Geschrieben am 1. Oktober 2021 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2021

Bloody Chops Oktober 2021

Kurzbesprechungen von fiction – Joachim Feldmann (JF), Günther Grosser (GG), Alf Mayer (AM) und Thomas Wörtche (TW) über:


Franck Bouysse: Rauer Himmel
Hannelore Cayre: Reichtum verpflichtet
Ben Creed: Der kalte Glanz der Neva
Garry Disher: Moder
Christoph Gasser: Wenn die Schatten sterben
Kyle Perry: Die Stille des Bösen
Mercedes Rosende: Der Ursula-Effekt
Ross Thomas: Keine weiteren Fragen

„Reichtum verpflichtet“, findet Blanche. Aber wie komm ich dazu an die Kohle?

(TW) Es scheint, dass Hannelore Cayre ihre Masche gefunden hat: Frauen, mit denen es das Leben nicht allzu gut gemeint hat, entwickeln intelligente und gerne auch kriminelle Kreativität, um ihre Welt ein bisschen gerechter zurechtzuruckeln. Manche Romane von Liza Cody ticken nach diesem Muster, die „Ursula Trilogie“ von Mercedes Rosende auch. Und natürlich Cayres Vorläufer-Buch, „Die Alte“. Das ist alles sehr sympathisch und politisch korrekt, und wer wollte solch feministische Konsensliteratur nicht gut finden?

Diesmal also Blanche de Rigny. Sie ist gehbehindert und arbeitet unauffällig in einer Behörde, die ihr tiefe Einblicke in Bürgerdaten gewährt. So kann sie rekonstruieren, dass sie vermutlich am Ende einer Verwandschaftskette steht, die ein unfassbar großes Vermögen als Erbe verspricht. Vorausgesetzt, die Erbfolge beschleunigt sich ein wenig.  Das ist die Jetztzeit des Romans. Die Vorgeschichte, die Blanche auf verwickelten Umwegen zur Erbin macht, beginnt 1870, als die Krisengewinnler-Familie de Rigny einen Ersatzmann sucht, der – gegen Geld und dem Usus der Zeit gemäß – für den etwas lappigen Junior des Hauses in den Krieg gegen die Preußen zieht. Die Klassenverhältnisse des 19. Jahrhunderts, so will uns der Roman sagen, schaffen die Voraussetzungen für das neoliberale 21. Jahrhundert. Deswegen ist Reichtum verpflichtet, neben seinen heiter-unterhaltenden Qualitäten, auch ein Aufruf, die einschlägigen Autoren von damals wieder zu lesen: Zola, Balzac, Mirbeau. Volle Zustimmung.

Hannelore Cayre: Reichtum verpflichtet (Richesse oblige, 2020). Aus dem Französischen von Iris Konopik. Ariadne/Argument Verlag, Hamburg 2021. 256 Seiten, 20 Euro.

Außerhalb des Gesetzes

(JF) „To live outside the law, you must be honest”, behauptete einst Bob Dylan mit dem ihm eigenen Hang zum Paradoxon in seinem Song “Absolutely Sweet Mary”. Aber nimmt man Garry Dishers Romane um den gewerblichen Gesetzesbrecher Wyatt ernst, zahlt es sich ein gewisses Maß an Loyalität und Ehrlichkeit tatsächlich aus, wenn man seine Existenz auf kriminelle Art und Weise bestreiten möchte.

Während die meisten anderen Schurken in Dishers neuem Wyatt-Abenteuer Moder ihre Gier mit dem Leben bezahlen, entkommt der umsichtige Verwandlungskünstler dem verwickelten Plot um Investmentbetrug und familiäre Fallstricke mit zwar schmerzhaften, aber eben nicht tödlichen Blessuren. Selbst der hartnäckige Polizeiveteran Muecke, vom Autor mit spürbaren Sympathie gezeichnet, beißt sich an Wyatt die Zähne aus. Dieser Mann ist nicht zu fassen, und das ist gut so. Denn Garry Disher pflegt mit seiner Romanreihe nicht nur das Andenken des von Richard Stark (aka Donald E. Westlake) erfundenen legendären Gangsters Parker, sondern schildert auch detailliert die täglichen Mühen des ungesetzlichen Gelderwerbs. Man darf sie deshalb getrost als moralische Erzählungen betrachten.

Garry Disher: Moder (Kill Shot, 2018). Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2021. 300 Seiten, 14,80 Euro.

