Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Der Reise-Bildband „Remote Experiences“

Jenseits aller betretenen Pfade

Alf Mayer über das Reise-Fotobuch von David De Vleeschauwer

Der belgische Fotograf David De Vleeschauwer hat sich den Wind als Beruf gewählt. Seit mehr als 20 Jahren sucht er den Mondschein auf der anderen Seite der Welt. Er ist ein Reisender. Jetzt können wir ihm mit dem Bildband „Remote Experiences“ folgen. Es sind wirklich „außergewöhnliche Reiseabenteuer von Nord bis Süd“, zwölf an der Zahl. Steppe statt Wolkenkratzer, Schneeglanz statt Straßenlichter. Schafehüten statt Stadtbummel. Savanne statt Parklandschaft.

„Otherworld“ nennt David De Vleeschauwer das.

Fast spürt man Scheu, die Seiten umzuschlagen. Fühlt sich wie ein Eindringling. Eben weil hier jemand etwas teilt, was nicht für die Massen bestimmt ist – und dies ja eben doch im Zeitalter des Massentourismus geschieht. Wir alle kennen die Geschichten, wie sensationslüsterne Instagram-Touristen ganze Orte und Plätze überrennen, nur um ein Selfie „mit location“ zu machen. Der Twitter-Account „Accidentially Wes Anderson“ zum Beispiel hat daraus einen weltweiten Bildersport gemacht.

Den Band „Remote Experiences“ gibt es nur als englische Ausgabe. 424 Seiten für zwölf Reisen. Zeit für den genauen Blick. „Slow travel“. Große Landschaftstotalen wechseln mit vielen Blicken auf das Kleine, das Unspektakuläre, Vergessene, eigentlich Verborgene. Auf das Alltägliche. Dort, am fremden, entlegenen Ort, und auf dem Weg dorthin. 

© David De Vleeschauwer
100 Passagiere auf dem Eisbrecher „50 Let Pobedy“ © David De Vleeschauwer
Nur etwa 1.000 Menschen/ Jahr kommen zum Nordpol © David De Vleeschauwer

„Remote Experiences“ ist ein Reise- und Fotobuch, wie ich noch keines gesehen habe. Elias Canetti kam mir dabei in den Sinn: „Die alten Reiseberichte werden so wertvoll wie die größten Kunstwerke; weil das unbekannte Land heilig war und es nie wieder sein kann.“ Von dieser Unschuld, in unserer heutigen Bilderwelt eigentlich nicht mehr herzustellen, handelt das ganze Buch. Handeln auch die Texte.

Sophie Roberts („Sibiriens vergessene Klaviere“) meint: „Remote is a point of view.“ Sie sieht diesen Blick auf das Entlegene/ Verborgene als Trigger für Empathie und Verstehen. Pico Iyer („Die Kunst des Innehaltens“/ „A Beginner’s Guide to Japan“ u.v.a.) sagt: „Remote places take me to remote places in myself.“ Der Filmemacher Andrei Tarkovski formulierte das so: „In der Tat ist die Reise durch die Länder der Welt eine symbolische Reise für den Menschen. Wohin er auch geht, sucht er seine Seele. Aus diesem Grund muss der Mensch reisen können.“

Bis zu 4.000 m hoch: Straße im Himalaya © David De Vleeschauwer

Die Fotos von David De Vleeschauwer erinnern daran, dass Reisen „eine Schule der Demut“ ist (Claudio Magris). Reisen zu lernen, heißt eigentlich auch sehen zu lernen. Und dies mit Staunen und Respekt. Das ganze Buch atmet solch eine Haltung. Hinten im Impressum findet sich der Satz: Reisen unternimmt man nicht nur, um den Himmel über sich zu wechseln. Man unternimmt sie auch, um Herz und Verstand zu verändern. Oder um es mit der Poetin Anne Carson zu sagen: „Die einzige Reiseregel lautet: Kehre nicht zurück, wie du gegangen bist. Komm anders zurück.“

Wer durch dieses Buch gewandert ist, kommt anders zurück – was könnte man Schöneres sagen?

Alf Mayer

David De Vleeschauwer, Debbie Pappyn: Remote Experiences. Extraordinary Travel Adventures from North to South. Ausgabe: Englisch. Verlag Taschen, Köln 2022. Hardcover, Format 23,8 x 30,2 cm. 2,63 kg, 424 Seiten, 50 Euro. Verlagsinformationen hier.

Mit dem Boot im Okavango Delta © David De Vleeschauwer
Napoleons Verbannungsort: die Inselt St Helena © David De Vleeschauwer
Im Hochland von Mustang © David De Vleeschauwer
© David De Vleeschauwer
© David De Vleeschauwer
© David De Vleeschauwer
Camp im Makgadikgadi Pans National Park, Botswana © David De Vleeschauwer

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