Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

Alf Mayer: Kengo Kuma XXL

Das Beton-Zeitalter hinter sich lassen

Atemberaubend wäre das falsche Wort. Die Bauten von Kengo Kuma sind atemweitend, so muss man es sagen. Bei ihm wird die Materie durchlässig, bekommt der Schatten eine Form. Seine Gebäude stehen mit ihrem Ort im Dialog. Der japanische Architekt Kengo Kuma (Jahrgang 1954) ist ein Mann zwischen zwei Zeitaltern, er wurde in der Beton-Zeit groß, suchte und sucht aber beständig nach Neuem. Seine Bauten lassen das Beton-Zeitalter hinter sich. Er ist ein Baumeister für die Zukunft. Gerade ist im Verlag Taschen eine XXL-Monographie mit rund 500 Fotos, Skizzen und Plänen erschienen – für mich bereits jetzt das aufregendste Architekturbuch des Jahrzehnts. Es ist ein Buch, das man vererben kann. Und sollte. 

Sein Leben und Werk kulminiert in einem Gebäude, auf das sich gerade die Augen der Welt richten: Japans Nationalstadion für die Olympischen Sommerspiele 2020. Eine wolkenähnliche Konstruktion aus kleinen Holzelementen, die sich an eine der schönsten Parkanlagen Tokios anschließt, nämlich den Meiji-Jingu-Gaien-Park, sie harmoniert mit dem Baumbestand. Das Stadion fasst 80 000 Zuschauer und könnte, so Kuma „der Katalysator sein, der die jetzige Betonstadt Tokio wieder zurückverwandelt. Mit diesem Beispiel möchte ich dazu beitragen, die Richtung der japanischen Architektur zu ändern.”

Kengo Kuma (jap. 隈 研吾) in Yokohama geboren, war zehn Jahre alt, als Tokio 1964 erstmals die Olympischen Spiele beherbergte. Sein Vater zeigte ihm die von Kenzo Tange entworfene Nationale Sporthalle Yoyogi. Er war begeistert. Damals gab es in Tokio vor allem ein- und zweistöckige Holzhäuser. Inmitten der flach bebauten Stadt hatte Kenzo Tange zwei Betontürme errichtet und das Dach der Halle an Stahlseilen zwischen diesen Türmen aufgehängt. „Die Nationale Sporthalle überragte alle anderen Gebäude in der Umgebung. Sie schien den Himmel zu berühren. Ich war zutiefst beeindruckt und beschloss an diesem Tag, Architekt zu werden. Ich wollte wie Kenzo Tange sein. Ich wollte Gebäude entwerfen, die den Himmel berühren“, schreibt Kumo im Vorwort der Monographie. 

Die Olympiade von 1964 stand symbolisch für eine Zeit, in der (nicht nur) Japan den Vereinigten Staaten als die erfolgreichste Industrienation weltweit nacheiferte und es auch bei Gebäuden nur noch um höher und größer ging. Schon während Kumas Architekturstudium veränderte sich der Blick, die Quecksilbervergiftungen von Minamata (Kumamoto) rückten Umweltschäden und  Nachhaltigkeit in den Fokus. Kuma hatte, nachträglich betrachtet, das Glück, ein Außenseiter zu sein und keiner architektonischen Schule anzugehören. „Das gab mir ein Gefühl von Freiheit, weil ich den Meistern keinen Respekt erweisen musste.“ 

Keine Betongötzen also, und auch sonst keine Scheuklappen. Kumos Kindheit hatte eine internationale Prägung. Er besuchte einen protestantischen Kindergarten, wurde dann sechs Jahre lang auf einer Jesuitenschule unterrichtet. Viele der Lehrer kamen aus Europa. „Dass ich mich zwischen Japan und dem Westen oder auch anderen Kulturen verorte, hat etwas mit dieser Vergangenheit zu tun“, betont Kuma. Als Student bereiste er mit einer kleinen Gruppe „die Sahara, wo wir kleine Ortschaften besichtigten. Wir waren zwei Monate unterwegs. Unsere Reise begann in Algerien, in einem Auto mit Allradantrieb, von dort aus fuhren wir weiter nach Süden, bis zur Elfenbeinküste. Zeitgenössische Architektur ernüchterte mich damals, aber die Reise inspirierte mein Nachdenken über die Zukunft der Architektur. Ich brachte vor allem neues Materialwissen nach Hause. Die Wüstenbewohner hatten Lehmziegel benutzt, und je weiter wir nach Süden kamen, desto mehr Holzhäuser gab es. In Küstennähe bestanden nahezu alle Gebäude aus Bambus oder dem Holz des Kakaobaums. Ich fand die Häuser schön, mir gefiel, wie sie mit ihrer Umwelt interagierten.“ 