Wahrhaft großes Kino

(GG) Die füllige Ursula nietet den ganzkörpertätowierten El Roto bei einem missglückten Überfall auf einen Geldtransporter um und überlässt dem feigen German das Geld zur Aufbewahrung. Eingefädelt hatten die Sache jedoch der skrupellose Anwalt Antinucci und sein Partner, Kriminalinspektor Clemen, die jetzt natürlich hinter den beiden her sind.  „Irgendwo in Ursulas Hinterkopf sind Paris-Reisen, Abmagerungskliniken und ein sonniger Palmenstrand.“ Das lässt sie über sich hinauswachsen in Mercedes Rosendes drittem Montevideo-Krimi um eben jene Ursula, die zwar „viel zu viele Kilo auf dem Leib hat“, aber ordentlich in Schwung kommen kann, wenn es um diese Träume und um ihre Schwester Luz geht. Zuerst muss sie nun ihren Anteil von German holen, der zitternd ganz hinten in einer Ecke seiner Wohnung sitzt, dann die Angriffe des schleimigen Antinucci mit seiner masochistischen Gläubigkeit abwehren, sich im Anschluss die aufgeweckte Detektivin Jack und die diensteifrige Polizistin Leonilda – aus ihnen wird ein glückliches Paar werden – vom fetten Leib halten und schließlich Luz aus den Fängen Antinuccis befreien. Letzter Ausweg beim Showdown in Montevideos größtem Einkaufszentrum: der enge, alte Tupamaros-Tunnel…

Bitterböse beißend und knochentief ironisch rupft Mercedes Rosende aus Uruguay in Der Ursula-Effekt allen die Charaktermasken von den schlecht geschminkten Gesichtern und enthüllt Gier, Feigheit, Rachsucht und was sie sonst noch alles umtreibt an unangenehmen Lebenseinstellungen. Dafür greift sie rücksichtslos in die Kiste mit den literarischen Tricks: kurz eingestreute Ich-Erzählung, schnelle Rückblende, Leseransprache, falsche Fährten, groteske Überzeichnung, Aussprache mit den Toten, schamhaftes Ausblenden. Rosende, 63, beherrscht alles und jongliert souverän drei, vier Erzählstränge gleichzeitig in diesem schillernden Kabinettstückchen. 

Das ist wahrhaft großes Kino, man dürfte es bei einer Verfilmung dann bloß nicht zu weit ins Schenkelklopfende treiben; daher müsste man, sollte eine solche in Erwägung gezogen werden, zum Beispiel bei Pedro Almodóvar anklopfen, der in diesem Fall allerdings Penélope Cruz leider nur die Nebenrolle der eleganten Schwester geben könnte. Ursula? Kirsten Dunst. Die wäre sicher erstmal sauer über die Anfrage wegen der Kilos, würde nach der Lektüre jedoch widerstandslos drauffuttern.

Mercedes Rosende: Der Ursula-Effekt. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Unions-Verlag, Zürich 2021. 288 Seiten, 18 Euro.

Mistgabel, Strick und Schrotflinte – das harte Leben des Gustave Targot

(TW) Das Leben ist nicht leicht für Gustave Targot. Bauer mit kleinem Hof in Zeiten der industrialisierten Landwirtschaft, von ungünstigem Äußeren. Die Familie alles andere als ideal: Der Großvater wurde vom Stier zerdrückt. Der Vater hat die Mutter regelmäßig vergewaltigt, sie hat ihn mit der Mistgabel erstochen, und sich später in der Scheune aufgehängt, wobei Gustave beifällig zugeschaut hat, wie er es schon beim Tod seines Vaters getan hatte.  Auch die Gegend, in der Franck Bouysses Roman Rauer Himmel spielt, stimmt nicht sehr optimistisch: Irgendwo in den Cevennen, wo die Landschaft karg und das Klima rau ist.  Die meist aus Grobianen bestehende Bevölkerung ist nicht reich, auch im Jahr 2006 nicht, in dem die Handlung spielt, und selbst der Schnaps der Region schmeckt wie „fermentierter Rinderurin“.  

Gustave werkelt möglichst unauffällig vor sich hin, eine Art soziale Beziehung unterhält er nur zu seinem wesentlich älteren Nachbarn Abel, der, so scheint es, ein ähnlich reduziertes Leben führt. Darunter lauern die notorisch schmutzigen Geheimnisse, die Gewalt und Tod bergen.  „Rauer Himmel“ ist eher kein Kriminalroman, kein „Country Noir“, sondern eher eine grimmige Dorfgeschichte, ein harter Heimatroman in naturalistischer Absicht.  Ein scharfkantiges Sittenbild aus der französischen Provinz, wie sie der beliebte Frankreich-Urlaubskrimi aus deutscher Produktion niemals auch nur erahnen kann. Und dennoch für Franck Bouysse autobiographisch, ein „Lob des Herkommens“ (Gottfried Keller).

