Geschrieben am 25. Juni 2011 von für Crimemag, Porträts / Interviews

CULTurMAG-Gespräch zur 75. Ausgabe der KrimiZEIT-Bestenliste

Qualitätsorientierung im Neuerscheinungstsunami

– In diesem Juni erscheint die KrimiZEIT-Bestenliste (früher KrimiWelt-Bestenliste), die jeden Monat die „10 besten Krimis“ vorstellt, zum 75. Mal. Jan Karsten sprach mit Tobias Gohlis, dem Initiator und Sprecher der Bestenliste, und Thomas Wörtche, der als Krimikritiker der Jury angehört.

Jan Karsten: 75 Ausgaben der KrimiWelt/ZEIT-Bestenliste, 391 verschiedene Romane, die aus knapp 2000 Vorschlägen ausgewählt wurden, das sind eine Menge Empfehlungen … standen alle zu Recht auf der Liste?

Tobias Gohlis: Grundsätzlich: ja. Mein persönlicher Dissenzpegel ist über die Jahre selten höher ausgeschlagen als bis 20% – also maximal zwei Bücher pro Liste, die ich nicht qualifiziert fand. Meist aber war ich mit dem Ergebnis zufrieden. Nehmen Sie z. B. die aktuelle Liste: Da finden Sie kein Buch, das nicht nur „ein bester Krimi“, sondern tatsächlich gut ist.

Thomas Wörtche: Natürlich nicht – findet vermutlich jedes Jury-Mitglied für sich … aber so ist das – am Ende kann man mit allem leben. Das ist wie mit den Elfmetern in der Bundesliga, zum Schluss der Saison haben sie sich alle irgendwie wieder ausgeglichen …

Gibt es auch Bücher, die es nicht geschafft haben, aber im Rückblick unbedingt hätten auftauchen sollen?

Tobias Gohlis: Kaum. Der eine oder andere Titel stand vielleicht nicht so lange oder so weit oben auf der Liste, wie er es verdient hätte, aber summa summarum: Die Krimi-Bestenliste löst das Versprechen ein, die interessanten und lesenswerten Krimis vorzustellen. Ich würde mir allerdings wünschen, die nicht anglophone internationale Kriminalliteratur fände insgesamt mehr Beachtung.

Wahrscheinlich gibt es „die üblichen Verdächtigen“: Welche Autoren waren besonders oft vertreten?

Tobias Gohlis: Da muss man zwischen deutschsprachigen Autoren, die insgesamt mit etwa 10% aller Titel vertreten sind und der weit größeren Gruppe internationaler Autoren unterscheiden. Unter den deutschen sind Heinrich Steinfest (7 Titel), Friedrich Ani (6) und Oliver Bottini (5) Spitzenreiter. Das hat natürlich auch mit Produktivität zu tun: Die originelle, hervorragende Astrid Paprotta ist nur mit zwei Titeln dabei, weil sie vor Start der Liste zu schreiben angefangen und seit 2007 keinen Krimi mehr geschrieben hat.

International sind die Helden John le Carré, David Peace, Fred Vargas, Leonardo Padura, Pablo de Santis, Richard Stark, Ian Rankin, Arne Dahl. Von Jenny Siler und James Sallis ist praktisch jedes Buch auf der Bestenliste. Im internationalen Bereich finden findige Verlage besondere Beachtung. Etwa der Münchner Liebeskind-Verlag, Shayol mit der Reihe „Funny Crimes“, und oft einzelne, kleine, verdiente Verleger: Frank Nowatzki mit „Pulp Master“, Jens Seeling aus Frankfurt oder Hannes Riffel, der jetzt neu den Golkonda-Verlag gegründet hat und praktisch im Alleingang einen phänomenalen Autor wie Joe R. Lansdale verlegt.

Kriminalliteratur glänzt durch große Vielfalt, durch große Bandbreite an Themen, Konzepten und Schreibweisen, die sich unter dem Label „Krimi“ versammeln. Da gibt es innerhalb der Jury doch sicherlich viele Diskussionen darüber, was überhaupt „gute“ Kriminalliteratur ist und welches Buch unbedingt oder eben gerade nicht auf die KrimiZEIT-Bestenliste gehört? Fällt es leicht, einen Konsens herzustellen?

Tobias Gohlis: Erstaunlicherweise gibt es in der Jury fast überhaupt keine Diskussion, nicht nur über das – ziemlich nervige – Thema „Krimis Grenzen“. Das hat mit dem Abstimmungsverfahren zu tun. Jedes Jurymitglied gibt per Mail seine vier gewichteten Stimmen ab, und wenn kein Formfehler begangen wurde (z. B. das Buch ist noch nicht lieferbar oder schon vor Jahren einmal erschienen), wird es erst mit dem ausgezählten Ergebnis konfrontiert. Da kann jedes Jurymitglied dann sehen, wie und wofür die anderen abgestimmt haben und daraus Schlüsse für sein weiteres Abstimmungsverhalten ziehen. Wir haben zwar eine interne Mailingliste, die wird aber selten – zu selten – genutzt, um sich Hinweise zu geben oder über Bücher zu streiten. Vermutlich haben einfach alle sehr viel zu tun.

