Blues Detectives
Ein kurzer Überblick über die afroamerikanische Kriminalliteratur – von Robert Brack
Die Entdeckung von Jake Lamar („Das schwarze Chamäleon“, Edition Nautilus) haben wir ihm zu verdanken, jetzt führt uns der Hamburger Schriftsteller Robert Brack auf einen großen Aussichtsturm. Seine kenntnisreiche Expedition wirft Licht auf eine bisher (viel zu) wenig erhellte Seite der Kriminalliteratur.
Zur Zeit der Harlem Renaissance in den 1920er Jahren schrieb der Schriftsteller und Journalist George S. Schuyler: „In den Wohnungen der schwarzen und weißen Amerikaner, die sich auf dem gleichen kulturellen und ökonomischen Niveau befinden, trifft man auf die gleichen Möbel und Bücher und Gespräche. Wie kann man da von den schwarzen Amerikanern erwarten, Kunst oder Literatur zu produzieren, die sich von denen des weißen Amerika unterscheidet?“ Dabei hatte er sicherlich vor Augen, dass viele afroamerikanische Künstler sich dem Thema Rassismus widmeten. Aber man könnte auch hinzufügen: Wieso sollten die schwarzen Schriftsteller sich nicht auch mit jenen Spielarten des Schreibens beschäftigen, die damals in den „niederen Gefilden“ der Literatur angesiedelt wurden (und manchmal heute noch werden)? Warum sollte es nicht auch schwarze Genrewerke geben, Black Noirs, um genau zu sein? Tatsächlich gab es diese schon sehr früh.

Eine umfassende Darstellung der afroamerikanischen Kriminalliteratur von Anfang bis heute liegt meines Wissens noch nicht vor, wenn man mal von dem sehr lobenswerten Kurzabriss am Ende von Paula L. Woods Anthologie „Spooks, Spies & Private Eyes“ absieht, wo die große Erzählerin des Black Noir die Arbeiten ihrer afroamerikanischer Kollegen in die Entwicklungsgeschichte der Kriminalliteratur einordnet.
EINE FRAU WEIST DEN WEG (1900)
Woods weist darauf hin, dass zwar eine Frau gleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die erste Detektivgeschichte mit einer schwarzen Detektivin verfasste, aber schon 1820 die erste True-Crime-Story von Lemuel Haynes (1753-1833) aufgeschrieben und veröffentlicht wurde: „Mystery Developed“ schildert den Fall eines Mannes, der nach dem Verschwinden seines Bruders des Mordes an ihm angeklagt wird.
Das war zwei Jahrzehnte, bevor Edgar Allen Poe 1841 die Detektivgeschichte in die Literatur einführte. Ihm folgte Arthur Conan Doyle, der ab 1867 mit seinen Sherlock-Holmes-Geschichten das Genre grundlegend definierte. Es war dann aber eine Afroamerikanerin, die das Genre konsequent auf einen sozialrealistischen Boden stellte: Pauline Hopkins (1859-1930) veröffentlichte 1901 ihren Kriminalroman „Hagar’s Daughter“ als Serienabdruck in der Zeitschrift „The Colored American Magazine“, einer unabhängigen Zeitschrift, die zunächst in Boston, später in New York von Schwarzen herausgegeben wurde, in einer Auflage von immerhin 15.000 Exemplaren.
Bemerkenswert an dem Roman (der nie ins Deutsche übersetzt wurde) ist nicht nur das frühe Erscheinungsdatum, sondern auch die Detektivfigur: Im Mittelpunkt von „Hagar’s Daughter“ steht kein exzentrischer Privatermittler wie bei Poe oder Doyle, sondern ein Hausmädchen: Venus Johnson, die das Rätsel um ein entführtes Mädchen aufklärt und dabei tief in die dunklen Geheimnisse einer Familie weißer Plantagenbesitzer eindringt. In seiner Offenlegung rassistischer Stereotypen und Vorurteile ein bemerkenswert kühnes Werk.
Damit hatte Pauline Hopkins schon Jahrzehnte vor dem großen künstlerischen (und eben auch literarischen) Aufbruch der „Harlem Renaissance“ einen großen Wurf gelandet, war aber in den 1920ern bereits vergessen und hatte keinen Einfluss auf neuere Entwicklungen, obwohl sie noch drei weitere Romane und zahlreiche Theaterstücke publizierte. Erst 1972 wurde ihr Werk von der Literaturwissenschaftlerin Ann Allen Shockley wiederentdeckt und erfuhr seither die angemessene Würdigung.

VOODOO-KULT UND ZAUBEREI (1910-20)
Inhaltlich nicht weniger kühn (sogar kompromisslos radikal) nahm sich John Edward Bruce (1856-1924) dem Thema Kriminalgeschichte an. In seinem 1908 veröffentlichten Roman „The Black Sleuth“ reist der Afrikaner Sadipe nach Amerika, wo er bei einer internationalen Detektivagentur anheuert, um einen in Afrika gestohlenen Diamanten ausfindig zu machen. In der Agentur arbeiten Angehörige aller Hautfarben, allerdings bilden die schwarzen Detektive eine besondere Gruppe, die nun in den Süden der USA reist, um dort auf die brutalen Auswirkungen rassistischer Unterdrückung zu treffen. Dank Sadipes kulturellem Backround als Afrikaner sowie bestimmten Fähigkeiten, die nur Schwarzen zugänglich sind (darunter subkulturelle Praktiken wie Voodoo oder die Besinnung auf afrikanische Wurzeln) können sie den weißen Unterdrückern die Stirn bieten.
John Edward Bruce wusste, wovon er schrieb, er war 1856 in Maryland als Sklave geboren worden. Er arbeitete als Journalist für zahlreiche afroamerikanische Zeitungen und Zeitschriften, engagierte sich in der frühen Bürgerrechtsbewegung und war ein wichtiger Vertreter des „Black Nationalism“.
Hopkins arbeitete mit Gothic-Elementen in ihrem Roman, Bruce nutzte Aspekte des Übernatürlichen, um seinen schwarzen Detektiven in der Welt der übermächtigen Weißen eine Chance zu geben. Der nächste bedeutende schwarze Krimi-Autor Rudolph Fisher (1897-1934) nutzte die Genre-Elemente, um seinen Zeitgenossen die Absurdität des in der Black Community grassierenden Aberglaubens ironisch vorzuführen. In seinem einzigen Kriminalroman „The Conjureman Dies“ (mit ausschließlich schwarzem Personal) wird ein aus Afrika stammender „Zauberer“ in seinem Besprechungszimmer in Harlem tot aufgefunden und ein Kriminalbeamter und ein Amateurdetektiv ermitteln gemeinsam. Beide müssen sich irgendwann die Frage stellen, ob der Zauberer wirklich tot und wo seine Leiche abgeblieben ist. Ins Visier der Detektive geraten zwei Herumtreiber namens Bubber Brown und Jinx Jenkins, die nun ihrerseits versuchen müssen, ihre Unschuld zu beweisen. Harlemtypische Absurditäten und wundersame oder lustige Begebenheiten reihen sich aneinander, bis der Fall schließlich logisch und rein wissenschaftlich gelöst wird.

