Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Fatima – Eine Kurzgeschichte von Max Annas

Max Annas sieht sich eher nicht als Kurzgeschichten-Autor, umso schöner, dass wir Ihnen hier exklusiv „Fatima“ präsentieren können. Der Kurzkrimi ist im Rahmen des Krimistipendiums der Landeshauptstadt Wiesbaden im Jahr 2020 entstanden und wurde vom Kulturamt Wiesbaden und dem Literaturhaus Villa Clementine gefördert. Wir bedanken uns beim Autor und dem Kulturamt Wiesbaden für die Veröffentlichungserlaubnis. Im Sommer dieses Jahres erscheint Band 3 der in der alten DDR angesiedelten Reihe Morduntersuchungskommission, jüngst erschienen ist „Terminus Leipzig“, ein Gemeinschaftswerk von Jérôme Leroy und Max Annas, hier bei uns von Thomas Wörtche besprochen.

„Scheise Bulen!“

„Was?“ Ich verstand kein Wort.

Sharif nahm die Maske ab. „Scheise Bulen!“

Ja. Also klar. Da hätte ich selbst drauf kommen können.

Das war immer das erste, was sie sagen konnten. Und sie gewöhnten sich schnell daran, dass sie es sagen durften. Ich wusste nicht viel von Sharif, der gerade neben mir stand. Klein, Jeansjacke, Sechstagebart. Aber dass er Arabisch und Farsi und Urdu konnte, das wusste ich. Und wo immer man diese Sprachen sprach, wurde man dafür geteert und gefedert, wenn man so über die Ordnungskräfte herzog. Und dann auch noch gevierteilt und gehäutet. Vielleicht noch aufgehängt, wenn man besonderes Glück hatte.

Aber Sharif hatte ja recht. Die Scheißbullen standen tatsächlich am anderen Ende der Straße.

„Scheise Bulen!“ sagte er noch einmal. Er hatte Gefallen gefunden daran. Ich zog meine Maske unters Kinn.

Am einen Ende tauchten jetzt auch noch diese Loser von der Stadtpolizei auf. Zum Glück redeten die einen nicht mit den anderen. Die richtigen und die falschen Bullen. Oder nur, wenn es unbedingt sein musste. So viel wussten wir.

Scheißbullen waren sie aber alle. Und vor den Gestalten von der Stadtpolizei hatten einige von uns richtig Angst. Sie trugen keine scharfen Waffen, dafür aber eine gewaltige Menge an Aggressionen in sich.

„Da.“ Sharif zeigte auf das Fenster im ersten Stock gegenüber. Von dem Hauseingang, in dem wir uns verborgen hielten, konnten wir zwei Figuren sehen, die sich im ersten Stock gegenüber bewegten. Es war schon dunkel, fast Mitternacht, die Straßen waren leer, und die Küche war hell erleuchtet.

„Da,“ sagte Sharif noch einmal und packte mich am Arm. „Telefon.“ Er sprach das Wort aus, als hätte es drei L. Telllefon.

„Mama,“ sagte er auch noch. Sein Deutsch war ganz schön scheiße nach den drei Monaten, die er schon in Wiesbaden war. Und sein Englisch war auch nicht super. Aber Fatima sollte ja gleich kommen, seine Cousine. „Fatima gut Deutsch.“

Jaja.

Bloß. Wo blieb Fatima? Die Straße war jetzt auf beiden Seiten dicht. Rechts eine Gruppe von diesen Stadtpolizisten. Lose um einen Kleinwagen versammelt. Und links zwei Streifenwagen und mindestens fünf richtige Bullen. Hatten die einen Plan?

Egal, was die vorhatten. Eine Frau, die Fatima hieß, würden sie nicht durchlassen. Und weder mich noch Sharif raus aus der Verriegelung.

Im den zwei Fenstern auf der anderen Straßenseite standen die beiden gerade am Fenster und diskutierten irgendetwas. Sie waren weiß. Nicht so deutschweiß, aber weiß. Mit dunklen Haaren aber. War auch egal.

Ich wusste gar nicht so viel über Sharifs Problem. Er zeigte wieder ins Licht der Küche. Einer von den beiden stand am Fenster und starrte ins Nichts. Rundes Gesicht, eher schmale Gestalt, wenn man das in der gelb-rot gestreiften Jacke richtig erkennen konnte. Dieser Typ da, der jetzt wieder supernervös hinter dem Fenster auf und ab hüpfte, hatte ihm das Telefon geklaut. Und auf dem Telefon war ein Foto seiner Mutter. Sein einziges Foto.