Aber es gab doch sicher Autoren/Bücher, die intensiv diskutiert wurden?

Tobias Gohlis: Die heftigste Diskussion überhaupt entspann sich über der Frage, ob ein lange nicht erschienener Titel aus Peter O’Donnells Serie um Modesty Blaise „Die Klaue des Drachen“ auf die Liste darf oder nicht. Dieser tolle Titel stand im Juni und Juli 2005 auf der Bestenliste. Danach entschieden wir uns dafür, nur noch für neue Bücher zu votieren, die nicht älter als ein Jahr sind, um uferlose Streitereien zu vermeiden. Unterm Strich: So mancher ältere Autor würde viele neue schlagen – Ross Thomas etwa.

Als Jurymitglieder verfolgt man doch sicherlich auch persönliche Interessen oder ist in Doppelfunktionen als Kritiker/Autor/Lektor usw. tätig. Wie wird verhindert, dass Einzelinteressen in den Vordergrund geraten?

Thomas Wörtche: Die Jurymitglieder gucken sich gegenseitig derart auf die Finger, dass Schmu gar nicht aufkommen kann … Als ich noch metro gemacht habe, war klar, dass ich weder für einen metro-Titel votiere, noch metro-Titel irgendwie ins Spiel bringe. Und in der „Satzung“ heißt es, übrigens wie beim DEUTSCHEN KRIMI PREIS auch (glaube ich), dass niemand für einen Titel stimmen darf, an dem er irgendwie beteiligt ist …

Tobias Gohlis: Es gibt eine klare Regelung: Wer an der Herstellung eines Buches beteiligt ist oder einen Autor verlegt, darf nicht dafür votieren. Das hatte beispielsweise für Volker Albers, der als Herausgeber erst der „Schwarzen Reihe“, dann der Reihe „Kaliber 64“ mit vielen guten deutschen Autoren zu tun hatte, die Folge, dass er zeitweilig fast nur für ausländische Krimis stimmen konnte.

Das Sprechen über Kriminalliteratur scheint immer noch sehr männlich dominiert zu sein. Ein Blick auf die Zusammensetzung der Jury zeigt, dass die Frauen auch nach der 75. Ausgabe deutlich in der Minderheit sind. Woran liegt das?

Thomas Wörtche: Dass es nicht genug Frauen gibt, die auf professionellem und kompetentem Level über Krimis publizieren … Es gibt natürlich Fälle wie Henrike Heiland, die beides in hohem Maße tut, aber selbst Primärautorin ist. Oder noch ein, zwei, drei andere, die einfach noch nicht quantitativ genug produziert haben, aber das kommt sicher noch …

Tobias Gohlis: Es gab zeitweilig mehr Frauen als heute in der Jury, fast 50%. Gründe fürs Ausscheiden aus der Jury waren: Berufs- oder Aufgabenwechsel, Umzug auf einen anderen Kontinent. Es gibt einfach nicht so viele Frauen, die sich als Kritikerinnen systematisch und langfristig mit Kriminalliteratur beschäftigen.

Auch auf den Bestenlisten selber dominieren die Männer …

Tobias Gohlis: So ist es. Und was genau ist daran schlecht? Die KrimiZEIT-Bestenliste ist kein Instrument der Gleichstellung. Ich bin als Bürger und politischer Mensch für Menschenwürde und Gleichbehandlung der Geschlechter, gegen Diskriminierung und Folter, beispielsweise auch für eine gut arbeitende Justiz. Meine Lieblingsblume ist die Akelei und meine Lieblingsfarbe ist Ziegelrot, aber als Juror bin ich ausschließlich für gute Bücher, gleich, wer sie geschrieben hat.

Thomas Wörtche: Tja, wenn keine böse Absicht dahintersteckt, dann ist das wohl einfach so … Und böse Absicht steckt nicht dahinter.

Auch Bücher von deutschsprachigen Autoren sind deutlich in der Minderheit, gerade, wenn man einen Blick auf die Jahresbestenlisten wirft … Ist der deutsche Krimi im internationalen Vergleich nicht satisfaktionsfähig?

Tobias Gohlis: Nein, ist er nicht. Nur einige wenige Autoren sind es. Übrigens sollte man unterscheiden zwischen weltmarktfähig oder -kompatibel und literarisch satisfaktionsfähig. Da liegen Welten zwischen.

Thomas Wörtche: Ich glaube nicht, dass wir wichtige deutsche Bücher oder Autoren NICHT auf der Liste hatten … Der deutsche Krimi ist relational durchaus satisfaktionsfähig, aber viele riesengroße andere Krimikulturen von Feuerland bis Alaska, von Australien bis zum Maghreb bringen eben auch hervorragende Kriminalliteratur hervor – insofern ist der deutsche Krimi proportional schon gut dabei … Das Geschrei, der deutsche Krimi sei nicht genug repräsentiert, habe ich noch nie von deutschen Autoren der ersten Garnitur gehört … Immer nur von Standard-Autoren oder beleidigten Gestalten aus der letzten Reihe …

Haben Sie in der Jury mal über eine Frauenquote, respektive eine Quote für deutschsprachige Literatur nachgedacht?  Könnte es nicht eine Aufgabe der KrimiZEIT-Bestenliste sein, deutschsprachige Autoren und Autorinnen besonders zu fördern – also sozusagen lieber ein vielversprechendes deutsches Talent spielen zu lassen, statt einen mittelmäßigen Ausländer auf die Position zu stellen?

