Geschrieben am 3. April 2025 von für Crimemag, CrimeMag April 2025

Sebastian Knauer: Spur des Geldes

Sebastian Knauer über Norbert F. Pötzls „Das Schattenreich des Alexander Schalck-Golodkowski“

Der gelernte Feinmechaniker war als stellvertretender Minister und Mitglied des SED-Zentralkomitees ganz oben in der real-sozialistischen DDR angekommen. Sein Auftrag: Devisen zu beschaffen, um Westwaren importieren zu können, die die DDR nicht selbst produzieren und mit ihrer nicht konvertiblen Währung nicht bezahlen konnte. Zugleich brauchte die DDR immer mehr Geld vom Westen, um den stets drohenden Staatsbankrott abzuwenden. Dafür baute der „Devisenbeschaffer“ Alexander Schalck-Golodkowski den geheimnisvollen Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) auf, ein Imperium von mehr als 200 Firmen, die ihren Sitz größtenteils im kapitalistischen Ausland hatten. Rund 28 Milliarden D-Mark führten die Unternehmen zwischen 1967 und 1989 an die DDR-Staatskasse ab. Zusammen mit dem CSU-Chef und Kommunistenfeind Franz Josef Strauß fädelte der in der ostdeutschen Bevölkerung nahezu unbekannte Politiker 1983 einen „Milliardenkredit“ für die DDR ein. Der langjährige „Spiegel“-Redakteur und renommierte Sachbuchautor Norbert F. Pötzl, 76, (er schrieb Bücher über Uwe Barschel, Erich Honecker, DDR-Anwalt Wolfgang Vogel, Unternehmer Berthold Beitz, Otto von Bismarck und die Treuhandanstalt) legte jetzt eine akribisch recherchierte und nüchtern geschriebene Innenansicht von Schalcks „Schattenreich“ vor. Es ist das bisher wohl kenntnisreichste Buch über den Mann, der im Revolutionsherbst 1989 von den eigenen Genossen fallen gelassen wurde, in den Westen floh und sich dem Bundesnachrichtendienst (BND) anvertraute.

Ein Krimi über einen Kommunisten als internationalen kapitalistischen Konzernlenker, den sich kein fiktionaler Autor ausdenken kann. Denn alles ist wahr.

Von Sebastian Knauer

Der Ort für die Vorstellung des Buches „Das Schattenreich des Alexander Schalck-Golodkowki“ aus dem Europa-Verlag war gut gewählt: die Gedenkstätte in der ehemaligen Bezirksverwaltung der Staatssicherheit in der „Runden Ecke“ in Leipzig. Denn die Stasi stand Pate bei der Gründung des Bereichs „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo): Bei der Leipziger Herbstmesse 1962 lernte Schalck die beiden Stasi-Offiziere kennen, die fortan seine Karriere bestimmten.

Die Sachsenmetropole, wo die Monografie bei der diesjährigen Buchmesse präsentiert wurde, war zu DDR-Zeiten der Umschlagplatz für den Ost-West-Handel. Bei den Industriemessen im Frühjahr und im Herbst wurden hier Geschäfte über Industriegüter und Rohstoffe, Lebensmittel und Textilien angebahnt und abgeschlossen. Für Schalck ging es vor allem um Waren, an denen es im Arbeiter- und Bauernstaat als Ergebnis einer verfehlten Wirtschaftspolitik ständig mangelte.

Ein bedeutsames Geschäftsfeld von Schalcks KoKo war der Freikauf politischer Gefangener. Anwälte und Ministerialbeamte handelten aus, wer in den Westen entlassen wurde, bisweilen legte die Staatssicherheit ihr Veto ein. Reisebusse eines hessischen Touristikunternehmens mit drehbaren Nummernschildern und einer Ost- als auch West-Kfz-Zulassung verkehrten zwischen dem Auslieferungsgefängnis Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) und dem Notaufnahmelager in Gießen. Im Gegenzug lieferte das Diakonische Werk im Auftrag der Bundesregierung Waren und Rohstoffe im Wert von insgesamt 3,4 Milliarden D-Mark.

