Posted On 17. Mai 2016 By In Crimemag, Interview With 1680 Views

Bloody Questions: Robert Wilson (1)

Robert Wilson

The Crime Questionnaire (Vol. 15): Robert Wilson

von Marcus Müntefering

Mit dem Sevilla-Quartett schrieb der britische Schriftsteller Robert Wilson, Jahrgang 1957, zwischen 2003 und 2009 einige der aufregendsten Spannungsromane der vergangenen Jahre. Die „New York Times“ nannte ihn „einen der besten Thrillerautoren der Welt“ und verglich ihn mit John le Carré und Martin Cruz Smith. Mit „Stirb für mich“ startete Wilson 2013 eine neue Reihe, in deren Mittelpunkt der Entführungsexperte Charles Boxer steht. Ein Mann, der den Ruf hat, ein guter Mensch zu sein, der aber, wenn nötig, auch zu extremen Mitteln greift. Boxer einen Killer (mit Herz) zu nennen, würde aber viel zu kurz greifen. Robert Wilson hat eine vielschichtige Figur geschaffen, nicht jemanden, der einfach nur auf Knopfdruck tötet wie James Bond.

Im dritten Band der Serie, „Die Stunde der Entführer“ (im Original schön flapsig „Stealing People“), der am 24. Mai bei Goldmann erscheint (480 Seiten, 16,99 Euro) wird Boxer in einen spektakulären Entführungsfall verwickelt: In London werden innerhalb weniger Stunden sechs Kinder von Superreichen aus aller Welt gekidnappt. Während Boxers Exfrau, die Polizistin Mercy, direkt an den Ermittlungen beteiligt ist, hat er zunächst einen anderen Auftrag: Er soll einen verschwundenen Millionär finden, der sich als ehemaliger CIA-Agent entpuppt und mit den Entführungen in Verbindung stehen könnte. Nichts an dieser Geschichte entwickelt sich, wie es die Beteiligten erwarten – und Boxer weiß bald nicht mehr, auf welcher Seite er steht.

Die Stunde der Entfuehrer von Robert WilsonMeisterhaft versteht es Wilson, einen hoch spannenden Plot zu zelebrieren und eine Vielzahl von aktuellen Themen zu darin verweben, darunter die ungerechte Umverteilung des Reichtums, die unheimliche Macht der CIA, vor allem nach dem 11. September, und die moralische Frage danach, wie weit man gehen darf, um das Richtige zu tun (und ob es dann nicht das Falsche wird).

Robert Wilson hat den Krimi-Fragebogen in aller Ausführlichkeit beantwortet und erzählt zahllose spannende, aber auch bestürzende Details aus seinem (Arbeits-)Leben. Deshalb erscheint diese Ausgabe der Bloody Questions in zwei Teilen. Also: Viel Spaß und – Fortsetzung folgt…

1. Haben Sie je darüber nachgedacht ein Verbrechen zu begehen oder gar schon mal eines begangen?

Ich habe niemals ein Verbrechen begangen. Ich wurde mit extreme hohen ethischen Standards erzogen, die sich mir so sehr eingeprägt haben, dass sie wahrscheinlich Teil meiner DNS geworden sind. Das einzige Mal, dass diese Standards auf dem Prüfstand standen, war, als ich in Afrika gearbeitet habe, in Cotonou, Benin. Um Weihnachten herum wartete eine Ladung Sheanüsse darauf, auf ein Schiff verladen zu werden. Ich wusste, dass vier große Schiffe mit vollen Ladungen Reis erwartet wurden. Die Reissäcke würden dann illegal über Land nach Nigeria gebracht warden, wo es ein Embargo gegen Reis-Importe gab. Ich wusste auch, dass ich den directeur du port bestechen müsste, damit das Liegegeld nicht so hoch sein würde. Mein Zwischenhändler, der auf den wunderbaren Namen Appolinaire hörte, erklärte mir, dass es in dieser Jahreszeit Tradition hätte, dass Menschen, die einen Job hatten, ihren Vorgesetzten Bestechungsgelder zahlten, um auch im neuen Jahr in Lohn und Brot zu sein. Die Verhandlungen entwickelten sich gut, aber ich war nicht gerade stolz auf mich. Am 1. Januar sah ich dann all die Menschen mit weißen Umschlägen in der Hand ihre Vorgesetzten aufsuchen. So funktioniert Korruption, von oben nach unten.