Thomas Wörtche: Qualität und Quote geht nicht. Never ever. Und nein, ich verstehe mich in diesem Fall als Juror einer Besten- und nicht einer Förderliste … Für solche oder andere gezielt förderliche Zwecke sitzt man ja u. a. auch in anderen Jurys …

Tobias Gohlis: Ich denke, es gibt in der Jury geradezu eine unausgesprochene Sehnsucht nach dem „vielversprechenden deutschen Talent“. Immer wieder machen sich Juroren beinahe verzweifelt auf Talentsuche, werben innerhalb der Jury durch beharrliches Voting für ihre Entdeckungen. Mal kommen sie durch, mal nicht.
Die Krimi-Bestenliste erfüllt gerade im Bereich deutschsprachiger Kriminalliteratur eine wichtige Korrekturfunktion gegen den Mainstream. Eine Christine Lehmann, eine Uta-Maria Heim, eine Monika Geier finden sich auf der Bestenliste, während sie sonst eher als Provinz-Exzentrikerinnen oder gar nicht wahrgenommen werden. Autoren wie Robert Brack, Robert Hültner, Frank Göhre, Jörg  Juretzka oder Ulrich Ritzel stehen – cum grano salis – für einen realistischen, politischen, hart an den Menschen und den beschissenen Verhältnissen geschriebenen Kriminalroman.
Für einige deutschsprachige Autoren war die Krimi-Bestenliste eine wichtige Station. Andrea Maria Schenkel wurde von der Krimi-Bestenliste „entdeckt“, Heinrich Steinfest  oder Oliver Bottini oder jüngst Thomas Willman wurden durch sie bekannt(er), Stefan Kiesbye, Robert Lorenzen wären ohne die Krimi-Bestenliste vermutlich in der Versenkung verschwunden.

Wie muss ein Buch beschaffen sein, damit es in die Liste aufgenommen wird?

Tobias Gohlis

Tobias Gohlis: Um in die monatliche Liste der top ten aufgenommen zu werden, muss das Buch ausreichend Stimmen aus der Jury bekommen. In der Regel müssen drei Juroren für einen Titel stimmen, damit er unter die ersten Zehn kommt. Zum Glück ist die Jury groß und vielseitig genug, um ein sehr breites Spektrum dessen, was man als Krimi verstehen kann, abzudecken. Das Ergebnis kommt zwar recht normativ und autoritativ als ein Ranking von zehn Büchern daher. Aber unter dem Strich ist es das, was wir proklamieren: eine Leseempfehlung für literarisch interessante, ausgefallene, Krimis. Das schließt per se kein „Subgenre“ aus. Wir hatten schon cozy, Landhaus, medical, sogar regio. In letzter Zeit dominieren die politischen Kriminalromane – vermutlich, weil wir alle mehr Durchblick brauchen. Es gibt eine „Untergrenze“ für die Aufnahme in die Liste, die bisher fast immer gewahrt wurde: langweilige, triviale, klischeehafte, schlechte Texte.

Thomas Wörtche: So was kann man schwer  katalogisieren – dass die jeweiligen Bestseller nicht automatisch auf einer Bestenliste landen ist klar, und über eine quantitative Untergrenze gibt es meistens einen vorbegrifflichen Konsens. Nur weil „Krimi“ auf beiden Büchern steht, sind ein durchschnittlicher amerikanischer Fabrik-Schlocker – Patterson etc. – und ein Roman von Friedrich Ani auch ohne großen Kriterienkatalog qualitativ ziemlich evident unterscheidbar …

Was macht einen Krimi zu guter Kriminalliteratur?

Tobias Gohlis: Tja, da unterscheidet sich Kriminal- nicht wesentlich von anderer Literatur. Aber es gibt Besonderheiten. Es geht um Leben und Tod, Verbrechen, Staat, Gesellschaft, Gewalt. Das verlangt eine gewisse Ernsthaftigkeit, nicht zuerst in moralischer, sondern in ästhetisch-literarischer Hinsicht. Die üblicherweise und fälschlich angewandte Unterscheidung zwischen U (Unterhaltung) und E (Ernsthafter Literatur), die der Distinktion zwischen Kunstliteratur und Genreliteratur dienen soll, ist sinnvoll innerhalb des Bereichs Kriminalliteratur. Es gibt einen Haufen unreflektierten Mist, auf Page-turning-Klischees hin designt, blödes und verblödendes U eben, von dem die ernsthafte Kriminalliteratur unterschieden werden sollte. Wobei ernsthaft nicht mit ernst verwechselt werden sollte. Oft zeigt sich erst in der Groteske, der Unflätigkeit, dem Witz der Kern der Dinge. Zu dieser Ernsthaftigkeit gehört auch Präzision – der Handlung, der Ermittlungsdetails, der Figurenzeichnung, der Übersetzung. Geschwafel und Geschwurbel passt nicht zu einer Literatur, die von Realien handelt.

