Geschrieben am 1. Juli 2022 von für Crimemag, CrimeMag Juli 2022

Das Deutsche Museum als Schatzkammer

Wissenschaft, leicht gemacht

Alf Mayer zu „Die Welt der Technik in 100 Objekten“

Zu schwer für den Strand ist mit seinen 2,1 kg der durchaus schmöckerhafte Band „Die Welt der Technik in 100 Objekten“. Herausgeber Wolfgang M. Heckl ist seit 2004 Generaldirektor des Deutschen Museums in München. Für das in fünfjähriger Projektarbeit entstandene Buch konnten er und seine Mitautorinnen und Autoren aus dem Vollen schöpfen. 

Das auf der Isarinsel mitten in München gelegene Institut, 1903 vom erfinderischen Bauingenieur und Elektrotechniker Oskar von Miller gegründet, gilt als größtes Wissenschafts- und Technikmuseum der Welt. Sein voller Titel lautet „Deutsches Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik“. Es hat jährlich rund eineinhalb Millionen Besucher. 122.000 Objekte aus den insgesamt 54 Fachgebieten des Hauses – von Agrar- und Lebensmitteltechnik, Altamira-Höhle, Amateurfunk, Bergbau über Drucktechnik, Kraftmaschinen, Luftfahrt/ Raumfahrt, Pharmazie bis hin zu Wasserbau und Zeitmessung – befinden sich in seiner Obhut, Bibliotheken und Archive kommen noch hinzu. 25.000 Exponate davon sind permanent zu sehen. 

Das Museum steht seit langem schon für ein bildungsorientiertes Mitmachprinzip, immer wieder laden Exponate zu kleinen physikalischen Experimenten ein oder auf Knopfdruck laufen automatisierte Miniaturen. Unvergessen ist mir, mit 14 Jahren im Faradayschen Käfig zu sitzen und ein Gewitter zu erleben. – Wow!

Oskar von Miller © Wiki

Oscar von Millers Leitspruch „In diesem Haus darf jeder machen, was ich will“ ist im Eingangsbereich zu lesen. Nun also 100 Objekte aus 500 Jahren, jeweils kundig vorgestellt, eine Mischung aus Enzyklopädie, Chronologie und Wunderkammer. Die Astronomie des 15. Jahrhunderts wird genauso abgebildet wie die Robotik des 21. Jahrhunderts, das Leeuwenhoek’sche Mikroskop von 1670 steht neben den Fischerdübel. 

„Was mag nun aber geschehen, wo ich solchen Leuten in Zukunft sagen muss, dass an schmutzigen Zähnen mehr Tierchen im menschlichen Munde existieren als Menschen im ganzen Reich…“, schrieb Antoni von Leeuwenhoek im Jahr 1670 über die Mundflora. Aus einer Samstagsnachmittags-Idee des Erfinders Artur Fischer entstand 1957 der S-Dübel (S für Spreiz), vom deutschen Patentamt am 8. November 1858 als Erfindung bescheinigt. Heute werden in den Fischer-Werken im Landkreis Freudenstadt täglich 14 Millionen davon produziert und gehen in alle Welt. 
Das reich bebilderte, kurzweilig angelegte Buch führt in neun Kapiteln durch Wissenschaft und Technik, bietet Kulturgeschichte pur. Jedes der 100 vorgestellten Objekte erzählt seine Geschichte auf mehreren Ebenen: für welche Zeit es geschaffen wurde, wie es die Beziehung der Menschen zur Wirklichkeit verändert hat, wie sein Lebenslauf aussah und auf welchem Weg es ins Museum kam.  Das Buch bietet kein Inventar des Museums, wohl aber eine breit gefächerte Technikgeschichte der letzten 500 Jahre. Natürlich sind Preziosen des Hauses dabei wie etwa der Benz-Patent-Motorwagen Nr. 1 oder der Lilienthal-Gleiter, die Magdeburger Halbkugeln von Otto von Guericke samt Luftpumpe (Frage dazu: Kann das ‚Nichts’ existieren, das Vakuum?) oder ein Cembalo von 1561 aus Venedig als das älteste Tasteninstrument des Hauses. Die Kuratorinnen und Kuratoren konnten ihre Lieblingsstücke beisteuern, etwa den Brutschrank von Robert Koch, den ersten Dieselmotor, den ersten Planetariums-Projektor, den Kernspaltungstisch von Otto Hahn.
Die Objekte erzählen von der Entdeckung des Neptuns, dem Nachleuchten des Urknall, von der Elektrifizierung der Welt. Die klug gewählten Stücke und Texte spiegeln im Mikrokosmus des Museums den Makrokosmos der globalen Zusammenhänge von Wissenschaft und Technik, Politik, Wirtschaft und Kultur, notiert Helmut Trischler zu Recht in einem Vorwort. Immer wieder greifen die Texte Fragen auf, die für unsere Zukunft auf unserem Planeten von großer Bedeutung sind. Kein Hauch von Staub also auf diesem Museumsbuch – und eine rasend spannende Lektüre.

Alf Mayer

Wolfgang M. Heckl (Hg.): Die Welt der Technik in 100 Objekten. C.H. Beck Verlag, München 2022. Hardcover, 686 Seiten, 290 Abbildungen, 39,95 Euro.

Tags :