Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Bruno Arich-Gerz zum „Zirkel der Literaturfreunde“

Bettenwechsel

Zu Amir Hassan Cheheltans „Der Zirkel der Literaturfreunde„.

Bettenwechsel im Heinrich Böll-Haus in Langenbroich in der Eifel. Seit 1991 finden hier Künstler:innen und insbesondere Schriftsteller:innen einen Ort zum Schaffen oder Schreiben, die in ihren Heimaten geschnitten, totgeschwiegen, verfolgt oder mit dem Leben bedroht werden. 1974 beherbergte das Haus einen russischen Literaten von Weltrang; Heinrich Böll hatte dafür gesorgt, dass Alexander Solschenyzin nach seiner Ausbürgerung aus der UdSSR hier Unterkunft fand. Wer als nächstes einzieht, wird sich weisen. Bedrängte und gefährdete Künstler:innen gibt es leider immer noch mehr als genug.

Ausziehen wird dafür Amir Hassan Cheheltan, nach einem längeren Arbeitsaufenthalt und einer abschließenden Lesung in der Stadtbücherei Düren zusammen mit Fariba Vafi. Cheheltan ist ein Fall von Übersetzungsnotwendigkeit aus politischen Gründen. Als Iraner schreibt er auf Farsi, sein Publikum findet er jedoch nicht in und um Teheran – über das er 2018 die Trilogie ApokalypseRevolutionsstraße und Stadt ohne Himmel vorgelegt hat –, sondern in deutscher oder englischer Übertragung.

Vor zwei Jahren erschien محفل عاشقان ادب in deutscher Übersetzung als Der Zirkel der Literaturfreunde. Daraus trägt Cheheltan in Düren vor, der Text hatte den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen, Berlin, erhalten und war wohlwollend besprochen worden. Die Rezensionen meckerten wenn, dann an der Verlagsentscheidung herum, Cheheltans Buch das Label ‚Roman‘ aufzukleben. Der Zirkel der Literaturfreunde ist tatsächlich mehr als (nur) eine erfundene Geschichte in Prosaform.

Inhaltlich geht es um ein coming of age im Iran vor und nach der Ablösung des Schah-Regimes durch das der Mullahs nach 1979. Ein erzählendes Ich ohne Namen, das biografisch viel von Cheheltan hat, inspiriert und entzündet sich an Diskussionen in einem wöchentlichen Literatursalon, zu dem sein Vater im häuslichen Gästezimmer einlädt. Der junge Mann beginnt selber zu lesen und erzählt von den tiefen Eindrücken, die die Klassiker der persischen Literatur bei ihm hinterlassen. „Die meisten Sufis waren Päderasten“ und „man kann das elfte Jahrhundert christlicher Zeitrechnung ohne Übertreibung als Epoche homophiler iranischer Dichter bezeichnen“, hält der Junge beeindruckt fest. Den Alten ist das zu viel aufgewirbelter Staub auf den Podesten der Hafis, Rumi oder Saadi, den er in ihren Augen „zu einem Zotenschreiber“ herabwürdigt. Unbeirrt erzählt der Junge eine Episode nach der anderen aus den Werken der Großschriftsteller nach: wie die Stegreif-short-stories in Boccaccios Decamerone wirken die und Cheheltans Text wird an diesen Stellen zu einem Lesebuch.

Nacherzählung, Lesebuch.

Ein Roman im üblichen Sinn ist Der Zirkel der Literaturfreunde auch deswegen nicht, weil Chehaltan die Lektüreerfahrungen seines Alter Ego durch die Mühle der Literaturtheorie treibt. Die Kritik an dem Orientalismusgenannten Wissen über den Nahen Osten und seinen Kulturen, das ein wirkmächtiges und die imperialen kolonialen Projekte begleitendes europäisches Eigenfabrikat war, die Betonung offener Bedeutungs- und Sinnhorizonte des geschriebenen Worts oder der lange Nachhall von Literaten der Vergangenheit auf gegenwärtiges Lesen und Schreiben: Alles kommt zur Sprache. Cheheltans Erzähler hat nicht nur die Theorien des literarischen Textes rezipiert und entwickelt daraus seine höchst interessante und durchaus überraschende Philologie der persischen Literatur. Auch die Forscher, die über Hafis, Rumi, Saadi und andere geforscht haben, hat er gelesen und parat. Anderthalb Dutzend führt er namentlich an; bei so vielen Kronzeugen tritt zwangsläufig das literaturwissenschaftliche Traktat zum Lesebuch hinzu.

Forschungsbericht und literaturwissenschaftliche Studie.