2. Wer ist der schlimmste Schurke (oder der beste Bösewicht) der Literaturgeschichte?

Kommt ganz darauf an, was man von einem Bösewicht erwartet. Kinder etwa lassen sich gern erschrecken, wollen aber auch Gefallen finden am Bösewicht, und diese Erwartung haben die meisten Menschen auch noch als Erwachsene. Nehmen wir Hannibal Lecter. In seinem ersten Auftritt in Michael Manns „Blutmond“, wurde er von Brian Cox gespielt, der so furchterregend war, dass man absolut nichts mit ihm zu tun haben wollte. Anthony Hopkins in Jonathan Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ spielte Lector als flamboyanten Schurken: furchterregend, aber zugänglich, grausam, aber mit Sinn für Humor. „Blutmond“ hat 8,6 Millionen Dollar eingespielt, „Das Schweigen der Lämmer“ 273 Millionen. Soweit also die vorherrschende Meinung. Wer nach einem Schurken sucht, der uns das wahrhaft Böse erfahren lässt, der sollte Lou Ford kennenlernen, aus Jim Thompsons Roman „Der Mörder in mir“. Einen noch komplexeren, sehr faszinierenden Schurken gibt Richter Holden in Corman McCarthys „Die Abendröte im Westen“ ab.

3. Erinnern Sie sich an Ihren ersten literarischen Mord?

Es war ein Dreifachmord, in meinem Romandebüt “Instruments of Darkness” (bislang nicht übersetzt, d. Red.). Das Trio wurde am Rande einer Demo für mehr Demokratie in Togo von Sicherheitsleuten erschossen. Mein Held Bruce Medway kommt den dunklen Machenschaften auf die Spur – der gesamte Roman dreht sich um finstere Mächte, die im Geheimen agieren. Ein etwas aufregender Mord geschieht später im Roman – Bruce kämpft in einem Lagerhaus für Badzubehör mit einem Angreifer und “krönt” ihn mit einer Toilette.

4. Die Beatles-oder-Stones-Frage: Chandler oder Hammett?

Eindeutig Chandler. Ich habe ihn erst spät entdeckt, und er war einer der Gründe dafür, dass ich angefangen habe, Kriminalromane zu schreiben. Besonders liebe ich ihn dafür, dass es ihm vor allem anderen um guten Stil ging. Seine Plots, oft löchrig und wacklig, bildeten nur den Rahmen für seinen großartigen Humor und seine Einsichten in die menschliche Existenz.

5. Haben Sie schon mal einen Toten gesehen? Wenn ja, wie hat dies Ihr Leben verändert?

Ja, mehrmals. Mein Nachbar in Portugal starb an Krebs, und ich habe ihn kurz nach seinem Tod noch einmal gesehen; sein Kiefer war verbunden, sein Teint wächsern. Einige Jahre später besuchte ich die Totenwache eines Bekannten und sah eine seltsame unbeseelte Version von ihm im Sarg liegen. Und schließlich saß ich am Bett meiner Frau, die 2013 an Leukämie starb, und ich hatte das seltsame Gefühl, dass jemand grade den Raum verlässt. Bis zu diesem Moment, auch wenn sie schwer krank und sediert war, war sie ohne jeden Zweifel die Frau, die ich kannte und liebte. Dann war sie verschwunden. Die Krankenschwester sagte: “Bleiben Sie so lange, wie Sie wollen.” Aber mir war klar, dass das, was ich so verzweifelt brauchte, bereits fort war. Es hat mich nicht dazu gebracht, an Gott zu glauben, aber es gab mir die Gewissheit, dass es irgendeine Art von spiritueller Existenz gibt. Ich glaube nicht, dass ich mich mit diesem Gedanken nur trösten wollte. Die Wissenschaft hat uns gelehrt, dass die Dinge sich nicht einfach in Luft auflösen. Sie verändern sich, hören aber nicht auf zu existieren. Etwas hat den Körper meiner Frau verlassen, etwas Entscheidendes, das Jane ausmachte. Aber wohin ist es verschwunden?