KoKo-Firmen betrieben internationalen Waffenhandel, exportierten Kunstgegenstände, die sie Sammlern abgepresst hatten, importierten teils giftigen Müll aus der Bundesrepublik und lagerten ihn auf DDR-Deponien, unterhielten die Intershops und den Genex-Geschenkdienst. Den Politbürokraten in ihrer abgeschotteten Wohnsiedlung Wandlitz nördlich von Berlin organisierte KoKo ein gutes Leben mit westlichen Luxusgütern, und wenn Erich Honecker in Urlaub fuhr, beschaffte Schalck ihm aus West-Berlin kofferweise Videokassetten, vorzugsweise Softpornos.

Schalck, formal nur Staatssekretär im Außenhandelsministerium, war einer der mächtigsten Politfunktionäre in der Ost-Republik. Als Emissär von SED-Generalsekretär Honecker verhandelte er mit bundesdeutschen Politikern und Diplomaten; das KoKo-Imperium steuerte er, nur dem DDR-Wirtschaftslenker Günter Mittag unterstellt, nahezu unkontrolliert; als „Offizier im besonderen Einsatz“ diente er Stasi-Minister Erich Mielke. Der fungierte persönlich auch als „Doktorvater“ bei Schalcks Promotion an der Stasi-Hochschule Potsdam-Golm; die gemeinsam mit seinem Stasi-Verbindungsoffizier gefertigte „Dissertation“ war eine Handlungsanleitung für die wirtschaftskriminellen Aktivitäten des rund 3000 Mitarbeiter umfassenden Bereichs KoKo. Ein Exemplar des geheimen Gemeinschaftswerks wurde 1990 in einem Tresor Mielkes gefunden.

Buchautor Pötzl, in den 1990er-Jahren „Spiegel“-Büroleiter in Berlin und nahe dran an der Verfolgung von DDR-Regierungskriminalität, erweist sich als sachkundiger Führer durch Schalcks weit verzweigtes Schattenreich. Rund 100 Mitarbeiter in der KoKo-Zentrale an der Ost-Berliner Wallstraße dirigierten neben normalen Handelsunternehmen in der DDR und SED-Parteifirmen in der Bundesrepublik auch etliche gut getarnte Briefkastenfirmen vor allem in Liechtenstein und der Schweiz, die keine Rückschlüsse auf die DDR als Eigentümerin zuließen. KoKo erwirtschaftete mit diesen Unternehmen Milliarden an Devisen. Einen beträchtlichen Teil davon, der nicht an die Staatskasse abgeführt wurde, legte Schalck auf verschwiegenen Nummernkonten im westlichen Ausland an oder er beteiligte sich damit an Firmen von den Kanarischen Inseln bis in die Karibik.

Als Notreserve orderte Schalck kurz vor dem Ende der DDR 21 Tonnen Gold. Nach Schalcks Flucht wurden die Edelmetall-Barren (heutiger Wert: rund 1,3 Milliarden Euro) aus dem KoKo-Keller in den Tresor der DDR-Staatsbank transportiert. Weil der Goldschatz bei der Wiedervereinigung im Oktober 1990 nicht aufgefunden wurde, rankten sich Verschwörungserzählungen um dessen Verbleib. Tatsächlich, recherchierte Pötzl, wurde das Gold kurz vor der Währungsunion an die Staatsbank verkauft und ging nach der Wiedervereinigung an die neuen Aktionäre über.

Auch westdeutsche Unternehmen profitierten von Geschäften mit Schalcks KoKo. Im Wege der „Gestattungsproduktion“ ließen rund 120 Firmen – Vorreiter war der Schuhhersteller Salamander – Waren billig in der DDR fabrizieren; die Devisengewinne strich KoKo ein. Mit Hilfe von Elektronikkonzernen wie Siemens und Heraeus unterliefen KoKo-Firmen das westliche Handelsembargo. Die bayerischen Fleischgroßhändler März und Moksel ließen Vieh im Osten preisgünstig mästen und schlachten und verkauften das Fleisch mit hohen Gewinnen in der gesamten Europäischen Gemeinschaft. Der so zu Reichtum gekommene März-Clan dankte es Schalck 1990, indem er dem DDR-Flüchtling ein verzinstes Darlehen von 600 000 D-Mark gewährte.