Deshalb wollte er das Ding zurück haben.

Das war verständlich.

„Fatima.“ Sharif zog an meinem Arm. Ein paar Hauseingänge nach rechts hatte ich einen Schatten gesehen, der sich bewegte.

„Fatima?“ fragte ich.

Sharif nickte ganz hektisch. Mir war nicht ganz klar, wie uns Sharifs Cousine helfen sollte, das Telefon zurückzukriegen. Aber wenn es ihn optimistisch stimmte, dann war alles gut.

Ich war nur ganz zufällig in die Angelegenheit hineingeraten. Nur weil ich auf dem Mauritiusplatz stehengeblieben war, um selbst zu telefonieren, hatte ich Sharif gesehen. Er hatte wie ein großer Haufen Elend auf einer der Treppenstufen gesessen und gesehen, wie ich ihn beobachtete. Ein- oder zweimal waren wir uns irgendwo begegnet. Wir kannten irgendeine Person, die jemanden kannte, den wir beide kannten. Oder so.

Er hatte gleich den Verdacht gehabt, dass der mit der Jacke sein Telefon hatte. Da hatte es den Rempler gegeben, in der Fußgängerzone, und dann hatte er sich umgeguckt und die bunte Jacke gesehen. Und war hinterhergegangen. Er war sich sicher. Ziemlich jedenfalls.

In dem Hauseingang, in dem ich eben noch Bewegung gesehen hatte, tat sich nichts. An beiden Enden der Straße ebenso. Nichts. Und die ganze Straße war sowieso leer zwischen den Absperrungen. Zuerst dachte ich, die würden uns gelten. Aber, im Ernst, so wichtig waren wir nicht.

Wo war Fatima abgeblieben?

Was mochten die Bullen vorhaben?

Sharif starrte abwechselnd zum Fenster, das mittlerweile verwaist war, und nach gegenüber, wo sich die Cousine gut verbarg, wenn sie nicht schon weitergehuscht war.

Da war sie. Ihr Kopf tauchte hinter einem Vorsprung auf. Sie blickte in beide Richtungen und kam dann geduckt zu uns herüber gelaufen. Jeans, Pullover und lose gebundenes Kopftuch. Kurz hielten sie und Sharif sich in den Armen, dann redete er in einer Sprache, die ich nicht verstand.

Und dann zeigte er auf mich. „Theodore.“

Fatima streckte die Hand aus und zog sie gleich wieder zurück. „Sorry, ich vergesse es immer wieder mal. Wo kommst Du her?“ 

„Togo,“ sagte ich.

Sie nickte und schüttelte dann den Kopf. „Wo ist das?“

„Irgendwo in Afrika.“

Sharif guckte Fatima an, die überlegte, ob die Antwort ausreichte, als die Haustür direkt neben jener, die uns interessierte, aufging. Ein älteres Paar kam heraus und ging ohne aufzusehen in die Richtung, in der sich die Leute von der Stadtpolizei versammelt hatten. Die Tür fiel langsam zu.

Sehr langsam.

Fatima reagierte als erste. „Kommt,“ sagte sie und war schon unterwegs. Sharif war ihr sofort auf den Fersen, als ich mich noch fragte, was wir eigentlich im Nebenhaus zu suchen hatten. Da stand Fatima schon in der Tür und hielt sie auf.

„Woher kennt ihr Euch eigentlich?“ Die Tür war gerade ins Schloss gefallen.

Sharif erklärte das in der Sprache, in der er auch eben geredet hatte. Er brauchte länger dafür, als es angemessen gewesen wäre. Aber vielleicht erinnerte er sich auch an andere Begegnungen als ich.

In dem Moment hatte ich auch schon begriffen, was Fatima vorhatte. Wohl war mir nicht dabei. Aber ich überprüfte die Tür zum Hof. Und die ließ sich öffnen.

„Ist klar, oder?“ fragte Fatima, als ich vor der Mauer zum Nebengrundstück stand. Ein Bewegungsmelder hatte die dünne Hofbeleuchtung angestellt. Die Mauer war ungefähr zwei Meter hoch und bestand aus Ziegeln, die oben zum Teil schon locker saßen.

„Und wenn die Tür da zu ist?“

„Versuchen wir trotzdem, rein zu kommen.“

Ich muss skeptisch ausgesehen haben.

„Sharif hat sonst kein Foto von seiner Mama. Es gibt auch kein anderes. Und sie ist auch schon lange tot.“

Ich wusste jetzt, warum sich Sharif auf Fatima verließ. Sie konnte sehr überzeugend sein.

