Posted On 4. Oktober 2015 By In Crimemag, Kolumne, News, Porträts / Interviews With 2570 Views

Bloody Questions – Bill Moody

Bloody Questions – The Crime Questionnaire (Vol. 9)
von Marcus Müntefering, beantwortet von Bill Moody

Ab sofort exklusiv als Vorabveröffentlichung bei CrimeMag die von Prousts legendärem Fragebogen inspirierten “Bloody Questions – The Crime Questionnaire”, mit denen Marcus Müntefering ausgesuchten Kriminalautorinnen und -autoren so manche erhellende Auskunft entlockt.  Die Reihe begann mit James Lee Burke, heute ist als Nummer 9 nun Bill Moody dran (ganz unten gibt es Links zu den bisher erschienenen Fragebögen auf MMs Blog Krimi-Welt). Nebenan, von seiner Kolumne „In a Mellotone“ her, winkt dem hier Gegrillten sein alter Jazz-Freund John Harvey zu, dessen Slow Dancer Press einst den ersten Moody-Roman auf den britischen Markt brachte – „Solo Hand“.

Cover_Der_Spion_der_Jazz_spielteEinen Spionageroman alter Schule hat Bill Moody mit „Der Spion, der Jazz spielte“ (Polar Verlag) geschrieben. Erzählt wird die Geschichte eines Jazz-Drummers, der gegen seinen Willen in die Ereignisse hereingezogen wird, die im August 1968 zur Beendigung des so genannten Prager Frühlings führten.

Die Handlung entspinnt sich zunächst etwas gemächlich und vorhersehbar: Der Musiker Gene Williams, der zum Prague Jazz Festival eingeladen wurde, wird von der CIA unter Druck gesetzt, um einen scheinbar harmlosen Auftrag zu erledigen. Natürlich kommt alles ganz anders: Williams’ Kontaktmann in Prag wird ermordet, der politisch bislang desinteressierte Jazzer muss eine eigene Haltung zum zunehmend dramatischen Geschehen entwickeln – und der schönen Tochter des Ermordeten beiseite stehen.

Auch wenn der Roman in mancher Hinsicht konventionell wirkt, hat er doch auch einiges Besonderes. Moody wechselt häufig die Perspektive: Zwar werden große Teile der Story aus der Sicht von Williams erzählt, aber wir bekommen auch ganz andere Einblicke, Snapshots aus einem Lager, wo sowjetische Truppen seit Monaten darauf warten, endlich loszuschlagen, aus der CIA-Zentrale, wo man Druck auf die Prager Sektion macht, aus der Amtsstube von Alexander Dubček, dem Politiker, der für ein paar Monate Hoffnung in der Tschechoslowakei verbreitete – selbst einen Blick in den Kreml riskiert Moody, wo das Politbüro unter der Führung von Breschnew in einer Krisensitzung den geplanten Einmarsch diskutiert.

moody_auf der suche nahc chet bakerFast so spannend wie der Roman selbst ist seine Genese. Denn, wie Alf Mayer in seinem Nachwort aufklärt, war Bill Moody, Jahrgang 1941, selbst im Sommer 1968 in Prag, wo er wie sein Held zum Jazzfestival eingeladen war. In den Achtzigerjahren hat Moody seine Erlebnisse als Grundlage für den vorliegenden Roman genommen, der dann aber aufgrund abenteuerlicher Verwicklungen erst 2012 auf den Markt kommen sollte.

Moodys Spionageroman mag nicht so geschmeidig sein wie seine Jazzkrimis um den Pianisten Evan Horne (u.a. „Auf der Suche nach Chet Baker“, Bird lives!“, „Moulin Rouge, Las Vegas“ und „Solo Hand“, ), aber durch die Vermischung realer Ereignisse mit einer ständig das Tempo steigernden fiktiven Story entwickelt „Der Spion, der Jazz spielte“ seinen ganz eigenen Reiz.

Bill Moody ist der neunte Krimiautor, der die „Bloody Questions“ von Marcus Müntefering beantwortet. Bisher erschien der Fragebogen auf seinem Blog Krimi-Welt. Zu den Autorinnen und Autoren, die ihn ausgefüllt haben, gehören James Lee Burke, Zoë Beck, Richard Lange, Lauren Beukes und Wallace Stroby.

