Posted On 19. September 2017 By In Crimemag With 524 Views

Alf Mayer über Larry Brown

Fay von Larry Brown

Schreib, was du weißt und kennst

Unerklärlicherweise ist der 2004 gestorbene Larry Brown hierzulande ein Unbekannter geblieben. Jetzt ist sein Roman „Fay“  zu entdecken, „Joe“ soll in absehbarer Zeit folgen. Larry Brown war Heumacher, Ofen- und Zaunsetzer, Anstreicher, Gabelstapelfahrer, Hilfsarbeiter und lange Jahre dann Feuerwehrmann, sein Schriftstellerleben lang blieb er auf dem Boden. Das mit großer Qualität, und bevor man es Country Noir nannte. Alf Mayer hat sich dem Südstaaten-Autor angenähert.

Normalerweise, wenn ein großer Autor stirbt, gibt es Tausende Worte zu seinen Ehren. Das ist gut so. Noch schöner aber ist, wenn Freunde, Bewunderer und Ebenbürtige sich für ihn posthum in einem eigenen Album zusammenfinden. Larry Brown (1951–2004) wurde solch eine besonders Form des Respekts zuteil. „Just One More – A Musical Tribute To Larry Brown” war eine Kompilation zu seinen Ehren, 2007 bei Bloodshot Records erschienen. Zwölf der 18 Tracks waren unveröffentlichte Stücke, unter den Beteiligten befinden sich bekannte Namen wie Alejandro Escovedo, T-Model Ford, Vic Chesnutt, Jim Dickinson (mit Duff Dorrough), Robert Earl Keen und die North Mississippi Allstars. Was all diese Künstler verbindet, das sind: beide Füße auf dem Boden, eine Demut jedem Minimalismus gegenüber und ein großes Herz. Nicht seit John Fante (Sheryl Crow’s „All I Want to Do“) und Charles Bukowski hat ein amerikanischer Schriftsteller solch einen Eindruck auf die Musikgemeinde gemacht.

brown music377991Darüber ließe sich seitenlang schreiben. Belassen wir es dabei, dass Larry Browns Schriftstellerkarriere 1988 mit der Kurzgeschichtensammlung „Facing The Music” begann. Von 1988 bis 2004, ganze sechzehn Jahre, währte sein offizielles Leben als Autor. Er begann es als Feuerwehrmann. Nach dem dritten Buch im Druck kündigte er die geliebte Arbeit und schrieb hauptberuflich. Sein Werk umfasst fünf Romane, viele Short Stories, einen Essayband und das autobiografische „On Fire“. Der starke Raucher, lange auch dem Alkohol ein Freund, starb im Alter von 53 an einem Herzinfarkt. „Fay“ ist, verwunderlich genug, das erste Buch von ihm, das nun auf Deutsch vorliegt. Ein großer Autor ist zu entdecken. Man darf sich wundern, warum das bis jetzt zu „Fay“ so lange gebraucht hat.

„Johnny zieht in den Krieg“, 50 Jahre später

brown work45575207-ukDas Schreiben wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Larry Brown hat es sich erarbeitet. Sein Vater war ein Farmpächter und Kriegsveteran, ein Trinker und Gescheiterter. Der Roman „Dirty Work“ ist ihm gewidmet: „Für Daddy, der wusste, was der Krieg den Menschen tun kann.“ Larrys Mutter hatte einen kleinen Laden mit Poststation. Für seinen Realschulabschluss musste er das Fach Englisch wiederholen, er konnte sich nicht vorstellen, wie seine eigene Sprache zu lernen ihm denn beim Lebensunterhalt helfen könnte. Statt auf die High School (die Entsprechung unseres Gymnasiums) ging er zu den Marines, das war während des Vietnamkriegs. Der Schmächtling blieb in den Staaten stationiert, hörte aber viele Geschichten, die die verwundeten Heimkehrer in den Baracken erzählten. Das wurde die Basis für „Dirty Work“, genau fünfzig Jahre später eine moderne, eigenständige und unvergessliche Version des Antikriegsromans „Johnny zieht in den Krieg“ von Dalton Trumbo.