Franck Bouysse: Rauer Himmel (Grossier le ciel, 2014). Aus dem Französischen von Christiane Kayser. Polar Verlag, Stuttgart 2021. 191 Seiten, 22 Euro.

Ein Fall für Cary Grant

(AM) Es ist anzunehmen, dass Eric Ambler die Romane von Ross Thomas (1926 – 1995) kannte. „Das einzig Interessante in der Post an diesem Morgen war der Räumungsbescheid für meine Mietwohnung“, lautet der erste Satz von Keine weiteren Fragen, unter dem Pseudonym Oliver Bleek 1976 veröffentlicht, bei Ullstein gekürzt als „Schreie im Regen“ erschienen und jetzt in neuer Übersetzung das erste Mal vollständig auf Deutsch vorliegend, der verdienstvollen Werkausgabe im Berliner Alexander Verlag zum Dank. „Der Brief mit der Warnung traf am Montag ein, die Bombe selber am Mittwoch. Es wurde eine betriebsame Woche“, variierte Eric Ambler dann 1981 für seinen Roman „Mit der Zeit“ (The Care of Time). Meister unter sich dürfen das, Augenzwinkern inklusive.

In der fünf Bücher umfassenden Philip-St. Ives-Reihe sind bereits „Der Messingdeal“ und „Protokoll für eine Entführung“ in neuer Ausgabe erschienen, two more to go. Vier insgesamt. Wir sind jetzt bei Band 21 der Ross-Thomas-Edition. Philip St. Ives, ein pokernder Dandy in chronischer Geldnot, ist ein professioneller Mittelsmann, ein „Go-Between“ für knifflige Fälle. Dieses Mal ist der McGuffin eine aus der Washingtoner Kongressbibliothek verschwundene Erstausgabe von Plinius’ „Naturalis Historia“. Die Diebe verlangen 250 000 Dollar, doch irgendjemand spielt ein falsches Spiel. Der Roman bietet eine der besten Beschreibungen eines vom Alkohol zerstörten Lebens, und wie oft bei Ross Thomas gibt es eine Hauptfigur, die der Cary Grant von 1945 bestens verkörpern könnte: weltläufig und witzig, stets gut gekleidet und erfahren auf jedem Parkett, aber Anti-Establishment, leicht anarchisch, ein Genießer nicht nur guter Drinks und all den Manipulatoren und Tricksern, die einen Ross Thomas-Roman bevölkern, stets fünf Schritte voraus. Noch Fragen? 

Ross Thomas: Keine weiteren Fragen. Ein Philip-St. Ives-Fall (No Questions Asked, 1976; gekürzt 1976 als Schreie im Regen bei Ullstein). Aus dem Amerikanischen von Henner Löffler und Gisbert Haefs. Alexander Verlag, Berlin 2021. 248 Seiten, Broschur, 16 Euro.

Nicht von der Stange

(JF) Die fünf Leichen, zwischen Bahngleisen abgelegt und auf grauenhafte Weise so hergerichtet, dass sie an musikalische Noten erinnern, lassen keinen Zweifel zu: Hier war ein Mörder am Werk, der sein Tun als schöne Kunst betrachtet wissen will. Und als kongenialer Interpret kommt nur ein Ermittler in Frage, der selbst auf fatale Weise mit den Opfern verbunden ist. 

Das klingt wie gängige Thriller-Kost für ein Lesepublikum, dessen Appetit auf ausgesuchte Menschenquälereien unersättlich scheint. Doch Der kalte Glanz der Neva, ein historischer Kriminalroman, den ein unter dem Pseudonym Ben Creed schreibendes britisches Autorenduo als ersten Band einer geplanten Trilogie vorlegt, ist alles andere als Dutzendware. Sein Schauplatz ist Leningrad in der Endphase des stalinistischen Terrors. Willkürliche Verhaftungen sind an der Tagesordnung, und auch die Sicherheitskräfte werden nicht verschont. Leutnant Revol Rossel von der örtlichen Miliz, der seit einem Verhör durch die Staatssicherheit nicht mehr dasselbe ist, weiß nur zu genau, was in den Folterkellern des Geheimdienstes vor sich geht. Polizeiliche Ermittlungen sind unter solchen Umständen beinahe unmöglich. Doch Rossel gibt nicht auf. Dass ihn der Erfolg seiner Nachforschungen nicht das Leben kostet, verdankt er dem Konkurrenzkampf innerhalb des Parteiapparates, wo es bereits um die Nachfolge Stalins geht.