Thomas Wörtche: Man erkennt’s, wenn man’s liest …, s.o. … Dass die U/E-Schere sich im Genre wiederholt, ist eine hübsche Ironie, die im derzeitigen Boom besonders auffällig ist und, bedenkt man die schiere Masse der Produktion, besonders schmerzhaft empfunden wird, wenn die Bücherlawinen und Vorschaupyramiden eintreffen …

Es gibt Bücher, die nicht als Krimis vermarktet werden, aber durchaus Kriminalliteratur sein können. Können die auch auftauchen? Oder muss ein Buch durch den Paratext klar als Krimi gehandelt werden, damit es vorgeschlagen werden kann?

Tobias Gohlis: Ich folge dem Diktum des Literaturwissenschaftlers Richard Alewyn, dass es nur eine trennscharfe Grenze im Genre gibt, nämlich der zwischen Detektivroman und allem anderen. Was das andere ist, klären wir per Abstimmung, nicht per Disput. Das interessiert auch nur Literaturwissenschaftler. Krimi ist, was auf der KrimiZEIT-Bestenliste steht.

Die mentale und institutionelle Verwirrung um U und E verleitet Autoren wie Verlage, Kriminalromane als schöngeistige Romane und umgekehrt darzustellen, jeweils mit Hoffnung auf Markt- oder Distinktionsvorteile. Das führt beispielsweise zu der schizophrenen Situation, dass ein Autor Kohle als Krimimann macht, sich aber öffentlich davon distanziert und behauptet, etwas diffus besseres als ein Krimimann zu sein. Dafür kassiert er Lob und Preise bei einem ansonsten eher ignoranten Hoch-Feuilleton, quasi als Kriminarr am Hofe des Wahren, Schönen und Guten. Die Unterscheidung zwischen Krimi und Nicht-Krimi ist für uns kaum relevant, eher für Buchhändler und Publikum, weil oft nicht Bücher, sondern Erwartungshaltungen ge- und verkauft werden.
Krimi ist ein weites, ertragreiches Feld. Einige verlaufen sich dort, andere bestellen es nach einigem Schnuppern ernsthaft, andere ziehen weiter auf’s nächste. Jüngst hatten wir den Fall mit Linus Reichlins „ER“. Aus meiner Sicht ein Roman über Eifersucht und (männlichen) Liebeswahn, aus der Sicht anderer Jury-Mitglieder, denen Reichlins vorangegangene Kriminalromane gefallen haben, immer noch Krimi. Aber so ein Konflikt löst sich am besten spielerisch: Wir debattieren ein bisschen per Mail und stimmen ab.
Ich halte sowieso die Auffassung für überholt, der Kriminalroman definiere sich hauptsächlich durch eine mehr oder minder schematische Erzählstruktur.

Thomas Wörtche

Thomas Wörtche: Was ein „Krimi“ ist und nicht, das entscheidet sich oft nur kontextuell und paratextuell. Paratexte sind gattungstheoretisch sehr, sehr wichtige Dinger, u. a. deshalb, weil ein substantieller Begriff von „Kriminalroman“ nicht existiert und gar nicht existieren kann, aber das ist eine andere Frage, sorry to say, Alewyn hin oder her … Natürlich können auch Bücher, die NICHT als Krimis präsentiert werden, welche sein. Und welche, auf denen Krimi draufsteht, können straight sein …  Linus Reichlin ist so ein Grenzfall, finde ich … Bei Paulus Hochgatterer sind die Paratexte, wenn ich mich richtig erinnere, nicht krimi-affin …

Sechs Jahre Bestenliste, ein Rückblick. Welche Entwicklung der Kriminalliteratur lässt sich an den 75 Ausgaben ablesen?

Tobias Gohlis: Der Zeitraum ist zu kurz, um von Entwicklung reden zu können. Erfreulich, ja beinahe eine Sensation ist es doch, dass wir überhaupt so viele tolle Krimis gefunden haben. 391 „beste Krimis“ in sechs Jahren mögen nicht 391 gute Bücher sein. Aber … 359 waren es schon!

Ein Anspruch von Beginn an war es, den rein kommerziell orientierten Bestsellerlisten eine Liste mit „besten Büchern“ entgegenzusetzen, also Orientierung zu bieten und Qualität zu benennen, Relevanz zu schaffen. Sind Früchte dieser „Erziehungsarbeit“ zu erkennen …

Tobias Gohlis: … nennen wir es bescheidener „Verführungsversuche“…

Thomas Wörtche:  Nennen wir es noch bescheidener: Zarte Hinweise …

… bei den Verlagen (die sich vielleicht nun eher trauen, auf Qualität zu setzen, weil sie wissen, dass diese Versuche auch bemerkt werden). Ist die Krimilandschaft vielfältiger und bunter geworden, bietet sie unter dem Strich mehr Qualität?