Erstaunlich an diesem Buch ist, dass darin identitätspolitische Fragen, die heute im Zusammenhang mit „racial conflicts“ auf der Tagesordnung stehen, schon bis in alle Details abgehandelt werden – „The Conjureman Dies“ erschien 1932. Rudolph Fisher stammte aus dem afroamerikanischen Mittelstand und arbeitete als Mediziner und Forscher. Er starb schon im Alter von 37 Jahren, womöglich an den Folgen seiner radiologischen Experimente im eigenen wissenschaftlichen Labor. Seine Werke wurden zu Lebzeiten in den einschlägigen literarischen und künstlerischen Zeitschriften der Harlem Renaissance publiziert und vor einigen Jahren wiederveröffentlicht. (Siehe auch Artikel im CrimeMag von Sonja Hartl).
DER KAMPF UMS ÜBERLEBEN (1930-40)
Etwa zur gleichen Zeit trat auch der zu Anfang erwähnte George S. Schuyler (1895-1977) an, um die schwarze Literatur mit einer neuartigen Kombination aus Thriller und Science-Fiction zu bereichern: Im Mittelpunkt seines Romans „Black Empire“, der 1936-38 im „Philadelphia Courier“ in Serie abgedruckt wurde, steht Dr. Henry Belsidus, der davon besessen ist, Rassismus und Armut ein für alle Mal auszurotten, indem er, unterstützt von eigens dafür angeworbenen schwarzen Intellektuellen, die Weltherrschaft an sich reißt. Es ist weniger ein Genrewerk als ein philosophischer Roman, der aber schon die Thematik und Radikalität der postmodernen Kriminalromane von Ishmael Reed vorwegnimmt. Unter dem Pseudonym William Stockton hat Schuyler auch Kriminal-Stories veröffentlicht.

An dieser Stelle könnte man nun (auch angesichts der Öffnung des Genres in alle Richtungen, wie es Autoren und Kritiker seit geraumer Zeit befördern) Richard Wright (1908-60) einfügen, den großen Klassiker der afro-amerikanischen Literatur. Sein 1940 erschienener Roman „Native Son“ (dt. „Sohn dieses Landes“, Neuausgabe bei Kein & Aber, 2019) weist deutliche Noir-Elemente auf (Paranoia, Schicksalhaftigkeit, die weiße Femme fatale) und enthält auch genügend Action-Szenen, um als Genrewerk „gelesen“ werden zu können – aber er wurde wegen seiner literarischen Qualität und seiner bahnbrechenden Kritik am Rassismus und der bigotten Moral der weißen Mehrheitsgesellschaft zu einem der einflussreichsten literarischen Werk der afroamerikanischen Kultur (nicht zuletzt deshalb, weil auch die Weißen sich genötigt sahen, dieses Buch zu lesen).
BURLESKER REALISMUS (1950-60)
Fast schon brachial wandte Chester Himes (1909-84) sich in den 1950er Jahren dem Kriminalroman zu, nachdem er, Wrights Beispiel folgend, einige sozialkritische Romane, aber auch schon diverse Kriminalgeschichten verfasst hatte. In seinen absurd-burlesken Harlem-Romanen, in deren Zentrum die recht brutal agierenden Police-Detectives Coffin Ed Johnson und Grave Digger Jones stehen, beschreibt er ein fiktives, fast schon alptraumhaft surreales Harlem, in dem jede Menge rassistische und subkulturellen Horrorszenarien hochkochen.
Wäre Himes nicht, wie Richard Wright und viele andere afroamerikanische Literaten, nach Frankreich gegangen, wer weiß, ob es zu dieser Serie gekommen wäre, denn es war Marcel Duhamel, der Herausgeber der Série Noire bei Gallimard, der den notorisch klammen Autor dazu überredete, sich mit Krimis in Serie zu versuchen. Und so erschien 1957 mit „For the Love of Imabelle“ (später auch unter dem Titel „A Rage in Harlem“) der erste Roman des bahnbrechenden Zyklus, dessen Bedeutung für das Genre ganz allgemein kaum überschätzt werden kann (dt. zum ersten Mal 1962 bei rororo-thriller). Auch jenseits dieser Harlem-Reihe hat Himes noch Krimis geschrieben, zum Beispiel „Run Man Run“ (1960), ein brillant konstruierter Whodunit, der immanente Schwächen und institutionalisierten Rassismus des US-Justizsystems offenlegt. (Siehe auch die ausführliche Würdigung des Autors durch Thomas Wörtche im CrimeMag.)
Einen nahezu klassischen, international angelegten Polit-Thriller schrieb John A. Williams (1925-2015) mit „The Man Who Cried I am“. In dem 1967 publizierten Bestseller reist ein amerikanischer Journalist nach Europa und nimmt am Begräbnis eines engen Freundes in Paris teil. Der wurde ermordet, nachdem er Beweise für einen Plan der US-Regierung zur Unterdrückung der wirtschaftlichen Entwicklung afrikanischer Länder und zur Internierung der afroamerikanischen Minderheit im eigenen Land gefunden hatte. Der fiktive „King Alfred Plan“ kursiert noch heute als Verschwörungstheorie in Kreisen der Black Community. Das Buch ist auch ein Schlüsselroman, in dem Williams‘ enger Freund Chester Himes sowie Richard Wright, Malcolm X, Martin Luther King, James Baldwin und andere Prominente unter Pseudonym, aber deutlich erkennbar auftreten. Williams schrieb noch drei weitere Thriller, darunter „Sons of Darkness, Sons of Light“, der als Detektiv- und Spionagegeschichte beginnt und in einem apokalyptischen „Rassenkrieg“ mündet. Seltsamerweise wurde bislang noch kein Roman dieses bedeutenden Autors ins Deutsche übersetzt.

