der Straße, ist einfach da, präsent. Das erste Mal, als er auftaucht und seine Arbeit macht, fällt ihm nur ein nicht funktionierendes Rücklicht am Wagen auf. Der Klassiker. State Trooper Finnerty (Michael O´Keefe) ist die Figur gewordene Erinnerung daran, dass gefährlich ist, was Ray und Lila tun. Courtney Hunt platziert ihre beiden Protagonistinnen in der kargen und winterweißen Landschaft nicht als Außenseiterinnen, die sich weit entfernen vom gesetztestreuen Mainstream. Sie sind eher Figuren unter anderen, die das Gesetz so weit achten, wie man es sich erlauben kann. Und der State Trooper wirkt nicht besessen davon, die beiden Frauen zu erwischen, obwohl wir davon ausgehen, dass er mehr ahnt, als er redend zuzugeben bereit wäre. Die Leute haben halt nicht viel. Und weil das Leben hart ist, wird improvisiert. Finnerty scheint das zu wissen. Aber das heißt nicht, dass er seine Arbeit nicht tut. Wer wissen will, wie das Leben dort am Rande von New York Upstate funktioniert, muss sich nur die Bilder aus dem Casino ansehen. Dagegen wirkt jeder Aldi wie ein Freizeitpark.

Wenn Ray und Lila zum ersten mal gemeinsam den Sankt-Lorenz-Strom mit dem Auto überqueren, das Auto langsam und vorsichtig von Ray gesteuert wird, trotzdem schlittert auf dem Eis, die Kamera zeigt mehr und mehr von dem Weg, den die beiden nehmen müssen, dann wirkt das Verhältnis von Technik zu Natur deutlich proportioniert. Der Frozen River ist mächtig und breit, angsteinflößend und unheimlich. Schöne Bilder gibt es hier nicht zu sehen, weder innen noch außen. Hunt bringt angemessene Entsprechungen zueinander. Niemand hat sich ausgesucht, dort zu leben.

Ray und Lila sind nicht politisch und fragen (sich) nicht nach den Motiven der Leute, die in die USA hinein wollen. Und auch wenn Ray in der oben erwähnten Szene deutlich formuliert: „It´s a crime!“, dann sagt sie es nicht in dem Ton, dass diese Art von crime, Leute in die USA zu bringen, verwerflich ist. Sie sagt es so, als könne crime ganz schön Ärger bringen. So wie sie es wahrscheinlich irgendwann einmal ihren Kindern beigebracht hat. Trotzdem tut sie es, tun sie es gemeinsam. Ray bezahlt ihre Rechnungen mit dem Geld, das die „chinese“ ihr geben. Und als sie die Häscher vor dem Haus davon abhält, das TV-Gerät zu beschlagnahmen, sehen wir einen ganz kleinen Moment des Triumphs. Sie hat ja nicht nur verhindert, dass ihr der Fernseher genommen wird, sie hat auch die Demütigung vor ihren Kindern verhindert. Und genau so, dass das Lieblingsspielzeug des Kleineren plötzlich weg ist. Also: crime does pay bills. Ein toller Moment in diesem tollen Film.

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Dass „Frozen River“ kein buddy movie ist, habe ich ja schon klar gemacht. Mich erinnert er eher an einen Kriegsfilm, vielleicht, aber da gibt es ja deutliche Überschneidungen, an einen Western – und zwar vom Ende her gelesen. Trooper Finnerty ist ein geduldiger Mann, der weiß, dass er nur warten muss. Und dann gibt es eben den einen Moment, in dem Ray und Lila mit zwei „chinese“ im Kofferraum den Fluss überqueren und der Trooper die Verfolgung aufnimmt. Lila weist Ray zwar den Weg ins Reservat, und dort hat die Staatsmacht keinen Zugriff. Aber die besteht auf eine Opfergabe. Irgendwer muss sitzen. Ray schnappt sich ihren Anteil und macht sich aus dem Staub. Damit will sie nichts zu tun haben. Sie hat immerhin zwei Kinder zu versorgen. Hat sie nicht?

Und dann kehrt sie doch zurück. Lila hat Vorstrafen, sie nicht. Lila würde lange sitzen, sie nicht. Für alles gibt es immer noch eine bessere Lösung. Ray weiß, dass sie nach ein paar Monaten wieder draußen ist. Die letzten Bilder zeigen Lila mit ihrer neuen Familie. Ihr Kleinkind und die beiden Söhne von Ray vor dem alten Trailer. Ein Reservatspolizist taucht auf und schnappt sich T.J., der sich bei einer alten Lady entschuldigen soll, die er am Telefon um ein paar Kröten betrogen hat. Der neue Trailer kommt an. Es hat begonnen, zu tauen. Manche Sehnsüchte erfüllen sich.

Max Annas

Frozen River; Regie: Courtney Hunt; Drehbuch: Courtney Hunt; USA 2008; 97min; Kamera: Reed Morano; Musik: Peter Golub, Shahzad Ismaily; DarstellerInnen: Melissa Leo, Misty Upham, Charlie McDermott, Michael O´Keefe.

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Bisher erschienen:
Nr. 9: Claire Denis – „J´ai pas sommeil“ (Ich kann nicht schlafen). Hier bei CrimeMag.

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