Der kalte Glanz der Neva ist eine beklemmende Lektüre. Zu Recht. Denn der historische Hintergrund des Geschehens ist die 28 Monate währende Blockade Leningrads durch die Wehrmacht, der mehr als eine Millionen Einwohner zum Opfer fielen. Und das ist auch unsere Geschichte.

Ben Creed: Der kalte Glanz der Neva. Thriller (City of Ghosts, 2020). Aus dem Englischen von Peter Hammans. Knaur, München 2021. 432 Seiten, 14,90 Euro.

Der tasmanische Busch lässt grüßen

(AM) Ein Echo von „Picknick at Hanging Rock“ (dt. „Picknick am Valentinstag“), dem Film von Peter Weir, zieht sich durch Die Stille des Bösen von Kyle Perry, bei Atrium als Hardcover erschienen und per se schon durch die schmale, aber feine Krimireihe des Verlags aufgewertet. Es war damals einer der ersten Filme aus down under, die ein internationales Publikum fanden und die australische Cinematographie auf die internationale Landkarte brachten. An einem sonnigen Tag, von der Kamera impressionistisch gezeichnet, verschwinden drei Mädchen bei einem Ausflug. Der Horror des Films ist unaussprechlich, und das nicht, weil er so furchtbar wäre, sondern weil er schwer fassbar bleibt. 

Peter Weir war noch keine 30, als er 1975 mit seinem Film die Welt beeindruckte. Kyle Perry hat mit ihm zumindest das Alter gemein, „The Bluffs“ ist ein Debütroman, der sogleich einen Drei-Titel-Deal brachte und das Leben seines Autors von einem auf den anderen Tag veränderte. Auch hier verschwinden die Mädchen einer Schulklasse, bleibt der Horror im nicht ganz Benannten. „De vermiste meisjes“ heißt die niederländische Ausgabe. Kyle Perry lebt auf Tasmanien, kennt den Busch, das merkt man dem Buch an, zudem hat er für verschiedene Highschools, Jugendeinrichtungen und Entzugskliniken als Counselor gearbeitet. Tasmanische Buschlegenden verbinden sich bei ihm mit Social Media, Jugendkultur und Influencertum, manches Vorurteil wird auf den Kopf gestellt. Dazu kommt ein traumatisierter Ermittler aus der Stadt. Die Kleinstadt Limestone Creek ist fiktiv, provinzielle Enge aber und Borniertheit kennt Perry gut. Ich für meinen Teil freue mich auf „The Deep“, das ebenfalls wieder in Tasmanien, aber an der Küste spielt.

Kyle Perry: Die Stille des Bösen (The Bluffs, 2020). Aus dem australischen Englischen von Sabine Längsfeld. Atrium Verlag, Hamburg 2021. 500 Seiten, 22 Euro.

Historisch grundiert

(JF) Bei Renovierungsarbeiten wird im Keller eines Schweizer Schlosses die Leiche einer jungen Frau gefunden. Schon bald ist klar, dass sie keines natürlichen Todes starb. Allerdings liegt die Gewalttat Jahrzehnte zurück. Becky Kolberg, die Erbin des Anwesens, will mehr über die Tote erfahren und beginnt mit Nachforschungen, die zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs führen. Die Tote war in einer von NS-Größen betriebenen Waffenfabrik beschäftigt. Und schon bald wird klar, dass es in der Eidgenossenschaft so neutral nicht zuging.

Der Solothurner Schriftsteller Christoph Gasser erinnert in seinem historisch grundierten Kriminalroman Wenn die Schatten sterben daran, dass die nationalsozialistische Ideologie auch in der Schweiz zahlreiche aktive Anhänger hatte. Und damit es spannend wird, bietet er gleich drei miteinander verbundene, nicht immer überzeugend konstruierte Geschichten von Mord und Totschlag auf. Dass der Roman dennoch recht unterhaltsam ist, verdankt sich der Erzählroutine des Autors. Souverän bedient sich Gasser gleich bei mehreren Populärgenres, vom Mystery-Thriller bis zur Schicksalsschmonzette, um sein Aufklärungsvehikel in Schwung zu bringen. Es gibt schlechtere Motive für Trivialliteratur.

Christoph Gasser: Wenn die Schatten sterben. Kriminalroman. Emons Verlag, Köln 2021. 350 Seiten, 15 Euro.

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