Der ironisch angelegte Thriller „The Spook Who Sat By The Door“ von Sam Greenlee (1930-2014) , der 1969 in den USA erschien (ein Jahr später auf Deutsch unter dem Titel „Der Kerl, der vor der Tür saß“), erzählt von einem ehemaligen (dem ersten) afroamerikanischen CIA-Agenten, der sein Know-how dazu nutzt, junge Schwarze aus den Ghettos anzuheuern, um mit ihnen als Guerilla-Truppe namens „Freedom Fighters“ die amerikanische Regierung herauszufordern, zunächst mit Bombenanschlägen, dann mit einem organisierten Aufstand. Die satirische Darstellung einer zwangsläufig in einen gewalttätigen Aufstand umschlagenden Bürgerrechtsbewegung wurde 1973 verfilmt und damit zum kämpferisches Statement einer neuen Generation enttäuschter Aktivisten, wie Greenlee in einem Interview anmerkte: „Mit diesem Buch wollte ich die Idee propagieren, dass Gangs anstatt zu Feinden, zu Beschützern der Community werden könnten … mit dem Film wollten wir Schwarze ermutigen, einen Aktionsplan zu erstellen für das ‚Überleben im Herzen der Bestie‘, anstatt immer nur als Opfer auf den Rassismus der Gesellschaft zu reagieren.“ Diese Haltung passt sehr genau auf die grundlegende Story-Idee der kurz darauf von Donald Goines verfassten Kenyatta-Romane, die wir weiter unten noch behandeln.
SPRENGUNG DER FORM (1970)

Andere Erben von Chester Himes wandten sich ab von bilderstürmerischer Verzweiflung und zorniger Resignation und nahmen Zuflucht zu stilistischer Raffinesse und poetischer Souveränität. Tatsächlich kann man den Werken von Clarence Major (*1936) und Ishmael Reed (*1938) schon das Vergnügen an postmoderner Dekonstruktion ansehen. Mit „Reflex and Bone Structure“ schuf Clarence Major 1975 einen metaphysischen Kriminalroman, in dem der unzuverlässige Erzähler den Leser auf unsicheres Terrain führt und ihn dort mit seiner Verwirrung allein lässt. Ein Mord als Möglichkeit, eine Ermittlung als Unmöglichkeit, eine Spannungsdramaturgie, die in die Irre führt – was Himes angelegt hat, wird bei Major literarisch vollendet. Womit natürlich eine Kritik am Detektivroman einhergeht – wo keine verlässlich erzählte Wirklichkeit existiert, kann auch keine Wahrheit ermittelt werden.
Während Major nur einmal mit der Genre-Form experimentierte, hat Ishmael Reed mehrere schräg konstruierter Kriminalromane verfasst, in denen popkulturelle Versatzstücke zu wilden Collagen kombiniert werden – die sich ohne eine detektivisch agierende Hauptfigur kaum noch als Roman erschließen würden. In seinem 1972 erschienenen Roman „Mumbo Jumbo“ führt Reed seine Leser in das New York der 1920er Jahre, wo der Voodoo-Priester PaPa LaBas (der Detektiv) gegen den internationalen Wallflower-Orden antritt, der eine Verschwörung zur weltweiten Durchsetzung des Monotheismus in die Wege geleitet hat. Zur Unterdrückung konkurrierender Religionen wie dem Voodoo-Kult gehört die Okkupation Haitis durch die USA und die Unterdrückung von Jazzmusik und die Konstruktion eines „Sprechenden Androiden“, der den Schwarzen in aller Welt die Überlegenheit der weißen europäischen Kultur einreden soll.

Der Voodoo-Detektiv PaPa LaBas taucht noch in anderen Romanen von Ishmael Reed auf, zum Bespiel in „The Last Days of Louisiana Red“ (1974). Bislang wurde allerdings nur ein einziger Roman von ihm, „The Terrible Two“ auf Deutsch veröffentlicht, unter dem tiefstapelnden Titel „Die Weihnachtsmann-Connection“ (1993, wiederveröffentlicht 2016 bei Fischer), was man seltsam finden darf angesichts der Tatsache, dass Reed weltweit als einer der bedeutendsten US-amerikanischen Literaten gilt.
BESTSELLER AUS DER GOSSE (1970-80)
Jenseits postmoderner Eskapaden findet sich aber noch ein anderes Phänomen, sozusagen der schmutzige Bodensatz des Genres: Robert Lee Maupin (1918-1992), auch bekannt als Robert Moppins Jr. oder Robert Beck, aber berühmt und berüchtigt als Iceberg Slim, begann seine Zuhälter-Karriere mit 17 Jahren und entschied sich 1961 im Alter von 42 Jahren die kriminelle Laufbahn zu verlassen und Schriftsteller zu werden. Es lag nahe, dass er über das eigene Leben schrieb. Sein autobiografisches Werk „Pimp“ über seinen Werdegang als so brutaler wie erfolgreicher Gangster erschien 1967 und war authentisch und spannend genug, in der schwarzen Community der USA ein echter Bestseller zu werden. Es wurde anschließend in viele Sprache, auch ins Deutsche, übersetzt. Der schottische Autor Irvine Welsh schrieb dazu: „Iceberg Slim hat für den Zuhälter das getan, was Jean Genet für den Homosexuellen und den Dieb getan hat und William S. Burroughs für den Junkie: Er schrieb über die Gedanken und Gefühle von jemandem, der alles selbst erlebt hat.“

Der Erfolg spornte Robert Beck alias Iceberg Slim dazu an, auch Fiktionales über sein ehemaliges Milieu zu schreiben – harte Gangsterromane, mit einem nostalgischen Unterton, denn so brutal wie Maupin einst als Zuhälter auch agiert hatte, fühlte er sich in den 1970er Jahren angesichts der ungeheuren Härte und Menschenverachtung, mit der die neuen schwarzen Gangster vorgingen, wie ein sanftmütiges Relikt aus alten Zeiten. Da wird man besser Schriftsteller und auf diese Weise (einfluss-) reich. Bis zu seinem Tod 1992 verkaufte Iceberg Slim mehr als 6 Millionen Bücher und wurde posthum zum Helden der Gangsta-Rap-Szene und zu einer Ikone der Schwarzen Pop-Kultur (Ice-T setzte ihm schon durch seinen Namen ein Denkmal und hat sich aktiv für die Wiederveröffentlichung der Romane eingesetzt).
Iceberg Slim hatte einen Nachfolger, der direkt von ihm beeinflusst wurde und dessen Werk thematisch anschließt, allerdings mit politischem Unterton: Donald Goines alias Al C. Clark (1936-74) wurde als Soldat im Koreakrieg drogenabhängig und schlug sich anschließend als Drogendealer, Einbrecher, Dieb und Schnapsbrenner durch und wurde mehrfach verurteilt. Nach der Lektüre von „Pimp“ entschloss er sich, Schriftsteller zu werden.

