Geschrieben am 3. April 2025 von für Crimemag, CrimeMag April 2025

Schatzsuche zu Ostern

Eine Vielzahl von Krimi-Neuheiten …

… erscheinen jeden Monat, dazu Graphic Novels (vulgo: Comics) und DVDs und BluRays. 

Unmöglich, das alles zu überblicken und zu rezensieren. 

CrimeMag siebt und schürft deshalb für Sie und weist hier regelmäßig mit Hilfe befreundeter Buchhandlungen nach interessanten Neuerscheinungen.

In dieser Ausgabe neben Empfehlungen aus der Redaktion:

Chatwins (Berlin) und Buchladen in der Osterstraße (Hamburg)

Bitte denken Sie daran, dass gerade in diesen Zeiten Ihre lokalen Buchhandlungen besonderer Unterstützung und Solidarität bedürfen. Lieber dort bestellen als bei amazon. Man kann das nicht oft genug sagen – und tun.

Torsten Meinicke, Buchladen in der Osterstraße, Hamburg:

Es gibt so einiges Gutes zu empfehlen seit den letzten Wochen. Hier meine Tipps:

Malin Thunberg Schunke, Ein höheres Ziel (Ü: Stefanie Werner), Polar 2025, 372 S., 17 Euro

Nach einer Schießerei in einer Bar an der Cote d’Azur kommt der schwedische Staatsbürger Amir Yasin als Tatverdächtiger in Untersuchungshaft. Ermittlungsrichter Duvernoy glaubt an ein islamistisches Attentat und die Mittäterschaft Yasins. Was gelten Menschenrechte in Europa? Fabia Moratti und Esther Edh von Eurojust in Den Haag glauben weder an Yasins Schuld noch  an einen islamistischen Hintergrund. Ein länderübergreifender Kampf um Gerechtigkeit beginnt. Fortsetzung folgt. Wir freuen uns darauf.

Steffen Kopetzky, Atom, Rowohlt 2025, 412 S., 26 Euro

1944 steht der Sieg der Alliierten fest. Doch das NS-Regime träumt weiter von der Atombombe. Verhindern soll das Simon Batley vom MI6, der schon als Student in Berlin für die Engländer spioniert hat und sich dort in eine Deutsche verliebt hat. Auch Russen und Amerikaner sind an der Raketenforschung der Nazis interessiert. Ein Wettlauf um die Bombe und die Jagd auf Hans Kammler, den Herrn über die Wunderwaffen, beginnt. Kopetzkys hochspannender Roman ist großes Hollywoodkino zwischen Buchdeckeln.

Dirk Schmidt, Die Kurve, Suhrkamp 2025, 275 S., 17 Euro

„You better call Carl …“ Das ist mal eine Karriere: Vom Jugendzentrum zum Boss für kriminelle Dienstleistungen. Carls Aufträge sind vielfältig. Ein Mafiapate braucht Schutz während einer Reise, ein Amerikaner lässt nach den Mördern seiner Tochter fahnden. Immer dabei: Ridley, zwischen Genie und Wahnsinn, Betty, die alles besorgen kann, und Schneider, der Mann für das ganz Grobe. Bald läuft alles aus dem Ruder. Ein ganz besondere Thriller und, klar, Ein Happy End ist nicht unbedingt zu erwarten.

Nicolás Ferraro, Ámbar (Ü: Kirsten Brandt), Pendragon 2025, 312 S., 22 Euro

Andere 15-Jährige gehen tanzen. Ámbar dagegen flickt die Wunden von Victor Mondragón zusammen. Der ist ihr Vater, Gangster und auf der Flucht und Jagd durch Argentinien. Immer bei ihm ist Ámbar, die Mutter hat längst das Weite gesucht. Ein Zuhause, Spaß und Freundinnen gibt es für Ámbar nicht. Als sie selbst in Lebensgefahr gerät trifft die junge Frau eine Entscheidung. Und zwar eine endgültige. Mit dem argentinischen Autor Nicolás Ferraro betritt eine starke neue Stimme den deutschen Krimimarkt.