Unter den Gelehrten findet sich Ahmad Kasravi. Dem geht zu weit, wie sich der Okzident Persien und seine Literatur ungestört zusammenkonstruiert hat, und wie „iranische Akademiker“ ihm folgen: „sie seien der westlichen Sichtweise aufgesessen“. Kasravis Sorge gilt einer Kolonialisierung der Auslegung von Literatur durch eurozentrische Ansätze und Schablonen: ein durchaus gerechtfertigtes Anliegen, das nicht zu verwechseln ist mit dem platten heimatliterarischen Protektionismus der Altvorderen des Lesekreises.

Wenn damit auch der junge Literaturliebhaber zu den von Kasravi Angezählten zählt, verschafft das der Riege der Alten einen blindes-Huhn-findet-Korn-Treffer: „Sobald ich großspurig die Ansichten westlicher Literaturtheoretiker in die Waagschale warf, rümpfte die Runde herablassend die Nase“. Cheheltans Alter Ego rückt in die ambivalente, undankbare Position des in der Fremde, von Fremden gelehrten Ausverkäufers der genuin iranischen Literaturtraditionen. Etwas bleibt kleben an ihm: der Vorwurf des Verrats der etablierten Lektüre an einen Okzident, der als Hegemonialherrscher der Hermeneutik auftritt.

Was und wen liest er von diesem klebrigen Zeug? Roland Barthes und Julia Kristeva, die Carte postale von Jacques Derrida, J. Hillis Miller und die Rezeptionsästhetiker der 1970er Jahre, die zwischen dem Lesehorizont aus der Zeit der klassischen Dichter und dem der Gegenwart unterscheiden: „zwischen heute und damals bestand ein echter Konflikt, den mein Vater und seine Freunde nicht wahrnahmen und über den sie nichts wussten. Dass sich während der Lektüre eines alten Texts dessen Entstehungszeit und die Gegenwart überlagern, stritt die Diskussionsrunde ab“.

Für sich nimmt der Erzähler einiges an von den Theorien, anderes nicht. Die Mehrdeutigkeit des sprachlichen Zeichens ist ihm wichtig: „Mein Vater und seine Freunde waren der Meinung, im Masnavi habe jedes Wort eine verborgene, aber endgültige und einzige Bedeutung. Die zu erschließen, sei Aufgabe der Leserschaft. Meiner Ansicht nach hatte jedes Wort mehr als eine Bedeutung“. Als Probe auf Exempel erschließt sich ihm damit der Subtext von gleichgeschlechtlicher Liebe; alles hängt ab von der Auslegung eines einzigen Fürworts: „Die Hinweise auf Homosexualität in der klassischen persischen Literatur blieben deshalb so gut wie unentdeckt, weil im Persischen für die dritte Person nur ein Pronomen verwendet wird“.

Irgendwo redet er einer longue durée des geschriebenen Gemeinten das Wort, einem Essentialismus im komponierten Stück Literatur, dessen Überzeugungskraft letztlich doch nicht von den sich ändernden Horizonten der Leser:innen abhängt. „Meiner Überzeugung nach bezieht ein Werk seine Glaubwürdigkeit nicht aus dem, was Leser ihm entnehmen, sondern allein aus seiner Struktur und seiner inneren Logik“. Das mag mit einigem Wohlwollen klingen wie eine Variation auf das poststrukturalistische Diktum vom n’y a pas de hors texte. Als willentlich komponiertes Werk bringt es zugleich die Instanz des Autoren (und der Autorin) zurück ins Spiel beziehungsweise wiederbelebt sie nach der Todesanzeige, die ihr Roland Barthes ausgestellt hatte, oder der Abkehr von ihr im intertextuellen Ansatz Julia Kristevas.

Mit diesen Übernahmen und Abweisungen, die Abweichungen sind von der westlichen Literaturtheorie, wie sie zur Zeit der islamischen Revolution im Iran in Blüte stand, gewinnt das erzählende Alter Ego in Cheheltans Buch eine, seine Kontur. Er ist nicht nur Herausforderer einer Lektüretradition, mit ungeklärtem Status als einerseits querelenbewährter Moderner, andererseits Undercover-Agent im Auftrag eines (neo)kolonialen Literaturokzidents. Er ist auch ein Genießer der offenen Bedeutung, der die Mehrdeutigkeitsspender – die Autor:innen – nicht verabschiedet.

Und wenn diese Nichtverabschiedung von Cheheltan unterschrieben ist, weil sein ‚Roman’ auch ein Selbstzeugnis ist, haben wir es mit einem, seinem schriftstellerischen Programm zu tun. 

Autobiografie und Poetik.

Den ‚Tod des Autoren‘ macht Amir Hassan Cheheltan nicht mit. Auch das ist ein Bettenwechsel. Statt sie einzusargen, stehen die persischen Klassiker an der Wiege seines eigenen Schaffens.

Bruno Arich-Gerz

Amir Hassan Cheheltan: Der Zirkel der Literaturfreunde übersetzt von Jutta Himmelreich. C.H. Beck, München 2020. Hardcover, 252 Seiten, 23 Euro.

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