Sein autobiografisch inspirierter Roman „Dopefiend“ erschien 1971, es folgten 15 weitere Bücher, darunter die Serie um den Gangster Kenyatta, der einer Organisation vorsteht, ähnlich den Black Panthers, die sich zur Aufgabe gemacht hat, die Ghettos der Schwarzen vom Verbrechen zu befreien – mit Hilfe von brutaler Gewalt, was wiederum zwei Detectives auf den Plan ruft, die ihrerseits Kenyatta und seine Organisation bekämpfen. Die vier Romane der Serie schließen inhaltlich unmittelbar aneinander an, die Handlung geht einfach weiter, als wäre es ein einziges großes Epos. Donald Goines schrieb rasend schnell, verfasste seine 16 Bücher in nur vier Jahren und starb 1974 im Alter von 37 Jahren, als zwei bewaffnete Männer in seine Wohnung eindrangen und ihn und seine Lebensgefährtin niederschossen. Seine Bücher gelten mittlerweile als Klassiker und werden immer wieder neu veröffentlicht (dt. in den 1990ern bei Ullstein).
Man kann die „Urban fiction“ von Iceberg Slim und Donald Goines auch im Zusammenhang mit der Blaxploitation-Bewegung im Black Cinema sehen, in der eine eigenwillige Trash-Ästhetik zu einer Art prä-postmoderner Auflösung von Erzählmustern führte. Womit sie wie das grobe Spiegelbild der literarischen Genre-Experimente „echter“ postmoderner Autoren wie Ishmael Reed und Clarence Major erscheinen. Wie auch immer, die Versuche einer Auflösung der strengen Form war bis in die 1970er Jahre eine Konstante in der Kriminalliteratur schwarzer Amerikaner, aber dann besann eine neue Generation sich wieder auf die Gesetzmäßigkeiten des Genres und eine neue Periode begann, vielleicht sogar ein „Goldenes Zeitalter“ des Black Noir, das bis heute anhält.
BEGINN EINES GOLDENEN ZEITALTERS (1990)
Einer der ersten, der versuchte schwarze Themen für ein breites Publikum aufzubereiten, war Clifford Mason (nicht identisch mit dem Autor von „Macbeth in Harlem“) mit seinem Thriller „The Case of Ashanti Gold“ (1985). Im Mittelpunkt steht Joe Cinquez, ein in Harlem geborener ehemaliger Journalist, der sich als Privatdetektiv betätigt, nachdem sein Bruder enthauptet und er selbst von einem Zulu-Krieger mit Speer und Machete angegriffen wurde. Anschließend gerät er in eine internationale Intrige, in deren Mittelpunkt ein goldener Thron steht, der mehr als nur materiellen Wert besitzt. Er tritt auch in einem weiteren Roman mit dem Titel „Jamaica Run“ auf.

Ähnlich geradlinig, aber etwas realistischer, legte Dolores Komo ihren Krimi „Clio Browne – Private Investigator“ an, der 1988 erschien (und 1991 deutsch bei Ariadne). Darin bekommt eine Schwarze Privatdetektivin den Auftrag die Freundin des Sohns einer Bekannten auszuforschen – und steht wenig später vor der Leiche der jungen Frau, die offenbar vom Sohn ihrer Auftraggeberin ermordet wurde – wovon alle ausgehen, auch die Polizei, nur Privatermittlerin Clio Browne nicht.
Bescheiden erfolgreich waren die Versuche von Percy Spurlark Parker, eine Art Black Cozy Crime Novel zu etablieren. Zwar veröffentlichte er Stories in Ellery Queen‘s Mystery Magazine und Alfred Hitchcock’s Mystery Magazine, aber seine Romane „Good Girls Don’t Get Murdered“ und „The Good Looking Dead Guy“, beide in den 1970ern erschienen, waren offenbar zu leichte Kost, um nachhaltigen Erfolg zu haben.
Immerhin, das Ende der Hyperliterarisierung wie auch der Ghettoisierung der Black Crime Novel war eingeläutet, und mit einem Mal verfassten afroamerikanische Autoren, vor allem auch wieder Frauen, straff erzählte, knallharte realistische Romane – mal mit Amateur-Ermittlern und Privatdetektiven, mal mit schwarzen Polizisten oder auch Gangstern im Mittelpunkt. Im scheinbar engen Rahmen des „reinen Genres“ entstand eine üppige Vielfalt von Erzählweisen und -mustern, die das gesamte Spektrum afroamerikanischen Lebens abbilden. Nun ging es Schlag auf Schlag:
Gar Anthony Haywood (*1954) startete 1988 mit „Fear of the Dark“ seine Serie um den in der Black Community ermittelnden Privatdetektiv Aaron Gunner, deren bislang letzte Folge 2019 mit „Good Man Gone Bad“ erschien (drei Romane wurden 1988, 1990 und 1991 auf Deutsch bei Rotbuch verlegt). Aaron Gunner ist Vietnam-Veteran und scheitert in der Ausbildung an der Police Academy, wird Privatdetektiv und stellt fest, dass das eine elende Existenz ist. Also schmeißt er hin – bis eine Frau ihn mit gezogener Pistole dazu zwingt, den Mord an ihrem Bruder, einem schwarzen Militanten, durch einen Weißen aufzuklären. Der Mann wurde in der Acey Deuce Bar in South Central Los Angeles erschossen, Aarons Stammkneipe – ein weiterer Grund den Fall anzunehmen. Für sein Debüt bekam Haywood den Shamus Award und gilt seitdem als ein Klassiker der afroamerikanischen Krimi-Szene, seine Bücher sind stilistisch makellose, geradlinige realistische Romane, die alle Facetten des Alltags der Schwarzen in L.A. beleuchten. Neben der Aaron-Gunner-Serie schrieb er die leichtfüßigeren „Joe and Dottie Loudermilk Mysteries“ und diverse Einzeltitel.