Jérôme Leroy, Die letzte Französin (Ü: Cornelia Wend), Edition Nautilus 2025, 104 S., 16 Euro

Eine Stadt in Frankreichs: Dschihadisten mit Kalaschnikows träumen von himmlischen Jungfrauen, ein islamistisches Attentat steht bevor. Der Patriotische Block will durchgreifen. Doch dann erschießen Cops den eigenen Undercover-Ermittler. Fortan wird wahllos auf vermeintliche Terroristen geballert und dann ist da ja noch die junge Stacy. Wird die Bombe hochgehen? Leroy beschreibt ebenso elegant wie illusionslos eine desperate Gesellschaft, eingedampft auf gut 100 Seiten und hervorragend übersetzt.

Max Annas, Tanz im Dunkel, Suhrkamp 2025, 238 S., 17 Euro

Köln 1959: Adi, Hagen und Gisela sind jung und Rock’n’Roll-begeistert und auf der Suche nach dem Mörder ihres Kumpels Karl. Ebenfalls in der Stadt unterwegs: ein Rächer auf der Jagd nach denen, die sich 1938 schuldig gemacht haben. Auch alte Nazis sind längst wieder in aktiv. Viel Arbeit also für Kommissar Hartmann. Es kommt zum Showdown und am Heiligabend liegen Leichen auf dem Pflaster der Domstadt. Annas‘ Buch ist ein Thriller und zugleich Vergangenheitsbewältigung der ganz konsequenten Art.

Johannes Groschupf, Skin City, Suhrkamp 2025, 232 S., 17 Euro

Romina Winter ist Romnja und Polizistin in Berlin. Dort arbeiten auch Koba und seine georgischen Kumpels, die im Auftrag der Mafia in Häuser einbrechen. Frisch aus dem Knast gekommen ist Jacques Lippold. Der wanzt sich an die Berliner Kunstschickeria ran, um mit Kunstdeals Geld zu machen. Als Rominas Schwester verprügelt wird, beginnt Romina auf eigene Faust zu ermitteln. Und ja, auch wenn die Stadt groß ist; die Wege der drei kreuzen sich. Das geht nicht ohne Verluste ab. Ein großartiger Berlin-Thriller!

Claudia Denker, Chatwins, Berlin:

Weil die Schatzsuche eine Zeit pausiert hat, empfehle ich heute mal ein paar Titel, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

Ein kleines Wunderwerk ist das Büchlein von Jérôme Leroy: »Die letzte Französin« (Edition Nautilus, deutsch von Cornelia Wend). Verwirrung um ein geplantes Attentat – 98 Seiten Action, witzig und fies!

1959, Hakenkreuze an der Wand. Eine Reihe toter Männer. Wer oder was steckt dahinter? Von Max Annas, der übrigens mit Leroy 2022 ein kleines Gemeinschaftsprojekt verfasst hat (»Terminus Leipzig«, Edition Nautilus), ist im Januar bereits »Tanz im Dunkel« bei Suhrkamp erschienen. Im CrimeMag gab es bereits Textauszüge, es ist mehrfach besprochen worden, darf hier aber auf keinen Fall fehlen.

Von Köln 1959 nach Berlin 2024: »Skin City« von Johannes Groschupf (Suhrkamp) erschien einen Monat später. Ein großes Vergnügen, den Einbrechern, Gaunern und Betrügern zuzuschauen!

Frauen, die aus dem Knast entlassen werden – auf das neue Buch von Claudia Piñeiro »Die Zeit der Fliegen« (Unionsverlag, deutsch von Silke Kleemann) habe ich mich sehr gefreut und bin nicht enttäuscht worden. Es gibt ein Wiedersehen mit Inès, die vor 15 Jahren die Geliebte ihres Mannes umgebracht hat, das kann man nachlesen in dem Roman »Ganz die Deine« (2003, Unionsverlag, deutsch von Peter Kultzen). Bemerkenswert auch die verschiedenen Erzählperspektiven, die Autorin hat zwischendurch auch etwas zu sagen. Ein Buch mit viel bösem Witz.