„Also,“ sagte sie. „Wir bleiben natürlich zusammen. Wir gehen über die Mauer und dann ins Haus. Und dann sehen wir weiter. Verstehst Du alles?“ Der letzte Satz galt Sharif, den sie anguckte.

Der nickte.

„Dann los,“ sagte sie. Ohne uns abzusprechen zogen wir alle unsere Masken vor Mund und Nase. Ich versuchte einzuschätzen, ob es einfacher war, sich hochzuziehen oder die Füße zwischen den Ziegeln zu platzieren.

Da gab es auf der anderen Seite der Mauer Bewegung. Wir konnten hören, wie die Hoftür aufgeschlossen wurde. Auch drüben ging der Bewegungsmelder an, der eine deutlich hellere Lampe aktivierte als auf unserer Seite. Stimmen waren zu hören, leise, hektisch.

Fatima war schon fast auf der Mauer, sie war gewandt und stützte sich mit beiden Armen auf, als neben ihr zuerst ein Gesicht auftauchte, ohne Maske, und dann ein Oberkörper. Es war die gelb-rot gestreifte Jacke, und Sharif entließ einen seltsamen Ton, den ich nicht ganz einordnen konnte, irgendwo zwischen Erstaunen und Erschrecken. Direkt danach erschien der andere ebenfalls dort. Ich hatte mir den gar nicht angesehen eben. Dünn, grauer Pullover, kurz rasiertes Haar.

Und sowieso. Wer hatte denn damit gerechnet, dass wir denen so schnell begegnen?

Sharif machte einen Schritt zurück. Fatima hatte den ersten Fuß wieder auf unserem Terrain. Ich wich zurück in die Hoftür. Irgendwo im Haus über mir hörte ich ein Geräusch. Schritte möglicherweise.

Die beiden vom anderen Hof waren nicht so zögerlich wie wir. Beide hatten nur einen Moment lang einen Fuß auf dem Mauersims, trockener Putz bröselte und fiel zu Boden, sie drückten sich ab und sprangen auf unsere Seite. Einer von beiden rutschte dabei kurz weg, das war der mit der gestreiften Jacke, suchte seine Balance und fand sie schnell wieder.

Die Dinge geschahen jetzt alle zur gleichen Zeit.

Sharif zeigte mit dem Finger auf die Jacke.

Im Nebenhaus barst eine Tür. Die Haustür? Getrappel und Getrampel waren zu hören.

„Der?“ fragte Fatima und zeigte auf die Jacke.

Der zweite Typ zog an genau der Jacke, hatte aber keinen Plan, wohin die Reise gehen sollte.

Das Getrampel im Nebenhaus fand nun auf der Treppe statt.

„Ja,“ sagte Sharif mit langgezogenem A.

Und ganz ohne Ansatz, aus der Schulter heraus, schoss Fatimas rechter Arm nach vorn und erwischte die Jacke am Kinn.

Der Typ ging kurz in die Knie. Fatima hielt sich für eine Sekunde die Hand.

„Boxen,“ sagte Sharif. Und jetzt wusste ich wirklich, warum er auf Fatima gewartet hatte.

„Hof durchsuchen!“ Das war ein Befehl, der hinter Mauer erteilt wurde. Schneidige Stimme, nicht sehr laut, gewohnt zu kommandieren. Schritte nun im anderen Hof.

Der zweite Typ stellte sich abwehrbereit auf, Fäuste nach vorn, Blick hin und her zwischen der Jacke und Fatima. Die machte einen Ausfallschritt und stand wie ein spiegelverkehrter Slash. Dann gab sie ihm auch einen mit. Nicht so fest wie der Jacke. Aber ordentlich.

Das Pfffft, das dem anderen entfuhr, war so laut wie das Pfeifen im Wald.

Hinter der Mauer versammelten sich mehrere Stimmen. „Das gehört?“ – „Was?“ – „Anderes Grundstück.“ – „Nicht gedeckt durch die…“ – „Auf der Flucht?“ – „Also doch.“

Ich zog den zweiten Typ schon ins Haus hinein. Sharif folgte uns. Fatima stieß den mit der Jacke hinterher. Der ließ sich kurz schieben, wollte dann wieder raus. Worauf sie ihm noch einmal einen verpasste. Nur einen schnellen Punch. Schließlich war auch er im Hausflur.