Tobias Gohlis: Ich vermute, im Einzelfall schon. Qualität wird hauptsächlich archäologisch oder musealisch erschlossen. Das Werk großer Autoren wird abgerundet oder wiederveröffentlicht. Beispiele: Zsolnay mit den fulminanten letzten Büchern von Richard Stark, Pendragon mit den (schwächeren) Spenser-Romanen Robert P. Parkers, auch die TB-Erstausgaben der Turner-Trilogie von James Sallis bei Heyne nach dessen Erfolg mit „Driver“ im Hardcover bei Liebeskind. Oder die Neuausgabe der Romane von Ross Thomas und die Wiederveröffentlichung des Sidel-Quartets von Jerome Charyn bei Rotbuch gehören dazu. Hier wird, verdienstvoll, große Kriminalliteratur gepflegt.

Aber bunter? Vielfältiger? Mein Eindruck ist: gleich laut, gleich blöd. Beispiel: Der skandinavische Import-Markt wirkt wie Las Vegas in den frühen neunziger Jahren. Glitzer und schnelles Geld, allein in diesem Frühjahr werden uns mindestens vier Nachfolger von Stieg Larsson angepriesen, es können auch sechs oder sieben sein.
Und unverdrossen grüßt das Murmeltier des Regionalkrimis. Obwohl von den 11564 deutschen Gemeinden immerhin schon 7658 einen lokalen Krimi samt Ermittler und Haustieren als touristisches Highlight anbieten. Inzwischen hat der Regionalkrimi als Leseförderung pädagogische Rechtfertigung gefunden.

Thomas Wörtche: Das Krimi-Geschäft ist enorm angewachsen, deswegen sind im Windschatten ein paar Sachen möglich – wie zum Beispiel die ganzen Renaissancen: Ross Thomas, Richard Stark, Elmore Leonard, die vor zehn Jahren noch nicht so einfach waren … Der Massenausstoß ist abscheulich, bei vielen der kleinen, neu dazu (die üblichen Verdächtigen, siehe oben) gekommenen Verlagen herrscht viel Ahnungslosigkeit und mangelndes Know-how, wenn sie jetzt plötzlich den Krimi entdecken und auf einen Zug aufspringen, den sie nun nicht immer beherrschen und bedienen können …

Bei den großen Verlagen und deren Riesenproduktionen ist aus statistischen Gründen immer etwas Gutes dabei, ganz klar … Allerdings ist auch eine gewisse Mutlosigkeit festzustellen: Man reproduziert gerade in den großen Häusern immer wieder und wieder Erfolgsformeln von gewesenen Bestsellern; der Klonierungsfaktor ist sehr erheblich; das sind keine guten News für kühne Entwürfe und ungewöhnliche Konzepte … Die Agenten können ein Lied davon singen. Auch das Glattbügeln und Kaputtlektorieren von Texten ist ein gewisses Problem einer ziemlich ratlosen Verlagslandschaft …

… bei den Buchhändlern (gerade bei den nicht-spezialisierten), die sich nun vielleicht freuen, ihren Kunden Bestenlisten-geprüfte „gute Krimis“ anbieten zu können?

Tobias Gohlis: Leider bekomme ich zu wenig Rückmeldung, aber die, die ich von Buchhändlern bekomme, ist ausgesprochen positiv. Sie nutzen die KrimiZEIT-Bestenliste gezielt beim Einkauf und für Kundenempfehlungen. Es gibt, gerade in den noch persönlich geführten Buchhandlungen, einen Stamm von Kunden, die gezielt nach den Büchern auf der Bestenliste fragen.

Die Wirkung der KrimiZEIT-Bestenliste ist eher langfristig: Sie bildet im Netz ökonomischer Entscheidungen, großer und kleiner Verlage und Buchhandlungen, Literaturkritik und vielfältigen Leserinteressen einen eigenständigen Magnetpol für Orientierung und Qualität.

Thomas Wörtche: Buchhändler wollen Bücher verkaufen … wenn sie sehen, dass man auch gute Bücher gut verkaufen kann, verkaufen sie auch ohne zu zögern gute Bücher … Gilt auch für Verlage …

… bei den Lesern (die nun vielleicht die Möglichkeit haben, die austauschbare Standardware links liegen zu lassen)?

Thomas Wörtche: Es gibt extrem dankbare Listen-Abnehmer, die genau das wollen: eine qualitativ abgesicherte Auswahl aus dem monatlichen Neuerscheinungstsunami …

Aber möchte die Mehrzahl der Krimileser nicht gerade die möglichst barrierefreie und austauschbare Industrieware? Also bei Krimis vor allem Entspannung und das Bekannte, statt sich auf den vermeintlich „schwierigen“ Qualitätskriminalroman einzulassen? Und welche Schlüsse müssten daraus für die Bestenliste gezogen werden?

