Geschrieben am 1. Februar 2022 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2022

Die Graphic Novel „Moby Dick“

Nach dem Werk v. H. Melville, Zeichnungen von B. Sienkiewicz, Textadaption: D. Chichester – B. Sienkiewicz, Bielefeld 2022 (SPLITTER).

I

Wie ein Werk zusammenfassen, das z.B. in der grandiosen Übersetzung von Friedhelm Rathjen[1] über 800 Seiten vorweist? Dies magisch-dämonische Labyrinth über einen gequälten Übermenschen und seiner Jagd auf einen gequälten Weißen Wal. Ein Seeungeheuer von einem Roman: wüst, wild und weit wie das Meer. Welt in Literatur und zugleich Weltliteratur. Unter anderem. „Die ganze Menschheit scheint durch dieses Buch zu ziehen; Moby-Dick erscheint wie ein Enzyklopädie von ‚Helden, Heiligen, Halbgöttern und Propheten‘, von denen geringere Männer im Angesicht der Schrecken des Ozeans Beistand und Gnade erflehen.“[2] Außerdem ein bitterer Kommentar zu einem sich globalisierenden Kapitalismus, der eines der intelligentesten Wesen dieses Planeten zu Lampenöl, o du Licht der Aufklärung!, maschinell degradiert. (Auffällig, wie der Film „Im Herzen der See“, die Vorgeschichte von Moby-Dick, immer wieder das Motiv vom Menschen als vermeintlicher Krone der Schöpfung aufgreift, variiert und destruiert – bis zu dem entscheidenden Moment, als ein Harpunier den verfolgenden Wal eben nicht tötet, sondern in ihm ein von Menschen gequältes Geschöpf erkennt und so den Strudel der Gewalt durchbricht.[3]) Zurück zum Roman, in dem ein mordender Kapitalist zutiefst darüber gekränkt wirkt, wenn das zu ermordende Kapital sich … wehrt, den Mörder sogar verstümmelt und zeichnet wie Kain. Doch dieses Mal kein sehender Gott, sondern blinde Natur.

Irgendwann fällt der Vorhang. Niemand klatscht. Der Tragödie letzter Akt ist hier anders als der Schluss des Romans „Mardi“: „Und so flogen Verfolger und Verfolgte weiter über eine endlose See.“[4] regressus ad infinitum. Dagegen: Es ist, als finge am Ende von Moby-Dick der erste Morgen der Schöpfung von neuem an; es ist, als würde der Kosmos nach dem Chaos heraufbeschworen. Vielleicht verneige ich mich nicht so sehr vor dem Mythos dieses Romans, der selbst schon zum Mythos wurde, sondern vor einer Sprache, sirenenhaft wie die See. Schön, tödlich, voller schwarzer Geheimnisse in der blinden Tiefe, ein Sturm, ein Märchen, ein Abenteuer, Prophetie, Nihilismus, Horror und Witz.

II

Farben. Bill Sienkewicz übersetzt Melvilles Werk in Farben.[5] Bilder, die verschwimmen, ineinander übergehen, grell hier und dort verblassend. Schon der Anfang wirkt wie eine Gespenstergeschichte aus einer Gothic Novel. Wer erzählt? „Nennt mich Ismael. Man hat mich auch anders genannt – […].“[6] Der zweite Satz scheint einer ausdeutenden Adaption geschuldet. Verflüssigte Identität? Ein unzuverlässiger Erzähler? Platzhalterfunktion: für mich, dich, uns? Und Wahnsinn, Wahnsinn überall. Grotesk gezeichnete Präludien des Todes. Beispielsweise Ahabs Begleiter: dämonische Fratzen (S. 15). Und Ahab selbst, mit Holzbein, oder mit dem verrückt gewordenen Pip: eine schwarz-weiße Pietà (S.23). Darüber das Bild vom Kopf des Kapitäns, einer Leiche gleich; über dessen Nase und Mund läuft Rot, läuft über, hinunter in Pips Augen. Feurige Inspirationen unheiligen Geistes.

Aber diese Graphic Novel lässt sich im Angesichte der monströsen Romanvorlage keineswegs hetzen. Obwohl alles rauschhaft auf die Katastrophe zustürmt; mitreißend, hinabreißend: Denn da ist Platz für großformatige Zeichnungen, wie auf S. 38-39, als Moby-Dick ein Boot zerschmettert. In diesem Schwung gibt es keine Trennung mehr zwischen Wal, Wind und Wogen. Der charakteristische Kopf mit seinen Kiefern und Zähnen lauert und leuchtet übrigens leitmotivisch durch das gesamte Buch hindurch. Und bitte keine realistische Darstellung der Hauptfigur erwarten! Wie sehen ihn, wie möglicherweise Sienkiewicz glaubte, was Ishmael-Melvilles Ahab zu sehen glaubte. Oder der Weiße Wal titanisch, eine Urgewalt, die auf ein anderes hilfloses Boot herandonnnert (S. 41). Besonders beeindruckend das Bild von S. 42, wie der Seitenflügel eines Altars (Auf dem Hauptgemälde von S. 43 wird Ahab von seinem Albtraum fortgerissen.). Nur Schwarz und Blautöne. Skizzenhafte, sich überlagernde Schichten, Geschichtetes in einem Bild: je nachdem, wie du es liest und siehst: die in einem Strudel untergehende Pequod, von Moby-Dick gerammt; in den Segeln, aus den Segeln scheinen sich Kiefer zu bilden, sich triumphierend zu erheben; und an der Seite dieses fingierten Wals emporgezogen ein Mensch. Am Ende (S. 44-45): Schwärze, nur die majestätische Fluke des Leviathans verschwindend dunkelblau in der Tiefe. In Schwärze wird bald gänzlich verschwunden sein jenes weiße Ungeheuer, das keines war: nur Projektionsfläche blinder menschlicher Arroganz, die todbringend durch die Weltgeschichte hinkt. Der humpelnde Kleingott, der das geldgierige Narrenschiff namens Menschheit in den Abgrund jagt.

Ismael werde als einziger gerettet. Die Gelbtöne der Sonne und der letzten Seite bilden ein Kreuz über dem schwimmenden Holz-Grab dessen, der erzählte. Er wird uns künden von Hiob-Prometheus-Faust.

Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine weit über hundert Texte und Essays bei uns hier.


[1] H. Melville: Moby-Dick; oder: Der Wal, übers. v. F. Rathjen, 2. Aufl., Frankfurt am Main 2004.

[2] A. Delbanco: Melville. Biographie, übers. v. W. Schmitz, München – Wien 2007, 178. Siehe auch F. Rathjen: Nennt mich Ishmael. Sieben Aufsätze und Miszellen zu Leben und Werk von Hermann Melville, Südwesthörn 2019.

[3] Siehe dazu die DVD Im Herzen der See, Regie: Ron Howard, © 2016 Warner Bros. Entertainment Inc.

[4] H. Melville: Mardi und eine Reise dorthin, Band 2,  übers. v. R. G. Schmidt, 2. Aufl., Hamburg – Bremen 1997, 536.

[5] Moby Dick, nach dem Werk v. H. Melville, Zeichnungen von B. Sienkiewicz, Bielefeld 2022 (SPLITTER).

[6] Moby Dick (s. Anm. 5), 3. Schriftbild von mir geändert.

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