Baukunst: Oft nichts als Zeit und Geld…

Seine Suche nach Alternativen für die Baumaterialien Stahl und Beton und Glas führte Kuma in verschiedene Teile der Welt. Mit neuem Blick ausgestattet, fand er dann viele Antworten sogar zuhause. Er reiste zu den japanischen Inseln, versuchte dort die Frage zu ergründen, warum die kleinen Holzhäuser einen so großen Reiz auf ihn ausübten. Allmählich kam er zu der Überzeugung, dass die Zeit ausladender, in die Höhe strebender Entwürfe dem Ende zuging. In den 1990er-Jahren, während der japanischen Wirtschaftskrise, realisierte er eine Reihe kleinerer Projekte im ländlichen Raum. Trotz der überschaubaren Dimensionen fand er diese Arbeit eine Bereicherung, weil er mit den Handwerkern vor Ort eng zusammenarbeiten konnte. Die ruralen Gegenden versorgten ihn mit viel Inspiration, er eignete sich umfangreiche Kenntnisse über Naturmaterialien wie Holz, Papier und Lehm an. In Tokio waren seine einzigen Ansprechpartner die Leiter der Bauunternehmen gewesen, die sich ausschließlich für Kosten- und Zeitfaktoren interessierten. „Architektur als solche – die Beschaffenheit eines Gebäudes – war für sie unmaßgeblich. Für sie war Baukunst nichts als Zeit und Geld.“

Landesgrenzen wurden ihm immer unwichtiger. Was für ihn zählte und was ihn bereicherte, war der Umgang mit den Materialien und den Handwerkstechniken, die er vorfand. Mit seinem Olympiastadion wollte er zeigen, dass man selbst ein Stadion für 80.000 Zuschauer hauptsächlich aus Holz bauen kann. Naturholz ist weich, für Kuma ist es ein bescheidenes Material. Seiner Überzeugung nach fühlen Menschen sich wohler, wenn sie von „schwachen“ und weichen Materialien wie Holz und Papier umgeben sind. Sie verbinden den Menschen mit der Natur. Die Handwerkstechniken dafür wurden im Laufe von Jahrhunderten vervollkommnet und man legte Wert auf kleine Bauteile und horizontale und diagonale Konstruktionselemente in Bodennähe. Vertikale Elemente wurden kaum verwendet. Viele Jahrhunderte verstand man sich in Japan darauf, behagliche Wohnverhältnisse zu schaffen, trotz häufiger Niederschläge, kalter Winter, feuchtheißer Sommer und ohne Klimaanlagen zu haben. Selbst kleine Häuser machen einen geräumigen Eindruck. Beton, Stahl oder Glas oder auch massive Baustoffe wie Stein kommen bei solchen Bauweisen kaum vor. Davon lernte Kuma.

Seine Bauten sind auch eine Abkehr von herkömmlich gewordenen, oft rein auf Glasfronten basierenden Sichtachsen. Viele Architekten glauben, dass man ein Bauwerk durch den Einsatz von Glas mit seiner Umwelt verbinden kann. Das aber hält die Natur auf Abstand, beschädigt die Verbindung zwischen Mensch und Natur. Für Kuma ist es Programm, die Weisheit und „das Wissen der Vergangenheit nutzen, um Architektur für die Gegenwart zu entwerfen. Er sagt: „Die Architektur unserer Zeit wird sich völlig von jener des 20. Jahrhunderts, dem Zeitalter der Expansion, unterscheiden.“ Und er ist sich sicher: „Heute und in Zukunft werden wir mit ganz anderen Materialien bauen.“

Das von Philip Jodidio vorzüglich geschriebene und eingerichtete Buch – ich bin versucht zu sagen, sein bisheriges Meisterwerk – versammelt atemweitende Beispiele des Baumeisters Kengo Kuma. Das komplette Werkverzeichnis am Ende zeigt auf sieben Doppelseiten an die 350 Bauten. Dazu gehören das 194.000 Quadratmeter große Olympiastadion ebenso wie ein 14,5 Quadratmeter großes mobiles Haus in Iyubako, gehören Büro- und Badehäuser, Museen, Tempel, Bahnstationen, Stadthallen, Werften, Kulturzentren, Bibliotheken, eine Birkenkapelle, ein Basislager am Montblanc, Laboratorien, Markthallen, das Musikkonservatorium von Aix-en-Provence, eine keramische Wolke in der Emilia Romagna oder etwa das Tee- und Konditoreigeschäft Sunny Hills auf der Omotesando in Tokio. 

Architektur als Musik

Die Fassade besteht aus einem Holzleistengitter, das sich bis auf die Straße zu „ergießen“ scheint. Dieses Dekor setzt sich bis in die Räumlichkeiten des Baus fort und stiftet einen Zusammenhang zwischen innen und außen. Während fast alle anderen Gebäude in der Nähe über klar definierte, glatte Fassaden verfügen, macht die irreguläre Holzgitterverblendung hier einen Großteil des Bauwerks aus. Es handelt sich um einen offenen Entwurf, Grenzen im klassischen Sinn hat er nicht. Kengo Kuma: „Für SunnyHills wollten wir Holz als Strukturelement verwenden. Tatsächlich wird der Bau von den kleinen Leisten getragen. Die Technik, die wir verwendet haben, um die Leisten zu verbinden, wird in Japan jigoku-gumi genannt und kommt bei der Montage von Möbelstücken und Shoji-Wandschirmen zum Einsatz.19 Es handelt sich um eine sehr stabile Technik. Aber sie gilt als zu kompliziert und ungeeignet für architektonische Zwecke, deswegen findet sie meist nur bei kleinen Produkten Anwendung. Ein Bauunternehmen, dem wir die Technik vorstellten, hielt es für unmöglich, damit ein Gebäude zu konstruieren. Wir haben trotzdem Modelle angefertigt, die Technik getestet und den gesamten Rahmen computergestützt gefräst. Das Gitter folgt einem gleichmäßigen Muster, ist aber organisch aufgebaut.“ 