1990 folgte Walter Mosley (*1952) mit „Devil in a Blue Dress“, dem ersten Band seiner längst schon als klassisch anzusehenden Serie um Privatdetektiv Easy Rawlins, mit denen er nicht nur stilistisch einen großen Beitrag zum Genre beitrug, sondern auch die Geschichte der afroamerikanischen Community im übergreifend Politischen wie im kleinen Privaten über viele Jahrzehnte hinweg erzählt und dabei einen Helden zu Wort kommen lässt, dessen Gefühlseskapaden und Gewaltexzesse man nicht unbedingt gutheißen muss, um sie nachvollziehen zu können – er erleidet drastische wie subtile rassistische Drangsalierung bis in die letzte Faser seines Körpers, bis in die hinterste Ecke seiner Psyche. Mosley der 1995 erster schwarzer Präsident der Mystery Writers of America wurde, ist an Produktivität kaum zu überbieten: Die Easy-Rawlins-Serie umfasst 16 Titel, und er hat noch fünf weitere Serienhelden kreiert und zwanzig Einzeltitel und sieben Sachbücher, zwei Graphic novels und zwei Theaterstücke verfasst.
Autorinnen, die diesen beiden Schwergewichten in erzählerische Qualität nicht nachstehen folgten und eroberten sich ebenfalls ihr Terrain auf dem Krimimarkt: 1993 gewann Barbara Neely (1941-2020) für ihren ein Jahr zuvor erschienenen ersten Roman „Blanche on the Lam“ (dt. „Night Girl“, Orlanda Verlag, 1993, dann Fischer) den amerikanischen Anthony Award für das beste Debüt und führte damit das Motiv des Hausmädchens als Amateurermittlerin fort, das Pauline Hopkins begründet hatte. Die füllige und nicht mehr ganz junge Heldin trägt ironischerweise den Namen Blanche White. Im ersten Buch landet Blanche, nachdem sie verdächtigt wurde, ungedeckte Schecks in Umlauf gebracht zu haben, auf der Flucht in einem Haushalt reicher Weißer in den Südstaaten und gerät unter Mordverdacht. Nur mit Hilfe eines Netzwerks aus alten Bekannten – Hausmädchen wie sie – kann sie sich aus der Klemme befreien. Cozy Crime für ein breites Publikum, von denen nur das Debüt in Deutschland publiziert wurde.

Zeitgleich startete Eleanor Taylor Bland (1944-2010) ihre deutlich härteren Marti-McAllister-Serie mit „Dead Time“ (dt. „Hotel Cramer“), in der eine Polizistin in den Suburbs von Chicago im Mittelpunkt steht, und die inzwischen auf mehr als ein Dutzend Einzeltitel angewachsen ist. Bland erklärte einmal, der bedeutendste Beitrag afroamerikanischer Krimi-Autorinnen sei gewesen, die erweiterte Familie mit all ihren Belangen in das Genre eingeführt zu haben, und eben auch Kinder: In „Dead Time“ fahndet die Detektivin nach einer Neunjährigen, die Zeugin eines Mordes an einer exzentrischen alten Dame wurde. Zwei Titel von Bland erschienen Mitte der 1990er als „Frauenkrimis“ bei Orlanda, dann erstarb das Interesse hierzulande.
Ironisch und leichtfüßig geht es zu bei Charlotte Carter. Im Mittelpunkt ihrer Trilogie steht die New Yorker Jazzmusikerin Nanette Hayes, die vom Saxophonspielen auf der Straße nicht leben kann und sich „nebenher“ als Amateurdetektivin betätigt, nachdem ein Undercover-Cop in ihrer Wohnung ums Leben kam. Über die Nanette-Hayes-Romane urteilte Carters britische Kollegin Liza Cody, sie seien „funky“, ihr britischer Verlag beschrieb sie als „Geschichte einer Spike-Lee-Heldin in einer Woody-Allen-Welt“. Der zweite Teil trägt den Titel „Coq au Vin“ und spielt in Paris, wo Nanette einer untergetauchten Tante zu Hilfe eilt; im dritten („Drumsticks“) versucht sie ihren Liebeskummer in Alkohol zu ertränken und gerät in den Bann einer Unheil verbreitenden Voodoo-Puppe. Carters sanft-ironische Noir-Klassiker wurde bislang leider nicht ins Deutsche übersetzt.
NEUER SCHWARZER REALISMUS (um 2000)
Deutlich härter wird es bei Grace F. Edwards (1933-2020). Ihre Heldin Mali Anderson wurde vom New Yorker Police Department entlassen und schlägt sich als Privatermittlerin in Harlem durch. Auch hier ist die Jazzszene eine Thema, aber Edwards‘ Welt ist deutlich düsterer als die von Carter. Ex-Polizistin Mali Anderson treibt sich in den Seitenstraßen von Harlem herum, ermittelt in schäbigen Bars und Klubs, abgetakelten Schönheitssalons, billigen Shops und Apartments kaputter Existenzen. Von der einst glorreichen Geschichte Harlems ist nur noch hier und da ein Hauch zu spüren. Edwards, die 2020 im Alter von 87 Jahren starb, kannte die Welt, über die sie schrieb, sehr gut: Sie wurde in Harlem geboren und gehörte zur Harlem Writers Guild. Zwischen 1988 und 2003 veröffentlichte sie sechs Romane, vier davon mit Mali Anderson in der Hauptrolle. Alle spielen in Harlem. Drei Mali-Anderson-Krimis erschienen um 2000 herum bei Scherz.
Mit ihren in Newark, New Jersey angesiedelten Romanen um die einfühlsame Privatdetektivin hat Valerie Wilson Wesley (1947) sich auch im deutschsprachigen Raum ein festes Publikum erschrieben. Sie startete die Serie 1994 mit „When Death Comes Stealing“ (dt. „Ein Engel über deinem Grab“ bei Diogenes) und hat bis heute acht Folgen veröffentlicht, die seit 1996 auf Deutsch bei Diogenes erscheinen. Sie gelten nicht nur als gelungene Genrewerke, sondern auch als umfassende Gesellschaftsromane. Kürzlich hat sie eine neue Serie begonnen, die in New Jersey spielt und in deren Mittelpunkt Odessa Jones steht, die über latent übernatürliche Fähigkeiten verfügt, unter anderem kann sie Geschehnisse vorhersagen, was sich in Bezug auf Verbrechen als zweischneidig herausstellt.
Auch männliche Autoren drängten seit den 1990er Jahren verstärkt auf den amerikanischen und internationalen Markt. Gary Phillips (*1955) startete seine Ivan-Monk-Mysteries ebenfalls 1994 mit „Violent Spring“. Der Autor stammt aus Los Angeles, dementsprechend sind seine Romane dort angesiedelt. Im ersten Buch der Serie ermittelt Ivan Monk den Mord an einem koreanischen Ladeninhaber in South Los Angeles. Im zweiten Buch („Perdition, U.S.A.“) geht es um die tödlichen Machenschaften weißer Rassisten, im dritten („Bad Night is Falling“) um Korruption in der Polizei und Gang-Kriminalität, im vierten („Only the Wicked“) um den Tod eines ehemaligen Baseball-Stars aus den 1960er Jahren. Auf Deutsch erschien bisher nur der erste Band der neuen Harry-Ingram-Serie „One-Shot Harry“ (2024 bei Polar), in dem der Titelheld im Los Angeles des Jahres 1963 den mysteriösen Unfalltod eines weißen Jazz-Trompeters aufklären will, mit dem er einst im Korea-Krieg gekämpft hat.
Robert Greer wäre noch zu nennen, der 1996 mit „The Devil’s Hatband“ seine Serie um den Kautionsagenten und Kopfgeldjäger C. J. Floyd begann und damit eine ganze Reihe Bestseller geliefert hat, die auf dem deutschen Buchmarkt aber nicht vorhanden ist.