Nach dem Militär arbeitete Larry Brown dann als Heumacher, Ofen- und Zaunsetzer, Anstreicher, Gabelstapelfahrer, Hilfsarbeiter. Seine Frau Marie Annie hatte er jung geheiratet, als Kinder kamen, war für Schluss mit all der Gelegenheitsarbeit, er wurde Feuerwehrmann in seiner Heimatstadt Oxford, Mississippi, brachte es zum Captain. Mit seinen 135 Pfund war er der Kleinste seiner Truppe, blieb siebzehn Jahre dabei (andere Quellen sagen 22), legte jahrelang an zehn Tagen im Monat eine 24-Stunden-Schicht hin. Und er brachte sich – ein rauschhafter Leser seit der Kindheit, von seiner Mutter gefördert – selbst das Schreiben bei, nahm sich William Faulkner (der in Oxford gelebt und geschrieben hatte), Flannery O’Connor, Raymond Carver, Bukowski und Cormac McCarthy als Vorbild, später auch Harry Crews, sobald er ihn entdeckte. Der wurde sein Mentor und sein Freund. „Fay“ ist ihm als „Blutsverwandten“ gewidmet. Crews war es auch, dessen Kampfesgeist ihn auf dem langen Weg zur Anerkennung immer wieder anspornte. „Was Harry sagte, war, dass du deinen Arsch auf dem Stuhl halten musst. Und schreiben, schreiben, schreiben.“

brown a lifeEin Killer-Bär im Yellowstone National Park

Mit 29 hatte Larry Brown beschlossen, ein Schriftsteller zu werden. Bis 1985, mit 34 Jahren, hatte er fünf unveröffentlichte Romane und beinahe hundert Kurzgeschichten in der Schublade liegen, hatte ein Buchmanuskript im Garten verbrannt. Er war ein Fan von Westernromanen und von Stephen King, las Bücher über das Schreiben, belegte auch ein paar Kurse an der „Ole Miss“, der University of Mississippi at Oxford. Die Schreibmaschine, auf der er in seiner freien Zeit hämmerte, gehörte seiner Frau. Sieben Monate ging drauf für einen Roman über einen Killer-Bären im Yellowstone National Park; jeder Verlag, bei dem er anfragte, lehnte das Manuskript ab, später nannte er selbst es „schrecklich und nicht lesbar“. Sein erster kleiner Durchbruch kam, als das Bikermagazin „Easy Rider“ im Juni 1982 eine seiner Kurzgeschichten druckte. Das Magazin „Twilight Zone“ in New York war eine weitere Station, aber die Stephen-King-Imitationen waren nicht ganz sein Terrain. Er war und blieb ein Landei, schrieb zunehmend über die Welt, die er kannte, wurde ein wahrer Autor des amerikanischen Südens. Einer der ganz Großen. Einer der besten, dann letztlich.

brown on fireEinmal in New York, beim Tafeln …

Auf vielen Autorenfotos von ihm stehen landwirtschaftliche Maschinen im Hintergrund oder grasen Rinder, trägt er ein schweißgerändertes T-Shirt. Er liebte, was er mit den eigenen Händen tun konnte. Sein letztes, zu seinen Lebzeiten veröffentlichtes Buch war eine Sammlung von Essays, seinem Sohn gewidmet: „Billy Ray’s Farm. Essays from a Place Called Tulsa“ (2001). Kleiner Alltag beim Betreiben einer Farm, dazwischen Ausflüge in die seltsame große Welt. „Die Hure in mir“ (The Whore in Me) heißt darin eine autobiographische Kurzgeschichte über eine Buch-Tour quer durch die USA. Er schreibt darin unter anderem über die Qualität der Steaks unterwegs, über das endlose Fliegen und stillsitzen Müssen. In „On Fire“, einem wunderbaren Buch über sein Leben als Feuerwehrmann (was auch in „Fay“ eine gehörige Rolle spielt), erinnert er sich, wie er in New York an einem Tisch mit weißer Tischdecke tafelt und ihm von draußen durch die Scheibe des Restaurants ein Obdachloser zuschaut, sein ganzer Besitz ein Bündel auf dem Rücken, aber niemand sonst davon Notiz nimmt; überhaupt, wie all die Leute in der Stadt immer wegschauen, nie irgendetwas näher ansehen.