Und dann gab es diesen einen Moment, in dem alles still stand. Fatima war als letzte ins Haus gekommen. Irgendwie automatisch richtete sie ihr Kopftuch, obwohl es gar nicht verrutscht war. Dann drehte sie den Kopf so, das sie nach draußen blickte.

Was wir anderen auch alle taten.

Für diesen einen Moment.

Keine Bewegung, nicht einmal eine Berührung untereinander.

Die beiden Weißen standen halbrechts und halblinks vor mir, Sharif direkt vor dem, den ich ins Haus gezogen hatte. Wir warteten darauf, was auf der anderen Seite der Mauer geschehen würde. Die Diskussionen waren nicht mehr klar zu verstehen. Einzelne Worte nur noch. Aber ich hörte so etwas wie: „Ihr rüber!“

Der mit der Jacke hob die Hände und drückte symbolisch Luft nach unten. Leise sein.

Eins war klar. Sie hatten mehr Angst vor den Bullen als vor uns.

Trotz Fatima.

Da erschien die erste Hand auf dem Mauersims.

Und die lange Sekunde der Stasis war vorüber. Die Jacke blickte sich um. Und zur gleichen Zeit zeigten wir beide auf die Treppe. Wir mussten so weit weg vom Hof wie nur eben möglich. Und niemand dachte daran, auf die Straße zu rennen. Wir waren ja nicht blöd. Die Jacke ging schon vor. Vorsichtig setzte er Fuß vor Fuß. Ich hinter ihm.

Kurz umblicken. Im Gänsemarsch kamen Sharif, der andere Weiße und Fatima. Wir waren darin jetzt zusammen. Ob wir wollten oder nicht.

Sharif machte ein leises „Ssssss,“ als ob es nötig gewesen wäre, uns daran zu erinnern, dass niemand Krach machen sollte. Oder es war der zweite Weiße. Ich weiß nicht.

In den ersten Stock kam noch ordentlich Widerschein aus dem Hof. Auf dem Weg in den zweiten wurde es dunkler. Die Fester zum Hof waren nicht klein, aber die matten Hoflampen nach unten gerichtet. Im dritten Stock war hinter einer Tür Licht zu sehen. Das fehlte uns jetzt. Dass jemand die Tür öffnete.

Wir hatten die vierte Etage noch nicht erreicht, als tief unten im Haus die Stiefel der Bullen zu hören waren.

Es war klar, dass wir in der Falle saßen.

Aber welche Wahl hatten wir gehabt?

Unter uns ging eine Tür auf. War das im Dritten Stock? Wie eine Taschenlampe schien das Licht aus der Wohnung raus.

Wi rührten uns nicht. Die Treppe, die vor uns lag, war ganz dunkel.

Ich schlich ein paar Tritte hoch. Der oberste Stock schien so eng. Eine weiße Wand grenzte den letzten Teil des Flurs gegen das Treppenhaus ab. Sie war gerade mal einen Meter hoch. Als ich dort ankam, merkte ich, dass alle anderen gefolgt waren.

Aber noch jemand anderes war uns auf den Fersen. Jemand, ein Mann, es waren die Schritte eines Mannes, ganz klar, machte Stufe für Stufe den Weg nach oben. Und wer immer das auch war. Er trampelte.

Das war an sich kein Problem. Aber die Bullen würden das auch hören.

Wir machten gar kein Geräusch mehr. Atmeten kaum. Ohne einander zu verständigen, hockten und duckten wir uns hinter die Mauer. Weiter ging es einfach nicht. Und niemand wollte wissen, welches Geräusch es machte, die Türklinke zum Dachboden zu bewegen.

Die Schritte waren ganz nah.

Sharif lag halb auf mir. Ich konnte nicht erkennen, wer ganz vorn an der Treppe kauerte. Und ich verstand mehr als ich sah, was dann passierte. Es muss die Jacke gewesen sein, die sich den Mann geschnappt hat. Viel konnte ich nicht sehen, aber ich hatte genug Raum, mir den einen Schuh auszuziehen und den Socken auch, und den dann weiterzureichen. Es gab ein kurzes Gurgeln, nicht sehr laut, und der Mann lag unter uns auf dem Boden.

„Yılmaz“.

Scheiße.

Aber klar.

Der Mann war nicht allein in der Wohnung gewesen. Die Frauenstimme war weich und tief. Nur ein stiller Ton Sorge darin.

Ganz unten im Haus wurde es lauter. Das Licht im Hausflur wurde angeschaltet. Stiefel auf Treppe.

„Yılmaz?“

Fragend. Verwundert nun. Jetzt kam die Frau auch hoch.