Und dann, 1999, startete Paula L. Woods (*1953) mit „Inner City Blues“ ihre Serie um die bisexuelle Charlotte Justice, die als schwarze Ermittlerin beim Los Angeles Police Department arbeitet, das von weißen Männer dominiert wird und wo dementsprechend ein frauenfeindlicher und rassistischer Ton herrscht. Die Handlung spielt innerhalb von 48 Stunden zurzeit der (realen) Unruhen im April 1992, nach dem Freispruch der Polizeibeamten, die Rodney King misshandelten. In „Inner City Blues“ rettet Charlotte Justice einen schwarzen Arzt vor der Misshandlung durch weiße Polizisten, was ihr massive Probleme bei ihren Kollegen im LAPD beschert, zumal der Gerettete jenen Mann umgebracht haben könnte, der vor Jahren Charlottes Ehemann und ihre Tochter tötete. Weitere berufliche, politische und emotionale Verwicklungen folgen – und bieten Paula L. Woods Gelegenheit zu einem umfassenden Porträt der prekären gesellschaftlichen Zustände in Los Angeles am Ende des 20. Jahrhunderts.
Im nächsten Buch „Stormy Weather“ setzt Charlotte Justice nach der Ermordung eines prominenten afroamerikanischen Filmemachers in Hollywood ein weiteres Mal ihre Karriere und ihr Leben aufs Spiel, um den Fall aufzuklären. Der dritte Band „Dirty Laundry“ handelt von den konfliktgeladenen Beziehungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen: Hier wird eine erfolgreiche koreanische Geschäftsfrau ermordet, mitten im Wahlkampf um das Bürgermeisteramt von L.A., wo Charlotte dem aussichtsreichen Latino-Kandidaten als Polizeischutz zugeteilt wurde. Im vierten Band „Strange Bedfellows“ geht es dann nicht nur um die Ermordung eines republikanischen Unternehmers in einem Luxusrestaurant und einen bizarren Unfall, bei dem der Verdächtige umkommt, sondern erneut um den dreizehn Jahre zurückliegenden, unaufgeklärten Mord an Charlottes Ehemann und Tochter.
Die Charlotte Justice-Serie gilt inzwischen als klassisch und wird oftmals mit den Easy-Rawlins-Büchern von Walter Mosley verglichen, und zweifellos sind Paula L. Woods Geschichten diesen an thematischer Komplexität, historischem und politischem Gehalt und tiefgreifender Emotionalität ebenbürtig. Dennoch wurden nur die ersten beiden auf Deutsch veröffentlicht, bei Knaur unter den nicht sehr glücklichen Titeln „Alte Wunden heilen nicht“ (2002) und „Engel der Gnade“ (2005).

NOIR IST DAS NEUE BLACK (2000 ff.)
Der Radio-Journalist und Sachbuch-Autor Norman Kelley wandte sich um die Jahrtausendwende dem Noir-Genre zu und verfasste die sehr schräge Nina Halligan-Trilogie, in der konsequent das Mittel der Übertreibung eingesetzt wird, um die wildgewordene Wirklichkeit fiktional in den Griff zu bekommen. Es sind Action-Romane mit einer Heldin, die sich nicht scheut, mal als „Bad Girl“, mal als intellektuelle Nervensäge aufzutreten:
„Black Heat“ erzählt von der Ermordung eines neuartigen Civil-Rights-Aktivisten, der gerade ein Programm zum Thema „Financial Empowerment“ lanciert hat. Seine Witwe, eine ehemalige Porno-Göttin, engagiert die Ex-Staatsanwältin Nina Halligan, deren Familie von einem Drogenbaron ausgelöscht wurde, um ihre verschwundene Tochter zu finden. Nina Halligans Widersacher sind ein Black Nationalist, der afrikanische Kunst nach Afrika zurückbringen will, und ein schwarzer Evangelist, der eine Kirchen als Franchise-Unternehmen mit dem Namen „McChurch“ aufgemacht hat.
Der zweite Teil,„The Big Mango“, spielt auf einer tropischen Insel namens Misericordia, wo Privatdetektivin Nina Halligan sich mit einem Volksaufstand, eingeflogenen rechtsradikalen Söldnern aus den USA, politischen Intrigen und einem blutigen Kampf um die Rückeroberung der Insel durch die Bevölkerung herumschlagen muss. Ermittlungen in einem damit zusammenhängenden Mordfall führen Nina Halligan nach Washington und in ein außenpolitisches Intrigengeflecht innerhalb der Administration, dass fatalerweise auch noch etwas mit ihrer persönliche Vergangenheit zu tun hat.
Band drei, „A Phat Death or The Last Days of Noir Soul“, führt die Leser in die dunklen Ecken der Hip-Hop-Musikindustrie, wo Machtkämpfe zwischen Musik-Mogulen und Rappern zu blutigen Auseinandersetzungen eskalieren. Der Blockhead-Mentalität der gewalttätigen Männer begegnet die Heldin mit Charme, Sex und Fäusten.

