Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Tobias Gohlis: Update für den Spionageroman mit Charles den Tex

Der „Repair Club“ von Charles den Tex

Charles den Tex (geboren 1952 in Australien, lebt seit 1958 in den Niederlanden) ist bei sich zu Hause einer der bekanntesten und meistgelesenen Autoren von „Misdaads“ und hat bereits dreimal den „Gouden Strop“ (Goldenen Strick), die höchste Auszeichnung der niederländischen Krimiautoren, bekommen. „Repair Club“ wäre ein Anwärter auf den vierten Goldenen Strick.

Mit Erstaunen und Erschrecken haben die meisten West-Europäer auf den Überfall Russlands auf die Ukraine reagiert. So friedlich und unbeschwert schien das Leben nach 1989. So auch den vier Mitgliedern des Repair Club, die auf Wochenmärkten defekte Haushaltsgeräte reparieren, um ärmeren Mitbürgern zu helfen. Bis jemand eines Tages John Antink, dem stillen Chef der vier Rentner, statt einer verklemmenten Schreibmaschine eine Pistole vor die Nase hält.

Antink, von dem kaum jemand weiß, dass er der pensionierte Chef des niederländischen Geheimdienstes ist, erkennt in dem bewaffneten Kunden einen Boten aus seiner Vergangenheit. Die hat es in sich. In schubweisen Rückblenden, in denen gerade soviel verraten wird, wie für den Fortgang der Handlung nötig ist, erfahren wir, dass Antink unter dem Decknamen Danzler in Kooperation mit dem KGB und der Stasi in Dresden in den letzten Jahren vor 1989 Finanzkonstrukte geschaffen hat. Die dienten der sozialistischen Elite, ihre versteckten Vermögenwerte ins sichere westliche Ausland zu transferieren. Mit Billigung des niederländischen Geheimdienstes, der sich davon eine langfristige informationelle Information erhoffte. Bevor der Kunde seine weiteren Absichten kundtun kann, liegt er vergiftet in seiner Tarnwohnung.

Während Antink mit seinen Repair-Freunden versucht, die Bedrohungen der jüngeren postsozialistischen Vergangenheit einzukreisen, sieht sich seine dunkelhäutige Nachfolgerin nicht nur rassistischen und chauvinistischen Demütigungen ausgesetzt, sondern auch dem Vorwurf, illegal syrische Terroristen finanziert zu haben. Sie sucht nach Antink, der nicht zu finden ist. Währenddessen wird seine Frau, geduldige Hausfrau wie weiland Penelope, entführt und bedroht.

Den Tex legt hier einen der ersten Spionageromane vor, der sich nach dem vermeintlichen „Ende der Geschichte“ mit den west-östlichen Intrigen nach 1989 auseinandersetzt. Dabei deckt er nicht nur die westliche Doppelmoral auf, sondern spekuliert auch über langfristige Pläne eines kleinen, blonden KGB-Offiziers aus Dresden, der heute auf der Spitze eines Eisbergs aus Intrigen, imperialistischen Ambitionen und Atombomben sitzt. Hochspannend und voller unerwarteter Twists lehrt den Tex die Naiven – und das sind wir alle – , dass alles ganz anders ist als es scheint und man niemals den hehren Worten trauen kann, kommen sie nun aus westlichen oder östlichen Politiker- oder Geheimdienstmündern.

Der französische Soziologe Luc Boltanski hat seinerzeit beschrieben, dass der Beitrag der Kriminalliteratur zur Demokratie in der Förderung einer gesunden Paranoia und dem Misstrauen gegenüber stastlichen Machtapparaten besteht. „Repair Club“ ist hierfür ein mitreißendes Anschauungsbeispiel.

Tobias Gohlis ist Begründer und Sprecher der Krimibestenliste. Zu seinem Krimiblog Recoil, von dem dieser Text stammt, geht es hier.

Charles den Tex: Repair Club. Geheimnisse eines Meisterspions (De Repair Club, 2022). Deutsch von Simone Schroth. HarperCollins, Hamburg 2024. 496 Seiten, 14 Euro.

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