brown farm1565121678Da ist er anders, ganz und gar. Er ist ein Zen-Meister der kleinen Details, der ganz banalen Dinge. Seine Welt sind die ländlichen Ausläufer von Oxford, Mississippi, keine 100 Meilen von Memphis, Tennessee, aber auch nicht weit von Nashville und New Orleans entfernt, eine kleines Städtchen mit knapp 20.000 Einwohnern. William Faulkner war in Oxford zuhause, nahm es als Modell für das „Jefferson“ seiner Romane, und den Landkreis das Vorbild für das fiktive „Yoknapatawpha County“. Richard Ford, Ace Arkins, Chris Offutt, Tom Franklin sind oder waren Einheimische, John Grisham wohnt immer noch in Oxford.

Während der Zeit der Bürgerrechtsbewegung geriet die „Ole Miss“ weltweit in die Schlagzeilen. Der schwarze Student James Meredith hatte sich das Recht auf einen Studienplatz erstritten, Gerichtsurteilen zum Trotz verweigerte ihm aber sogar der Gouverneur den Zutritt zur Universität. Im September 1962 griff Präsident John F. Kennedy persönlich ein, unter dem Schutz von U.S. Marshalls und durch eine aufgewühlte Stadt wurde James Meredith in die Uni geleitet. Bob Dylan schrieb über diesen Vorfall den Song „Oxford Town“. Im Präsidentschaftswahlkampf 2008 war das symbolträchtige Oxford der Ort der ersten Fernsehdebatte zwischen Barack Obama und John McCain. In Larry Browns „Dirty Work“ (1989) liegen zwei schwer verstümmelte Soldaten nebeneinander in ihren Betten und erzählen sich aus ihren Leben, der eine schwarz, der andere weiß. Der Weiße sagt irgendwann: „Was kümmert uns die Farbe, in ein paar tausend Jahren juckt das niemanden mehr, da sind wir nicht mehr zu unterscheiden.“

Eine Sprache trocken wie Feuerholz

brown fay_by_larry_brownLarry Brown geht gern angeln oder auf die Jagd, spaltet Holz, arbeitet im Garten, repariert Dächer und Zäune, füttert das Vieh, fährt gern über Land, die Fenster offen, Leonard Cohen oder jemand anderen im Fach des Kassettenrekorders. Und er trinkt, eine Zeit lang ziemlich viel. Zu viel. „Facing the Music“, die Kurzgeschichte, die seinem ersten Buch den Titel gab und seinen Durchbruch brachte, beschreibt anschaulich einen Tag im Leben eines betrunkenen Feuerwehrmannes. Nachts im Fernsehen sieht er einen Film über einen Mann, der noch betrunkener ist als er selbst (Nicolas Cage in „Leaving Las Vegas“, der später dann kongenial die Larry-Brown-Figur „Joe“ verkörpern wird), und er denkt an seine Frau, und was er an ihr nicht leiden kann, was er an sich nicht leiden kann. Er zieht Bilanz. Bittersüß ist das, und eine Liebesgeschichte voller Kraft.

Dieses „und“, wie eben hier gerade, das ist Larry Browns Mantra, wenn er erzählt. Und dann, und dann und dann. Einfach ein „und“, statt komplizierterer Konstruktionen. Er hält seine Sprache trocken wie Feuerholz. Sie ist knackig, knapp und klar, und kann verdammt weh tun.
Es bleibt (s)ein durchgängiges Motiv, dieses der Wahrheit der eigenen Existenz ins Gesicht sehen, den Niederungen des eigenen Lebens entkommen zu wollen, und sei es auf selbstdestruktive Art. Auch „Fay“ ist solch eine Figur. Larry Browns Protagonisten können einem das Herz brechen. „Fay“, sein vierter Roman, beginnt ähnlich wie das sozusagen männliche Äquivalent „Joe“: In der Hitze des südlichen Sommers läuft da jemand eine Straße lang, weg von dem, was nicht mehr zu ertragen war. Fay, in „Joe“ eine kleine Nebenfigur, versucht der ausweglosen, unterdrückerischen Welt ihrer Familie zu entkommen, entwickelt eine Stärke, die einem lange hängen bleibt …

