
Das allgemeingültige Grauen jeden Krieges
Es gibt Antikriegsromane, die sind in den Kanon eingegangen, zu Klassikern geworden. Sicherlich fällt jedem „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, vielleicht auch Norman Mailers Mammutwerk „Die Nackten und die Toten“ ein. Manche Romane über die dunklen Zeiten indes sind vergessen und harren noch ihrer Wiederentdeckung. 1955 erschien in den USA der Roman „The Night of the Time“ des ungarisch-amerikanischen Autors und Soziologen René Fülöp-Miller (1891-1963). Der Verleger Stefan Weidle fand nach intensiven Recherchen im Archiv des Dartmouth College, wo Fülöp-Miller einst lehrte, das deutsche Originalmanuskript, das nun den Weg in die Öffentlichkeit fand.
Die Frage, warum jetzt noch ein Kriegsroman – die Welt ist derzeit gefühlt voller militärischer Konflikte und ausufernder Gewalt, die Liste dieser Form der Literatur bekanntlich lang – stellt sich nicht und sollte es auch nie. Selbst wenn Bücher Kriege nicht verhindern können. Denn es gilt auch, den Überlebenden eine Stimme zu geben. Fülöp-Miller meldete sich 1914 freiwillig, nachdem der Erste Weltkrieg ausbrach, und sah die Schrecken der Karpatenschlachten, die zu den verlustreichsten Schlachten dieses Krieges zählten und mehr als zwei Millionen Menschen, Soldaten wie Zivilisten, das Leben kostete.
Die im Roman genannten Orte wie Turka oder Sianki (heute Sjanki) verweisen auf die Ostkarpaten, wie Rolf Bulang in seinem kenntnisreichen Nachwort zur Ausgabe hinweist. Im Mittelpunkt steht der Soldat Adam Ember, der zugleich Ich-Erzähler ist. Der Marsch in der Kolonne durch Regen, Nebel und Schlamm zehrt an den Kräften. Ember ist das mechanische Folgen und Marschieren ein Graus, er schimpft, übt Kritik, nennt seine Kameraden Lemminge. In einer Schlucht geraten sie unter Beschuss. Eine Suchaktion, um den Schwager des Fähnrichs Attala ausfindig zu machen, wird zum folgenreichen Fiasko. Ember wird schwer verletzt, muss allerdings nach einem Lazarett-Aufenthalt wieder an die Front.
Schließlich erhalten sie den Befehl, den Hügel 317 mit zu sichern und die dortigen Einheiten, ein erschöpfter wie zusammengewürfelter Haufen aus verschiedenen Regimenter und Dienstgraden, aufzufüllen. Aus dem Marsch durch das Land, eine graue, endlose wie vegetationslose Einöde, wird ein Stellungskampf. Ember ist Essenholer und Totengräber, der Totengräberhauptmann sein Vorgesetzter. Die Verlustzahlen sind hoch. Ein Fehler im Versorgungsamt gefährdet schließlich die Sicherheit und das Leben der Soldaten, die Hunger leiden. Auch die Wasservorräte gehen zur Neige. Die Soldaten verwandeln sich in Tiere, verlieren jegliche Würde und proben den Aufstand. Doch die Toten werden auch in Brotscheiben umgerechnet, jeder gefallene Soldat bedeutet einen Esser weniger.

Fülöp-Miller zeigt in einer aus vielen Szenen zusammengesetzten Handlung den ganzen Irrsinn und die Gewalt des Krieges auf, in dem ein einzelnes Leben nichts zählt. Er schildert die Anstrengungen genauso wie die überbordende Bürokratie, er räumt auf mit dem Klischee der brüderlichen Kameradschaft. Sein Roman ist ein Buch voller Dunkelheit. Manche Szenen sind grotesk, traumhaft, sogar kafkaesk, manche erinnern an den fantastischen Realismus. Landschaften beschreibt Fülöp-Miller bildhaft, wenngleich der Leser den Eindruck erhält, alles liegt hinter einem düsteren Schleier – und unter dem Schatten des Todes, über den Ember vor allem durch den Totenführerhauptmann erfährt. Seine Weisheiten lassen ihn vorerst unberührt. Erst der Tod des Oberarztes Strapetti, mit dem er Kopf-Schach gespielt hat, bringt ihn zum Umdenken.
Fülöp-Miller, als Philipp René Maria Müller und Sohn eines Apothekers in Karansebesch, heute in der Region Banat im Südwesten Rumäniens gelegen, geboren, studierte unter anderem Pharmazie, Chemie, Geschichte und Philosophie in Wien, später in Berlin, Paris und Lausanne. Studienreisen führten ihn nach Russland, die USA und Kleinasien. Er arbeitete als Berichterstatter für große Zeitungen, unter anderem schrieb er über die Friedenskonferenzen in Genf und Lugano. 1939 emigrierte er über Norwegen in die USA, wo er russische Kultur und Soziologie am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, sowie am Hunter College in New York unterrichtete. Er pflegte intensive Korrespondenzen und Freundschaften mit bekannten Geistesgrößen wie Upton Sinclair, Hermann Broch und Romain Rolland. Zu seinen Förderern zählte Stefan Zweig. Einen Namen machte sich Fülöp-Miller vor allem mit seinen Sachbüchern. Mit „Katzenmusik“ erschien 1936 sein Romandebüt. Das deutsche Manuskript des Folgebands von „Die Nacht der Zeiten“, „The Silver Bacchanal“, ist bisher unauffindbar.
„Die Nacht der Zeiten“ ist allerdings kein Buch allein über die Schrecken des Ersten Weltkriegs. Vielmehr schildert Fülöp-Miller darin auf eindrückliche, nahezu einzigartige Weise das allgemeingültige Grauen jeden Krieges. Das Ende setzt eine Vision: ein Aufmarsch aller Gefangenen und Toten der Kriege, eine von Klagerufen und Weinen erfüllte Welt sowie eine Liste künftiger Waffen, mit denen der Mensch die Existenz der gesamten Erde bedroht. Die apokalyptischen Reiter erscheinen. „Eine pechschwarze Wolke hatte den Himmel verschlossen. Der letzte Lichtstrahl ward von der Finsternis ausgelöscht und alles versank wieder in Dunkelheit“, heißt es an einer Stelle. Aus seiner Vergangenheit hat der Mensch bisher nichts gelernt. Und der Blick in eine völlig friedliche Welt steht noch immer in den Sternen. Dass darin immer wieder erinnert und ermahnt wird – auch dafür braucht es die Literatur.
René Fülöp-Miller: Die Nacht der Zeiten (The Night of the Time, 1955). Mit einem Nachwort von Rolf Bulang. Weidle Verlag, Bonn/Göttingen 2023. 332 Seiten, Softcover, 25 Euro.
Constanze Matthes – ihre Texte bei uns hier. Ihr Blog trägt den Titel Zeichen und Zeiten.