Tobias Gohlis: Ein Problem der KrimiZEIT-Bestenliste ist ihre Orientierung auf Aktualität insofern, als recht viele der von uns empfohlenen Krimis zunächst als relativ teure Hardcover publiziert werden, bevor sie zwei, drei Jahre später als Taschenbuch erscheinen. Die Verlage vermerken dann zwar: TB xy stand auf der KrimiZEIT-Bestenliste. Aber die Krimifans, die in hohem Maße Taschenbuchleser sind, kommen erst dann an den von uns empfohlenen guten Stoff.
Daraus folgert für uns bestenfalls, dass wir noch genauer nach den Perlen suchen müssen, die gerade von großen Publikumsverlagen als Taschenbuch-Erstausgabe publiziert werden, zum Beispiel, wenn ein Autor neu eingeführt werden soll.

Thomas Wörtche: Wir dürfen nicht vergessen, dass „Krimi“ zur Zeit the taste of the decade ist … Was in anderen Zeiten als ganz normaler Bestseller für den schnellen Lese-Spaß gilt, hat heute eine Krimi-Färbung; Nele Neuhaus ist Bestseller für die lesenden Hausfrauen beiderlei Geschlechts, aber keine Kriminalliteratur sui generis; gilt für viele dieser Schmöker (mit Frauen, Mittelalter, Kakerlaken, Schafen und Gurken) mit krimi-tinge … Und sollte nicht nervös machen, sondern als Chance gesehen werden, für allerlei qualitative Windfall-Profite …

In den letzten sechs Jahren haben sich die Möglichkeiten, über Literatur zu sprechen, vervielfältigt. Neben dem Print-Feuilleton gibt es immer mehr Online-Portale, auf denen ein Austausch stattfindet. Dort unterhalten sich nicht nur professionelle Kritiker, sondern auch Leser über Kriminalliteratur. Ist das ein Fluch oder ein Segen für die Krimikritik?

Tobias Gohlis: Jede Diskussion über Bücher, jeder kulturelle Austausch ist per se zu begrüßen. Krimi ist immer auch Fan-Literatur, und Fans formulieren Anforderungen, geben Geschmacksurteile ab, leider noch zu wenig scharfe. Das tut allen gut: den Autoren, den Verlagen, den „professionellen“ Kritikern.

Für die intellektuell anspruchsvolle und wirklich meinungsbildende kritische Diskussion sind die Online-Plattformen unverzichtbar. Denn zahlende Printmedien, Radio und Fernsehen, von deren Aufträgen die „Professionellen“ leben, wollen tendenziell immer weniger fundierte Literaturkritik und immer mehr weiche Formen: Porträts, Home-Stories, Interviews, Tipps. Das gilt für die Literaturkritik generell, besonders auch für den Krimi-Bereich. Eventisierung ist unser aller Fluch – und Schicksal?

Auch die KrimiZEIT-Bestenliste gibt ja letztlich nur Empfehlungen. Über die Qualitätsmaßstäbe dieses Positivkatalogs gibt es recht wenig Debatte, intern wie öffentlich.

Thomas Wörtche:  Leser unterhalten sich immer über Bücher, am Tresen, beim Kaffeeklatsch, heute im Internet, das dafür eine etwas breitere Struktur bereitstellt. Es gibt genug Foren, in denen man sich austauscht, gefällt mir, gefällt mir nicht, schönes Buch, kein schönes Buch. Das ist völlig okay so … Dass viele dieser Foren für Verlage die idealen Werbepartner sind, ist von deren Marketing-Abteilungen aus geguckt, auch völlig okay … Dass man mit der Vox Populi werben kann, senkt hochheiligkulturelle Hemmschwellen und ist dito okay …

Kritik macht was anderes:  Im günstigen Fall weiß Kritik aus Gründen der Profession mehr über Bücher, Autoren und Co; kann also besser einordnen, vergleichen, analysieren, transmedial verknüpfen … Also das, was das Geschmacksurteil in der Regel nicht so gut kann. „Kritik“ heißt dazu gerade nicht, den Daumen rauf oder runter über einzelne Bücher, sondern ist ein Kontinuum von verschiedenen Vorgängen – man macht auf Autoren aufmerksam, man erschließt neue Aufmerksamkeiten, man schließt an und man vernetzt, in Verlagen, Festivals, Literaturhäusern, Goetheinstituten, man kooperiert, ob mit den Katalanen oder den Isländern, mit Radio und TV, mit der Literaturwissenschaft, mit anderen Wissenschaften und Künsten etc. etc. … den reinen „Krimi-Kritiker“, der ohne Anschluss an die sonstige professionelle Welt nur Rezension auf Rezension rausballert, diesen Typus finden sie eher als Blogger. Da geben dann Leute, die ohne (oder nur mit marginalem) Anschluss an die o. a. Infrastrukturen sind, den „Insider“, sie spielen „Kritiker“ oder „Literaturwissenschaftler“.