brown father 256109„Grit Lit“ oder „Lumpen Fiction“

Walker Percy wurde einmal gefragt, warum der Süden so viele große Schriftsteller hervorgebracht habe. Er antwortete: „Because we got beat“ („Weil wir geschlagen wurden“). Larry Browns Ding aber sind nicht Lamento und Pathos vergangener Größe, er lebt und schreibt in der Gegenwart. In der ländlichen. Man kann das „Grit Lit“ nennen oder „Lumpen Fiction“. Die scharfzüngige Flannery O’Connor meinte einmal: „Alles, was aus dem Süden kommt, wird vom Leser aus dem Norden als grotesk empfunden, es sei denn, es ist wirklich grotesk, dann nennt er es realistisch.”

Larry Brown wurde immer eine Frage gestellt, die ihn zunehmend nervte: „Was ist das, was in Oxford so viele Schriftsteller produziert?“ Im Prolog von „Billy Ray’s Farm“ versucht er das zu beantworten. Er wisse nicht, wie das bei all den anderen und schon gar nicht, wie das bei Faulkner gewesen sei.

„Die meiste Zeit, und ich denke, das ist bei jedem Schriftsteller so, ist es einfach ein Bedürfnis tief in deiner Brust, etwas über uns Menschen zu sagen, über unser Leben. Vielleicht ist es auch nur der Wunsch, einfach eine Geschichte zu erzählen. Wenn man mich wirklich in die Zange nimmt, sage ich dann so etwas wie: ‚Das Land ist es für mich, das mir die Geschichten formt. Ich sehe mich um bei den Leuten rings um mich herum und frage mich, was wohl ihre Geschichten sind. Oder ich denke mir jemanden aus, und dann folge ich ihm eine Weile und schaue, was ihm passiert. Ich glaube, dass Schriftsteller über das schreiben müssen, was sie kennen. Du nimmst, was dir gegeben ist, wo du wohnst und lebst, und dann machst du deine Welt daraus als Autor.“

Larry Browns Charaktere sind Mechaniker, Huren, Haftentlassene, Polizisten, Nachtclubpersonal, Gelegenheitsarbeiter. Sie fahren Pickups, hören Tom T. Hall und halten nichts von Biedersinn oder Rechtschaffenheit. „Menschen, die in Schwierigkeiten sind, sind die, die ich am besten kennte“, sagt er. „Mit solchen bin ich aufgewachsen. Und ich glaube fest daran, dass du keine Geschichte hast, wenn deine Figur nicht in Schwierigkeiten steckt.“ Also verpasse er seinen Protagonisten von vornherein einen Stapel Probleme. „In 20 Jahren Schreiben habe ich gelernt, dass du deine Figur und die Situation, in der sie steckt, so real wie nur möglich machen musst. Im Kopf deines Lesers erschaffst du eine visuelle Erfahrung, die wie echt erscheint. Wenn du es so realistisch wie nur möglich machst, dann müssen sie einfach weiterlesen.“

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Larry Brown: Fay (2000). Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Heyne Hardcore, München 2017. 656 Seiten; 24 Euro. Verlagsinformationen hier. Besprechung im DLF hier.

Larry Browns Werke:
A Miracle of Catfish (2007), posthum veröffentlicht

The Rabbit Factory (2003), Roman
Billy Ray’s Farm: Essays from a Place Called Tula  (2001) non-fiction
Fay (2000) Roman – jetzt auf Deutsch (2017)
Father and Son (1996) Roman, gewann den Southern Book Award
On Fire (1994) non-fiction, Biografisches als Feuerwehrmann
Joe (1991) Roman – verfilmt mit dem idiotischen Zusatz „Die Rache ist sein“ mit Nicolas Cage
Big Bad Love (1990) Short Stories, verfilmt
Dirty Work (1989) Roman
Facing the Music (1988) Short Stories.

Der Dokumentarfilm „The Rough South of Larry Brown“ (2002) von Gary Hawkins dramatisierte auch einige Kurzgeschichten. In „Boy & Dog“ sieht man Larry Brown als Feuerwehrhauptmann.
Und dann ist da noch die CD „Just One More – A Musical Tribute To Larry Brown”, 2007 bei Bloodshot Records erschienen.

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