Vielleicht darf man Norman Kelley als den Wagemutigen unter den neueren Autoren einordnen, der sich traute, den surrealistischen Witz von Ishmael Reed mit den rücksichtlosen Gewaltorgien von Donald Goines in Einklang zu bringen. Die Nina-Halligan-Trilogie ist und bleibt einzigartig und bislang unübersetzt.
Seit der Jahrtausendwende öffnet sich das Feld in erzählerischer Variationsbreite und literarischer Qualität immer weiter. Es dauerte eine Weile, bis Jakes Lamars (*1961) großer Wurf „If 6 Were 9“ (2001) über die Entwicklung der „Race relations“ von den 1960er bis in die 1990er Jahre unter dem Titel „Das schwarze Chamäleon“ auf Deutsch erschien (2024 in der Edition Nautilus). Seinen mit dem Historical Dagger der Crime Writer Association ausgezeichneten Gangster-Roman „Viper’s Dream“, der das Harlem der 1930-60er Jahre anhand des Lebenswegs eines Drogendealers beschreibt, hat David Peace als „wahren Jazz-Noir-Klassiker“ gelobt (demnächst auf Deutsch, auch bei Nautilus).
BLACK NOIR IN ALLEN FARBEN …
Mit Attica Locke (*1974) ist schon seit einigen Jahren eine bedeutende weibliche Stimme des US-Krimis auf Deutsch publiziert. Ihre Romane um Darren Mathews, der sich, obwohl studierter Jurist, entschließt als Texas Ranger zu arbeiten, („Bluebird, Bluebird“ und „Heaven, My Home“) sind großartige Sozialstudien über ein zerrissenes, vom Wiedererstarken weißer Allmachtsfantasien malträtiertes Land. Ökonomische, soziale und politische Zusammenhänge beleuchtete Attica Locke auch in ihren Romanen „Pleasantville“ und „Black Water Rising“ (dt. ebenfalls bei Polar).
Weitere aktuelle Namen, die bereits ins Deutsche übersetzt wurden, stilistisch und thematisch allesamt auf der Höhe der Zeit: Lauren Wilkinson mit “American Spy“, (dt. bei Tropen 2020), Stephen Mack Jones (1954) mit seinen Detroit-Krimis („Der gekaufte Tod“ und „Princess Margarita Illegal“ bei Tropen seit 2021), John Vercher mit seinen Einzelwerken „Wintersturm“ und „Umnachtet“ (Polar 2022 und 2025) sowie S. A. Cosby (*1973) mit „Blacktop Wasteland“ und „Der letzte Wolf“ (ars vivendi, 2021 und 2023).
Für den deutschen Markt gäbe es noch einiges mehr zu entdecken, zum Beispiel die in Oakland angesiedelten Maceo-Redfield-Romane von Nichelle D. Tramble (*1967): Ihr als „Hip-Hop-Novel“ beworbenes Debüt „The Dying Ground“ ist in der Drogen- und Zockerszene im Oakland des Jahres 1989 angesiedelt. In ihrem zweiten Buch „The Last King“, das ebenfalls in der San Francisco Bay Area spielt, wird Maceo in den Mord an einem Callgirl verwickelt, der angeblich von einem Baseball-Star begangen wurde. In seinem Bemühen, der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein, tut Maceo sich mit Sonny Boston zusammen, beschrieben als „an eight-cylinder chick with bodies in her past“, womit der Ton gesetzt wäre.

Der Ton, der die Musik macht, deutet sich auch schon in den Titel der beiden Bücher von Nikki Dolson an: „All Things Violent“ (Createspace, 2017) handelt von einer jungen Frau, die sich in einen Mann verliebt, der sie zur Profi-Killerin ausbildet, dann aber wegen einer anderen verlässt – unvorsichtig von ihm, möchte man meinen. Der Roman hat gerade mal 160 Seiten, Dolson liebt die kurze Form. Sie hat noch eine Sammlung mit Erzählungen veröffentlicht, in denen bizarre Schicksalsschläge außergewöhnlicher Menschen sowie ungewöhnliche gewaltsame Lösungsmöglichkeiten für persönliche Probleme beschrieben werden. Dass Nikki Dolson noch nicht in Deutschland publiziert wurde, kann nur an der kurzen Form liegen, die hierzulande angeblich keine Leser findet.
Auf der anderen Seite des Gesetzes agieren Penny Mickelburys (*1948) Heldinnen Gianna Maglione und Mimi Patterson: die eine ist eine weiße Polizistin aus der Abteilung „Hate Crime“, die andere eine schwarze Washingtoner Journalistin. Beide vereint nicht nur die Suche nach Verbrechern, sondern auch ein lesbisches Liebesverhältnis und der Kampf gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie, Misogynie und religiöse Intoleranz. Sechs Romane sind bis heute in dieser Reihe erschienen, aber nicht auf Deutsch.

Rachel Howzell Hall (*1970) schreibt neben ihren (auch auf Deutsch erschienenen) Romantic-Fantasy-Novels vor allem sehr erfolgreiche (nicht auf Deutsch erschienene) Mainstream-Thriller, die es an Direktheit und Tempo mit allem aufnehmen können, was in diesem Genre sonst so geschrieben wird. Für ihren Thriller „These Toxic Things“ wurde sie für den begehrten Anthony Award nominiert. Ihr neuester Roman „Fog and Fury“ handelt von einer angehenden Privatdetektivin, die nach zehn Jahren Cop-Dasein glaubt, in dem hübschen Küstenort Haven in Kalifornien eine ruhige Kugel schieben zu können, dann aber die düsteren, schmutzigen Seiten ihrer neuen Heimatstadt kennenlernen muss.
… UND IN ALLEN FORMEN
Der ehemalige Kriminalbeamte Hugh Holton (1947-2001) bediente mit Serie mit dem Chicago-Cop Larry Cole ebenfalls den Mainstream-Markt. Titel wie „Revenge“, „Red Lightning“ „Time of the Assassins“ oder „The Devil’s Shadow“ sprechen eine klare Sprache. Das erste Larry-Cole-Roman hieß „Presumed Dead“, der zweite „Windy City“, der dritte „Chicago Blues“, damit fing die Serie Mitte der 1990er, noch poetischer betitelt, an. Auch eher zum Mainstream gehören die Werke von Frankie Y. Bailey mit zwei Serien, eine um die Historikerin und Amateurdetektivin Lizzy Stuart und eine andere um die Kriminalistin Hannah McCabe. Trotzdem nicht übersetzt. Sie hat auch Bücher zum Thema afroamerikanische Kriminalliteratur veröffentlicht.