Eine richtige, ernstzunehmende Blogger-Szene im Krimibereich gibt es bei uns derzeit nicht, aber wir können bei den Amis, den Brits, den Spaniern, den Franzosen etc. gucken – da zahlt sich der Globalisierungsfaktor des Netzes dann doch sehr aus und ist in der Tat ein Segen …

Hat sich innerhalb der Literaturkritik in Print-, Funk- oder Onlinemedien in den  letzten Jahren der Umgang mit Kriminalliteratur verändert? Schließlich beweist sie, dass es Monat für Monat einige Kriminalromane gibt, die literarisch, ästhetisch, erkenntnistheoretisch satisfaktionsfähig sind und auf Augenhöhe mit der Literatur-Literatur spielen. Wer sich informieren will, kann eigentlich nicht mehr wegsehen, viele tun es aber immer noch erstaunlich oft. Hat die Krimibestenliste also zu einer höheren Akzeptanz von Kriminalliteratur geführt?

Tobias Gohlis: Es werden mehr Krimis rezensiert, aber nicht unbedingt kritischer. In der Masse sind Krimi-Rezensionen briefmarkengroße Lesetipps, nur ganz selten einmal gibt es ausführliche, werkadäquate Kritiken. Dazu braucht man unter anderem kenntnisreiche Rezensenten. Der Stellenwert der Kriminalliteratur ist mit dem Marktanteil (ca. 30% des gesamten Belletristikumsatzes) gestiegen, allein schon aus Gründen der Anzeigenwerbung. Als relevante Literatur werden von der Kritik nur einzelne Bücher wahrgenommen, das ist aber auch richtig so – „der Krimi“ ist genauso wenig förderungswürdig wie „der Roman“.

Am wichtigsten und einflussreichsten ist die KrimiZEIT-Bestenliste wohl als Anreger für die Feuilletonredaktionen der Medien, die keine eigenen Krimi-Spezialisten haben.  Mein Eindruck ist, dass sich über die sechs Jahre die Krimi-Bestenliste in diesem Sinne als Leitmedium etabliert hat. Wenn sich ein Kulturredakteur fragt, welchen Krimi man besprechen lassen kann, greift er zu unserer Liste als Ratgeber. Entsprechend häufig werden Titel besprochen, die auf der KrimiZEIT-Bestenliste stehen. Das hat aber wenig an der Situation geändert, dass nach wie vor das bildungsbürgerlich orientierte Feuilleton, und das ist das hierzulande maßgebende, sich – sei es Unkenntnis, sei es aus Vorurteil oder schlicht aus Überlastung –  mehr oder minder weigert, Kriminalliteratur als mit der Kunstliteratur vergleichbar wichtig zu akzeptieren.

Das ist eine Aufgabe, die die KrimiZEIT-Bestenliste noch nicht gelöst hat. Sicher ist sie allein auch nicht dazu in der Lage. Mir scheint das Festhalten an einer bildungsbürgerlichen, im Grunde immer noch dem Salon des 19.Jahrhunderts verpflichteten Vorstellung von feuilletonistischer Diskussionskultur eine sehr defensive, aber verständliche Reaktion auf die Krisis zu sein, in der sich die Gutenberggalaxis befindet. Leider sehe ich nicht, wie ausgerechnet die Spezialisten der Krimi-Kritik daran etwas ändern könnten.

Thomas Wörtche: Quantitativ sicher, im Durchschnitt gesehen, qualitativ bedauerlicherweise nicht. Es wird unglaublich viel Unfug über Kriminalliteratur geschrieben.  Was sich ein paar Medien wie SPON, unser früherer Kooperationspartner DIE WELT, der FOCUS, auch die SÜDDEUTSCHE erlauben, ihrem Publikum teilweise an unsagbaren Texten anzubieten, ist schon ziemlich heftig. Sagt aber nur etwas über die Einschätzung und Wertschätzung des Genres in den Redaktionsstuben aus – Krimi, das kann man immer noch, als ob’s die Fifties wären, der Volontärin, dem Volontär überlassen … Aber, auch wahr: So wie sich der „Krimi-Betrieb“ aufführt, mit dem ganzen Regio-Schlotz, den ganzen Morden & Schlemmen-Veranstaltungen, die Überreichung großer Segmente von „Grimmi“ direkt ans Marketing und die Tourismus- und Einzelhandelswerbung, die banalen bis grusigen „Bestseller“-Texte – wer soll so was ernstnehmen?

Tobias Gohlis: Na ja, das was ernstzunehmen ist, führen wir ja schon vor. Das schlägt nur noch nicht so zu Buche, wie man es sich wünschen würde.

Die Jury scheint jeden Monat eine bestimmte Art von Spagat bewerkstelligen zu müssen: Auf der einen Seite sollen Entdeckungen gemacht und Überraschungen präsentiert werden, auf der anderen Seite sollen auch konsensfähige Mainstreamtitel und „big names“ vorkommen,  um die Bestenliste nicht zu einer reinen Insider-Sache werden zu lassen. Ist dies ein schmerzhafter Spreizschritt?

Tobias Gohlis: Nein, und zwar weil es dieses „Sollen“ nicht gibt. Wir finden, wir erfinden nicht. In der Praxis gibt es summa summarum nur gute Bücher. Das kann ein gutes Buch von Grisham oder Crichton sein oder von einem Newcomer.