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  • Haben Sie jemals ein Verbrechen begangen – oder darüber nachgedacht, eines zu begehen?
    Ja, vor allem, als ich noch unterrichtet habe. Hochschulpolitik kann ziemlich brutal sein.
  • Wer ist der schlimmste Schurke der Literaturgeschichte?
    Für mich wäre das wohl der Serienkiller Ted Bundy.
  • Erinnern Sie sich daran, wer die erste Figur war, die Sie literarisch ermordet haben?
    Ja, das war in „Solo Hand“, eine zunächst unbedeutende Figur, die ich dann aber sehr schätzen lernte. Ich hasste es, sie zu töten, aber es war wichtig für die Geschichte.
  • Die Beatles-oder-Stones-Frage: Hammett oder Chandler?
    „Der Malteser Falke“ habe ich geliebt, aber Chandlers Umgang mit Sprache beeindruckt mich bis heute.
  • Haben Sie schon einmal einen Toten oder Sterbenden gesehen? Und falls ja: Wie hat das Ihr Leben verändert?
    Habe ich, aber ich kannte den Menschen nicht, und so hat es keinen weiteren Eindruck hinterlassen.
  • Sind Sie jemals Zeuge oder Opfer eines Verbrechens geworden?
    Nichts wirklich Gravierendes. Aber ich war Zeuge eines Raubs in der New Yorker U-Bahn. Einem Musikstudenten wurde die Geige gestohlen.
  • Gibt es jemanden, dem Sie den Tod wünschen oder gewünscht haben?
    Eine heikle Frage. Ich wünsche niemandem den Tod, aber es gibt Menschen, von denen würde ich mir wünschen, sie nicht mehr zu sehen.
  • Welche Jobs hatten Sie, bevor Sie vom Schreiben leben konnten?
    Musiker und Collegelehrer.
  • Wären Sie nicht Schriftsteller – was würden Sie stattdessen tun (wollen)?
    Filmemacher.
  • Hören Sie beim Schreiben Musik? Und falls ja: welche?
    Ich höre viel Piano-Jazz. Solokünstler oder Trios.
  • Schreiben Sie lieber tagsüber oder nachts? Zu Hause am Schreibtisch oder wo immer Sie gerade sind?
    Meistens schreibe ich tagsüber zu Hause, aber manchmal schnappe ich mir meinen Laptop und gehe in den Park oder an den Strand.
  • Was machen Sie, wenn Sie nichts Vernünftiges zu Papier bringen?
    Da kann man nicht viel tun. Nur hoffen, dass es morgen besser läuft.
  • Was passiert nach dem Tod? Und was sollte nach dem Tod passieren?
    Ich bin nicht religiös, also: keine Ahnung. Es wäre schön, wenn es etwas Nettes wäre, aber man weiß es einfach nicht.
  • Verbrechen und Bestrafung: Was halten Sie vom Prinzip Auge-um-Auge/von der Todesstrafe?
    Es gibt Fälle, wo die Todesstrafe gerechtfertigt erscheint, aber im Prinzip bin ich dagegen.
  • Ihr Kommentar zu dem Bert-Brecht-Zitat „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank“…
    Keine Ahnung.
  • Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?
    Er hat sein Bestes gegeben!

Bill Moody: Der Spion, der Jazz spielte (Czech Mate). Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Becker. Polar Verlag, Hamburg 2015. 288 seiten, 14,90 Euro. Verlagsangaben zum Buch hier, zu den Bill-Moody-Bücher in der von Thomas Wörtche herausgegebenen Reihe Metro im Unionsverlag hier und hier.

Hier die bisher auf Krimi-Welt, dem Blog von Marcus Müntefering, erschienenen “Bloody Questions – The Crime Questionnaire”:

Wallace Stroby (8)

Lauren Beukes (7, Teil 1) und

Lauren Beukes (6, Teil 2)

Richard Lange (5)

Zoë Beck (4)

Sam Millar (3)

Declan Burke (2)

James Lee Burke (1)

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