
Die letzten ihrer Art
Eigentlich ist „Lovely Rita“ eine Mogelpackung: Denn Rita Urbaniak, obgleich Titelfigur, taucht erst auf Seite 225 des neuen Romans von Frank Goosen in persona auf – und es soll noch einmal bis zum letzten Kapitel dauern, bis Lovely Rita ihren ersten Dialog bekommt. „Haus Himmelreich“ hätte das Buch auch heißen können, denn tatsächlich ist die fiktive Bochumer Eckkneipe so etwas wie die eigentliche Hauptfigur. Sie lebt und atmet und ist so viel mehr als nur ein schnöder Ort: Als eine der letzten ihrer Art ist sie ein Mikrokosmos, der im Kleinen die Zeitläufte der großen Welt dort draußen spiegelt. Ihre Theke ist eine Bühne, hier kommen über Jahrzehnte hinweg die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Manche von ihnen scheinen all die Jahre ihren Stammplatz nicht verlassen zu haben: So wie „der Lange“, der einzige Fliesenleger ohne kaputte Knie, der vom Alkohol schon reichlich zerstörte „Käpt’n“, „Elvis“, der öfter mal ein paar Tage nach Amsterdam reist, oder Willi Trommer, der ehemalige Friseur mit einer Vorliebe für Hemden mit floralem Muster. Sie alle tragen ihre Geschichten mit sich, genau wie die „Gräfin“, die „Wachholder-Anni“ oder der Comedian Faris.
Und für diese Kneipe hat nun das letzte Stündlein geschlagen. Das ist wörtlich zu verstehen, denn Rita, die einst in den 1970er Jahren ebenso unfreiwillig zur Kneipenwirtin wurde wie zur Ziehmutter für Verena, die Tochter ihrer älteren Schwester Chris, hat beschlossen, Haus Himmelreich für immer zu schließen.
Der namenlose Ich-Erzähler (unschwer als Alter Ego des Autors zu erkennen) hat den Auftrag bekommen, für ein Hochglanz-Magazin einen Artikel über die letzten Tage von Haus Himmelreich zu schreiben. Das kommt nicht von ungefähr, schließlich kennt er die Kneipe schon von Kindesbeinen an – und mit Verena hätte er einst gern mehr als nur eine freundschaftliche Beziehung gehabt. Deshalb sitzt er nun mit am Tresen, lauscht den Menschen und ihren Geschichten, um so daraus mehr über „die Rita“, „die Chris“ und „die Verena“ (der bestimmte Artikel gehört hier untrennbar zum Vornamen dazu) zu erfahren. Schnell wird klar: „Ein Zeitungsartikel wird da nicht reichen… Ist ja oft so: Der Redakteur will einen Artikel, aber das Leben einen Roman.“
Durch diesen Kunstgriff gelingt es Goosen, eine zweite Handlungsebene in seinen Roman einzubauen: Neben der Gegenwartsebene, die die letzten Abende am Kneipentresen mit all den Sprüchen und Frotzeleien und den Vorbereitungen für den Abschiedsabend erzählt, wird in Rückblenden die Geschichte eines ungewöhnlichen Frauen-Trios entwickelt: Rita, die nach dem Tod des Onkels dessen Kneipe weiter führt, „eigentlich“ nur vorübergehend, weil sie ja studieren will. Und ihre Schwester Christa, die alle nur Chris nennen. Für sie war diese Welt schon immer viel zu klein, weshalb sie sich in die weite Welt von Sex, Drugs & Rock’n’Roll flüchtet und dafür ihre kleine Tochter Verena zurück lässt, die nun ihrerseits zwischen Juke-Box und Zapfhahn groß wird. Und ganz nebenbei erzählt er dabei auch eine Geschichte der alternativen Szene des Ruhrgebiets von den 1970ern bis zur Gegenwart – von den frühen Tagen der Ruhr-Uni, von Hausbesetzungen, oder der legendären Bo-Fabrik.
Das ist vielleicht das Überraschendste an diesem Haus Himmelreich: Die Kneipe und ihre Gäste sind erstaunlich divers, wenig ist zu spüren von Engstirnigkeit und Borniertheit, wie es das Klischee so gerne behauptet. Es ist ein Ort, der soziale Unterschiede nivelliert, ein Ort, an dem jeder nur der ist, der er ist (oder vorgibt, zu sein). Natürlich treffen sich im Hinterzimmer die örtlichen Genossen (wo früher nur der Vorstand Platz fand, kommt heute der gesamte Ortsverein zusammen), aber ebenso die feministische Frauengruppe. Und die einstige Kegelbahn wird heute als Proberaum einer örtlichen Indie-Band genutzt. Es ist das Idealbild einer Kneipe, das Goosen entwirft: ein sozialer Raum, wo jeder jederzeit willkommen ist, ein Ort, an dem Typen wie der „Käpt’n“ vielleicht reaktionäre Sprüche klopfen können, dafür aber direkt das passende Contra bekommen. Dieser aussterbenden (oder vielleicht sogar bereits ausgestorbenen?) Gattung setzt Frank Goosen ein Denkmal zwischen zwei Buchdeckeln. Das entbehrt nicht einer gewissen Melancholie und ergibt in Summe jenen typischen Goosen-Sound mit einer gehörigen Portion ironisch-gebrochener Ruhrpott-Romantik, den seine Fans so lieben.
Apropos Sound: Es wird erneut viel geredet in Goosens jüngstem Buch – wo sonst auch ginge das besser als am Tresen einer Kneipe? Und natürlich sind gerade diese Dialoge die große Stärke des Autors, der nie müde wird, seinen Mitmenschen im Alltag aufs Maul zu schauen. Wenn ihm mal nichts mehr einfalle, erzählte Goosen bei der Romanpremiere in den Bochumer Kammerspielen, reiche es schon „wenn ich mich beim Kaufland in Hofstede an die Kasse stelle“. Dort, in der Kassenschlange, stieß er auch auf den Mann, der Vorbild für den „Käpt’n“ wurde. „Mich interessiert vor allem, wie die Menschen reden und was für Geschichten sie zu erzählen haben“, lässt Goosen sein alter ego an einer Stelle sagen. „Nur mit Sinneseindrücken bin ich nicht so gut. Meine Lektorin meint, in meinen Büchern dürfte es gerne mehr riechen und duften, man dürfe gern mehr sehen und hören.“ Dieser Roman, der über weite Strecken von seinen Dialogen lebt, ist daher prädestiniert dafür, ihn auch akustisch zu erleben: Eine ausgedehnte Lesetour führt Goosen im Frühjahr und Herbst quer durch die Republik und zeitgleich zum Roman erschien das von ihm eingelesene Hörbuch – ungekürzt, und damit mehr als fünf Stunden lang.
Obwohl Frank Goosen mit Rita, Chris und Verena diesmal drei Frauenfiguren in den Fokus rückt und die Handlung rund um ihre Lebensgeschichten entwirft, so ist „Lovely Rita“ doch ein „typischer Goosen“ – mit wenig Überraschungsmomenten. Aber das erwartet seine Leserschaft wohl auch nicht wirklich. Vielleicht ein wenig episodenhafter erzählt als frühere Romane, bereitet „Lovely Rita“ ebenso viel Vergnügen wie ein perfekt gezapftes Pils.
Petra Vesper
Frank Goosen: Lovely Rita. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 256 Seiten, 23 Euro. Hörbuch bei Tacheles/Roof, 327 Minuten. GTIN 9783864848629. – Lesungstermine unter www.frankgoosen.de