Westdeutschlands politische und wirtschaftliche Elite hofierte Schalck zu DDR-Zeiten wie kaum einen anderen ostdeutschen Politiker. Engster Gesprächspartner seit 1986 war der damalige Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble (CDU). Schäuble sei seine „wichtigste lebende Vertrauensperson“ gewesen, sagte Schalck. Die beiden trafen sich 17-mal, zunächst in Schalcks Ost-Berliner Büro oder in Gästehäusern des DDR-Ministerrats, später in Schäubles Bonner Amtszimmer. Sie bereiteten auch Honeckers Besuch in der Bundesrepublik 1987 vor. 

Nach seiner Flucht in den Westen erhoffte sich Schalck Hilfe von Schäuble, die dieser ihm versprochen habe. Doch der Bonner Minister blockte ab, Schalck müsse ihn missverstanden haben. Schäuble bestritt auch, Schalck an den Bundesnachrichtendienst (BND) vermittelt zu haben. Beim Pullacher Geheimdienst breitete Schalck seine Insiderkenntnisse über Ost-Berliner Politiker aus und plauderte über KoKo-Geschäfte, verschwieg allerdings für ihn brisante Details.

Norbert F. Pötzl © Stefan Hoyer

Pötzls Buch liefert unter anderem neue Indizien für ein von Schalck betriebenes geheimes Dreiecksgeschäft in den 1980er-Jahren mit dem damaligen Apartheidstaat Südafrika. Zur selben Zeit, als Schalck ein Kreuzfahrtschiff aus Südafrika über eine westdeutsche Reederei kaufte, wurden illegal von schleswig-holsteinischen Firmen Konstruktionsunterlagen und Bauteile für U-Boote nach Südafrika geliefert – offenbar unter Mithilfe Schalcks. Dadurch gerät auch der Tod des Kieler Ministerpräsidenten Uwe Barschel 1987 in einem Genfer Hotel wieder in den Fokus, da der CDU-Politiker zahlreiche mysteriöse Reisen in die DDR unternommen hatte und möglicherweise in Waffengeschäfte verstrickt war.

Bei der Suche nach verschwundenen KoKo-Milliarden stießen Mitarbeiter der Treuhand-Nachfolgerin BvS (Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben), auf eine mysteriöse Zekom AG, die sowohl in der Schweiz als auch in Liechtenstein registriert war und mit Erdöl, Stahl und Zement handelte. Der verstorbene Treuhänder Hans J. Siegwart behauptet in einer schriftlichen Vernehmung aus Südafrika durch die deutschen Staatsanwälte, dass auch Franz-Josef Strauss und ein deutsch-schweizerischer Geschäftsmann mit Wohnsitz nahe Kiel in Schleswig-Holstein zu den „Gründungsgesellschaftern“ der Gesellschaft gehört haben sollen, wofür es keine Handelsregister-Einträge gibt. Die Embargo-Güter wurden unter Kontrolle der KoKo über den Hafen Rostock verschifft.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Schalck in Rottach-Egern am Tegernsee, worüber SPIEGEL-TV eine informative Dokumentation drehte.

2015 starb Schalck an einer Krebserkrankung im Alter von knapp 83 Jahren. Beigesetzt wurde er auf dem Auferstehungsfriedhof in Berlin-Weißensee, im Osten der Hauptstadt. Sein Grab ist nur 50 Meter von dem des bekanntesten Mauertoten Peter Fechter entfernt, der 1962 von DDR-Grenzern bei seinem Fluchtversuch niedergeschossen wurde und unter den Augen der Weltöffentlichkeit verblutete.

Norbert F. Pötzl: Das Schattenreich. Vom Entstehen und Verschwinden der DDR-Milliarden. Europaverlag 2025. 25 Euro.

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