Kleine Projekte können bei Kuma monumental, große sehr bescheiden wirken. Philip Jodidio: „Kuma gelingt, woran andere Architekten scheitern: Er kleidet sein Wissen um japanische Traditionen in ein modernes Gewand, auch an Orten fern seiner Heimat, zum Beispiel im schottischen Dundee oder am Ufer des Genfer Sees.“ 

Wenn er plant und baut, geht Kuma vom Rhythmus, vom Fluss eines Gebäudes aus, weniger von seiner Funktion. Er meint: „Architektur ähnelt in gewisser Weise Musik.“ Das zeigt sich zum Beispiel an der 2019 fertiggestellten Exchange am East Darling Harbor in Sydney. Der aufregende, wie ein Nest inmitten der Stadt sitzendeMischnutzungsbau umfasst eine Bibliothek, Einzelhandelsflächen, einen Frischemarkt, ein Restaurant und öffentliche Bereiche und verändert seinen Stadtteil völlig.

Hier das Nachwort von Kengo Kuma:
„Es ist mein Traum, mit dieser Methodik nach dem Ende der Coronavirus-Pandemie zur Rettung der Welt beizutragen. Die Menschheit hat seit den Zeiten der Pest hart daran gearbeitet, Städte und Architektur immer dann stärker und größer werden zu lassen, wenn sie mit einer Epidemie, einem großen Erdbeben oder einem Mega-Tsunami konfrontiert wurde. Diese Entwicklung hat zu einer industrialisierten Gesellschaft und den Städten des 20. Jahrhunderts geführt, die mit großen, soliden Schachteln gefüllt sind. Das Coronavirus hat auf die unnatürlichen und ungesunden Aspekte hingewiesen, die es mit sich bringt, in diesen großen, soliden Schachteln eingeschlossen zu sein, in ihnen zu arbeiten und zu leben und zu und von ihnen aus hin und her zu pendeln. Dieses Ereignis hat uns gelehrt, wohin diese Entwicklung, die sich seit der Pest fortgesetzt hat, letztendlich führen wird.“ 
Vor diesem Hintergrund denke ich, dass wir uns an einem Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit befinden. Jetzt ist es an der Zeit, auf einem anderen Weg einen Schritt nach vorn zu machen.“

Komplementär zu diesem Band und fast zeitgleich erschienen ist Philip Jodidios Überblick „Contemporary Japanese Architecture„, der 39 Architekten und 55 außergewöhnliche Bauprojekte vorstellt. Japan ist eines der architektonisch innovativsten Länder der Erde.

Alf Mayer 

Kengo Kuma, Philip Jodidio: Kuma. Complete Works 1988 – Today. Verlag Taschen, Köln 2021. Hardcover, auf zwei verschiedenen Papiersorten gedruckt. Format 30,8 x 39 cm, Gewicht 4,97 kg. 460 Seiten, 150 Euro. Limitierte Auflage: 5000. Verfügbar ab 09. August 2021.Verlagsinformationen. Und hier Kengo Kumas Internetseite.

Bald erhältlich: eine auf 200 Exemplare limitierte Art Edition, mit einer von Kengo Kuma signierten Heliogravur seiner Skizze des Yusuhara Community Markets; geliefert in einem hölzernen Schuber, von Kuma entworfen und einer seiner Partnerwerkstätten in Japan gefertigt. (Fotos siehe unten.)

PS. Einem Großteil der Arbeit von Kengo Kuma liegt ein reflexives Verhältnis zur japanischen Bautradition zugrunde. Im Jahr 1933 veröffentlichte der japanische Schriftsteller Junichiro Tanizaki sein einflussreiches Werk „Lob des Schattens“ (deutsch 1987 bei Manesse). Darin schreibt er über die Besonderheit der japanischen Architektur: „Ohne Zweifel wären auch für die Japaner helle Räume bequemer gewesen als dunkle. Das, was man als schön bezeichnet, entsteht in der Regel aus der Praxis des täglichen Lebens heraus. So entdeckten unsere Vorfahren, die wohl oder übel in dunklen Räumen wohnen mussten, irgendwann die dem Schatten innewohnende Schönheit, und sie verstanden es schließlich sogar, den Schatten einem ästhetischen Zweck dienstbar zu machen.“

PPS. 2000, 2002 und 2004 konzipierte Kuma für die Biennale in Venedig den japanischen Pavillon. Seine erste Ausstellung in Deutschland gab es 2011 im Luftmuseum Amberg/Oberpfalz unter dem Titel Atmende Architektur. Kuma war bei der Eröffnung anwesend und leitete auch einen Workshop.

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