Geschrieben am 1. November 2023 von für Crimemag, CrimeMag November 2023

Biografische Marginalie zu „Babylon Berlin“

Walter Stennes – Selektive Erinnerung 

Ein Fundstück von Joachim Feldmann zur Fernsehserie „Babylon Berlin“

Er brauchte „Bedenkzeit“. Schließlich lag ein ereignisreiches Leben hinter ihm, viele „Jahrzehnte mit zwei großen Kriegen, Revolutionen und Inflationen, Wirren und Auseinandersetzungen“. Doch wirklich schwer scheint dem 82-Jährigen die Entscheidung, sich an einer Anthologie mit dem Titel „Westfalen unter sich über sich“ zu beteiligen, nicht gefallen zu sein. Denn von einer möglichen Ursache seiner Bedenken ist in Walter Stennes‘ autobiografischem Text  „Westfalen ist mehr als ein Regendach“ nichts zu lesen. Dabei hätte es Anlass genug gegeben.

Wer die die dritte und vierte Staffel der Fernsehserie „Babylon Berlin“ gesehen hat, wird sich an jenen leicht aufbrausenden Schlägertyp, brillant verkörpert von Hanno Koffler, erinnern, der einen Trupp gewaltbereiter Braunhemden befehligt und schließlich zur offenen Revolte gegen die Führung der NSDAP aufruft. Und das ist historisch korrekt. Denn nicht alle Nazis waren Hitler treu ergeben. Sie störte vor allem die Parteistrategie, auf legalem Wege an die Macht zu gelangen. Walter Stennes (1895-1989), seit 1927 regionaler Oberbefehlshaber der SA in Ostdeutschland, war einer von ihnen. Er glaubte an den gewaltsamen Umsturz. Und begann damit in der eigenen Partei. Am 1. April 1931 kam es zum so genannten „Stennes-Putsch“. Die Berliner Zentrale der NSDAP wurde ebenso besetzt wie die Redaktion der Parteizeitung.

Walter Stennes – Signatur im Bundesarchiv: Bild 119-2608
Foto: Bundesarchiv 

Bei Stennes liest sich das so: „Wir wollten  in der NSDAP ordentliche Zustände herstellen, d. h. auch, Adolf Hitler zur Vernunft bringen, falls das überhaupt noch möglich sein sollte, oder ihn zum Verzicht auf seine Ämter zwingen.“ Wie man weiß, scheiterte das Vorhaben. Stennes und seine Gesinnungsgenossen wurden aus der NSDAP ausgeschlossen. Eine neu gegründete Nationalsozialistische Kampfbewegung Deutschlands blieb erfolglos. 1933 gelang dem Nazi-Dissidenten die Flucht nach China, wo er bis 1949 als Militärberater und Kommandeur der Leibgarde Tschiang Kai-scheks ein Auskommen fand. Dass er in dieser Zeit auch für die Sowjetunion spionierte, wie der „Spiegel“ 2012 berichtete, verschwieg Stennes konsequent, während er freimütig über seine Zeit als Freikorpskommandant (ab 1918) und NS-Aktivist zu erzählen wusste. Nicht alle der vielen „Irrungen und Wirren“ seines langen Lebens mochte er offenbar der Öffentlichkeit zumuten.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland versuchte sich Walter Stennes übrigens noch einmal als Politiker, diesmal auf legalem Weg. Gemeinsam mit dem ehemaligen CDU-Minister Günther Gereke engagierte er sich für die Deutsche Soziale Partei (DSP), die allerdings bei den niedersächsischen Landtagswahlen 1951 mit 0,8 % denkbar miserabel abschnitt. Als Gereke im Jahr darauf in die DDR floh, war es auch mit Stennes‘ politischen Aktivitäten vorbei. Er zog sich, wie es bei Wikipedia heißt, „ins Privatleben“ zurück. Sein „Antrag auf Anerkennung als Verfolgter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ wurde 1957 abgelehnt. Warum er Ende der 1970er Jahre einen selektiven Blick zurück in seine Vergangenheit wagte, anstatt seinen Bedenken stattzugeben, lässt sich nicht mehr ergründen.

Alle Zitate aus: Walter Stennes, „Westfalen ist mehr als ein Regendach“. In: Rainer Schepper (Hrsg.): Westfalen unter sich über sich. Frankfurt am Main 1978. (S. 210-218)