Thomas Wörtche: Es gibt big names mit grandiosen Büchern und es gibt Newcomer oder „Geheimtipps“ – man kriegt nur Bauchweh, wenn zu viele gute Bücher auf einmal rauskommen … Schauen Sie sich unsere 75te Ausgabe an … und es sind noch grandiose Bücher übrig, die zur Zeit virulent sind und noch nicht auf der Liste … von Tony O’Neill bis Stuart MacBride …

Wenn im Print-Feuilleton und in anderen, „seriösen“ Medien ungern substanziell über Kriminalliteratur nachgedacht wird, gäbe es doch aufgrund der Kompetenz fast zwingend weitere Aufgaben für die Jury der Bestenliste: den Diskurs über Kriminalliteratur zu entfachen, Positionen sichtbar zu machen, Gespräche zu initiieren und den Lesern der Liste eine Möglichkeit zu bieten, anzudocken. Warum wird dies nicht stärker forciert?

Thomas Wörtche: Diskurse über Kriminalliteratur sind in diesem Land nicht sehr beliebt, obwohl …

Tobias Gohlis: Das müsste Gegenstand einer eigenen Gesprächsrunde sein. Ganz pragmatisch: Wenn es mehr Medien wie das CULTurMAG mit seinem Crimemag gäbe, die auch noch Geld für Honorare hätten, sähe die Welt besser aus. Gegenfrage: Warum treibt das CULTurMAG nicht den Holtzbrinck-Konzern vor sich her?

Thomas Wörtche: Tun wir im Grunde doch, denn so manches, was bei uns rezensiert, besprochen, erwähnt etc. wird, das taucht – man kann die Uhr danach stellen –, später irgendwo bei Holtzbrincks auf und wo anders as well …  Und manche Argumente, Themen und Komplexe kommen einem dann auch bekannt vor. Sehr lustig auch manche KollegInnen, die sich an Gegenurteilen zu uns regelrecht abarbeiten, ach was, ab-rackern … Also – noch ist Hoffnung …

Auch die Präsentation der Liste könnte ausgebaut werden. Es ist kein Archiv der vergangenen Bestenlisten vorhanden, auch der Materialapparat zu den einzelnen Büchern ist ausbaufähig – es wäre doch schön, wenn alle im Netz verfügbaren Rezensionen der Jurymitglieder zu den jeweiligen Romanen komplett abrufbar wären …

Tobias Gohlis: Ja. Ich leite das an die Geldgeber der KrimiZEIT-Bestenliste, an DIE ZEIT, an ARTE Deutschland und and das NordwestRadio weiter. Ansätze gibt es im Internet auf unserer Hausplattform www.arte.tv/krimiwelt .

Krimi ist ein Boom-Genre – da müsste doch eigentlich der gut geschriebene, intelligente Krimi eine glänzende Zukunft haben?

Thomas Wörtche: Hatte er immer, hat er, wird er haben …

Tobias Gohlis: Was boomt, sind nicht Intelligenz und literarische Qualität, sondern Umsatz und Auflagen. Und diese sind nicht von der Kritik, sondern von Verfilmungen abhängig.

Ganz generell: Welche aktuelle Entwicklung in der Kriminalliteratur ist besonders ärgerlich?

Tobias Gohlis: Regiokrimi und Klischee-Trash. Zu Letzterem gehört die Sorte von „Psychothriller“, die von Psychologie nichst versteht, aber einen Haufen absurder Horrorszenarien aufbaut.

Thomas Wörtche: Das ganze Rumgetüddele, wie gesagt, dieses Krimi-Boutique-Gequieke mit Nippes & Kitsch & Mördchen fürs Örtchen …

Und welche aktuelle Tendenz ist erfreulich?

Tobias Gohlis: Eine wachsende Zahl von guten Politthrillern, die die schwarze Seite anschaulich und strukturell durchschaubar machen, ohne die Politik nicht funktioniert. Sehr gute Abführmittel gegen Phrasen-Verstopfung und Idealismus-Überfressung.

Thomas Wörtche: Dass es eine ganze Menge Bücher gibt, die sich ins Handgemenge mit dieser Welt werfen …

Warum sind die nächsten 75 Ausgaben der Bestenliste wichtig?

Tobias Gohlis: Weil das Wahre, Hässliche und Böse sonst siegen würde und wir keinen Spaß mehr hätten.

Thomas Wörtche: … siehe dieses Interview …

Die aktuelle Ausgabe der KrimiZEIT-Bestenliste finden Sie hier, den arte-Blog von Tobias Gohlis hier und ein Buchmarkt-Gespräch hier.

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  • Ja, Thomas Wörtche hat recht: „Und in der „Satzung“ heißt es, übrigens wie beim DEUTSCHEN KRIMI PREIS auch (glaube ich), dass niemand für einen Titel stimmen darf, an dem er irgendwie beteiligt ist …“

    Beim Deutschen Krimi Preis heißt es – quasi als Selbstverpflichtung der Juroren: „Die Kritiker der Jury stimmen nicht für Titel, an deren Veröffentlichung sie aktiv beteiligt sind.“
    Reinhard Jahn / Bochumer Krimi Archiv