Florida und Dios werden vorzeitig auf Bewährung entlassen. In Ivy Pochodas »Sing mir vom Tod« (Suhrkamp, deutsch von Stefan Lux) geht es weniger heiter zu. Ein tödliches Buch.

Sehr gerne gelesen habe ich von Liz Moore »Der Gott des Waldes« (C.H. Beck, deutsch von Cornelius Hartz), die 588 Seiten kann man schnell wegknabbern. Ein Buch über soziale Ungerechtigkeit.

Noch ein paar Hinweise aus der Redaktion

(TW) James Graham Ballard war einer der wichtigsten Autoren des 20. Jahrhunderts – im deutschsprachigen Raum leider nicht breitenwirksam zu vermitteln. Deswegen ist es natürlich sehr schön, dass endlich sein grandioser Roman „Super-Cannes“ (2000) erstmals auf Deutsch vorliegt – peinlich lieblos aufgemacht bei Diaphanes, von Helma Schleif sehr gut übersetzt.

(TW) Ein guter, wenn vielleicht auch ein wenig zu langer Kriminalroman ist Liz Moores „Der Gott des Waldes“ (Ü: Cornelius Harz, C.H. Beck). Wollüstiges Lesefutter, aber keinesfalls das „Genre verändernd“, wie der SPIEGEL trompetete.

(TW) Für Freundinnnen und Freunde des gepflegten Bilderbuchs: Die Graphic-Novel-Adaption von Simenons „Der Passagier der Polarys“ (Ü: Christoph Haas, Carlsen) von José-Louis Bocquet und Christian Cailleaux. Mord auf hoher See kommt immer gut!

(TW) Wichtig – Anders Engberg-Pedersen „Martialische Ästhetik. Wie Krieg zu einer Kunstform wurde“ (Ü: Till Bardoux, Wallstein). Brillante Analysen zum Thema „Militarisierung der Ästhetik“, „Krieg als ästhetische Form“.

(TW) Gerade noch reingekommen – Szczepan Twardochs „Die Nulllinie. Roman aus dem Krieg“ (Ü: Olaf Kühl, Rowohlt Berlin). Direkt von der Front in der Ost-Ukraine. Bin mehr als gespannt.

(sh) Raoul Pecks „I am not you negro“ ist einer der Dokumentarfilme, die ich am häufigsten empfohlen habe – am 17. April startet ein neuer Film des haitianischen Regisseurs: „Ernest Cole – Lost and Found“ über den südafrikanischen Fotografen Ernest Cole, dessen Fotobuch „House auf Bondage“ 1967 die rassistische Gegenwart in seinem Land gezeigt hat.

(sh) Auf der Leipziger Buchmesse entdeckte ich am Culturbooks-Stand ein zauberhaft-kluges Buch aus den Philippinen: Archie Oclos: Die Straßenkatzen von Manila – voller Zeichnungen, voller Katzen.

(sh) Vor kurzem hatte ich es in der Post, demnächst werde ich es lesen: Mit „Stimmenfang“ schließt der Alexander Verlag seine Ross-Thomas-Werkedition ab. Es ist das Buch, auf das ich am meisten gespannt bin – nun ist es endlich da.

(sh) In einer Neuübersetzung von Maren Kames, mit einem Nachwort von Mithu Sanyal und Illustrationen von Julia Kissina erscheint am 14. April Angela Carters „Die blutige Kammer“ bei Suhrkamp. Darin dichtet Carter ohnehin schon gruselige Märchenerzählungen wie Blaubart feministisch um. Ich werde mich heranwagen.