Der Mann zappelte. Und ich hatte einen Arm im Griff.

Hier unterm Dach gab es keine Lampe. Ich konnte den Mann trotzdem sehen. Dunkelblauer Schlafanzug, braune Pantoffeln. Yılmaz´ Gesicht war verdeckt durch Sharif, der ihm auf der Brust saß.

„Yılmaz!“ Ein bisschen Empörung in der Stimme. So als würde Yılmaz sich einen Spaß erlauben mit der Frau. Sie kam näher. Eine Treppe nur noch.

Die Bullen bewegten sich auch. Sie waren zu zweit oder zu dritt. Und schon im ersten Stock.

Sie waren nicht leise.

Fatima sprang plötzlich auf. Ich sah über Sharif hinweg, wie sie sich die Frau griff, an den Schultern, und ihr dabei mit einer Hand den Mund zuhielt. Ich musste mich anstrengen, um auch den anderen Schuh auszuziehen. Aber irgendwie gelang es mir, den zweiten Socken vom Fuß zu ziehen.

Das gleiche Gurgeln in höher. Fatima legte die Frau souverän auf dem Boden ab. Die Jacke setzte sich auf ihre Beine. Sein Kollege hielt ihre Schultern fest.

Die Bullen kamen näher. Waren sie schon im zweiten Stock?

Fatima zog sich hastig die Schuhe von den Füßen und verschwand nach unten. Was hatte sie vor? Die Schritte der Bullen kamen immer weiter nach oben.

Das Licht im Hausflur ging aus.

Nur eine Sekunde später war es wieder an.

Die Jacke und Sharif hatten das Ehepaar im Griff. Mann und Frau lagen am Boden, nebeneinander. Die Jacke saß dem Mann nun auf der Brust, Sharif hielt die Hände der Frau über dem Kopf zusammen. Der zweite Weiße hockte auf den vier Unterschenkeln. Viel konnte da nicht passieren. Hoffentlich bekamen die zwei genügend Luft zum Atmen. 

Immerhin hatte ich die Socken den ganzen Tag getragen.

Ich hob den Kopf langsam über die Mauer hinweg. Fatima war schon verschwunden.

Die offene Wohnungstür war gut zu sehen in dem quadratischen Treppenhaus. Nur dort konnte sie sein.

Und da kamen auch drei Bullen die Treppe hoch. Eine Frau vorn. Langsam. Zwei Männer dahinter.  Gleich waren sie im dritten Stock. Ein paar Schritte nur noch. Die Frau musste die offene Tür längst wahrgenommen haben.

Jetzt konnte ich Fatimas Füße sehen. Sie näherte sich der Wohnungstür. Besen in der Hand. Grüner Bademantel am Leib. Den Besen stellte sie gegen den Türrahmen und hob den Fußabtreter auf. Das Ding in der Hand blickte sie auf die Uniformen.

Wartete. Rückte das Kopftuch zurecht.

Die Bullen blieben erst einmal stehen. Es waren die richtigen, nicht die Hilfssheriffs. Die mussten sicher irgendwo absperren. Oder Obdachlose schikanieren.

Die Frau an der Spitze war verantwortlich. Sie blickte sich um. Die beiden hinter ihr waren keine Hilfe.

„Äh…“, sagte die Bullenfrau.

Fatima wartete. Sie schüttelte den Fußabtreter scheinbar unbewusst aus. Mit jeder Bewegung ein bisschen stärker, bis sie ihn schließlich gegen die Flurwand hieb.

„Äh…“, kam es noch einmal. „Hier sind keine Leute…“ Sie suchte nach einem Satzende. „Vorbeigekommen.“

Fatima schüttelte den Kopf.

Die Tür zu einer Nachbarwohnung öffnete sich. Ein älteres Männergesicht kam im Spalt zum Vorschein.

„Schließen Sie bitte die Tür,“ sagte die Bullenfrau laut und deutlich. Der Mann verschwand wieder.

Einer der Männer beugte sich nach vorn und sagte ein paar Worte. Die Frau hörte zu und senkte kurz den Kopf. Dann redete sie, aber so gedämpft, dass ich sie nicht verstehen konnte.

Fatima schüttelte den Kopf.

Der Mann beugte sich wieder nach vorn.

Die Bullenfrau redete. Wieder leise. Und wieder war nichts zu verstehen.

Fatima reagierte nicht. Dann nahm sie den Besen zur Hand und lehnte sich ein paar Momente lang darauf. Und schließlich trat sie zur Seite.