Ein eigenes thematisches Terrain hat Glenville Lovell (*1955) für sich gefunden: In seinen „Blades Overstreet Novels“ („Too Beautiful to Die“, „Love and Death in Brooklyn“, „The Darkest Street“) erkundet er die karibische Community in New York mit einem Ex-Cop als Private Eye. In „The Darkest Street“ geht es um die Ermordung eines Richters und eine militante Aktivistin, die die Strategie verfolgte, so viele Migranten in die USA einzubürgern wie möglich, um so die weiße Vorherrschaft zu kippen. (Nicht auf Deutsch.)
2021 startete Aaron Philip Clark seine Reihe mit dem Schwarzen LAPD-Detective Trevor Finnegan mit „Under Color of Law“. Die Serie erkundet die Korruption hinter den glänzenden Fassaden der kalifornischen Metropole und die Abgründe des Verbrechens in der von latentem Rassismus durchsetzten soziallabilen Stadt. Im zweiten Buch „Blue Like Me“ ist Finnegan dann schon kein Cop mehr, sondern Privatermittler und legt sich mit korrupten Ex-Kollegen an. Für den Roman „The Accomplice“ hat Clark mit Rapper 50 Cent zusammengearbeitet. Darin erfüllt die junge Afroamerikanerin Nia Adams sich einen Jugendtraum: Sie wird Texas Ranger, obwohl sie sich über die politischen Machtverhältnisse im Klaren ist und die erste Schwarze in diesem Job sein wird. Sie muss dann gegen Desmond Bell vorgehen, einen Ex-Vietnam-Veteranen, der Geheimnisse der Reichen und Mächtigen stielt, um sie anschließend zu erpressen. Nicht alle lassen sich das gefallen – die Auseinandersetzung zwischen dem Einbrecher und der megareichen Duchamps-Familie wird schnell blutig geführt. Und Nia Adams steht plötzlich zwischen allen Fronten. (Wartet noch auf eine Übersetzung.)

Mittlerweile auf sechs Titel angewachsen sind die Charly-Mack-Motown-Mysteries von Cheryl A. Head um ein Team von Privatermittlern in Detroit, „der Stadt, die Amerika vergessen hat“. Charly Mack, die das Team gegründet hat, ist kompetent, durchsetzungsfähig und auf der Höhe der Zeit – nur privat hadert sie immer wieder mit ihrer sexuellen Orientierung. Im ersten Buch „Bury Me When I’m Dead“ reist ihr Team in den Süden, um in Birmingham, Alabama einen Vermisstenfall aufzuklären, und muss sich mit einem weißen Patriarchen anlegen. Im zweiten Buch „Wake Me When It’s Over“ geht es um einen geplanten Bombenanschlag auf eine Auto-Show in Detroit und deren komplexe Hintergründe. Im dritten Band „Catch Me When I’m Falling“ muss Charly undercover im Drogen- und Straßenstrich-Milieu nach einem Serienkiller suchen, der offenbar von einem korrupten Cop gedeckt wird. Mittlerweile gibt es sechs Bücher der Serie (leider nicht auf Deutsch). Darüber hinaus hat Cheryl A. Head einen Roman über die „Magic City“ Birmingham, Alabama geschrieben, in der es um einen wahren Kriminalfall aus dem Jahr 1929 geht.
Ebenfalls in Detroit spielen die Lincoln Keller-Mysteries von Lee E. Meadows. Der erste Band „Silent Conspiracy“ taucht tief ein in die Geschichte der Motown-Music-Scene: Lincoln Keller bekommt den Auftrag den Verbleib einer legendären Band aus den 1950er Jahren zu recherchieren und findet Tod und Verzweiflung, Hass und Trauer. Zwei Bücher erschienen in den 1990ern, dann verschwand der Autor von der Bildfläche.
Um abschließend die eingangs zitierte Aussage von George S. Schuyler noch einmal aufzugreifen: In den Kriminalromanen der schwarzen Amerikaner werden durchaus Themen behandelt und Perspektiven eingenommen, die von einer besonderen gesellschaftlichen Stellung geprägt sind, aber in ihrer formalen Vielfalt unterscheidet sich die Kriminalliteratur der Afroamerikaner nicht von denen ihrer weißen Kollegen. Seit das Genre existiert, haben sie es genutzt, um ihre Lebenserfahrungen darin auszudrücken – die Morde und ihre Motive sind nicht unbedingt gleich, denn die Erfahrung von rassistischer Ausgrenzung und Diskriminierung als Minderheit, der weiße Blick auf den schwarzen Körper und der weiße Anspruch über diesen verfügen zu können, ist eine Erfahrung, die nur Afroamerikaner gemacht haben und der sie noch immer ausgeliefert sind. Der Kriminalroman als Erzählung der Gewalt ist eine ideale literarische Form, um auch andere Menschen damit zu konfrontierten, und darüber hinaus ein Seismograf aktueller oder bevorstehender gesellschaftlicher Eruptionen.
Weiterführende Literatur:
Frankie Y. Bailey: „Out of the Woodpile – Black Characters in Crime and Detective Fiction“, New York, 1991
Paula L. Woods (Hrsg.): „Spooks, Spies & Private Eyes – An Anthology of Black Mystery, Crime, and Suspense Fiction oft he 20th Century“, New York, 1995
Stephen F. Soitos: „The Blues Detective: A Study of African American Detective Fiction“, Massachusetts, 1996
Eleanor Taylor Bland (Hrsg.): „Shades Of Black: Crime and Mystery Stories by African-American Authors“, Berkeley, 2005
Alice Mills/Claude Julien: „Polar Noir: Reading African-American Detective“, Tour, 2005, https://books.openedition.org/pufr/5770
Frankie Y. Bailey: „African American Mystery Writers: A Historical and Thematic Study“, Jefferson, 2008;
Otto Penzler (Hrsg.): „Black Noir – Mystery, Crime, and Suspense Fiction by African-American Writers“, New York, 2009
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Robert Brack ist Autor und Übersetzer, zuletzt erschienen sein Roman „Schwarzer Oktober“ und seine Übersetzung von Jake Lamars Krimi „Das schwarze Chamäleon“, im Herbst 2025 folgt die deutsche Fassung von Lamars „Viper’s Dream“ (alle in der Edition Nautilus).


































