Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Susanne Tägder »Das Schweigen des Wassers«

Die Stimmung der Nachwendezeit

Eine Besprechung von Constanze Matthes

Er ist wieder zurück – an jenem Ort, von dem er einst als junger Mann geflüchtet war. Zwischen den Zeiten liegen drei Jahrzehnte, ein geteiltes Land und eine friedliche Revolution sowie der eine oder andere Schicksalsschlag. Kurz nachdem 1991 Hauptkommissar Arno Groth seinen Polizeidienst in Wechtershagen im heimatlichen Mecklenburg angetreten ist, landet der erste große Fall auf seinem Tisch. Am See wird die Leiche eines Mannes gefunden. Noch ahnt der Ermittler nicht, dass er mit der Vergangenheit konfrontiert wird – mehr als ihm lieb ist.

Der Mann hatte zuvor Groth um Hilfe gebeten. Dem Hauptkommissar vertraute er an, dass er sich verfolgt fühlt. Den Auftakt des Krimidebüts „Das Schweigen des Wassers“ der einstigen Richterin und Autorin Susanne Tägder macht zu Beginn eine andere Szene, die zurück in das Jahr 1980 führt. Eine junge Frau, Tochter eines Polizisten, wurde vergewaltigt und ermordet, ihre Leiche im Wald entdeckt. Wie nun Eck, der mit einem Bootsverleih seine Brötchen verdient, ums Leben gekommen ist, scheint zu Beginn indes nicht so klar.

Doch was zuerst wie ein Unfall aussieht, entpuppt sich wenig später ebenfalls als Tötungsverbrechen, was Groth allerdings schwer seinen Kollegen vermitteln kann. Die da sind: sein Vorgesetzter Bekendorf und Kommissar Gerstacker, mit dem Groth zu Beginn auf Kriegsfuß steht, die beide jedoch im Verlauf der Ermittlungen als Kollegen zueinander finden, ein ungleiches Paar, das sich zunehmend gegenseitig respektiert. Es braucht Zeit, bis sich Ost und West annähern, damals wie heute. Ihr Weg führt sie schließlich in das Umfeld des Opfers, der in jungen Jahren Gedichte schrieb und Musik machte, nunmehr allerdings als gesellschaftlicher Außenseiter galt und dem Alkohol verfallen war. Eck kannte nicht nur die junge Frau, die einst brutal aus dem Leben gerissen worden war. Er war einst zudem als Verdächtiger ins Visier der Polizei geraten.

Groth und Gerstacker graben tief, bis sie erkennen, dass beide Fälle miteinander verknüpft sind. Durch die weiteren Ermittlungen rücken die damals ermittelnden Polizisten mehr und mehr in den Fokus, wobei einer nach einem politischen Aufstieg nunmehr einen hohen Posten im Innenministerium des Landes bekleidet. Die Kommissare lernen nicht nur eine Kellnerin mit einem streng gehüteten Geheimnis kennen. Groth begegnet einem ambitionierten Reporter, der schon über das damalige Verbrechen berichtet hatte, und einer einstigen Mitschülerin. Groth muss sich den Gespenstern der eigenen Vergangenheit stellen. So wie Ecks Vater um einen aus den Bahnen geworfenen und letztlich toten Sohn trauert, trauert Groth um seine Tochter, die bei einem Unfall ums Leben kam.

Tägder, 1968 in Heidelberg geboren, hat in Deutschland und den USA studiert. Sie arbeitete als Anwältin in Frankfurt/Main und als Sozial-Richterin in Karlsruhe. Für ihre literarischen Texte wurde die Autorin, die mit ihrer Familie in der Schweiz und in Kalifornien lebt, unter anderem mit dem Walter-Serner Preis und dem Harder Literaturpreis ausgezeichnet. 2020 zählte sie zu den Gewinnern des narrativa-Schreibwettbewerbs, bei dem sie einen Text vorstellte, der die Idee zu ihrem Krimidebüt beinhaltet. Zu ihrem Roman inspirierte sie eine Zeitungsreportage.

„Das Schweigen des Wassers“ ist kein Krimi, der am Ende mit einer riesigen Überraschung aufwartet. Die Puzzleteile finden schon früh zueinander, und sicherlich ahnt man schon, in welche Richtung sich die Story letztlich entwickelt. Vielmehr überzeugt Tägder, wie sie anhand ihrer Figuren das Thema DDR umsetzt, sie die Stimmung der Nachwendezeit fühlbar macht. Sie erzählt von einem heimatlosen Rückkehrer genauso wie von einem Erfolgreichen und einem Verlierer, deren Lebenswege eng verwoben sind, wobei der eine ohne Gewissensbisse seine Macht missbrauchte, während der andere diese zu spüren bekam. Letztlich mit dramatischen Folgen.

Die DDR ist ein gar nicht so seltenes Sujet in der Krimiliteratur. Am wohl bekanntesten ist die erfolgreiche Reihe „Morduntersuchungskommission“ von Max Annas (Rowohlt). Und selbst internationale Autoren greifen die Vergangenheit des nicht mehr existierenden Landes auf. Zuletzt unter anderem der Schwede Gustaf Skördeman (Lübbe) mit seiner Geiger-Reihe über ein Stasi-Netzwerk. 

Was Tägders Roman über seine zwei Zeitebenen sowie mehrere Handlungsorte und -stränge hinaus so komplex und faszinierend macht, sind Verweise kultureller Art. Groth ist ein Vielleser, der unter anderem deshalb in den Westen geflohen war, weil er nicht Germanistik studieren durfte. Eck, aus dessen Feder auch der Titel des Romans stammt, schreibt. Groth liest Kafka, Eck die Gedichte von Hanns Cibulka. Zitiert wird aus den Songtexten der Ost-Rock-Band „Puhdys“.

Sprachlich glänzt dieser auch melancholische Roman, eine Sprachkunst, die man selten in Krimis findet, die einen mit jeder Szene in diese Zeit, in das Leben der verschiedenen Charaktere holt, die mal mehr mal weniger von der Geschichte und vom Leben gebeutelt sind. Noch kündigt der Verlag keine Fortsetzung an. Zu wünschen wäre es jedoch allemal. Denn Groth will man so schnell nicht als Ermittler in der Krimiwelt verlieren, und dann ist der knifflige Fall noch längst nicht wirklich zu seinem Ende gekommen.

Susanne Tägder: Das Schweigen des Wassers. Tropen Verlag/ Klett-Cotta, Stuttgart 2024. 336 Seiten, Klappenbroschur, 17 Euro.

Constanze Matthes – ihre Texte bei uns hier. Ihr Blog trägt den Titel Zeichen und Zeiten.

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