Hinter mir versuchte der Mann, der in der Wohnung lebte, Yılmaz, sich bemerkbar zu machen. Sein Gurgeln wurde lauter und lauter. Ich drehte mich um und sah die Jacke zum Schlag ausholen. So fest war der nicht. Aber er ging in die Gegend, wo die Nieren waren. Dann war Yılmaz wieder ruhig.

Im dritten Stock sah ich niemanden mehr. Die Wohnungstür war offen, und irgendwo fern hörte ich Stimmen. Fatima hatte die drei in die Wohnung hinein gelassen.

Als sie zurück kamen, blieben sie in der Tür stehen. Ich meinte ein „Entschuldigung“ zu hören, gesprochen von der Bullenfrau.

Und dann ging alles ganz schnell. Die Uniformen kamen aus der Wohnung raus, gingen trippelnd die Stufen runter.

Fatima blickte ihnen hinterher, wartete ein paar Sekunden und hielt dann den Arm hinter den Rücken. Und den Daumen nach oben.

Sie warf den Besen in die Wohnung hinein, zog den Bademantel aus und schmiss ihn hinterher. Dann kam sie zu uns hinauf.

Sharif erhob sich. Ich konnte die Erleichterung fühlen, als er sekundenlang ausatmete. Er drehte sich zur Jacke, die ebenfalls gerade aufstand, und schubste ihn an der Schulter. Die Jacke schubste zurück, und schon fingen die beiden mit einem Ringkampf an.

Das Licht im Flur ging aus. Zum Glück waren die Bullen schon draußen.

Das Ringen ging weiter, während ich einen Lichtschalter suchte. Ich hörte ein Patschen und einen Schmerzensschrei.

Als ich den Lichtschalter fand und gedrückt hatte, saß die Jacke am Boden und hielt sich das Kinn.

„Her damit.“ Fatima stand über ihm. Sie musste ihn ordentlich getroffen haben.

Ich betrachtete die Jacke genauer. Gerade einmal 20. Flaum unter der Nase. Hellweiße Haut unter schwarzem Haar, Tränen in den Augen.

Beim Griff in die Innentasche kamen mehrere Telefone zum Vorschein.

Yılmaz hustete. Ich beugte mich zu ihm und nahm meinen Socken aus seinem Mund. Mit einer raschen Kopfbewegung befahl ich dem zweiten Weißen, von ihm aufzustehen. Yılmaz drehte sich zur Seite und spuckte aus. Ich nahm den anderen Socken aus dem Mund seiner Frau, die heftig Luft holte.

Sharif hatte die Telefone in der Hand und warf alle bis auf eines auf den Boden. Er drückte auf dem Display herum, bis er sah, was er suchte.

Und zeigte es mir.

Ich blickte auf das Portraitfoto einer Frau mit Kopftuch. Sie hatte ein schmales Gesicht und glotzte mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera. Ein Bild aus dem Fotostudio.

„Mama,“ sagte Sharif und drückte das Telefon gegen seine Brust.

„Speicher es irgendwo,“ sagte ich.

Er guckte mich an. Fatima redete in der anderen Sprache auf ihn ein. Und Sharif nickte.

„Ja,“ sagte er. „Ja ja.“

Sharif hatte sein Telefon, ich meine Socken. Aber wir waren immer noch gefangen unter dem Dach eines Hauses, in dem wir nicht sein sollten.

„Hinten raus,“ sagte ich. „Oder?“

„Aber noch nicht,“ sagte Fatima.

„Klar,“ sagte ich. „Warum waren die hinter euch her?“ Ich drehte mich zu dem zweiten Weißen.

„Immer hinter uns her,“ sagte er, ohne mich oder irgendwen anzugucken.

Ich zeigte auf die Telefone am Boden.

Er zuckte mit den Schultern.

„Wohnt ihr da?“ fragte ich und zeigte in Richtung Nebenhaus.

„Ein Freund.“

Dann sagten wir alle lange nichts.

Fatima verschwand und kam mit Gläsern voller Wasser wieder. Sie reichte sie dem Ehepaar. „Wir müssen jetzt sehr nett sein zu den Karabuluts,“ sagte sie.

Die beiden hatten sich mittlerweile hingesetzt, nebeneinander an der Wand lehnend, aber noch keinen Ton gesagt.

„Vielleicht,“ sagte ich, „dürfen wir ja einen Moment in ihre Wohnung.“. In jedem Fall hatten wir noch eine lange Nacht vor uns.

Tags :