6. Wurden Sie jemals Zeuge eines Verbrechens?

Ja, als ich mit einem Freund in der Londoner Marylebone High Street unterwegs war. Wir kamen gerade aus einem Shop, als wir zwei Männer sahen, die sich in einen Hauseingang warfen. Dann entdeckten wir einen Sicherheitstransporter vor Barclays Bank an der Straßenecke. Zwei mit Pistolen bewaffnete Männer attackierten die Sicherheitsleute, schnappten sich einen Sack voll Geld und flüchteten in eine Seitenstraße. Ein Schuss fiel. Die beiden Männer aus dem Hauseingang wagten sich wieder heraus, sie waren bewaffnet, Undercover-Polizisten. Wir gingen langsam in Richtung der Seitenstraße, während die Polizisten laute Warnrufe ausstießen. Ein Passant auf einem Moped entdeckte die beiden Räuber, die inzwischen im Fluchtauto saßen, und nahm die Verfolgung auf. Sie schossen auf ihn. Er kam ins Schleudern, blieb ihnen aber auf den Fersen. Später haben wir in den Nachrichten gehört, dass sie geschnappt wurden.

7. Gibt es irgendjemanden auf der Welt, dem Sie den Tod wünschen?

Ich bin sicher, dass viele Leute diese Frage mit einem Ja beantworten und vor allem Politikern, die sie enttäuscht haben, den Tod wünschen. Politische und religiöse Überzeugungen haben die Eigenschaft, Menschen zu Extremisten zu machen. Ich glaube nicht, dass ich dafür anfällig bin. Ich verabscheue Donald Trump, der an nichts glaubt außer an Geld und sein Ego und der bereit ist, andere zu Hass und Gewalt anzustiften, um selbst an die Macht zu kommen – aber ich will nicht seinen Tod. Er ist das Produkt eines Teils der Gesellschaft, der keine Werte mehr hat und nicht mehr zwischen der Realität und Reality TV unterscheiden kann.

Komplizierter wird es, Ihre Frage zu beantworten, wenn man über religiöse Extremisten nachdenkt, die ihre Anhänger dazu ermutigen, auf Selbstmordmissionen zu gehen, bei denen Unschuldige wahllos ermordet werden. Ein Problem dabei ist, dass diese Menschen kein Gesicht haben. Wer sind sie und wo stecken sie? Wie soll man den Tod von Unbekannten wollen?

Robert Wilson: Die Stunde der Entführer“ (Stealing People). Aus dem Englischen von Kristian Lutze. Goldmann Verlag, München 2016. 480 Seiten, 16,99 Euro.

Die bisherigen „Bloody Questions“ von Marcus Münterfering sind auf seinem Blog „Krimi-Welt“ zu finden.
Geantwortet haben bisher:
Simone Buchholz (14)
Lawrence Block (13)

Karin Slaughter (12)
Val McDermid (11)
Joe R. Lansdale (10)
Bill Moody (9)
Wallace Stroby (8)
Robert Brack (7)
Lauren Beukes (6, Teil 1 und Teil 2)
Richard Lange (5)
Zoë Beck (4)
Sam Millar (3)
Declan Burke (2)
James Lee Burke (1)

 

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